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Interview: ICED EARTH

Dass ICED EARTH mit ihrem neuen Album "Framing Armageddon" nichts von ihrer Klasse eingebüßt haben, war eigentlich von vorn herein klar. Leider musste Bandkopf Jon Schaffer nach "The Glorious Burden" einige Erklärungen abgeben, da sich ein Großteil der Presse und auch Fans auf den politischen Schlips getreten fühlten. Im Vorfeld des Gigs in der Hamburger Markthalle schauten wir einmal hinter die Fassade und Jon Schaffer gibt einen interessanten Einblick in sein Innerstes.

Jon, wie ist die Stimmung im Moment?
Sehr gut.

Bist du bis dato zufrieden mit der Tour?
Ja, die Tour läuft sehr gut. Es ist ja eine Art Erneuerungs-Tour.

Mit einigem Hin und Her im Line Up. War das stressig?
Nicht so sehr mit dem Line Up. Es gab mehr Stress in anderen gewissen Bereichen - eher geschäftliche Sachen. Enttäuschend war eher das mit dem Gitarristen Tim Mills aus England - ein hervorragender Gitarrist. Er hat ja einige Songwriting-Credits auf "Framing Armageddon Pt. 1 + 2". Es ist schade, dass er nicht mit auf Tour konnte. Aber er hat eine Firma, die seine Familie mit fünf Kindern ernährt und das schafft Iced Earth leider nicht. Er dachte, er hätte das Geschäft so weit, dass er trotzdem mit uns kommen kann, doch dann wurde bei seiner Vertretung auch noch Krebs diagnostiziert und dann konnte er natürlich nicht.

Logo. Also mit gutem Line Up und einer starken neuen CD zurück. Hattest du vielleicht ein paar Bedenken, dass man dich immer noch mit unbequemen politischen Fragen verfolgen würde? Oder ist die Musik gerade mit der neuen CD wieder wichtiger geworden?
Die Musik war immer wichtig. Es ist ja nichts Politisches in meiner Musik, außer das, was die Journalisten daraus machen. Schlußendlich habe ich ja keine Kontrolle darüber, was jemand in meine Musik oder Texte hinein interpretiert. Es ist komisch, wie der menschliche Verstand arbeitet, speziell im Journalismus, wo dich die Leute erst auf einen Sockel hieven, um dich dann wieder runterzustoßen.

Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass, wenn es etwas an einer Band zu kritisieren gibt, die deutsche Presse ganz vorne dabei ist.
Das glaube ich nicht. Das ist eine weltweite Sache. Und auch nicht nur in der Musikpresse, sondern generell. Es ist immer leichter, Teile der Geschichte wiederzugeben, anstatt das Ganze. Das sieht man ja in den Nachrichten. Wenn man uns einfach nur die Fakten mitteilen würde, könnten wir darauf unsere Meinung bilden, anstatt auf einer Halbwahrheit und ein paar Lügen. So läuft das in den meisten Fällen, wenn Interviews editiert werden und der Schreiber ein paar Wörter hier und da verdreht, versteht der Leser auf einmal etwas ganz anderes. Das ist ziemlich unglücklich, weil die Menschen dann ihre Meinung auf Ignoranz bauen, weil sie nicht die richtige Story bekommen.

Und weil sie erst gar nicht hinterfragen.
Exakt.

Dazu fällt mir dein letztes Rock Hard-Interview ein (Ausgabe 09/2007), wo du etwas angegangen wurdest, aufgrund der virtuellen Tour auf der Internetseite zu deinem Geschäft - bezugnehmend auf die Hitler-Figur, von der man "begrüßt" wird.
Genau richtig. Das sind halt nur Teile der Geschichte, die einige Menschen lieber ignorieren würden und gerade das ist ja gefährlich, weil es dadurch wieder passieren kann. Solche Menschen sind falsch. Die machen einen Haufen Geld damit, ihre Verbundenheit zum Metal-Underground vorzuspielen - und ich meine jetzt nicht die Jungs vom Rock Hard. Wen ich meine ... zum Beispiel der Umgang mit einer neuen Band, die hart an sich arbeitet. In dem Moment, wo sie erfolgreich werden, sind sie auf einmal nicht mehr cool, nur weil sie endlich das bekommen, was sie verdienen. Das ist doch dumm so zu denken. Und das ist ähnlich wie diejenigen, die sich über mein Geschäft aufregen, weil es dort Militärgeschichte zu kaufen gibt. Klar habe ich auch Zeug aus der Nazi-Zeit, aber auch aus der Zeit der Indianer, Napoleon, Alt-Ägyptisches, die amerikanische Revolution. Alles hat mit der Geschichte des Militärs zu tun. Wenn mich deswegen jetzt einer für einen Nazi halt, dann kann er mich mal. Die kennen mich doch gar nicht.

Also die pure Faszination.
Ja, genau.

Eine kurze Frage außer der Reihe. Wenn sich Iced Earth irgendwann zur Ruhe setzt, könntest du mit dem Geschäft dein weiteres Leben verbringen?
Auf jeden Fall.

Es wirft also genug Geld ab.
Naja, es ist ja recht klein und es kommen auch nicht immer hunderte von Kunden täglich rein. Aber über Mailorder und durch das Internet läuft es doch recht gut.

Foto: maz

Wenn jemand kommt, dann lässt er auch Geld bei dir.
Doch, manchmal. Man muss schon ein echtes Interesse haben. Unser größter Fokus liegt natürlich auf dem amerikanischen Bürgerkrieg, weil der Bereich einen Haufen Kunstdrucke und Malereien beinhaltet. Diese Ära ist einfach sehr populär und macht gut neunzig Prozent unseres Inventars aus.

Du merkst bereits, dass wir kaum über die Musik reden. Mir ist aufgefallen, dass die Person Jon Schaffer in den letzten Jahren vielleicht etwas missverstanden wurde. Gehen wir der Sache doch mal auf den Grund. Ganz neutral - seit Anbeginn: Ist Jon Schaffer Iced Earth?
Hm, ich bin halt die treibende Kraft dahinter. Das war von Anfang an so. Das kann dir jeder sagen, der mal in der Band war. Aber heißt das, dass all diese Musiker nichts von ihrer Persönlichkeit in die Musik eingebracht haben? Nein, denn sie haben es. Klar habe ich gesagt, wie was eingespielt oder eingesungen werden soll. Aber sie sind ja keine Roboter, sondern Menschen. Ein Produzent sagt auch einem Paul Stanley, wie er etwas singen soll. Und so bin ich auch. Das ist meine Rolle. Ich bin Songwriter, ich bin Produzent und hiermit drücke ich mich aus. Womit die meisten wohl Probleme haben, ist meiner Meinung nach die ungeschminkte Wahrheit. Und ich bin nun mal direkt und ehrlich. Ich spiele einfach keine Spielchen. Und meistens wissen die Leute nicht, wie sie darauf reagieren sollen.

Weil viele mit dieser Art Selbstsicherheit nicht umgehen können.
Ja, ich schätze so ist es. Ich meine das ja nicht böse, aber es ist die einzige Art die ich kenne zu sein.

Die Grundfesten dieser Selbstsicherheit und Beharrlichkeit, sind die vielleicht in deiner Vergangenheit verankert? Wie war deine Kindheit, die Teenager-Zeit?
Ich glaube, vieles hat mit meinem Vater zu tun, wie er mich als Kind inspiriert hat.

Auf welche Weise?
In der Art von: Du tust immer, was du gesagt hast, tun zu wollen.

Also das klassische "zu-seinem-Wort-stehen".
Genau. So ist es immer gewesen. Nicht anderes. So macht es ein Schaffer. Das hat mir mein Vater immer eingebläut. Das ist auch so in unserem Familiengeschäft, einer Apotheke. Mein Großvater begann damit und das war ja noch zu einer Zeit, wo du einfach so sein musstest. Wenn jemand einkaufte und sagte, er könne erst nächste Woche bezahlen, dann tat er das auch. Und das hat sich im Laufe der Zeit so geändert, dass die Menschen keine Verantwortung mehr für ihr eigenes Tun nehmen und andere quasi beschuldigen, für den Mist, den sie selbst verzapft haben. Und das hasse ich gewaltig. Das ist faul und das ist schwach. So will ich definitiv nicht sein. Und auch bei meiner kleinen Tochter - sie ist zweieinhalb - werde ich alles Mögliche unternehmen, dass sie nicht so wird.
Aber ja, das meiste hat wirklich mit meinem Vater zu tun. Ich habe ihn zwar selten gesehen, da meine Eltern sich haben scheiden lassen, als ich drei Jahre alt war, aber er war mein Idol und ich wollte ihn nicht enttäuschen. Eine Art Angst vor dem Versagen. Versagen kam nie in Frage, auch nicht, als ich mit der Band begonnen habe.

Man soll ja immer versuchen, sich beide Seiten der Medaille anzuschauen. Und Selbstsicherheit wird ja oft und gerne mit Arroganz verwechselt.
Oh ja!

Kannst du unter dem Aspekt ein Stück weit nachvollziehen, dass dich einige Leute für arrogant halten?
Aber absolut! Klar.
Okay, wenn ich gerade in der richtigen Stimmung bin und mich ein Journalist etwas fragt, was mich ein wenig nervt, dann würge ich ihm schon mal einen rein. Mein Ziel ist es nun wirklich nicht, es den Menschen recht zu machen. Wenn jemand meint, ich wäre ein Arschloch, dann bitte. Ich werde deswegen nicht schlechter schlafen. Das ist nicht meine Bestimmung. Wenn jemand mich und meine Musik versteht, dann bin ich zufrieden. Aber ich gehe nicht weiter raus, um Menschen dazu zu bringen, mich zu mögen. Ich glaube nicht, dass es so viele gute Menschen gibt. Ich glaube, es gibt mehr Menschen auf dieser Erde, die Idioten sind. Das ist meine Ansicht. Könnte falsch sein, aber diese Erfahrung habe ich gemacht. Wenn du die Menschen lässt, nehmen sie dich aus. Und wenn du es in dieser Welt soweit bringen willst, dass du nicht mehr auf andere angewiesen bist, musst du eben hart bleiben. Aber ich weiß, dass ich manchmal ziemlich arrogant rüberkomme.

Foto: maz

Du hast quasi dein "Denken als Fan" verloren?
Oh ja. Aber auch nein. Jede Entscheidung, die Iced Earth betrifft, treffe ich auf der Basis, wie ich es als Fan und Teenager gerne gehabt hätte. Selbst die Designs für die T-Shirts überwache ich. Aber die Art Musik zu hören und so enthusiastisch dabei zu sein wie ein Teenie ... ich kann mich zwar da hineinversetzen, aber ich kann dieses Gefühl nicht mehr einfangen. Wenn es um Konzerte geht, ist mir ein Gig eines meiner Idole lieber, da das die Einzigen sind, die ich dann richtig respektieren kann.

Wo du dann auch richtig beeindruckt bist.
Ja, genau das meine ich. Ich habe Roger Waters gesehen, mein erstes Konzert nachdem unsere Tochter geboren war. Ich habe mir eine Karte für die erste Reihe Mitte besorgt und das Konzert war dann mit 28.000 Leuten ausverkauft. Ich hatte Tränen in den Augen. Das war echt groß. Weil er und Steve Harris meine Idole in Bezug auf Songwriting sind.

Gibt es nach all den Jahren eigentlich noch etwas, was du trotzdem noch erreichen möchtest?
Ich hatte immer die Wahnvorstellung, so groß zu werden wie Metallica. Aber das wird ja nie passieren. Das war für einige Jahre der Antrieb. Wir sind wir und ich bin mehr als dankbar dafür, immer noch hier zu sein und dabei auch noch erfolgreich.

Gibt es abschließend ein Thema über das du noch nie befragt wurdest, du aber gerne drüber reden würdest?
Ähm, nein. Ich glaube, es wurde so ziemlich alles diskutiert.
(so einfach machen wir es Herrn Schaffer natürlich nicht, geben ein paar Beispiele oder ob es vielleicht irgend etwas Besonderes zu seiner Person gibt - und siehe da!)
Also, das Wichtigste in meinem Leben ist meine Tochter. Das ist die neue Entwicklung, weil vorher war es Iced Earth. Das war zuerst mein Baby, nun habe ich ein Richtiges. Das ist das Größte, was mir passieren konnte. Es hat mich zwar nicht als Mensch verändert, aber ich sehe einige Dinge nun aus einem anderen Blickwinkel.

Die Prioritäten haben sich verschoben.
Oh ja! Iced Earth war vorher mein Leben. Klar, ich habe auch andere Hobbys - die Geschichte, Motorrad fahren, wenn es geht - aber seit ihrer Geburt definiert mich das nicht mehr so. Nun ist es mehr die Rolle des Vaters einer Tochter. Dass ich es schaffe, sie zu führen und zu inspirieren, damit sie es gut hat im Leben. Wenn mich das irgendwann unpopulär macht, dann ist das halt so. Das Problem der Menschen ist doch nun mal ihre Unehrlichkeit. Es ist so viel einfacher, morgens aufzustehen und sich im Spiegel anzulügen. Das scheint mir die Wurzel aller Dinge zu sein, die im Moment schief laufen. Mein Ziel ist es, dass sie ehrlich zu sich steht.

Hast du auch Angst, sie aufwachsen zu sehen? Mit all dem, was ihr in der Zukunft entgegentreten könnte?
Ja, sehr. Ich denke verdammt viel darüber nach. Ich bin der überfürsorglichste Vater und sie ist die Welt für mich.

"Schaffer knows best" auf MTV ...
Ja, das wär's noch.
Okay, wenn ich einen Sohn hätte, wäre ich wahrscheinlich etwas standhafter, aber die Kleine wickelt mich immer wieder um den Finger.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Hamburg, 28. Oktober 2007