Impressum Startseite
Reviews Interviews Live Specials Jobs

Interview: MARIONETTE

Bei so einem musikalischen Leckerbissen wie "Enemies" von MARIONETTE, ist ein Interview das Mindeste, was man tun kann. Sänger Axel nimmt dankend an und griff zum Hörer.

Guten Abend auch! Wie geht es dir?
Mir geht es sehr gut. Ich bin zwar noch auf der Arbeit, aber das ist okay.

Dann hast du aber einen netten Chef, wenn er dich neben der Arbeit Interviews geben lässt (das Gespräch begann um 18 Uhr)
Oh, die sind hier wirklich sehr nett. Ich arbeite in einer Firma, die sich mit Webdesigns und Ähnlichem befasst. Da gibt es sowieso viele Überstunden.

Okay, treiben wir es nicht auf die Spitze und steigen gleich voll ein.
Axel, der Metal hat schon so viele Trends und Stilrichtungen gesehen. Doch nun kommt eine Band aus Schweden und könnte mit ihrer Mixtur vielleicht die Szene schocken. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?
(Gelächter am anderen Ende) Tja, da kommt man zu dem Punkt, was zur Hölle wir da eigentlich tun. Und das ist simpel. Wir wollen dem Metal generell offenherzig gegenübertreten. Es ist einfach unser Streben nach Intensität, Leidenschaft und auch den technischen Fähigkeiten. Wir möchten so gute Musiker sein, wie es nur geht. Wir versuchen, in viele Richtungen zu gehen und dabei trotzdem einen guten Zugang zu den Songs zu erstellen. Die Basisstruktur der meisten Songs ist ja sehr einfach gehalten, aber viele Parts, die die Songs vervollständigen, sind schon sehr komplex.

Stimmt du mir denn zu, dass "Enemies" quasi simpler ausgefallen ist als euer Debüt "Spite", so dass die Marionette-Elemente mehr Platz zum Entfalten bekommen haben?
Das ist möglich. Aber ich glaube, um eine vernünftige Perspektive zu erhalten, brauche ich noch ein paar Monate. Nachdem das Album fertiggestellt war, musste ich es auch noch ein paar Mal hören, um es überhaupt in meinem Kopf ordnen zu können. Und das, obwohl ich schon einen großen Teil dazu beigetragen habe. Aber es freut mich zu hören, dass auch andere Menschen die gleiche Reaktion darauf haben. Denn ich glaube, es ist wirklich ein Album, welches von Mal zu Mal wächst.
Was "Spite" angeht, finde ich, dass die Scheibe vielleicht noch etwas eingängiger war, weil wir auf "Enemies" z.B. zwei Songs haben, die nun wirklich nicht dem klassischen Strophe/Refrain-Muster folgen.

Darf ich raten?
Klar!
"The Lie"!
Stimmt genau. Und was ich an solchen Songs mag, ist, dass man eben nicht nach diesem musikalischen Muster geht, sondern eher einer Dramaturgie folgt, als würde man eine Geschichte erzählen. Man hat eine Einleitung, nähert sich dem ersten Höhepunkt, dann kommt eine überraschende Wendung und die Geschichte baut sich zu einem ganz anderen Höhepunkt auf. Diese Art Songs zu schreiben, ist mir zwar neu, aber unheimlich interessant. Das passt dann auch zum Konzept, welches wir auf "Enemies" haben.

Und wo wir dabei sind - worum geht es in dem Konzept? Wer sind die "Feinde"?
Hauptsächlich die heutige Gesellschaft - der Mainstream - und die Art, dass wir von ihr geformt werden, in einer Weise, die sich unserer Kontrolle entzieht. Es geht um das Aufwachsen. Wie man versucht, ein freies Individuum zu werden - einfach Du selbst zu sein, in einer Gesellschaft, die dich durch ihre Wurzeln, Kultur und Religion fortwährend formt. Und davon kommt man so schwer weg, denn es ist in allem versteckt, was wir täglich konsumieren. Selbst wenn du nur mit deinen Freunden redest oder allein zu Hause vor dem Fernseher sitzt. Und diesen Konflikt beschreibt das Album. Vom ersten Hasserfülltsein über das Realisieren des Problems zum Schöpfen neuer Kraft.

Sehr interessant, das wieder aus dem Mund der "jüngeren Generation" zu hören, was speziell im Musikerbereich öfter vorkommt. Ihr liegt doch alle irgendwo um die 20, oder?!
Nun, ich bin mit 27 der Älteste. Die anderen sind alle um die 22 und unser Drummer ist mit 18 der Jüngste.
Und das mit der jüngeren Generation stimmt. Vor einigen Jahren habe ich als Lehrer für Geschichte und Religion gearbeitet. Meine Schüler waren zwischen 15 und 18 Jahren alt und ich habe dort schon Verhaltensmuster bemerkt, die zeigten, wie diese jungen Leute versuchen, sich durch dieses schwierige neue Jahrhundert zu navigieren. Denn nie zuvor hatte speziell die junge Generation so viele unterschiedliche Versionen von Wahrheit. Die werden von so vielen Sachen regelrecht überflutet und man sieht, wie ihnen sehr oft jemand fehlt, der sie vernünftig da durchführt. Als unsere Eltern aufwuchsen, war das nicht so schlimm, und meistens haben die Eltern von der heutigen Situation ihrer Kids nicht viel Ahnung.
Wenn ich mit der Musik etwas erreichen möchte, dann wahrscheinlich, diesen Kids eine feste Basis zu geben. Oder zumindest Ideen oder Perspektiven, damit sie durch diese Zeit finden.

Und wieder ist die Musik die internationale Sprache.
Das mit dem Alter hatten wir nun schon. Einige von euch waren also bereits geboren, als die ersten Göteborg-Bands auf den Plan traten. Nun könnten Marionette schon als eine Art Nachfolger dieser Szene gesehen werden. Wie fühlt sich das an?
Meine Gefühle sind da doch etwas gemischt. Wir werden schon sehr viel mit der alten Göteborg-Szene in Verbindung gebracht und haben ja auch Elemente in unserer Musik, die dafür sprechen. Weil sie einfach sehr präsent waren, als wir aufwuchsen und den Metal entdeckten. Aber es war noch so viel mehr da - wo wir wieder bei dem Thema sind, dass man regelrecht überflutet wird - und das Internet hatte auch sehr viel zu bieten. Dadurch kamen wir z.B. auf die ganzen japanischen Metalbands, genauso wie wir auf In Flames oder At the Gates kamen.

Es ist ja auch nur ein Teil eures Sounds. Wenn ich allein schon an die apokalyptische Atmosphäre denke, so wie bei Fear Factory oder Strapping Young Lad.
Oh ja, absolut! Unsere Hauptsongwriter, und ich auch, wir sind riesige Strapping Young Lad Fans. Die waren auch ein sehr großer Einfluss.

Wie genau geht ihr denn beim Songwriting vor? Eher alles aus dem Fluss heraus oder müsst ihr manchmal nach etwas suchen, obwohl ihr schon wisst, wie es klingen soll?
Die Hauptsongwriter sind unsere Gitarristen Anton und Aron, die ihre Ideen meist getrennt voneinander aufnehmen. Speziell Aron ist echt ein musikalisches Genie. Der sitzt zu Hause und schreibt mal gleich ganze Songs fertig. Er hat einen sehr breit gefächerten Geschmack, von Michael Jackson über Videogame-Soundtracks bis zu Broadway-Musicals. Das ist zwar sehr verrückt, aber je mehr man über Musik weiß, desto größer ist die Chance, dass du genau die richtigen Parts bekommst, die du für den Song brauchst. Weil du einfach auf eine viel breitere Palette zurückgreifen kannst. Nimm als Beispiel den Song "Stench Of The Herd", da sind Parts drin, die eine Art Reggae-Rhythmus haben, so ein Latino-Flair. Das wurde davon sehr beeinflusst.

Da erübrigt sich fast die Standardfrage nach der klassischen Ausbildung der Musiker.
Aron auf jeden Fall. Unser Keyboarder auch, aber nicht so tief. Unser Drummer hat sein Instrument auch sehr exzessiv studiert. Er ist ein echter Drum-Freak - so wie jeder Drummer.

Wie sieht denn das Feedback bis dato aus? Zeichnen sich gute Vorbestellungen ab? (Das Interview fand vor dem Release statt)
Ich habe keine Ahnung. Aber bezogen auf Reviews sieht es sehr gemischt aus. Viele scheinen nicht zu verstehen, was wir da überhaupt treiben und sagen "Was ist das denn jetzt?". Wie gesagt, die Songstruktur ist recht zugänglich, aber das Album als Gesamtes schon weniger. Und um die Zugänglichkeit dreht sich ja viel. Allein durch das Internet kannst du über Nacht zum Star werden und am nächsten Tag bist du vergessen, weil schon der Nächste da ist. Die Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Und die Metalbands, die es heutzutage zu etwas bringen, haben Metal zum Teil mit so viel Pop verunstaltet, dass es eigentlich kein Metal mehr ist - und ich nenne jetzt keine Namen. Und wir wollen das nicht! Klar soll es catchy sein, aber vorrangig geht's um Intensität, Leidenschaft und darum, eine brutal-ehrliche Metalband zu sein.

Wer sich mit der Band näher beschäftigt, wird dies auch zweifellos herausfinden.
Abschließend lässt Axel noch verlauten, dass die Band auf ihrem ersten Deutschland-Abstecher im Herbst 2008 als Opener für die Apokalyptischen Reiter einige ihre besten (aber auch schlechtesten) Shows gespielt hat, und man sich schon riesig freut wieder zu uns zu kommen.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp (telefonisch).