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Interview: DRAGONFORCE

Das Gebäude ist riesig, die Halle ist ziemlich groß und der Backstage-Nebenraum, in dem wir auf unseren Interview-Partner warten, ist kleiner als eine Studentenbutze. Nach ein paar Minuten wankt durch die Tür ein angesäuselter Sam Totman - seines Zeichens die Party-Maschine des überirdischen DRAGONFORCE-Gitarrendoppels - bewaffnet mit zwei Flaschen Bier, einem Becher und einem Sack voll guter Laune gepaart mit unterschwelliger britischer Ironie. Jau, das wird lustig!

Ey, euch kenn ich doch (meine Wenigkeit und meine bessere Hälfte trafen die Jungs bereits im Februar, als Dragonforce als Support für Edguy unterwegs waren)!
Jipp, wir haben uns im Frühjahr in Osnabrück gesehen. Aber da warst du ziemlich besoffen.

Aber irgendwie sagen mir eure Gesichter was. Seid ihr aus Holland?
Deutschland. Aber zum heutigen Tourauftakt fährt man auch gerne mal woanders hin.

Na, dann man zu.
Genau.
Das ist also eure erste europäische Headliner-Tour. Seid ihr da vielleicht doch noch ein wenig nervös?
Nicht so ganz. In Großbritannien waren wir ja schon oft Headliner und in den USA jetzt auch. Das Gefühl kennen wir also. Außerdem sind wir nun fast ein Jahr auf Tour, wir wissen also schon, was wir tun. Okay, es ist der erste Gig der Europa-Tour und wir hatten davor eine Woche Pause, vielleicht vergessen wir ja auch irgendwas und dann gibt es ein kleines Durcheinander.

Wenn wir uns mal eure Entwicklung speziell seit dem 2005er Wacken-Auftritt anschauen, ist das aktuelle Album "Inhuman Rampage" schon als eine Art Durchbruch zu werten?!
Ja, schon. Die Leute scheinen es wohl zu mögen. Ich meine, wir machen keine Alben, nur weil wir reich und berühmt werden wollen. Wir machen das, was uns gefällt und wenn es den Leuten gefällt ... cool!

Und das Feedback der Fans steigt. Sogar eure Plattenfirma scheint das zu erkennen. Ihr habt bereits zwei Videos zum neuen Album gedreht ("Through The Fire And Flames" und "Operation Ground And Pound"). Was war denn das für eine Erfahrung? Bei "Operation Ground And Pound" habt ihr doch nur vor einem Green-Screen gestanden.
Ja, das zweite Video war echt viel einfacher. Beim ersten Video mussten wir die ganze Zeit in diesem Raum mit dem ganzen heißen Licht stehen und uns den Arsch abspielen und beim zweiten Video haben wir fünf Minuten alles gegeben und den Rest hat der Typ am Computer zusammengebastelt. Das war echt angenehmer.

Unangenehmer dürfte aber gewesen sein, dass beide Songs extrem gekürzt werden mussten. Ihr seid doch eine Band, die musikalisch keine Kompromisse eingeht. Konntet ihr mit diesem Kompromiss denn leben?
Das ist Mist. Da ist nichts Cooles dran. Aber wenn man es nicht tut, wird es nicht gespielt. Da kannst du einfach nichts gegen machen. Obwohl es bei uns ja noch einfach ist. Ich habe gehört, dass z.B. Opeth einen 12-Minuten-Song auf fünf Minuten herunterkürzen mussten. Als Songwriter hängst du an jeder Sekunde Musik, die da ist und willst, dass die Leute auch alles hören. Wir haben die Songs selbst gekürzt und hoffen, dass die Leute mögen, was da übrigbleibt und vielleicht kaufen sie dann auch das ganze Album.

Euer Stil wird ja seit Neuestem als "Extreme Power Metal" verkauft. Fakt ist, dass ihr diesen Sound - wie auch immer man ihn nennen will - etabliert habt. In jedem Genre gibt es Bands, die folgen. Kommt das bei euch auch bald?
Ach, so groß sind wir ja nun auch nicht. Ich will jetzt nicht arrogant klingen, aber es ist nun mal nicht so einfach, das zu kopieren, was wir fabrizieren. Schau dir Black Metal an. Es gibt hunderte von Bands in dem Bereich, weil es einfach ist, Black Metal zu spielen. Da muss man nicht technisch auf dem höchsten Level sein - obwohl es ein paar Black Metal-Bands gibt, die wirklich erstaunlich sind. Aber man muss nicht alles können. Beim Grunge ist das doch genau so. Da musst du auch nicht super spielen können.

Jedenfalls ist es auf dieser Tour für die Gitarristen unter den Fans ziemlich interessant. Du und Herman zusammen mit Gus G. von Firewind - ist das die "3G-Next-Generation"-Tour?
Erstmal bin ich ziemlich schlecht, wenn ich einem im Tee habe. Das wird mit Sicherheit ganz übel. Wir werden sehen, was sich auf der Tour ergibt. Wir haben uns ja gerade erst kennengelernt. Getroffen haben wir uns schon mal, aber da war ich wohl immer voll.

Au Backe! Und wer hat die Band als Support ausgesucht?
Eigentlich wir alle. Man sucht sich halt die Bands aus, die gerade verfügbar sind. Wir haben eine Liste gehabt mit Bands, die wir mögen und die auch zur Tour passen. Tja, und da sind sie nun.

Und wo du gerade hier bist: Was ist aus der Japanerin geworden, die du in dieser japanischen Hotel-Launch rumkriegen wolltest (nachzusehen auf dem CD-ROM Part der "Inhuman Rampge"-CD)?
(in exzellentem Oxford-Englisch, entrüstet und belustigt zugleich) Absolutely nothing!
Die ist vor mir weggelaufen und dann bin bei so einer dicken Hässlichen hängengeblieben, weil die als Einzige übrig geblieben ist.

Armer Sam!
Ja, jetzt dürft ihr mich alle bemitleiden. Sag den Mädels hier, sie sollen nachher ins Hotel kommen.

Hm, wir haben festgestellt, dass wir beide so ziemlich die Ältesten im Publikum sind.
Ach, das ist doch Scheiße. Dann sind die ja gerade mal 14 und dann geht das schon wieder nicht.

Sam, das Party-Tier ... zusammen mit eurem Keyboarder Vadim.
Ja, das passt. Zumindest bin ich fast jeden Tag angetrunken. Okay, dass muss nicht immer sein, aber mir macht es Spaß. Ist ja auch egal, wer die Party macht, solange sie einer macht.

Interessant dazu ist aber auch, dass Vadim und du die Einzigen in der Band seid, die ihre Instrumente richtig über die Schule gelernt haben.
Ja, das stimmt.

Gute Musik und viele Partys. Nach dem Motto: Du musst erst gut sein, um danach schlecht sein zu können.
Äh ... so habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber kommt irgendwie hin. (Er wirkt ein wenig überrascht, ob dieses Vergleiches).

Na, dann lassen wir das doch mal so stehen und fragen mal vorsichtig in Richtung neues Album. Das Aktuelle kam Anfang des Jahres raus und Herman hat mir gesteckt, du hasst Midtempo-Songs. Was soll's also werden?
Bis dato hatten wir ja immer eine Ballade und der Rest war schnell. Worüber ich momentan zumindest nachdenke ist, das leicht zu ändern und vielleicht eine etwas schnellere Ballade aufzunehmen. Könnte man Midtempo nennen. Wir wollen auf jeden Fall nicht "Inhuman Rampage - Part 2" aufnehmen. Es soll halt etwas anders gemacht werden, aber ich habe noch keine Songs geschrieben.

Wieso stellt ihr diesen besagten Song dann nicht einfach an den Anfang der nächsten Scheibe?
Es ist ziemlich einfach, einen Midtempo-Song zu schreiben. Da muss man sich schon was ganz Besonders einfallen lassen, damit es nicht langweilig klingt.

Aber Dragonforce sind doch eine Band der Klischees, da würde das passen wie die Faust aufs Auge! Also wieso nicht?
Das ist wahr ... (wieder überrascht) ... na, wie gesagt, Songs habe ich noch nicht, Ideen kommen hoffentlich irgendwann und wir werden definitiv nicht zweimal das gleiche Album machen. Vielleicht das gleiche, aber nur besser. Wir haben uns bis jetzt immer weiter entwickelt und hoffentlich klappt das mit dem nächsten Album auch.

Da mache ich mir gar keine Sorgen. Gibt es abschließend noch irgendetwas, über das du gerne mal reden würdest?
Nicht wirklich. Eigentlich ist es mir egal, worüber ich rede. Ich erzähl den Leuten, was sie wissen wollen. Und wenn einer wissen will, wie groß mein Gemächt ist, dann zeig ich es ihm (NEIN, ich habe nicht gefragt!).

Das lasse ich mal so stehen und bedanke mich für die Zeit, die du dir genommen hast.
Gern geschehen. Und nächstes Mal werde ich mich auch daran erinnern, wo ich euch getroffen habe.

Da bin ich gespannt. Wetten werden angenommen ...


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Groningen (Niederlande), 21. Oktober 2006