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Interview: ENSLAVED

Einen Tag vor Nikolaus, und Selbiger sitzt in der leeren Hamburger Markthalle neben mir. Nein - es ist natürlich Ivar Bjørnson (Foto Mitte), Gitarrist der Norweger von ENSLAVED, die gerade ihr neues Album "Vertebrae" auf Headliner-Tour präsentieren. Ein netter Zeitgenosse, dieser Ivar, dem ich eine gewisse Verbindung mit dem allseits beliebten Nikolaus nicht absprechen kann. Höflich und geduldig. Und er scheint viele meiner Fragen zu ahnen und nimmt mir die Stichpunkte immer wieder aus dem Mund.

Ivar, damit wir hier vernünftig starten können, muss ich zugeben, eure Band erst durch das neue Album "Vertebrae" kennengelernt zu haben. Live habe ich euch ebenfalls erst durch den Auftritt auf dem Heidenfest in Dortmund richtig wahrgenommen. Ich bin schon durch die 30 durch - wieso erkenne ich jetzt erst, welch grandiose Musik ihr kreiert?
Hehe. Also, die Musik hat sich im Laufe der Jahre schon ein Stück verändert, aber es sind immer noch die selben Basiselemente da, wie 1991. Gerade mit den letzten drei Alben haben wir schon ein bisschen mehr Zugänglichkeit bekommen.

Das hätte euch eigentlich beim Heidenfest in Dortmund helfen können. Doch wenn man eure Musik mit den anderen Bands des Abends vergleicht (Primordial mal außen vor), nehme ich an, dass ihr froh ward, nur diesen einen Auftritt gehabt zu haben?
Ja, kann man schon sagen. Um ehrlich zu sein, wollten wir uns das ganze Konzept mal anschauen. Wir haben uns viele der anderen Bands angeschaut, aus dem Publikum heraus. Und mir ist aufgefallen, dass viele Leute da waren, denen die musikalische Seite gar nicht so wichtig war, sondern eher das Spektakel als Gesamtes. Mir fiel auch auf, dass die Interaktion zwischen Bands und Publikum manchmal kaum statt fand - gemessen an der Anzahl der Leute.

Wir bleiben da doch lieber bei der Musik. Wenn ich mir speziell eure letzten zwei CDs anhöre ("Vertebrae" und "Ruun"), kommt es mir so vor, als würdet ihr völlig abseits aller Konventionen agieren und das Gewicht der Erwartungshaltung einfach abstreifen. Und doch spürt man in der Musik, dass sie durch Regeln und Disziplin zusammengehalten wird. Habt ihr nicht Angst, dass dieser "grenzenlose" Weg irgendwann eben eure Grenze wird?
Ja, ich glaube, an diesem Punkt waren wir schon einige Male. Aber das Wichtigste ist, dass wir diese Entwicklung einfach akzeptieren. Manche Sachen klingen sogar nach Classic Rock, das ist dann eben so. Bei dem Titelsong von unserem Album "Isa" fiel das sehr auf. Es ist fast ein ganz normaler Rock-Song und witzigerweise wurde dieser Song auch noch sehr populär bei den Fans. Am Anfang fühlte es sich wirklich komisch an, weil man uns Ausverkauf hätte unterstellen können. Aber wir müssen eben beide Seiten akzeptieren, die wir haben. Das sieht man ja auch bei den Live-Shows. Wir haben einerseits die Video-Projektionen auf dem Backdrop und vorne geht die Rock-Show ab. Da stimmt die Mixtur.

Und wie. Sind eigentlich Bilder für dich mehr inspirierend, wenn du Songs schreibst? Die Musik klingt verdächtig danach.
Das stimmt schon. Ich denke eher in Bildern und Geschichten, wenn ich komponiere. Wenn ich eine Idee in mir habe, egal ob nun Bild oder mythologische Geschichte oder eine echte Geschichte, dann experimentiere ich so lange mit der Musik herum, bis es sich einfach so anfühlt, dass beides zusammenpasst. Und der Erfolg, so etwas geleistet zu haben, ist wirklich unbeschreiblich.

Das muss aber auch ziemlich schwierig sein. Ich ziehe davor immer meinen Hut, wenn Musiker zu solchen Taten in der Lage sind.
Wir sind aber nicht wie Beethoven. Es gibt ja vielleicht eine Hand voll Menschen in der Musikgeschichte, die wirklich große Sachen vollbracht haben. Für uns hat das mehr mit der Annäherung zu tun. Das Ziel ist, so nah wie möglich heranzukommen und trotzdem zu akzeptieren, dass du es wohl nie schaffen wirst.
Wenn wir die ersten Songs komponieren, sind wir nicht mal annähernd am Ziel. Und oft kommen glückliche Umstände dazu. Wenn du einen Song gerne melancholisch, traurig und langsam machen möchtest, kann es sehr wohl vorkommen, dass er am Ende aggressiv und schnell ist. Aber das ist dann kein Versagen. Nimm es so hin, ein neuer Song ist fertig und jetzt probieren wir noch mal den melancholischen Song.

In anderen Interviews (im Nachhinein auch in diesem) erscheint ihr immer sehr nachdenklich. Man merkt, dass ihr euch immer mit Dingen eingehend beschäftigt, beispielsweise Religion oder Politik. Ist das wichtig für euch, immer am Ball zu bleiben, um gut leben zu können?
Ja, schon. Es ist eine Art mentaler Hunger. Ich lese sehr viel und erfahre dadurch viel, aber es geht mir nicht so darum, es wirklich zu wissen. Ich könnte dir jetzt keinen einzigen Namen nennen, wenn es z.B. um Präsidenten der USA oder Deutschland geht. Ich kenne vielleicht drei Städte aus jedem Land. Gerade aber, wenn ich über geschichtliche Dinge lese, bekomme ich einen ganz anderen Blickwinkel, andere Erfahrungen.

Das führt mich zur anderen Seite, die durch ein Sprichwort beschrieben wird: "Unwissenheit ist ein Segen". Also nicht viel fragen, sich um sich selbst und die engsten Freunde kümmern. Könnte es sein, dass beide Seiten, beide Menschen am Ende gleich sind, weil es schlußendlich egal ist, ob man Dinge hinterfragt oder nicht?
Hm, also dass Unwissenheit ein Segen ist, stimmt in gewisser Weise. Woran ich aber gerade denke, sind die Menschen, die über existenzielle Schwierigkeiten reden. So etwas hält dich wach und fokussiert für das, was du bist. Und daraus gibt es so viele einfache Auswegmöglichkeiten, wie z.B. eben Religion oder extreme Politik. Eben Wege zu finden, um Gefühle zu vermeiden. Das Universum an sich ist meiner Meinung nach ziemlich unfair und unbarmherzig. Aber auf der anderen Seite auch genau das Gegenteil. Wenn man etwas Schönes sieht ... okay, manche halten auch Gewalt für etwas Schönes ... aber sagen wir etwas normales Schönes, ein Kind oder Ähnliches, das führt automatisch zum Gegenteil, also etwas, was das Schöne zerstört. Dinge wachsen - das bedeutet auch, Dinge sterben. Und die Menschen suchen sich immer wieder Wege, um das zu vermeiden. Sie wollen nur das Gute. Das beschreibt die Menschen heutzutage sehr gut. Aber man sollte sich schon mit den Dingen etwas auseinandersetzen, man wird dadurch ja auch lebendiger.

Hast du dir jemals vorgestellt, wie das Leben ohne Religionen wäre?
Das könnte ziemlich interessant sein.

Dann wären wohl einige Menschen mehr auf der Erde.
Ich glaube sogar, dass es weniger wären. Und zwar, weil es mir scheint, dass die vorantreibenste Motivation zur Überbevölkerung religiöser Natur ist, weil sie die eigene Anhängerschaft vergrößern wollen. Das führt aber paradoxerweise zu mehr Kindern, die in Armut leben und Hunger leiden.
Ohne Religionen wäre der Fokus wohl mehr auf Technologie ...
Es ist schon irgendwie verrückt, dass in der Schweiz diese Riesenmaschine steht, die den Urknall nachahmen soll und irgendwo anders jemandem die Hand abgeschlagen wird, weil er Schokolade geklaut hat.

Gibt es abschließend ein Thema, zu dem du in all deinen Interviews noch nie befragt wurdest, du aber gerne darüber reden würdest?
Also, dieses ganze Ding mit der Wissenschaft ist schon echt interessant. Wie Mythologie und Wissenschaft über die selbe Sache forschen, es aber von komplett verschiedenen Seiten angehen.
Eigentlich habe ich über alles gesprochen, worüber ich auch sprechen möchte. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich manchmal auch die Fragen etwas zu meinen Gunsten auslege.

Ein ziemlich cleverer Mensch, wenn du deine eigenen Interviews quasi anführst (und nix mit hellseherischen Fähigkeiten wie der Nikolaus).
Aber ich mag Interviews.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Hamburg, 05. Dezember 2008