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Interview: THE OCEAN

Das Warten hatte sich gelohnt. Robin Staps - seines Zeichens oberster Drahtzieher bei THE OCEAN - lässt etwas auf sich Warten, da er in einem nahe gelegenen Internet-Café den geschäftlichen Dingen der Band nachgeht. Ein Mann der Tat eben. Dennoch nimmt er sich knapp eine Stunde vor seinem Auftritt noch die Zeit für mega-metal.de Rede und Antwort zu stehen und entpuppt sich dabei als sehr aufgeschlossener und redegewandter Zeitgenosse.

Als Einstieg darf ich dir unser Review für eure aktuelle CD "Precambrian" vorlegen. Für mich die erste The Ocean-Erfahrung, daher fällt es vielleicht etwas anders aus als Andere.
(liest in Ruhe) Den Vergleich mit My Dying Bride kriege ich in letzter Zeit öfter zu hören. Was ich interessant finde, weil es eine Band ist, die ich selber damals nie richtig wahrgenommen und gehört habe. Ich habe sie eher retrospektiv entdeckt und finde sie echt interessant.

Welcher Bereich da eher - die Anfänge oder irgendetwas aus dem weiteren Verlauf?
Im Nachhinein habe ich mir alles reingezogen und finde die wirklich interessant. Aber ich habe es seinerzeit nicht selbst erlebt und das ist immer was anderes, wenn man eine Band später kennenlernt und es nicht als Zeitgeschehen erlebt hat. Da bekommt man einfach einen anderen Zugang. Mehr eine Art wissenschaftliches, analytisches Interesse, als davon mitgerissen zu werden.

Dann mal zur Tour. Rotten Sound sind ja echt die Axt im Walde und der Opener Trap Them auch nicht zimperlich. Ihr seit schon die Exoten auf dieser Tour?!
Ja, das war uns von vorn herein bewusst und es war sogar der Grund für die Entscheidung, es zu tun.

Ihr seid also sehr wagemutig.
Doch. Ich glaube, das zeigt schon unsere Diskografie. Und was das Package angeht - ich selber als Zuschauer möchte nicht vier Mal am Abend die selbe Band geboten kriegen, sondern Abwechslung. Als Musiker genauso. Wir verstehen uns mit allen Bands hervorragend. Wir haben alle ziemlich den selben Background, nämlich Hardcore/Punk im weitesten Sinne. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, eben weil wir Exoten sind und wir sind auch die Einzigen mit einer eigenen Lichtshow. Wie das funktioniert? Ziemlich gut bisher, auch mit der Rotten Sound Audience. Ich denke, wir gewinnen schon einige neue Leute für uns dazu.

Wenn jemand jetzt gerne wissen will, wie ihr klingt, welche Bands müsste man da nennen? Mit wem seht ihr euch quasi als Brüder im Geiste?
Also an aktuellen Bands gibt es nicht so viel, was auch daran liegt, dass ich in letzter Zeit wenig zeitgenössische Musik gehört habe. Was mich seinerzeit geprägt sind frühe politische Noise/Hardcore-Bands wie Rohrschacht, Groundwork, Absence. Auch Neurosis natürlich - ganz wichtige Band. Später wurde es dann interessant, als ursprüngliche Hardcore-Bands angefangen haben, mit krummen Takten zu experimentieren. Das hat damals echt fasziniert. Und dazu natürlich ein Album wie "The Shape Of Punk To Come" von Refused. Das hat mir enorm die Augen geöffnet und mir gezeigt, was mit Musik möglich ist. Wir hatten auch immer Einflüsse, die aus einem ganz anderen Kontext kamen. Von Filmemachern wie David Lynch oder Andrei Tarkovski bis hin zu Szostakowicz und osteuropäischen Komponisten. Ich glaube, man findet wohl all das in The Ocean wieder.

Mit der Liebe zum Detail eben. Genau wie das textliche Konzept von "Precambrian". Wie kommt man nur darauf, die Entstehung der Erde musikalisch zu vertonen?
Das Konzept ist ein bisschen zweigeteilt. Ich habe mir die Musik visualisiert und habe immer Bilder von Vulkanen und Lava vor Augen. Und da lag es irgendwie nahe, dieses Präcambrium-Konzept zu nehmen. Ich bin selbst Student der Geografie gewesen, wahrscheinlich lag das deswegen auch nicht so fern. Und dann war auch von vorn herein klar, dass wir ein Doppelalbum machen möchten mit zwei unterschiedlichen Ansätzen, die immer Teil der Band gewesen sind. Wir hatten immer die epischen, atmosphärischen Sachen, wie auf unserem ersten Album "Fogdiver", gleichzeitig aber auch die brachialen Nummern, wie zuletzt auf unserem Metal Blade Debüt "Aeolian". Und diese Mischung reflektiert halt das textliche Konzept sehr gut.

Wie lange sitzt man denn an so einem Mammut-Produkt?
Ewig und viel zu lange! Das Album hat uns ein Jahr lang eigentlich jeden Tag beschäftigt. Das wäre auch gar nicht finanzierbar gewesen, wenn ich nicht selbst den Großteil davon selbst produziert und aufgenommen hätte. Wir haben außer dem Schlagzeug alles in unserem Studio in Berlin aufgenommen. Für das Schlagzeug sind wir nach Finnland gegangen. Da hatten wir ein gutes Angebot, weil man dafür einen hohen holzvertäfelten Raum braucht. Und das hat uns auch sehr geholfen, dort in der Einöde, wo wir uns dann ganz auf die Musik konzentrieren konnten.

Wie viele Bandmitglieder zählt The Ocean denn aktuell?
Auf dieser Tour sind wir zu Sechst, das ist auch unser aktuelles Live Line-Up. Allerdings sind wir so ein bisschen wie ein Kollektiv organisiert, sprich wir haben z.B. die ersten vier Tage der Tour einen anderen Gitarristen als jetzt. Die beiden sind gleichwertige Mitglieder und es besteht auch keinerlei Konkurrenz zwischen denen.
Auf der CD sind es 26 Musiker, die wir natürlich nicht alle mit auf Tour nehmen können. Aber es ist schon ein Traum von mir, mal mit einem Orchester auf die Bühne zu gehen. Das ist aber einfach nicht machbar.

Auch wenn es ein bisschen plakativ klingt, aber du kannst ja mal in Wacken anfragen. Die machen so etwas immer sehr gerne.
(er stimmt grinsend zu, doch wir wissen, daß das wohl nie passieren wird)
Naja, euer Sound wird wohl nie so richtig kompatibel für das Publikum dort sein.
Das ist höchst fraglich. Immerhin gab es ja in letzter Zeit ein Aufbrechen des Die Hard-Power Metal-Konzeptes, aber trotzdem ist es immer noch ein sehr konservatives Metal-Festival.

Also nix mit The Ocean als WOA-Headliner.
Was liegt denn als Nächstes bei euch?
Da steht uns etwas Großes bevor. Wir touren das erste Mal in den USA und in Kanada im Mai/Juni. Da freu ich mich sehr drauf. Und was obendrauf eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist - aber wahr - wir headlinen das Ganze! Wir haben null Erwartung und werden sehen was passiert.

Das wird dann ja eine ganz schön harte Tour, denn die US-Bands freuen sich immer auf den Tourluxus in Europa, weil sie bei sich meistens selbst mit dem Van durch die Gegend tingeln.
Das habe ich mir auch schon diverse Male sagen lassen. Wir haben ein Wohnmobil drüben. Das macht die ganze Sache entspannt. Einen richtigen fetten Camper, zehn Meter lang mit sechs Betten. Klar sind die Fahrten irre lang und man wird auch nicht immer gut behandelt. Aber das gehört halt dazu und ich will da trotzdem touren, auch wenn das nicht so luxuriös wird.

Gerade weil ihr ja so einen experimentellen Sound auffahrt, würde mich noch interessieren, was du aktuell privat für Musik hörst. Erst mal bezogen auf den Metal-Bereich.
Die letzten aktuellen Scheiben, die ich viel gehört habe, sind z.B. die letzte The End "Elementary", die letzte Baroness "Red Album" - im Prinzip aktuelles Relapse-Zeug. Die meisten Bands dort finde ich großartig. Die letzte High On Fire war genial. Ich bin ein großer Fan von Cult Of Luna, eine der wenigen zeitgenössischen Bands, die etwas Ähnliches machen wie wir und vor denen ich großen Respekt habe. Unglaublich geile Band. Und ich geb mir gerne mal sowas wie Rotten Sound oder Nasum. Ich interessiere mich im Metal halt doch eher für Nischen-Musik, also ich kann mit den meisten größeren, kommerzielleren Metalbands wenig anfangen.

(kurze Zeit später taucht auch der Tourmanager im Bus auf und weist freundlich darauf hin, daß es doch langsam Zeit wäre, die Vorbereitungen für den Gig zu treffen)

Dann klär mich doch abschließend noch auf, was es mit dem Ausspruch "Legions Of The Winged Occtupi" auf den The Ocean-Kapuzenjacken auf sich hat.
Das ist Lautréamont. Das ist ein französisch-brasilianscher Proto-Surrealist gewesen, der Zeit seines Lebens (April 1846 bis November 1870) nur ein einziges Buch veröffentlicht hat - "Die Gesänge des Maldoror". Für mich die perfekte Metal-Novelle. Es strotzt nur so vor Boshaftigkeit und bitterbösen, dunklen Metaphern. Ich habe das Buch vor Jahren gelesen und mir gedacht, da muss man einfach Texte draus ziehen. Das haben wir auch auf unserer aktuellen CD gemacht, bei einem Song auf der EP. Es ist auf jeden Fall sehr lesenswert.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Osnabrück, 27. März 2008