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Interview: UNDERTOW

Schwäbisch mal anders - das Power-Trio von UNDERTOW zog just mit den Death Metal-Shootingstars von Hackneyed durch die Lande. Ein sowohl musikalisch, als auch altersmäßig ungewöhnliches Package, welches aber bestens funktionierte. Beim Konzert in Bremen stand uns hierzu Bassist Thomas "UnderTom" Jentsch (Foto, rechts) Rede und Antwort.

Tom, erste Frage natürlich brandheiß: Was war passiert, dass die Konzerte in Hamburg und Braunschweig so kurzfristig abgesagt wurden?
Das fragen wir uns ehrlich gesagt auch. Wir haben die Tour ja sehr früh auf die Beine gestellt und waren uns am Anfang gar nicht so sicher, dass zwei so gegensätzliche Bands zusammen auf Tour gehen. Weil wir in der selben Gegend wohnen, wir uns schon kennen und uns schon immer gut verstanden haben, haben wir irgendwann gesagt: Lass uns mal zusammen touren. Denn es gibt eine Sache, die uns verbindet. Unser Schlagzeuger ist Lehrer und kann nur in den Ferien und bei den Hackneyeds gibt es auch noch ein paar Schulpflichtige, die auch nur in den Ferien touren können.
Und dann hat die Agentur von Hackneyed das Package rausgehauen und da kamen total schnell viele Rückmeldungen, wer alles Shows machen möchte und dass auch eine feste Gage anstatt prozentuale Anteile gezahlt werden würden. Ist doch geil. Und dann kam vor sechs oder sieben Tagen die Meldung von den Veranstaltern, die für beide Shows zuständig waren, dass die halt die Shows absagen, weil zu wenig Karten im Vorverkauf abgesetzt wurden. Die Tickets haben im Vorverkauf so 10 Euro gekostet - da hätte ich mir doch kein Ticket vorab geholt, sondern das kurzfristig entschieden und an der Abendkasse bezahlt. Selbst vor zwei Tagen in Frankfurt waren hundert Leute da und das unter der Woche für zwei relativ unbekannte Bands. Bei den beiden Absagen haben wir uns natürlich geärgert, weil wir in der Kürze halt keine Ersatzshows organisieren konnten.
Aber die Tour ist super gelaufen. Das ging in Köln ja schon mit 130 Leuten los.

Das Package hast du bereits angesprochen. Die meisten Agenturen buchen gerne verschiedene Bands, um mehr Leute zu den Gigs zu ziehen. Hat das auch so funktioniert? War das Publikum bis dato ausgewogen?
Funktioniert hat es. Zumindest wir hatten diesen Hintergedanken ja nicht. Wir waren sogar recht aufgeregt, wie die ersten Shows laufen würden. In Köln waren bei uns auch sofort ordentlich Leute vor der Bühne. Und es hat sich auch nie ein wirklicher Tagessieger herauskristallisiert, sondern es war für beide Bands immer cool.

Euer aktuelles Album "Don't Pray To The Ashes …" - auch wenn es schon ein bisschen her ist - war "Album des Monats" im Rock Hard. Das schallt doch immer noch gewaltig nach, oder?
Ja, das werde ich nie vergessen. Erst dachte ich wirklich, unser Label verarscht uns. Und richtig geglaubt habe ich es auch erst, als das Heft (Januar 2010) dann draußen war.

Hat sich denn aufgrund dieser Sache irgendwie die Nachfrage nach der Band geändert/gesteigert?
Es hat der Geschichte keinesfalls geschadet. Aber es ist auch schwierig zu sagen, was ohne dieses "Album des Monats"-Ding gewesen wäre - ob wir nun z.B. deswegen mehr CDs verkauft haben. Wobei wir aber wirklich mehr verkauft haben, als vom Vorgänger und das ist in der heutigen Zeit eh schon selten, ein vorheriges Album zu toppen.

Aber euer Qualitätslevel hat sich ja auch im Laufe der Jahre immer mehr gesteigert, oder nicht?
Nun, uns gibt es ja auch schon seit 17 jahren - im November 1993 haben wir uns gegründet. Und auf jeden Fall werden wir uns über die Jahre entwickelt haben und die Qualität wird sich auch verändert haben, aber wir haben jetzt nicht den Eindruck, dass wir groß was anders gemacht haben. Der Unterschied zwischen "Milgram" (2006) und "Don't Pray To The Ashes …" ist jetzt nicht so immens.

Klingt auf jeden Fall, wie der nächste logische Schritt. Aber die Zeit davor - da sind die Unterschiede doch schon etwas spürbarer.
Das mag schon sein. Wir hatten ja auch vor sechs Jahren einen Wechsel am Schlagzeug, da hat sich für mich viel verändert.

Wahrscheinlich von der Dynamik her.
Ja, er spielt auf jeden Fall auf eine ganz andere Art, als sein Vorgänger, der aber auch ein super tighter Drummer ist, aber eher mehr auf Vollgas ausgerichtet ist und Rainer mehr auf den Groove.

Stand eigentlich jemals in den bisherigen 17 Jahren eine zweite Gitarre zur Debatte?
Immer mal wieder. Am Anfang hatten wir sogar einen zweiten Gitarristen, in dem Jahr vor unserer ersten Show. Doch der ist dann nach Augsburg gezogen, was so gut anderthalb Stunden von uns weg ist, hat studiert, ist relativ schnell Vater geworden und wollte eigentlich auch nie live spielen. So sind wir dann anfangs halt zu dritt aufgetreten und das hat auch funktioniert. Und dann kamen ziemlich schnell Rückmeldungen wie "Mensch, ihr macht so einen Krach und seid nur zu dritt!".

Das hat gerade in der Live-Situation dann ein richtiges Rock-Feeling, so dass der Bass dann bei den Solos richtig pumpen kann.
Da musst du bei uns aber auf die Solos warten.
Durch diese Umbesetzungen wurde schnell klar, dass derjenige auch als Mensch zu uns passen sollte. Gerade in Sachen Humor und so. Und das wäre für einen weiteren Gitarristen schon schwer gewesen, da reinzukommen.
Wir haben jetzt einfach eine coole demokratische Struktur. Bei uns gibt es nur eindeutige Entscheidungen. Es ist mehr Bier für alle da, wir können gut in einem Auto fahren, wenn wir die Backline von anderen Bands benutzen dürfen. Es hat einfach Vorteile. Auf der anderen Seite höre ich Bands mit zwei Gitarren, wo ich weiß, das können wir nie machen. Da überlegen wir auch im Studio, ob wir da etwas groß mit vielen Gitarren anlegen, wo den Leuten live wahrscheinlich was fehlen wird.

Wenn man bei Undertow forscht, fällt immer der Terminus "die deutschen Crowbar" auf - eines der größten Komplimente überhaupt.
Wir sind ja auch selbst dran schuld.

Ist man es trotzdem irgendwann mal leid? Denn eigentlich seid ihr dieser Beschreibung doch schon längst entwachsen und entsprechend erwachsen geworden.
Wir lieben die Band, wir waren mir ihr auf Tour, Kirk Windstein hat auf einem Album von uns gesungen ("Unite" von 2002), und wenn die irgendwo spielen, sind wir dabei. Das Einzige, was ich uncool finde, dass ich das Gefühl habe, wenn die Leute ein Review schreiben und in der Bandinfo was von einer Tour mit Crowbar oder so lesen, dann googeln sie vielleicht noch ein altes Review dazu und schon steht ein Drittel ihres Reviews, bevor sie die Scheibe überhaupt gehört haben. Schublade auf und Zack! Wie du sagtest, musikalisch passt es wirklich nicht mehr so und passte eigentlich noch nie zu hundert Prozent. Dann kommt aber auch noch die ähnliche Erscheinung der Sänger dazu …
(sorry, wenn ich ins Wort falle) … und noch der Gitarrensound.
Ja, sicher.
Ich weiß noch, die erste Show, die wir mit Crowbar gespielt haben, war in Halle. Wir haben als Opener unser Zeug aufgebaut und wussten, Crowbar sind schon im Backstage-Raum. Und als wir gespielt haben, standen Crowbar komplett vor der Bühne und sind auch nicht wieder weggegangen. Nach unserer Show ist deren Tourmanager zu uns gekommen und meinte "Kirk hat gefragt, ob euer Sänger heute Abend Bock hätte, einen Song mit im zu singen?!".
Wow!
Und er sagte: "Das hat er übrigens noch nie jemanden gefragt!"
Und immer wenn wir dann irgendwo zusammen gespielt haben, jeden Abend hat Joschie mit Kirk auf der Bühne "Planets Collide" gesungen.
Doppel-Wow!
An dem Abend hat er ihn angesagt als "My Long Lost Brother From Germany!"

Um das jetzt vernünftig abzurunden - dein Lieblingssong von Crowbar?
"Planets Collide" ist schon ein sehr, sehr großer Song. Ich mag auch "December's Spawn". Und natürlich die Led Zeppelin-Coverversion "No Quarter" finde ich sehr, sehr geil. Aber … es gibt stärkere und schwächere Alben - aber richtig schlechte Songs eigentlich nicht.

Wer schreibt bei euch eigentlich die doch sehr persönlichen Texte?
Beim aktuellen Album sind das Joschie und ich zu gleichen Teilen. Bei "Milgram" habe ich so 70 Prozent geschrieben. Ich finde es immer sehr lustig, wenn Bands sagen, erst haben wir den Text gemacht und dann den Song dazu gebaut. Bei uns funktioniert das genau anders herum. Joschie kommt mit irgendeinem Riff an und wir kauen da dann ordentlich drauf rum. Er hat meistens den Löwenanteil an den Songs und während der Proben singt er dann schon so im Fantasie-Englisch irgendwelche Texte dazu. Und da haben wir noch einen uralten Kassettenrekorder, wo wir das alle aufnehmen. Und wenn der Joschie den Text dann zu kompliziert findet - wegen der Silbenanzahl und so - dann darf ich den Text machen.

Was mag dann der Albumtitel "Don't Pray To The Ashes … (… Pass On The Flame)" für eine Anspielung sein? Die Vergangenheit endlich ruhen lassen? Vielleicht eine Bandeinstellung?
Das klingt auch ganz cool. Ursprünglich kommt das Zitat von Gustav Mahler und wird derzeit in irgendeinem Werbespot verwendet. "Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche." Und im Metal-Bereich gibt es ja schon gewisse Leute, die gewisse Scheuklappen haben. Der Begriff "True Metal" sagt da ja schon einiges. Und unser Problem ist, dass wir halt immer zwischen den Stühlen sitzen. Wir haben halt von Doom bis Thrash alles in unserem Set drin. Und das geht halt für einige Leute nicht.
Wir hatten halt nie einen Masterplan, dass wir sagen, wir machen jetzt Power Metal und brauchen mehr Soli, wir brauchen jetzt einen Plattenvertrag, wir müssen auf dem oder dem Festival spielen. Es kam halt einfach so. Aber das Vergangene ruhen lassen, stimmt ja auch. Wir hatten den Labelwechsel und trotzdem geht alles weiter.

Immer schön nach vorne sehen.
Auch wenn die Musik streckenweise schon arg melancholisch ist, sind wir abseits dessen schon eher die Spaß-Kolonne.

Gab es in den ganzen Jahren mit den unzähligen Interviews mal ein Thema, wozu man dich nie befragt hat, du es aber gerne angesprochen hättest?
Die Frage stelle ich auch immer gerne, wenn ich Interviews mache. Es gibt natürlich Interviews, wo man die Fragen schon kennt, weil man sie schon tausend Mal beantwortet hat und man da einfach so durchrauscht. Ich mache ja selbst noch ein bisschen Musikjournalismus nebenbei und finde es immer wieder interessant, dass man in den Gesprächen auf Sachen gebracht wird, auf die man selber vielleicht nicht gekommen wäre - siehe Interpretation vom Album-Titel.
Aber nein, es gibt eigentlich keine Frage, die du mir jetzt unbedingt stellen müsstest, damit ich sie endlich beantworten kann.

Dann verrat uns noch schnell, mit welcher Band du am liebsten mal auf Tour gehen würdest? Crowbar hatten wir ja schon.
Machine Head wären schon geil!


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Bremen, 05. November 2010