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Interview: THIS OR THE APOCALYPSE

Fünf recht junge Burschen aus Lancaster/Pennsylvania braten uns mit einem ziemlich derben Core-Mix in Form ihrer neuen CD "Monuments" gewaltig einen über. Das sieht die Presse ebenso - mal positiv, mal negativ. Mit unsererseits vergebenen acht Punkten macht es bei einer recht neuen Band aber schon Sinn, mal schnell ein paar Fragen zu stellen. Sänger Rick Armellino mailte mitteilungsfreudig zurück.

Ganz objektiv - die ganze Welle um Metalcore/Deathcore/was-auch-immer-core hatte bereits ihren Höhepunkt. Bitte erklärt uns, warum ihr eine Band mit Daseinsberechtigung seid?
Gute Frage. Wenn man als Metal-Musiker auf Tour ist, ist es verdammt schwierig, jede neue Metalband zu hören, ohne sie zu kategorisieren oder mit anderen Bands zu Vergleichen. Ungeachtet dessen kann man nichts dagegen machen, wenn man mit Herz und ehrlich bei der Sache ist. Ich denke, viele dieser "Core-Trends" nötigen Bands dazu, etwas neben der Spur zu machen, oder das Publikum dazu, Kopisten zu übersehen. Bei unseren Shows treffen wir Kids, die uns fragen warum wir nicht mehr Breakdowns spielen oder warum mein Gesang nicht noch brutaler ist ... das ist echt irritierend. Du willst ihnen nur sagen "Hey, es klingt so aus einem bestimmten Grund". Es ist nicht schwer, solche Elemente in unsere Musik einzubauen, in der Hoffnung, dass ein paar von denen dann unsere Musik hören. Auf lange Sicht verlierst du aber mit jedem Schritt ein Stück deiner Identität und entfernst dich weiter von dem, was du eigentlich wolltest oder was sich ganz natürlich ergeben hat. Wenn wir eine Daseinsberechtigung haben, dann wahrscheinlich, weil wir ziemlich stur und gewillt sind, an etwas Andersartiges zu glauben.

Reden wir über Einflüsse - welche sind Eure? Und was denkt Ihr über den evtentuell komischen (oder sogar logischen) Zufall, dass alles auf der Vergangenheit aufbaut?
Eine Sache ist bei "Monuments" wirklich schwer - nämlich nur eine Band zu nennen, die uns den Weg gezeigt hat. Bei meinem Gesang standen definitiv frühe Shai Hulud, The Hope Conspiracy, Poison The Well, sogar Every Time I Die als Pate. Für den Rest der Jungs reden wir über Misery Signals, Darkest Hour, Meshuggah, Life In Your Way, sogar neueres Zeug. Im späteren Songwriting-Prozess hatten wir unsere gemeinschaftliche Inspiration bei Mogwai, M83, Russian Circles, This Will Destroy You, etc.
Zu der anderen Frage - ich schätze, dass wir alle auf die eine oder andere Art an die Vergangenheit gebunden sind. Auf der anderen Seite glaube ich nicht, dass sich die Menschheit groß verändert. Vielleicht ist es ja angeboren oder einfach notwendig, dass wir Dinge in einer sich wiederholenden Art tun. Was sollen wir den sonst tun? Gibt es noch irgendetwas Neues zu tun?

Kürzlich bemerkte jemand in einem deutschen Metal-Magazin, dass es der neuen Generation amerikanischer Metalfans wichtiger sei, Fan einer Band zu sein, anstatt die Musik dieser Band wirklich zu mögen. Kann man diese Art von Unehrlichkeit erkennen? Oder wie sieht die Situation eurer Meinung nach aus?
Daran habe ich auch schon gedacht. Das ist ein Konfliktpunkt für jeden. Ich schätze die Bands, an die sich die Leute immer erinnern und ein Auge drauf haben. Die haben immer eine große Persönlichkeit und etwas Einzigartiges, was die Leute sagen lässt "hey, so wie die will ich auch sein!". Mindestens das ist doch etwas prototypisch für die Musikkultur, oder? Das ist der nächste Schritt, den du machst, wenn du herausgefunden hast, dass eine Band wirklich gut ist.
Man sieht so viele Bands, die ganze Fankulturen aufbauen, auf coolen Promo-Fotos, attraktiven Bandmitgliedern und trendigen "von-der-Stange-Songs". Da gehe ich mal von aus, dass die Kids sich irgendwann dagegen taub stellen. Aber ich war bei Shows von gewissen Bands und habe ihre Fans getroffen, die nicht mal einen Songtitel ihrer Band nennen, geschweige denn überhaupt etwas Grundlegendes zur Musik sagen konnten. Also ja, es passiert hier definitiv.
Wie auch immer, dem offenherzigen und hungrigen Musikfan wird immer mehr Gehör geschenkt. Ich treffe Leute, die die Texte lesen und interpretieren oder die Songs auf Gitarre lernen. Die Langlebigkeit einer Band erfordert doch etwas Besonderes und manchmal einfach mehr als nur ein bisschen Hokuspokus.
Es ist nicht meine Pflicht, zu sagen, welcher Musiker ehrlich ist oder nicht. Ich wünsche jedem Erfolg.

Für eine Band wie Euch in diesem jungen Alter scheinen die Texte sehr kritisch und sehr bewußt zur aktuellen, globalen Situation (das Cover zeigt bereits in diese Richtung). Über welche Themen schreibt ihr und welche Verbindung bestehen eventuell zu den jeweiligen Leben der Bandmitglieder?
Vieles, über das ich schreibe, hat einen bestimmten Ausgangspunkt - einen Ort, wo ich schon mal war, den ich als wichtig und erinnerungswürdig halte. Ich neige dann dazu, weiter über diese Sachen zu schauen. Sehr oft habe ich auf solche Momente geschaut und konnte es mit etwas Größerem aus der Welt verbinden - etwas außerhalb meiner Selbst. Aus irgendwelchen Gründen hatte ich immer Probleme, mich als Teil dieser Gesellschaft zu sehen. Ich neige eher dazu, allein zu sein. Das ist nicht sofort etwas Schlimmes - es ist einfach so. Es steckt viel Emotion, Enttäuschung, Zurückweisung und Wut in unserem Album. Das bindet mich an meine Leute und es ist ein großer Teil der modernen Welt. Auf der anderen Seite ist aber auch Hoffnung. Unser Gitarrist Jack hat mich beim Songwriting zu "Monuments" stark inspiriert, weil seine Mutter zu der Zeit gestorben ist. Sie war großartig und wir vermissen sie sehr. Jack - uns als etwas hitzköpfig bekannt - wurde auf einmal sehr verständnisvoll und geduldig. Er hat uns einen Tag lang nichts über ihren Tod gesagt, weil er eine anstehende Show nicht schmeißen wollte. Seine Gefühle konnte er beim Songwriting dann gut umsetzen. Zwischen dem, den Zweifeln, unseren College-Abschlüssen und dem ganzen Mist in der Welt zeigt dieses Album einen Menschen, an dem von allen Seiten gezerrt wird.

Für alle, die Euch jetzt erst durch die neue CD "Monuments" kennenlernen - welches sind die offensichtlichen Veränderungen zum Debüt ("Sentinels" - 2006)?
Man, da gibt es riesige Unterschiede! "Sentinels" war die Arbeit einer ganz anderen Band. Jack und ich sind als Einzige aus der Zeit geblieben. Unsere Plattenfirma hat es bei der Vertragsunterzeichnung am besten gesagt: "Monuments" ist quasi ein kompletter Neustart für die Band. Alles was davor passierte war echt spitze und ich werde es auch nie vergessen, aber die Grundvoraussetzungen waren komplett anders. Die ganzen selbstgebuchten Touren, das selbstveröffentlichte Album, selbstdesigntes Merchandise, die Wechsel in der Band, und die ganzen Diskussionen haben uns zu einer hart arbeitenden Band gemacht. Dafür bin ich sehr dankbar.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp (per Mail).