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Interview: ANNIHILATOR

Jeff Waters - seines Zeichens ANNIHILATOR-Chef - ist sichtlich zufrieden mit seinem neuen selbstbetitelten 13. Album. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Gitarrenwizard den mega-metal.de-Abgesandten beim Interviewtermin in Hamburg quasi gar nicht zu Wort kommen ließ und ähnlich wie auf der Sechssaitigen zum sabbelnden Derwisch wurde. Ich hatte nicht mal die Chance, meine sorgsam ausgearbeiteten Fragen aus der Tasche zu ziehen, geschweige denn ein Foto zu bekommen. Aber der Gibson-Truck, mit dem er und Sänger/Gitarrist Dave Padden auf Promotour durch die Lande ziehen, war ein schöner Ort für einen sympathischen Jeff Waters-fast-Monolog, den wir aus Angst vor einer eventuellen Ermüdung der Leser etwas zusammengekürzt haben.

Das Einschalten des Aufnahmegerätes als meine erste Amtshandlung.
Diese Promotour ist echt cool. Das neue Album scheint den Leuten offensichtlich gut zu gefallen. Wenn die Presse und die Label-Leute die Scheibe nicht so pralle finden, dann schießen sie auch nicht so viel Geld raus. Aber in diesem Bus ist ja echt alles drin.

Wegen der neuen CD würde ich mir aber keine Sorgen machen.
Nun ja. Einige meiner Alben, sind so wie die der anderen auch. Priest, Maiden, Slayer, Ozzy, Scorpions, Kiss, Exodus - jeder Künstler hat seinen besten Moment, sein bestes Album, seinen besten Song. Und dann hat man wieder - ist bei mir jedenfalls so - einige Sachen, bei denen ich rückblickend sage‚ och nee, das hätte ich anders machen sollen. Das war doch etwas peinlich.

Beispiele?
Ähm, nein. Also ich könnte jetzt schon alles mal durchgehen. Aber darum geht's nicht. Wenn es so einfach wäre, wie einen Lichtschalter umzulegen und man sagt ich mache jetzt "Back In Black" oder "Reign In Blood" oder "Master Of Puppets", dann würde es ja jeder machen. "British Steel" feiert gerade seinen 30. Geburtstag. Glaubst du, die wussten damals, was sie da taten?
Ich habe/hatte meine Höhen und Tiefen. Mit Musikern, Line-Ups, dem Leben selbst, Scheidung, alles. Aber jetzt gerade fühle ich, dass es wieder aufwärts geht. Das letzte Album "Metal" war ein gutes Album, kein großartiges Album, aber ein Gutes. Und die Gäste waren cool.

Waren es vielleicht zu viele?
Nein, glaube ich nicht. Leute wie Alexi Laiho sagten mir, welche Ehre es ist, auf dem Album zu spielen. Aber ich sagte nein, es ist mir eine Ehre. Und diese Idee wurde immer größer und dann haben wir halt noch ein paar Musiker angerufen. Auf Anraten meines Managers haben wir auch nur Leute genommen, deren Musik wir auch mögen und die Annihilator mögen. Klar hätten wir auch die ganz Großen holen können, aber die Beteiligten sind unsere Freunde. Mit Corey von Trivium maile ich regelmäßig und erzähle ihm dann, wenn ich mal wieder jemanden Besonderes getroffen habe. Klar haben die Gäste dem Album mehr Publicity gegeben, als es vielleicht unter normalen Umständen bekommen hätte, weil es halt nur ein gutes Album ist. Mit dem neuen Album geht es mir viel besser …
(Sänger/Gitarrist Dave Padden gesellt sich zu uns)
Das ist unser neuer Sänger …
Ich habe deine ersten "Gehversuche" beim Bang Your Head 2003 gesehen.
Dave: Oh ja, das war meine vierte Show.
Jeff: Ja, wo er noch vollkommen unerfahren war und mit dem Mikro in der Hand nicht wusste, was er mit den ganzen Leuten anstellen sollte.
Dave: Aber ich war doch ganz gut. Ich habe sogar die Rampe benutzt!
Jeff: Er hat gute Kritik bekommen, aber auch viel einstecken müssen. Halt wieder ein Neuer, nicht so viel Erfahrung, keine lange Matte - so wie manche halt argumentieren. Aber ich wusste, dass es auf lange Sicht mit ihm funktionieren wird. Ich habe das Talent gesehen und jetzt ist er schon acht Jahre dabei und es ist seine vierte CD. Und dieses neue Album ist wirklich besonders. Es ist das 13. Studioalbum, Dave ist am 13.02.1976 geboren, ich am 13.02.1966. Das hat schon was. Und wir sind über die Zeit zusammen gewachsen und die Leute erkennen Dave jetzt wieder und honorieren seine Leistung. Die "Masters Of Rock"-DVD, das ist nicht mehr der Dave aus 2003.

Und du spielst auch Gitarre, womit du ja ursprünglich auch begonnen hattest.
Dave: Ja, früher habe ich nur Gitarre gespielt. Bei Annihilator habe ich das erste Mal mit dem Singen begonnen.

Wann kam die Idee, Dave auch an die Gitarre zu rekrutieren?
Jeff: Irgendwann 2005/2006. Als uns Curran Murphy verließ, mussten wir uns Gedanken machen. Wir brauchten einen zweiten Mann und ich wusste, Dave bringt das. Keine Ahnung mehr, wer wen als erstes gefragt hat.
Dave: Du hast mich gefragt.
Jeff: Und was hast du gesagt?
Dave: Ich sagte "Ähm …. okay." (schallendes Gelächter)

Macht dir der ganze verrückte Kram von Jeff manchmal Kopfzerbrechen?
Dave: Hm, wir haben auf jeden Fall die Setlist entsprechend angeglichen, denn es gibt Songs, die ich spielen kann, wenn ich nur spielen muss oder singen kann, wenn ich nur singen muss. Aber einiges ist einfach zu durchgeknallt für beides. Klar, kennt man Dave Mustaine.
Jeff: Aber selbst Mustaine oder auch James Hetfield - zwei der größten Metalfrontmänner - spielen immer nur eine Note oder einen Akkord, wenn sie singen. Okay, Mustaine schlägt auch schon ganz andere Kapriolen. Selbst Judas Priest - Tipton hat mal gesagt, wenn Halford singt, gibt es nur eine Note oder einen Akkord und wenn sein letztes Wort raus ist, dann Bang! - hier ist das Riff. Bei uns wäre es ja Dave Padden singt über das Jeff Waters-Riff, welches er auch noch spielen muss. Und ich schreibe keine Riffs für den Sänger.
Dave: Na, jetzt schon. Aber bei den alten Sachen war der Sänger ja immer ein Solist.
Jeff: Wir haben Alben mit Dave am Gesang ("All For You", "Schizo Deluxe", "Metal"), aus denen wir live gerne was spielen wollten über die letzten Jahre. Aber das ging einfach nicht. Wir versuchen seit Jahren da mal einen Song gemeinsam umzusetzen.

Ich würde ja gerne einmal in diesem Leben "Pride" (von "Schizo Deluxe") live auf Bühne erleben.
Dave: Oh vielen Dank. Den Song habe ich geschrieben. Das könnte jetzt vielleicht sogar funktionieren. Man gewöhnt sich ja auch an die Doppelbelastung.

(nach einem weiteren Waters-Monolog, der immer mehr vom Thema wegfloß ist endlich die Chance)
Das neue Album "Annihilator" klingt genau zu 100% nach der Band und trotzdem irgendwie frisch und fast schon spontan. Steckt da die neue Energie aus dem Labelwechsel?
Jeff: Nicht wirklich. Es sind ja immer mehrere Faktoren, die wohl auf das Songwriting einwirken. Nimm "Schizo Deluxe". Das war echt was Besonderes, aber die anderen Puzzleteile nicht. Die Plattenfirma war quasi nicht da, die Promotion war nicht da, es gab keine Tour zu dem Album. Da gab es echt Probleme mit denen, aber die hatten sie selber ja auch, weil deren Chef gerade verstorben war. Das war eine harte Zeit für jeden. Der Typ hat Frau und Kinder gehabt.
Also "Schizo Deluxe" war besonders. Und davor war nichts wirklich Herausragendes mehr seit … "King Of The Kill"?!

Wat is?!
Jeff: "Carnival Diablos" war ziemlich cool, "Criteria For A Black Widow" mit der Rückkehr von Randy Rampage war auch gut.

Aber "Waking The Fury" war doch wirklich stark, abgesehen davon, dass sich jeder über den Gitarrensound aufgeregt hat.
Jeff: Ich habe versucht, es mal anders zu machen und es war halt nicht das Beste "anders".
Aber es hatte auch gute Seiten. Das Drumming von Randy Black war unglaublich und Joe Comeau war auch so großartig. Aber speziell von der Gitarrenseite aus betrachtet ist das neue Album etwas ganz Magisches zusammen mit der Dummheit auch noch einen Van Halen-Song zu covern.
Dave: Gesanglich ist das Neue mit Sicherheit auch mein bestes Album. Ich habe mich viel sicherer gefühlt. Wenn Jeff einen Song fertig hatte und "Go!" sagte, dann war ich auch voll da, um dem Song richtig einen zu verpassen.

Jeff: Interessant ist übrigens auch, dass - wo ich ja eigentlich immer den ganzen Produktionskram für unsere CDs gemacht habe - jetzt das erste Mal war, dass ich keine Deadline hatte. Ich habe das Album gemixt, habe mir dann 3-4 Wochen Auszeit genommen und u.a. in Australien eine Band produziert und dann kam ich wieder zurück und bin nochmal alles durchgegangen. Und was einer Änderung bedurfte, wurde überarbeitet. Den Prozess habe ich ein paar Mal gemacht.
Dave: Und für mich war es auch ein großes Kompliment, weil Jeff mir immer wieder Sachen schickte und nach meiner Meinung fragte.
Jeff: Und diesen Luxus hatten wir bis dato nie. Und auf einmal bekommen wir die ganzen Dreingaben. Gibson und Epiphone mit den Endorsement-Deals.
Dave: Sogar ich habe jetzt einen Deal mit Dean Guitars bekommen.
Jeff: Dann dieser Bus, schicke Hotels und ein einmonatiger Trip durch Europa. Wir waren auch bei der Musikmesse in Frankfurt. Und das sind alles Möglichkeiten, um das Album zu promoten. Die schicken Hotels sind nicht das Wichtigste. Wir sind alt genug, um zu wissen, dass das echt wieder eine Chance ist, um Annihilator zu promoten und uns nicht mit dem ganzen kostenlosen Alkohol auf allabendlichen Partys abzuschießen.

Und ich habe mich im Vorfeld gefragt, ob ihr nach tagelangen Interviews überhaupt noch Lust habt, über Musik zu reden.
Jeff: Ich könnte noch zwei Monate so weiter machen. Annihilator ist nun mal unser Baby. Und die ganzen Leute, die sich mit uns treffen oder die wir am Telefon haben, interessieren sich für uns. Da will ich einfach nur weiterquatschen.

(Was er auch seit einer geschlagenen dreiviertel Stunde tut, als die Promoterin zur Tür reinkommt und fragt, wann Schicht sei. Jeff rennt sofort nach vorne und begrüßt schon mal den neuen Interviewpartner und ich habe endlich die Gelegenheit, zumindest eine vernünftige Frage zu stellen.)

Dave, meine abschließende Frage lautet gerne, ob es ein Thema gibt, über was du noch nie gesprochen hast, aber gerne mal ansprechen würdest. (noch bevor er antworten kann, kommt Jeff wieder reingerauscht, ich frage noch mal und Jeff brabbelt sofort wieder los)
Jeff: Die Sache mit dem Bass. Auf den ganzen Alben habe ich ja immer den Bass gespielt und habe immer versucht, es auch wie einen Bassisten klingen zu lassen und nicht wie einen Gitarristen, der Bass spielt. In 20 Jahren haben vielleicht zwölf Leute mal das Thema Bass angesprochen. Vielleicht sollte ich bei der nächsten CD einfach irgendeinen Namen einsetzen, so wie Bob Smith.

Ich kenne da einen Angelo Sasso … Running Wild haben sich ja aufgelöst.
Dave, jetzt aber.
Dave: Für lange Zeit haben die Leute ja immer nach meinem Gesang gefragt. Und es jetzt kommt so langsam das Gitarrenspiel hoch. Es gibt sogar Menschen, die erst durch die "Masters Of Rock"-DVD erfahren haben, dass ich auch Gitarre spiele. Und damit habe ich ja schließlich vor über 20 Jahren angefangen.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.