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Interview: DEADLOCK

Weihnachten 2009 - während in der Hamburger Markthalle die "Darkness Over X-Mas"-Tour in vollem Gange ist, treffen wir uns kurz nach dem Auftritt von DEADLOCK mit Sänger Johannes Prem und Bassist John Gahlert zu einem Gespräch im Tourbus.

Erstmal herzlichen Glückwunsch zu dem wirklich starken Auftritt heute! Rückblickend auf Leipzig am gestrigen Tage und heute nun in Hamburg, wie habt ihr bisher die Reaktionen und Stimmungen empfunden?
Johannes: Super! Gestern in Leipzig war es schon sehr voll, 1000 Leute oder so …
John: … 2000 waren das! Das war echt voll! Und das ist ja immer so die Befürchtung, eine halbe Stunde nach dem Einlass fängt man an, und fünf Minuten vor dem Einlass ist man überhaupt erst mit dem Soundcheck fertig und da ist man dann natürlich nervös, aber die Leute sind dann reingeströmt, wie heute auch, waren dann auch vom ersten Moment an dabei und das freut uns natürlich sehr.
John: Zu gestern kann man noch sagen, dass wir uns erst wieder an den Opener Slot gewöhnen mussten.

Was erhofft ihr euch von der Tour?
Johannes: Wir haben die Tour einfach so "mitgenommen". Wir kennen die Jungs von Caliban und Heaven Shall Burn schon ewig. Das sind gute Freunde von uns. Und gerade jetzt, über Weihnachtsfeiertage, bevor man da nur zu Hause herumhängt, spielt man natürlich lieber so eine Tour. Jede Halle ist voll mit Leuten, das gibt eine Menge Spaß und das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen!

John, Du bist ja erst seit ein paar Monaten Bassist bei Deadlock und warst vorher Sänger bei Fall Of Serenity. Wie kam es dazu?
John: Ich war ja ganz am Anfang bei Fall Of Serenity auch der Bassist, dann der Sänger und parallel dazu auch immer mal der Aushilfs-Bassist bei Deadlock, da der damalige Bassist studiumtechnisch oft zu tun hatte. Und als sich dann Fall Of Serenity irgendwann aufgelöst hatten, kam im "Buschfunk" herum, dass auch der Deadlock-Bassist aufgehört hatte und dann war es eigentlich nur ein Anruf und die Sache war klar. Und warum auch nicht. Ich hab ja bereits Bass gespielt und auch ein bisschen Gitarre … und Du weißt ja, schlechte Gitarristen werden immer Bassisten (grinst).

Nun ist ja die Kommunikation mit dem Publikum als Bassist gegenüber der des Sängers weitaus schwieriger bzw. kaum vorhanden. "Vermisst" man da nicht irgendetwas?
John: Das einzige, was man vermisst, sind vielleicht die Halsschmerzen nach der Show … (lacht)
Johannes: Die kannst Du von mir haben!
John: Nein, aber man vermisst da eigentlich nichts. Klar, das ist erstmal eine Umstellung, wenn man, musikalisch gesehen, von so einer schwedischen Death Metal Band jetzt so in die modernere open minded-Richtung geht, aber so vom Feeling her auf der Bühne kann ich mich mit beidem sehr gut identifizieren und es macht super viel Spaß. Ich weiß ganz genau, wie die beiden Sänger (Johannes und Sabine) untereinander abgestimmt sind, wo und wie die auf der Bühne laufen, da rennt man ganz selten mal zusammen. Das passt schon.

Euer letztes Album ist jetzt auch schon wieder über ein Jahr her. Wie sieht's mit dem nächsten Album aus?
Johannes: Ein paar Songs haben wir schon aufgenommen. Sebastian, unser Gitarrist, hat ja ein eigenes Studio, und da haben wir mal so einen Probelauf gestartet und im Moment sind wir halt gerade am Songs schreiben, aber das dauert noch eine ganze Ecke, bis wir soweit sind.
John: Lieber qualitativ gut arbeiten, als zu sagen, jetzt sind eineinhalb Jahre vorbei und jetzt muss das Album kommen.
Johannes: Wir haben da auch von Seiten des Labels her keinerlei Druck, gehen das lieber ruhiger an und probieren viel aus, auch wo jetzt die Wege mit unseren kleinen Spielereien, die wir da immer so einbauen, hinführen.

Wie läuft bei Euch der Songwriting-Prozess ab? Gibt es da fest verteilte Aufgaben?
John: Das ist ein bisschen kompliziert, weil die Band ja nun ziemlich weit verstreut ist. Johannes wohnt in Augsburg, ich komme aus Jena, Gert (Gitarre) kommt aus Berlin, und die anderen kommen aus der Ecke um Regensburg, wo auf der Proberaum des Studios ist. Aber im Wesentlichen passiert das Meiste im Studio und auch durch Sebastian selbst. Er hat einfach die Ideen und er ist das musikalische Gesicht der Band. Das ist schon immer so gewesen. Und er geht dann auf Johannes und Sabine zu, wenn es um die Gesangs-Arrangements und die Textkonzepte geht. Bei den Drums geht er dann eben auf Tobias zu - die beiden teilen sich sogar ein Doppelhaus - das ist wirklich eine familiäre Geschichte. Auf die Art und Weise fahren wir eben ganz gut. Und dann werden halt eben einzelne "Fetzen" hin und her geschickt, so unter dem Motto "was haltet ihr davon?", also Feedbackabfragen sozusagen und das ist dann halt so der kreative Prozess. Wenn man sich dann ein paar Mal getroffen und geprobt hat, dann bemerkt man da vielleicht noch ein paar Schwachstellen. Aber Sebastian geht da immer mit so einer Akribie und so einem klaren Kopf heran, dass da eigentlich relativ selten irgendwelche Wünsche offen bleiben.

Ihr werdet meistens immer im Umfeld des Metalcore gesehen, auch wenn das musikalisch ja nun nicht so wirklich passt. Stichwort "straight edge". Wie seht ihr das, bzw. wie geht ihr damit um?
Johannes: Das ist halt schwierig. Wir haben uns ja nun auch textlich mit dem letzten Album "Manifesto" von dieser straight edge- und veganen Geschichte erstmal verabschiedet, also quasi unser letztes Manifest verfasst. Man muss jetzt auch nicht ewig lange auf dieser Welle herumreiten. Ich meine, es gab da ja nie so einen wirklich großen Hype drum und wir waren auch nie eine Band, die man in eine bestimmte Kategorie einordnen konnte und von daher werden wir jetzt auch textlich neue Ufer anstreben. Es ist halt schwierig, uns einzuordnen. Ich wüsste auch nicht, wo ich uns hinpacken soll, also in welche Schiene. Jetzt durch Sabine kommt natürlich die Pop-Ecke noch ein ganzes Stück weiter vor.
John: Also ich, quasi als "Frischling", ich bin ja noch nicht so lange dabei und kann das vielleicht noch so ein bisschen als Außenstehender betrachten. Als ich damals auf Deadlock geschaut habe, da spielen ja natürlich auch Faktoren eine Rolle, mit wem eine Band immer tourt, auf welchem Plattenlabel veröffentlicht sie. Und damals, als Deadlock schon mit Caliban und Heaven Shall Burn getourt haben, da gab es das Wort Metalcore ja noch gar nicht. Irgendwann prägt dann halt mal jemand diesen Begriff, andersherum wird dieser Begriff dann auch geprägt und man ist dann halt dabei, weil man auch die Lebensweise hat. Aber mittlerweile, auch durch Sabine und das veränderte Songwriting, ist das so vermischt, also wir haben auf unseren Konzerten die Suicide Silence-Fans (was er mit Blick auf mein T-Shirt sagt), genauso wie die Nightwish-Fans und genauso wie die Cannibal Corpse-Fans. Zusammengefasst glaube ich, jeder, der harte Musik hört, und ein bisschen open minded ist, kann mit uns was anfangen. Wer natürlich der reine Black Metal-Purist ist, der darf auch ruhig kopfschüttelnd davonlaufen.
Johannes: Diese Kategorisierung ist ja auch früher entstanden, als Sabine noch gar nicht dabei war. Da war es auch eben noch mehr die Metalcore-Ecke und da konnte man das dann schon noch so in diese Schublade stecken, bloß mit jeder neuen Platte musste man im Grunde einen neuen Schrank für uns bauen.

Welches sind denn so die musikalischen Einflüsse, sowohl für die Band, als auch für euch persönlich?
Johannes: Das ist schwierig, weil wir jeder auch irgendwie was ganz anderes hören. Das ist für Sebastian beim Songwriting auch immer ein ganz schmaler Grat, auf dem er da wandelt, wenn er versucht, es allen recht zu machen. Jeder steht halt auf ganz unterschiedliche Dinge. Für mich könnte es manchmal einen Tacken härter sein, für Sabine natürlich einen Tacken poppiger.
John: Das soll jetzt aber auch nicht als fauler Kompromiss rüberkommen. Das ist halt die klare Linie, die Sebastian fährt und ich glaube, das wird beeinflusst, von den Bands, die man gerade aktuell hört oder vielleicht auch mal von irgendeinem Kinojingle z.B., das man irgendwo aufgeschnappt hat.
Johannes: Nun ist es auch so, dass sich Sebastian die Sachen, die wir hören, auch automatisch gibt und da fließen dann wohl auch ein paar Einflüsse mit hinein. Und das ist für uns dann auch sehr cool, wenn jeder in den Songs so seine Geschichten drin hat, wo er mega gut mit klarkommt und in denen er aufgeht. So macht's halt jedem Spaß und das ist eigentlich schon immer unser Hauptanliegen gewesen.

Was für Bands sind das konkret, die euch da gerade beeinflussen?
Johannes: Enter Shikari ist z.B. etwas, was mich in letzter Zeit ziemlich beeindruckt hat.
John: Bei mir ist das die letzte Immortal-Platte.

Ihr habt ja nun mitunter einen recht eigenwilligen und manchmal sehr untypischen Stil in der Musik. Von Techno- und HipHop-Passagen bis hin zu einem Saxophon, und "trotzdem" fahrt ihr mit euren Platten immer wirklich gute Kritiken ein. (3x hintereinander 8 von 10 Punkten im RockHard - im Metal Hammer wurde "Manifesto" als "das derzeit beste melodische Death Metal-Album einer deutschen Formation" bezeichnet) Ist das vielleicht sowas wie euer Geheimrezept?
Johannes: Ich glaube, das ist einfach die Entwicklung der Band. Wir haben uns da eigentlich nie so wirklich Gedanken darüber gemacht, wo wir hinpassen und oder ob wir es jemandem recht machen müssen. Und mit eben diesen Möglichkeiten, die sich da ergeben, auch mit dem eigenen Studio, traut man sich auch mehr zu. Und wenn jetzt Sebastian z.B. diese Idee mit dem Saxophon bei dem Song "Fire At Will" hatte, dann testen wir das einfach mal aus, wenn's passt, kommt es mit auf die Platte und wenn nicht, dann war es halt ein Test, der in die Hose ging. Ich glaube einfach, solche Platten entstehen auch nur wegen der Tatsache, ein eigenes Studio zu haben, weil du halt alles ausprobieren kannst. Wenn Du Dir irgendwo ein Studio für zwei Wochen anmieten musst, dann spielst du eben die Platte ein und dann muss es halt passen. Und wir haben halt mehr Zeit, probieren was aus und wenn's nicht passt und wieder rausfliegt, dann machen wir halt eben zwei oder drei Tage länger.
John: Dieses typische Baukastenprinzip - schneller Part, Moshpart, Refrain, schneller Part, Moshpart, Solo usw. - das hat man halt nicht, wenn man frei weg von der Leber arbeiten kann.

Was macht ihr neben der Band eigentlich hauptberuflich?
John: Also die einzige, die wirklich im musikalischen Bereich tätig ist, ist Sabine. Die hat eine Hochschulausbildung, macht musikalische Früherziehung, unterrichtet Kinder an Instrumenten und hat damit ihre Leidenschaft zum Beruf machen können … das gelingt nun nicht jedem (grinst). Also ich arbeite in einem High-Tech-Unternehmen für Vakuumtechnik, also ein trockener Bürojob. Johannes ist im Sportmanagement tätig.
Johannes: Marketing bei einem Eishockey-Verein, auch eher untypisch.
John: Sebastian arbeitet z.B. Schichten in der Blutbank.
Joahnnes: Tobias hat seine eigene Firma, einen veganen Grosshandel und Online Versand.
John: Und das macht's natürlich schon schwierig, solche Touren oder Konzerte klar zu machen, weil man halt eben alle Arbeitspläne unter einen Hut bringen muss und von daher bietet sich so eine Weihnachtstour natürlich förmlich an, weil da dann jeder mehr Luft hat.

Wenn ihr mal in die Zukunft blickt, habt ihr da ein Ziel, wo ihr mit Deadlock mal stehen wollt?
Johannes: Ich möchte mit Deadlock mal auf dem Eis stehen und die Einlaufhymne für die "Augsburger Panther" (ein Eishockeyteam) spielen!
(alle lachen)
John: Ich glaube, es ist utopisch, zu sagen, dass man in fünf Jahren z.B. bei dem MTV-Music Awards spielen möchte. Das ist halt ein stetiger Prozess und es ging mit der Band erfreulicherweise von Jahr zu Jahr immer weiter bergauf..
Johannes: Und wir haben uns da eigentlich auch nie irgendwelche großen Ziele gesteckt. Wir haben jetzt schon mehr erreicht, als wir vor elf Jahren erwartet hatten, als wir uns damals im meinem Zimmer bei meinen Eltern getroffen haben und entschieden haben, wer welches Instrument spielen soll. Von daher ist das schon echt heftig, dass es so weit gekommen ist und wir z.B. auch in Japan und Russland touren. Und ansonsten lassen wir einfach mal die Zukunft auf uns zukommen. Wir machen weiter unsere Songs, probieren weiter aus, und schauen, wo uns das hinbringt.

Was habt ihr neben dem neuen Album nächstes Jahr für Pläne?
John: Wir haben in Sachen Tour so zwei, drei Angebote, aber über ungelegte Eier spricht man ja bekanntlich nicht. Aber da sind schon ein paar vielversprechende Sachen dabei. Wir sind auch schon für ein paar Festivals bestätigt, allerdings noch inoffiziell. Das wird dann zu gegebener Zeit von den jeweiligen Veranstaltern bekannt gegeben. Was schon feststeht, ist das Graspop Metal Meeting in Belgien, wo wir KISS supporten dürfen, was der absolute Hammer ist! Und ansonsten haben wir im Ausland auch wieder was vor. Wir waren ja schon in Japan und Russland, das war auch sehr erfolgreich und vielleicht können wir da ansetzen. Neuseeland wäre ein Traum für mich.


Das Interview führte Marco Zimmer.
Hamburg, 26. Dezember 2009