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Interview: FROST

"Experiments In Mass Appeal" - Ich würde es "(P)rock mal anders" nennen. Das neue Album klingt sehr up to date. Bedeutet das vielleicht, dass der Blick zurück in der Musik von Frost nicht wirklich erlaubt ist?
Naja, sagen wir so: Zurück zu schauen ist immer schlecht. Man sieht die Wand nicht, in die man gerade reinkracht.

Welchen Part hatte der neue Mann - Declan Burke - im Songwriting-Prozess? Wie weit war er schon involviert? (zur Erklärung, Jem spricht über Declan: "Dec ist ... die reinste Offenbarung. Zu behaupten, dass er meine Erwartungen übertroffen hat, wäre pure Untertreibung. Er ... wird uns alle übertrumpfen. Ich bin mir sicher, dass er der kommende Prog-Megastar wird")
Dec ist schon 18 Monate in der Band. Nach einem halben Jahr brauchte ich ihm gar nichts mehr vorzusingen. Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, mit ihm zu arbeiten. Und als die "alten" Frost auseinandergingen und die "neuen" Frost sich bildeten, gab es keine großen Überlegungen. Auf der neuen Scheibe hat er alle Akustikgitarren gespielt. Außer das Riff im Titelsong - das war mein Gitarren-Debüt. Ich habe ihn aber dazu gebracht, meine Parts zu doppeln, weil ich einfach ein lausiger Gitarrist bin. Außerdem hat er mit mir am Chorus von "Dear Dead Days" geschrieben. Mit dem Ding hatte ich echt Probleme und nach dem sechsten vermasselten Anlauf habe ich einfach aufgegeben und die Kavallerie gerufen.

Im Vorfeld hast du gut 25 Songs geschrieben, die aber eigentlich nicht für Frost gedacht waren und die du für die Band modifizieren musstest. Mit diesem Wissen - wie bewegst du dich auf dem schmalen Grad, einerseits die Musik zu spielen, die du magst und andererseits den Fans zu geben, was sie möchten?
Ich schreibe nur, was ich möchte. Und ich glaube nicht, dass irgendein Musiker das anders macht. Wenn du anfängst die Fans zu beglücken, endest du als Parodie deiner selbst weil du immer nur ein "Best Of Ich"-Album machst, als etwas Neues zu versuchen. Ich gehe lieber ein Risiko ein, anstatt nur auf Nummer Sicher zu gehen. Musikalisch sowieso.

Gib uns bitte einen kurzen Einblick in deine musikalische Vergangenheit - wo es begann, welche Einflüsse dabei waren, Momente in denen du eine spürbare Entwicklung erlebt hast.
Ich verbrachte die gesamten Sommerferien 1982 mit meinem Casio MT65 um "In The Cage" von Genesis zu lernen. In dem Jahr habe ich keine Mädels abgekriegt. Danach bin ich in die Band meines älteren Bruders eingestiegen - als Texter (kein Witz!). Die Band wurde zu Freefall und schon mit unserem dritten Gig haben wir IQ im Londoner Marquee Club supportet. Ich habe mich ebenfalls einer Blues-Band angeschlossen, die in UK ziemlich oft und regelmäßig unterwegs war. Da bekam ich auch endlich meine Mädels ab. Danach ging ich für fünf Jahre zum englischen Radio, wo ich Jingles und On-Air-Ids gemacht habe. Da habe ich auch gelernt, mit ProTools umzugehen, habe allerlei Radiokram gemischt und bekam noch mehr Weiber. Im Anschluß ging ich zu einer ziemlich grünschnäbeligen Plattenfirma und unsere erste Veröffentlichung war einen Monat Nummer Eins in UK mit zwei Millionen CDs weltweit. Das hat mein Leben schon verändert. Drei Nummer-Eins-Hits und einen Ivor Novello-Award für die bestverkaufte Single 2005 folgten dem und das Verlangen nach einem Prog-Album um den ganzen Pop-Kram zu kompensieren, der sich in meinem Leben breit gemacht hatte. Ich habe "Milliontown" (Frost Debüt aus 2006 ) dann über ein paar Jahre hinweg geschrieben. Hey, und jetzt sind wir schon bei Album Nr. 2.
Sieht so aus, als hätte ich wenig Zeit gehabt, seit ich angefangen habe "In The Cage" zu lernen ...

(Solche Antworten bekommt man auch nicht alle Tage - also noch mal nachgehakt. Nachstehend die besagten Singles:
Atomic Kitten "Whole Again" auf Virgin Records
Holly Valance "Kiss Kiss" auf London Records
Atomic Kitten "The Tide Is High" auf Virgin Records
Shane Ward "That's My Goal" auf SONY BMG
Der Ivor Novello-Award war für "That's My Goal")


Etwas Kurioses zum Schluss - ist es bloßer Zufall, dass der Anfang des Songs "Dear Dead Days" doch etwas mehr an den Song "Breadfan" (Budgie - und von Metallica gecovert) erinnert?
Haha! So habe ich das noch gar nicht gesehen. Das "Dear Dead Days"-Riff hat aber einen 7/8-Takt. Wie könnte "Breadfan" noch cooler sein als auf 7/8?!


Das Interview führte Siegfried Wehkamp (per Mail).