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Interview: PRIMORDIAL

Manche mögen ihn durch seine "Braveheart-Gedächtnis-Bemalung" auf der Bühne für einen - sagen wir - komischen Typen halten. Für andere ist er einer der charismatischsten Frontmänner auf diesem Erdball. Fakt ist, dass Alan Averill Nemtheanga - Sänger des irischen Unikums Primordial - immer das sagt, was er denkt. Und das macht ihn zusammen mit seiner fesselnden Bühnenpräsenz zu einem der authentischsten Menschen, denen ich bis dato begegnet bin.

Es sind nur zehn Städte, aber trotzdem die erste Headliner-Tour für Primordial. Wie ist es bis jetzt gelaufen?
Sehr gut. Die Reaktionen vom Publikum waren echt super. Der Grund für so wenig Konzerte ist der, dass wir die Tour zusammen mit Moonsorrow selbst organisiert haben. Die Idee kam, als wir vor Kurzem mit den Jungs in den Staaten getourt sind. Wir wollten einfach nicht warten, bis irgendeine Booking-Agentur sich rührt. Also haben wir uns an einen Tisch gesetzt und geschaut, wie wir die Termine unter einen Hut kriegen können.

Dann hat die Tour nicht unbedingt etwas mit dem Label-Wechsel zu tun. Doch generell gesehen, was sind die bedeutsamsten Veränderungen seit Eurem Wechsel zu Metal Blade?
Naja, die eine Firma ist scheiße (O-Ton!) und die andere nicht. Unsere vorherige Plattenfirma (Hammerheart) ging im Jahr 2000 zwar in die richtige Richtung, hat aber durch geschäftliches Fehlverhalten erst verdammt viel Geld und dann alle Bands verloren. Alle Bands sind gegangen - das sagt eigentlich alles. Sie haben sich selbst begraben.
Metal Blade wollten uns schon mit dem letzten Album haben, das ging aber wegen des alten Vertrages noch nicht. Als wir dann "frei" waren, konnte es losgehen. Wir brauchen uns keine Sorgen machen, ob jemand seinen Job nicht richtig macht. Die Promotion ist besser, der Vertrieb ist besser. Die versprechen uns keine Dinge, die sie nicht halten können.

Wir können also gespannt sein, ob das nächste Album dadurch ein noch größeres Publikum erreicht. "The Gathering Wilderness" liegt jetzt ca. ein Jahr zurück. Kannst Du schon etwas über die Ausrichtung des Nächsten sagen?
Ideen sind auf jeden Fall schon da. Hier und da immer mal ein paar Bruchstücke. Aber wir planen nicht so viel. Wir wollen uns nicht beeilen, ein neues Album zu machen. Und jeder, der sich mit Primordial beschäftigt, weiß, dass nicht jedes Jahr ein neues Album zu erwarten ist. Wir nehmen uns die Zeit.

In Verbindung mit dem Zitat "Some music still comes from the heart", für welches Du berühmt bist, macht das Sinn. Unter dem Aspekt ist Zeit irrelevant.
Stimmt. Wir haben fünf Alben in elf Jahren veröffentlicht.

Und die Fan-Basis wächst mit jedem Jahr.
Es sieht so aus.

Wird das nächste Album also ein großer Schritt nach vorne werden?
Kann ich nicht sagen. Klar, wollten wir immer versuchen mit einem größeren Label mehr Menschen zu erreichen und zu schauen, ob sie es annehmen. Und sie haben es.
Der Knackpunkt ist, dass Heavy Metal in seiner Natur eigentlich ein Flucht ist. Es ist Romantik, es ist Phantasie. Und das sind wir eben nicht. Wir sind finster und düster. Wir sind realistisch.

Und menschlich!
Genau. Und sehr nah an der heutigen Welt und was in ihr passiert. Wir schreiben nicht über Phantasie-Figuren, Zombies oder schnelle Autos.
Ich verstehe, dass die meisten Menschen mit Heavy Metal dieser Welt entfliehen wollen. Und deswegen ist Primordial eben nicht für jedermann, weil es dich zurück in die Realität holt. Es war nie unsere Absicht, die größte Band der Welt zu werden. Es ist schön, genug Geld mit der Band zu verdienen, aber wir würden trotzdem genauso klingen, egal ob wir nun 5.000 oder 150.000 Scheiben verkaufen würden.

Dann bleiben wir noch kurz bei dem angesprochenen Zitat. Nenne uns bitte mal fünf Bands, die Deiner Meinung nach genau zu diesem Zitat passen.
(überlegt, und spricht eher darüber, welche Bands er mag)
Moonsorrow, Helrunar, Destroyer 666, Thyrfing, Secrets Of The Moon.
Meine persönliche Meinung ist, dass ich mit diesen ganzen Airbrush/Plastik-Verfahren wie beispielsweise bei Century Media oder Nuclear Blast rein gar nichts anfangen kann. Da ziehe ich lieber an meinem eigenen Finger, bevor ich mir Arch Enemy oder Hypocrisy anhöre.

Und wenn ich Dir Bands vorgebe, wie Nevermore oder Into Eternity?
Into Eternity kenne ich nicht, aber ich bin ein großer Fan von Nevermore. Nicht so ganz die neuen Sachen, aber speziell das "Politics Of Ecstacy"-Album. Es gibt immer Bands, die vernünftige Kommentare zum aktuellen Weltgeschehen machen.
Für mich zählen die Bands, die diese Musik spielen, weil sie sie lieben. Wie z.B. Reverend Bizarre, Ghospel Of The Horns, Desaster. Die machen das nicht wegen des Geldes. Und da ist die große Trennlinie. Für mich gibt es einen Unterschied zwischen Entertainment und Kunst.

Dann lass uns noch kurz beim Thema "menschlich" bleiben. Wann hast Du das letzte Mal richtig von Herzen gelacht? Und warum?
Das ist vielleicht gerade eine Stunde her. Mit den Jungs von Mourning Beloveth quatschen wir über allerlei irischen Blödsinn. Wir kennen uns halt sehr gut. Da gibt es immer was zu Lachen.

Und wann hast Du das letzte Mal geweint? Im Sinne von etwas, was Dich berührt oder bewegt hat.
Oh, da kann es vieles geben. Etwas, das ich lese, einen Film, oder halt der Zustand unserer Welt. Ungerechtigkeit. Wenn du dachtest, du kannst einem Menschen vertrauen und dann enttäuscht er Dich.
Aber bezogen auf das letzte Mal und den Grund - kann ich Dir leider nicht sagen.

Es ist schwierig, anderen Menschen Deine Ausstrahlung auf der Bühne zu erklären. Fakt ist, Du lebst aus, was Du fühlst. "Wo" bist Du, wenn Du auf der Bühne stehst?
Es ist keine Schauspielerei. Es mögen zwar theatralische Elemente enthalten sein (ach nee ...), da ich von solchen Bands wie Manowar, Candlemass oder Bathory als Kind beeinflusst wurde. Man muss einfach das meinen, was man singt. Mir wäre es verdammt peinlich, auf der Bühne zu stehen und über etwas zu singen, was nicht aus meinem Innersten kommt. Die Musik von Primordial basiert auf der Kultur unseres Landes. Es gehört einfach zusammen.

Als Letztes: Gibt es ein Thema, zu dem Du in all Deinen Interviews noch nie befragt wurdest, Du aber gerne darüber reden würdest?
Puh, keine Ahnung. Ich rede gerne. Und die meisten Themen sind bereits durch. (nach einer kurzen Pause und einem dezenten Grinsen) Warum sprechen wir nicht über: Wo sind die ganzen Frauen über 25 Jahren in der irischen Metal-Szene?

Das kann ich Dir leider auch nicht sagen.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Georgsmarienhütte, 15. April 2006