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Interview: MISERY INDEX

Für ihr aktuelles Album "Heirs To Thievery" bekamen die Death-Grinder von MISERY INDEX durchweg erstklassige Kritiken. Dazu dann auch noch eine Double-Headliner-Tour mit dem schwedischen Todesblei-Urgestein Grave - das sind Gründe genug, um beim Gig in Hamburg vorbeizuschauen und mit Gitarrist/Sänger Mark Klöppel ein paar Worte zu wechseln.

Mark, das Package mit Arsis, The Last Felony, The Rotted und Grave als zweitem Headliner, mit denen ihr Abend für Abend tauscht - wer war für diese Zusammenstellung verantwortlich?
Das waren wir und auch Avocado Booking. Von denen kam auch der Vorschlag mit Grave. Ich höre ziemlich viel Grave, aber Jason (Netherton - Bass/Vocals) ist ein richtiger Old Schooler und meinte sofort: "Jaaa, das müssen wir machen!" Er kennt auch die Jungs von The Rotted und sowohl mit Arsis als auch mit The Last Felony haben wir in den Staaten schon getourt. Wir kennen uns untereinander schon gut.

Also schon fast eine Familien-Tour.
Ja, so ähnlich.

Thema "Familie": Man konnte bereits einigen Interviews entnehmen, dass der Weggang von Gitarrist Sparky Voyles immer noch ein schmerzliches Thema ist …
… nicht wirklich.

Nicht wirklich?
Also für mich nicht so. Ich sehe ihn eigentlich jeden Tag. Wir arbeiten zusammen als Security in der Otto Bar und wir reden immer noch viel über alte Touren. Ich glaube, das viele Touren war doch etwas zu viel. Er ist damit jetzt durch. Aber irgendwie wird er wieder einen Einstieg finden. Ich glaube, er hat schon wieder was am Laufen. Nicht, dass er mit allem fertig ist, eher dass er einfach bereit ist, Neues anzugehen.

Dann lass uns gleich in die Zukunft einsteigen. Wer ist der neue Mann an eurer zweiten Axt?
Das ist Darin Moris. Mit Adam (Jarvis - Misery Index-Drummer) und ihm spiele ich auch bei Criminal Element, wo auch Vince Matthews (ex-Dying Fetus) und Derek Boyer (Suffocation) mit von der Partie sind.

Passt sein musikalischer Background denn gut zum neuerdings etwas Death Metal-lastigerem Material von Misery Index?
Oh, er ist da ein ganz alter Hase - eher Mercyful Fate, King Diamond. Ich kenne ja seine Arbeit, die er bei Criminal Element macht und ich mag seine Art, Gitarre zu spielen. Es dürfte gut sein, jetzt jemanden in der Band zu haben, der richtig gefühlvolle Leads, aber auch mal ein catchy Riff raushauen kann.

Und ich dachte, das wäre bei "Heirs To Thievery" eh schon mehr der Fall. Kannst du erklären, warum das neue Material eine etwas offensichtlichere Death Metal-Kante besitzt?
Nö!

Nö?
Ist einfach so passiert. Ehrlich gesagt, kann ich diesen Unterschied gar nicht so erkennen.

Okay, so groß ist der Unterschied gegenüber "Traitors" nun auch nicht.
Es hat auf jeden Fall ein bisschen mehr Metal-Feeling, als Punk oder Grind in sich. Wenn man die nächsten Schritte macht, öffnet man irgendwie automatisch die Tür für andere Einflüsse. Wir haben für das Album gute zwei Monate im Studio verbracht und haben viel mit Drumbeats und Übergängen experimentiert.

Misery Index sind dafür bekannt, auf der textlichen Ebene Themen anzupacken, die den Menschen da draußen die Augen öffnen sollen, bezogen z.B. auf Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Diebstahl usw. - wenn ihr nun auf Tour geht, seid ihr dann doppelt so vorsichtig, wenn es um geschäftliche Dinge geht?
Wenn es ums Geschäft geht, lassen wir uns nichts vormachen. Wir unterschreiben nicht irgendwelchen Blödsinn. Wir umgeben uns eben nur mit Menschen, die genau so wie wir dafür arbeiten, dass eben beide Seiten ihren Profit an der Sache haben. Avocado Booking sind da echt cool. Wir haben bis jetzt nicht mal einen Vertrag unterschrieben. Und sie haben auch nie danach gefragt. Von Anfang an war das ein Handshake-Deal. Und sie machen wirklich gute Arbeit.

Gab es in den ganzen Interviews, die du über die Jahre hinweg gegeben hast, ein Thema, über das du gerne sprechen würdest, du aber nie gefragt worden bist?
Oh, da muss ich mal eben drüber nachdenken. Hast du sonst noch andere Fragen?

Eine wäre da wirklich noch. Nochmal bezogen auf eure kritischen Texte, in denen ihr Mißstände aufzeigt. Ganz im Ernst - kann die Welt eigentlich überhaupt noch gerettet werden?
Hat die Welt denn den Bedarf gerettet zu werden?

Wenn das mal nicht eine Antwort ist …
Wir haben einen ganzen Haufen Menschen auf diesem Planeten und seit dem Anbeginn der Menschheit war es doch nur organisiertes Chaos. Es hat keine Lösungen gegeben, die ein Problem wirklich vollends behoben haben, sondern immer nur temporäre Reparaturen, die einige Zeit halten. Und wenn die nicht mehr funktionieren, muss halt was Neues ausgedacht werden, damit etwas einige Zeit hält. Wie ein riesiges Experiment.
Was mich wirklich nervt, ist dieses ganze Meckern. Wir meckern über dies, wir meckern über das. Wenn wir die ganzen Probleme wirklich ernst nehmen würden, würden wir auch rausgehen und etwas tun. Aber nein, es wird eigentlich nur pausenlos gemeckert.
Aber im Endeffekt stellt sich doch wieder die Frage, ob die Welt wirklich der Rettung bedarf. Und kann man das überhaupt schaffen? Die Natur selbst hat doch eh schon ihre Wege, sich ihren Weg der Genesung zu suchen. Ich bin kein Wissenschaftler, und ich weiß, dass die Menschheit in ihrer Umgebung immer Spuren hinterlässt. Aber es gibt doch auch den natürlichen Klimawandel. Wie viele Eiszeiten hat es denn gegeben?!

Und an denen waren die Höhlenmenschen bestimmt nicht Schuld.
Genau! Die nächste Eiszeit wird bestimmt kommen, auch wenn wir die Hälfte aller Autos von den Straßen verbannen.

Ein sehr interessanter Aspekt …
Zum Abschluß muss ich einfach fragen: Mark Klöppel - du hast doch mit Sicherheit deutsche Vorfahren?!
Ja, habe ich. Aus dem Rheinland. Aber das ist eine ganze Weile her. Der letzte Vorfahre, von dem ich weiß, dass er noch in Deutschland lebte, geht zurück ins 17. Jahrhundert. Es sind aber auch noch ein paar Verbindungen nach Irland mit dabei.

Und über die ganze Zeit ist der Nachname so geblieben.
Nur die Sache mit der Aussprache wurde dann doch irgendwie angepasst, weil die Amis mit dem "oe" nicht so recht umzugehen wissen. Sowas wie "Schroeder" halt.


Das Interview Siegfried Wehkamp.
Hamburg, 03. November 2010