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Interview: GRÄFENSTEIN

Nicht nur in punkto Musik hat das deutsche Black Metal-Kommando GRÄFENSTEIN eine Menge zu sagen und das auch in klarer, deutlicher, aber dennoch harter Sprache. Ihr neues Album "Skull Baptism" sorgte in den mega-metal.de-Hallen für großes Aufhorchen und Drummer Ulvernost freut sich sogar drüber ...

Vielen Dank für die würdigenden Worte!
Bezüglich der Aussage, dass "das Fehlen eines echten Ausreißers nach oben (noch) verhindert, dass ich hier mehr Punkte gebe", wollen wir Folgendes festhalten: Wir machen keine Pop-Musik. "Skull Baptism" ist trotz der Vielfältigkeit der Songs als ein einziger Körper zu verstehen, der einem totschwarzen, morbiden Chaos Geist huldigt. Wie jede Veröffentlichung verstehen wir "Skull Baptism" als eine Entität, die Thrash mit Black Metal koppelt, hasserfüllte, rasende und aggressive Musik masturbiert, sowie bewusst auf Albernheiten wie beispielsweise schäbige Heiden-Kitsch Lagerfeuerromantik, infantilen Satanismus oder pseudophilosophische Wichtigtuerei verzichtet. Eine Ausnahme - ein Lied, das "ausreißt" - würde die Energie bremsen. Trotzdem denken wir, dass "Skull Baptism" durchaus "abwechslungsreich" gestaltet ist. Denn Songs wie "Halls Of Dawn", "Dead End" oder "Vermin" unterscheiden sich doch schon wesentlich von anderen wie "Everlasting Moribund", "Monarch Of Scorn" oder "Inhale Nonentity". Wir wollen die beabsichtigte "musikalische Wucht" erzielen. Im Zentrum unserer Arbeit steht aber immer die totale Selbstverwirklichung, dem absoluten Chaos Exzess Ausdruck zu verleihen und den Rock 'n' Roll exzessiv zu leben.

"Skull Baptism" ist bereits das dritte Album. Gibt es im Vergleich zu den Vorgängern Bereiche, in denen ihr von signifikanten Veränderungen und/oder Entwicklung sprechen würdet?
Veränderungen tun Not. Stillstand bedeutet Tod. Wir müssen weitergehen, uns weiterentwickeln, eigene Pfade errichten und eigene Wege gehen.
Man wird älter und denkt intensiver über die Musik und das eigene Leben nach. Man entwickelt sich musikalisch weiter. Den Durst nach Lernen darf man nie aufgeben.
Vier Eckpfeiler sollen genannt sein: Bedeutende Veränderungen gingen erstens einher mit Black Hate Productions. Das Label, dem wir bis heute treu sind, veröffentlichte unser Debütalbum "Silence Endless" im Jahr 2005. Seitdem bietet Black Hate Productions Gräfenstein 200%igen Rückhalt, Support und berät uns hilfreich, was Promotion oder Artwork anbelangt. Was den Spirit von Black Hate angeht, können wir uns kein geeigneteres Label vorstellen, welches unsere von Morbidität und Chaos durchdrungene Musik in die Menschheit infizieren könnte.
Zweitens kam Hackebeil im Jahr 2005 als festes Kreativmitglied am Bass hinzu. Bis dato war Gräfenstein seit der Gründung im Jahre 2000 eine Zwei Mann Band von Greifenor (Gesang und Gitarre) und Ulvernost (Drums) plus Session-Bassisten.
Ein weiteres Moment der Entwicklung in der Geschichte Gräfensteins war drittens sicherlich die Brasilien Tour 2007. Die Tournee zeigte uns, dass wir die richtige Richtung einschlugen: Die Live-Ekstase, auch vor internationalem Publikum!
So stellten wir viertens im Oktober dieses Jahres "Skull Baptism" erneut in Brasilien vor. Eine Tournee schweißt sehr zusammen, kanalisiert und setzt enorme Energien frei. Neue Ideen werden geboren und obsolete über Bord geworfen: Ein läuterndes kathartisches Abenteuer.
Auf anderer Ebene lässt sich die Entwicklung Gräfensteins auch im direkten Vergleich unter den Alben nachzeichnen: "Silence Endless" (2005) war impulsiver, rauer, eisiger und definitiv hasserfüllter als die Nachfolger. "Death Born" (2007) folgte, jedoch wahnsinniger, rasender, morbider und mit ausgefeilterem Songwriting als "Silence Endless". "Skull Baptism" (2010) hat einen abgerundeten, wuchtigen und klaren Sound, das Songwriting ist wesentlich intelligenter, und der Thrash Metal nimmt eine größere Rolle ein.

Die Produktion knallt ja wirklich ordentlich. Gitarren sind bestens zu vernehmen und die Drums klingen natürlich. Gehört ihr ebenfalls zur Trigger-Verabscheuer-Garde wie z.B. Endstille?
Warum man die Abscheu gegen Trigger dermaßen offensiv nach außen kehren muss, ist uns rätselhaft. Das soll doch jeder machen, wie er es für angebracht hält. Wir jedenfalls sind nicht hier, um anderen zu sagen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Jeder muss seinen eigenen Weg finden (Be Your Own God!). Es gibt sicher Fälle - sprich Heavy Metal oder technikfanatische Death Metal Bands - wo der Triggereinsatz vollkommen adäquat sein kann. Warum auch nicht?! Man sollte da offen für Neues sein und sich nicht von vorneherein gegen etwas verschliessen, nur weil man gewisse Vorbehalte hegt. Wir verzichten bei den Recordings weitestgehend auf Trigger, weil das Drumming menschlich, harmonisch und natürlich klingen soll - eben kein fader Drumcomputer. Wichtig ist, dass jeder Musiker seinen technischen Überbau erweitert und eigenen Stil entwickelt - der reift im Laufe der Zeit. Im Gegensatz zu den Vorgängeralben nutzten wir erstmals Click beim Aufnehmen, so dass "Skull Baptism" geradliniger, strukturierter und differenzierter klingt.
Die Gitarren sollten mehr Räumlichkeit und Schärfe erhalten, so überlagern sich bei "Skull Baptism" mehrere Gitarrenspuren. Mersus als Studiotechniker ist ein begnadeter Bastler, der über großes Know-How und Hintergrundwissen verfügt, sowie alle Energien mobilisierte, um das bestmögliche Resultat aus uns, dem Songmaterial und den Instrumenten herauszukitzeln. Wir tüftelten und ferkelten stundenlang am Sound der Gitarren. "Skull Baptism" unterscheidet sich hinsichtlich des Recordings von den ersten beiden Alben durch etwas mehr an Professionalität und Passion.

Ein Blick auf eure MySpace-Seite verrät, dass ihr euch im Social Network-Bereich eher bedeckt haltet. Sind solche Plattformen für euch eher ein "notwendiges Übel", um die Musik doch etwas mehr nach draußen zu tragen?
Dieses ganze i-Genetzwerke lehnen wir für unsere Bandarbeit grundsätzlich ab. Unsere MySpace-Seite nutzen wir ausschließlich für Audio-, Video- und Bildmaterial, nicht um mit anderen Menschen anzubändeln! Hier posten wir Konzertinfos, Flyer, Live- und Promobilder, Videoclips und Songs. Auch sehen wir nicht ein, warum wir viele Worte machen und beispielsweise eine Biografie einpflegen - geschweige denn uns als Personen vorstellen - sollten. In dieser Hinsicht gehen wir sehr bewusst sparsam mit Text um. Sprache ist limitiert und schränkt die Interpretationsmöglichkeiten mehr ein, als Bild und Ton. Glücklicherweise gibt es keinen stereotypen Internetuser, jeder nutzt dieses überaus spannende Medium auf seine eigene Weise. Das sollten die Produzenten, Kritiker, Fans, Lektoren, Herausgeber, Interviewer, Label- und Distro-Inhaber, Konzertveranstalter sowie Verschwörungstheoretiker akzeptieren und uns nicht auf die Nerven gehen, nur weil wir es als unnötig erachten, überflüssiges und gänzlich unwichtiges Detailwissen über uns selbst in die weite Welt zu blöken, unser Selbst ständig neu zu erfinden oder Schall und Rauch in der Internetseifenblase abzulassen. Ein Künstler muss sein Werk nicht erklären - und erst recht nicht alles zerdeklinieren was er tut.

Welche "kommerzielleren" Wege seid Ihr noch bereit zu gehen, um mehr Fans zu erreichen - sprich: Eventuell größere Labels oder Support für namhafte Black Metal-Bands?
Namhafte Black Metal Bands supportet man, weil man sie kennt oder eingeladen wird und nicht, weil man deren Label die Stiefel leckt.
Die Arbeit von Black Hate Productions geschieht zu unserer vollsten Zufriedenheit, wir stehen 100% loyal dahinter!
Das Metal Business ist teilweise voll zu Mainstream verkommen. Die Leute verkaufen ihre Arbeit gegen Geld und in den Mühlen der Metal Infrastruktur (Bands, eigene Proberäume, Musikläden, Konzerte und Festivals, Fanzines, Radiosender, Majorlabels, Webdesigner, Booking Agenturen, Internetfanzines, so genannte Internet-"Radios", sprich Internetcommunities, Chatrooms, Datenbanken und Foren, Distros, Stände, Geschäfte und Versand an Merchandising, organisierte Busreisen zu Festivals, Bars und Kneipen, Clubs und Diskotheken, Modeschöpfung und -konservierung, ...) wird alles homogenisiert und glatt gebügelt. Das Trend-Setting wird logistisch aufwändig verwaltet und professionell organisiert, da geht es um viel Arroganz, Machtgeilheit und Einflussschinderei. "Be Famous For A Day" könnte auf den Bannern geschrieben stehen. Seit "Ram It Down" wird nichts mehr in den Kanon der Klassiker emporgehoben. Da ist viel vom Spirit des Rock 'n' Roll verlorengegangen! Schade eigentlich! Da braucht man viel Courage, um diesen Geist zu bewahren!

Bereits 2007 habt ihr einen Live-Abstecher nach Brasilien gemacht und für das neue Album ist wieder eine Stippvisite dorthin geplant.
1. Bitte gebt uns ein kurzes Resümee über die vergangene Tour - speziell auch, wie das Ganze überhaupt zustande kam.
2. Da man euch dort nun kennt - was wird euch dieses Mal dort erwarten? Ist die Nachfrage nach Gräfensetin in Brasilien wirklich so groß?
Südamerika ist eine krasse Erfahrung. Eine ganz andere Metal-Kultur als in Europa. Viel intensiver, chaotischer, extremer, unorganisierter. Der Metal in Europa tendiert schon zu seiner Midlife-Krise.
Und auch Brasilien als Land ist ein einziges Extrem - zwischen Billigabsteige mit Kakerlakenbefall und Luxusbude mit eigenem Ferrari - alles erlebt!
Wir kamen über persönliche Beziehungen zu den beiden Tourneen und sind wohl in Brasilien nun leidlich bekannt (wohlgemerkt in der Black Metal-Szene - die "Szenetrennung" ist dort wesentlich radikaler als bei uns), haben uns allerdings wohl bisher zu wenig um die Verfügbarkeit von Gräfenstein-Devotionalien für die dortigen Maniacs gekümmert. Man kommt dort recht schwer an unsere CDs, LPs. usw.
Nun sind wir aber wieder zurückgekehrt aus Brasilien, jetzt kann es mit Konzerten hier in Europa weitergehen!
Es war wieder mal ein voller Erfolg. Der absolute Kick, der totale Exzess, das Chaos, die Erholung, Metal, viel Whiskey und eine Menge Rock 'n' Roll!


Das Interview führte Siegfried Wehkamp (per Mail).