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Interview: POWERWOLF

Fanverbundenheit ganz gross. Auf ihrer Tour als special Support von Candlemass lassen sich POWERWOLF nicht lumpen. Sänger Attila wird direkt nach dem Auftritt am Merchandising-Stand gesichtet und Gitarrist Matthew Greywolf nimmt sich für uns Zeit um im passenderweise tristen Treppenhaus der Hamburger Markthalle Rede und Antwort zu stehen. Ein sympathischer, redseliger junger Mann, der Gott sei Dank nicht beißt und in den folgenden 20 Minuten verdammt viel zu erzählen hat.

Support von Candlemass. Das muss für euch schon was Großes sein, oder?
Ganz ehrlich? Nö!

Wie nö?
Keine Ahnung. Das ist eine Band, die an uns allen komplett vorbeigelaufen ist. Also, ich bin ein Riesenfan von langsamer melancholischer Musik wie z.B. My Dying Bride, aber von Candlemass kenne ich - ganz ehrlich - keinen einzigen Song. Und rein von der Tour, ist es für uns ein bisschen eine Kämpfer-Tour, weil es kein typisches Wolfspublikum ist.

Die Frage stellte sich wohl jeder, ob das Package passen kann.
Nee, natürlich nicht wirklich. Wir waren vor zwei Jahren schonmal mit Gamma Ray hier und wir würden uns keinen Gefallen tun, wenn wir z.B. mit Helloween wieder hier wären. Da kämen die gleichen Leute und das bringt uns als Band nicht wirklich weiter. Bei Candlemass stehen Leute vor der Bühne, die wahrscheinlich einen grossen Bogen um Powerwolf machen würden und manche machen es vielleicht jetzt erst recht. Aber manche sind vielleicht auch überrascht und als Band wissen wir von vorn herein, dass es hart wird, weil es nicht wirklich unser Publikum ist. Aber wir können auch neue Leute gewinnen und das macht es für die Band einfach spannender.

Klar. Seid ihr denn mit Show gerade zufrieden gewesen?
Ja, den Umständen entsprechend, gerade auch weil es vom grossen in den kleinen Saal verlegt wurde. Wir wussten, dass es keine Show ist, bei der wir von vorn herein gefeiert werden, sondern wir müssen jeden einzelnen überzeugen.

Und das habt ihr ja auch. Ihr gebt ja gleich von Beginn an Gas.
Was willst du sonst machen.

Die meisten Vorgruppen machen es nicht so und lassen sich immer noch einschüchtern.
Deswegen bleiben sie auch immer Vorgruppe. Der Punkt ist für uns, ich messe ein Konzert daran, ob ich Spass habe. Wenn ich auf die Bühne gehen würde und eingeschüchtert wirke, dann ist das scheisse. Also gehen wir da raus und haben für uns Spass. Und das müssen die Leute doch auch merken, ob da jemand steht, der nicht wirklich weiss, was er will, oder jemand der richtig Spass an der Sache hat.

Danke für die Überleitung. Das Thema Glaubhaftigkeit und Ernsthaftigkeit bringt mich direkt zu eurem gross aufgebauten Image. Wie ernst nehmt ihr euer Image wirklich?
Da gibt es zwei Seiten. Klar, es ist ein Image, unser Vampirimage. Aber wir nehmen das schon sehr ernst. Ich vergleiche das immer mit einem Film. In einem Vampirfilm läuft auch kein Vampir mit einem Strohhut rum. Und der Grund ist, dass wir den Leuten auch was bieten wollen. Ich persönlich finde es als Zuschauer sehr langweilig, wenn auf der Bühne die Band genau so aussieht, wie die Leute vor der Bühne, sich auf die Schuhe schaut und ihre Songs runterspielt. Das funktioniert in den seltensten Fällen und es gibt nur wenige Bands, bei denen das auch cool wirkt. Heute war es leider die Minimalshow, weil kein Platz für Bühnenaufbauten war. Aber wir bemühen uns da schon sehr und geben auch einen Haufen Geld für die Optik aus.
Die andere Seite ist, dass wir über uns selbst lachen können. Das eine schliesst das andere ja nicht aus. Aber ich mag einfach keine Bands, die sich selbst tierisch ernst nehmen. Die haben echt ein Problem. Wir müssen einfach über uns und unsere Songs lachen können. Klar hängt da viel Ironie mit drin. Es gibt auch sehr viele Leute, die nie auf die Idee kämen, dass wir irgendetwas ironisch meinen könnten. Völlig in Ordnung. Andere sehen uns als kompletten Spass an und freuen sich über die Show und lachen darüber. Ist auch geil. Für uns funktioniert beides.

Richtig ernsthaft dagegen ist ja die pure Musik.
Genau. Die nehmen wir sehr ernst. Wir sind halt keine Fun-Band. Das ist die Musik, die wir machen wollen und das Image kommt einfach oben drauf. Dann kommt aber meistens die Frage, ob wir mit dem Image von der Musik ablenken wollen. Das willst Du wahrscheinlich jetzt fragen?

Rein objektiv gesehen drängt sich die Frage ja schon auf.
Die kommt erstaunlicherweise auch immer nur aus Deutschland. Die Leute hier haben mit viel Image und Show wohl echt ein Problem. Attila macht ja nun oft sehr drollige Ansagen, aber das ist nun mal er. Und wenn man es dann noch wagt, auf der Bühne zu lachen, wirst du gleich als Witze-Erzähler oder Showband abgestempelt. Das sehe ich einfach nicht so. Die Musik machen wir von Herzen. Und der Rest ist genau das, was wir auch gerne machen. Wir brauchen die Klamotten, das Schminken und das Drumherum einfach, um in die Rolle reinzukommen.

Und vor dem Gig habt ihr bereits geheult. Man hat euch gehört.
Man hat uns gehört? Na, das ist unser Ritual - wir heulen uns warm. Normalerweise - heute war alles etwas hektisch - hören wir eine Stunde lang Van Halen-Tapes auf einem Ghettoblaster, posen dazu und dann geht's raus.

Hell yeah!
Das Thema abschließend: In eurem Song "We Take It From The Living" heißt es "Would You Die For Heavy Metal?". Wie gross ist dort die Anspielung auf Manowar?

Der ganze Song ist ein Anspielung auf gewisse Gegebenheiten - oft auf Tour - bezüglich Merchandise-/CD-Preisen. Wir haben schon oft erlebt, wie die Hauptbands den Support zwingen, bei den eigenen Preisen mitzuziehen - z.B. CDs für 20 Euro. Damit habe ich echt ein Problem und wir haben uns dann gesagt, dass wir halt dann gar nichts mehr verkaufen wollen. Mit solchen Machenschaften verarscht man ja die Fans. Ich weiß noch gar nicht, wie es auf dieser Tour aussieht. (T-Shirt für 10 Euro - absolut spitze!)
Ehrlich gesagt ist dieser Song auf "Lupus Dei" sogar der Einzige mit szenepolitischem Hintergrund. Das musste einfach sein. Uns wird gerne unterstellt, dass wir wegen starkem Image nicht glaubhaft sind und Bands mit 20 Euro CD-Preisen werden da erst gar nicht gefragt.

Ja, der Metal als Lebenseinstellung. In wie weit zelebriert ihr das auch privat. Erste Frage geht Richtung Beruf. Wer hat welchen Beruf? Oder darf das aufgrund von evtentuellen Imageproblemen nicht preisgegeben werden?
Doch, das darf es schon, aber wir haben alle keine Berufe. Wir sind eigentlich ziemlich auf die Musik fixiert. Hier und da natürlich mal ein Job, aber nicht berufstätig. Das würde sonst gar nicht funktionieren.

Und nach außen hin. Zieht sich der Mr. Greywolf auch mal schick an zum abendlichen Dinner oder gilt nur die Metalkluft?
Das schließt sich nicht gegenseitig aus. Ich habe eine Kutte zu Hause, aber auch feine Hemden.

Also, bei Besuch wird dann auch mal ruhige Musik aufgelegt.
Ja klar. Ich kann nicht 24 Stunden Metal hören. Nachher im Tourbus hören wir kein Metal.

Was hört man dann da so?
Wir hören sehr gerne Truckersender. Lockere Countrymusik beim Fahren ist kaum zu übertreffen. Wir haben alle einen breit gefächerten Musikgeschmack. Heutzutage interessiert mich nicht, ob es nun Grindcore oder Radiopop ist, wenn mir der Song gefällt, dann höre ich ihn auch gerne. Ich habe da keine Scheuklappen mehr.

Ein Mann nach meinem Geschmack. Meistens wird man schon blöd angeschaut, wenn man sagt, dass man z.B. Robbie Williams oder Udo Jürgens als gute Musiker schätzt. Sind sie ja.
Gute Musiker und gute Entertainer. Man kann auch viel davon lernen.

Also fast schon Brüder im Geiste zu Powerwolf.
Naja, im unglücklichsten Sinne sind wir dann definitiv Brüder im Geiste.
Es ist schon so, dass wir wirklich Metal-Freaks sind. Ich höre seit 20 Jahren Metal und es ist schon irgendwie eine Lebenseinstellung. Das klingt zwar etwas überspitzt, aber man kennt das doch. Es ist halt mehr als nur "ich höre diese Musik".

Abschließend würde ich gerne von Dir ein paar kurze Kommentare hören zu den zehn Thesen - aufgestellt vom Chefredakteur des Rock Hard Götz Kühnemund in der Ausgabe September 2007.
1. Sonnenaufgänge haben nichts, aber auch gar nichts mit Rock'n'Roll zu tun.
(Original-Ton)
Was' das für'n Quatsch?
Jemand, der sowas schreibt, hat noch nie bis zum Sonnenaufgang Rock'n'Roll gehört. Nichts ist mehr Rock'n'Roll, als morgens um sechs noch dazustehen und weiter Metal zu hören.

2. Die Beatles waren kacke.
Ja. Unterschreib ich.

3. Longsleeves sind kein Metal.
(fast schon entrüstet)
Ist Quatsch.

4. Girlies ohne Rückenaufdruck sind sinnlos.
Hm, unsere Girlies haben auch keinen Rückendruck. Aber gutaussehende Frauen brauchen lange Haare und dann sieht man den Rückendruck ja nicht. Und die Girlies, die im Lendenbereich den Druck haben finde ich ganz grausam.

5. Hunde sind besser als Katzen.
Nein, umgekehrt.

6. Früher war nicht alles besser, aber das Allermeiste. (Weiter: Auf Kutten finden sich nur Aufnäher von Bands, die schon was erreicht haben, keine Demo- oder Newcomerbands.)
Das ist natürlich Einstellungssache. Gerade bei Kutten. Kaum eine Band macht noch Aufnäher. Wir haben ja nun mehrere und sehr viele Leute noch mit Kutten sind da absolut erfreut drüber.

7. Zu viel Toleranz ist nicht gut.
Ja.

8. Black Metal ist besser als White Metal.
(völlig entrüstet)
Nein! Hat der denn nie Stryper gehört?! Kann ja wohl nicht war sein.

9. Thorshammer, umgedrehte Kreuze etc. sind trotzdem doof.
Keine Ahnung. Wir drehen unsere Kreuze nie um, weil wir gläubig sind (so so).
Man kann mit solchen Sachen nicht mehr schocken.
Das stimmt nicht. Man kann mit ganz unglaublichen Sachen schocken. Wir hatten letztes Jahr einen Leichenanhänger aus den 70ern als Transporter und sind damit sehr viel angeeckt. Wir haben ihn dann aber eingemottet, weil wir stellenweise richtig Stress damit bekommen haben. Aber die sind super praktisch.

10. Metallica-Tattoos sind ein Unding.
Ja. Absolut. Generell Bandlogos zu tätowieren finde ich irgendwie doof. Wenn jetzt einer ankäme mit Powerwolf auf dem Arm, wäre ich doch etwas befremdet.

Wunschbands für kommende Touren?
Wolf! Dann könnten wir nur ein Backdrop benutzen und das "Power" vorher abkleben. Außerdem haben wir die gleiche Einstellung, was Metal und Spaß angeht. Black Sabbath mit Ozzy - aber das ist unrealistisch. Und natürlich King Diamond.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Hamburg, 02. September 2007