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Interview: WAR FROM A HARLOTS MOUTH

Vorletzter Tag der "They Come In Shoals"-Tour von WAR FROM A HARLOTS MOUTH. Gitarrist Simon (Foto, 2. von rechts) stand Rede und Antwort.

Eure Tour ist ja morgen zu Ende. Ihr habt dann in 30 Tagen 30 Konzerte in elf Ländern gespielt. Wie steht man sowas konditionell durch, wenn man jeden Abend 100% auf der Bühen geben muss?
Nun war es gerade auf dieser Tour so, dass da wirklich viele enorm lange Fahrten dabei gewesen sind. Auch ungeplante lange Fahrten, wie z.B. Dortmund - London. Wir hatten da in Bochum geschlafen und dann gab es morgens Blitzeis auf den Strassen und wir haben für die ersten 80 km drei Stunden gebraucht. Dann hat sich vor uns noch ein LKW quer gestellt, die Heizung im Van war kaputt, es waren also Null Grad im Van und wir haben dann letztendlich 13 Stunden nach London gebraucht. Und solche Sachen sind uns öfter passiert. Da ist es dann natürlich schwer, noch wirklich 100% an Reserven auf die Bühne mitzunehmen, wenn man quasi unterkühlt aus dem Van fällt, alle krank sind und man direkt auf die Bühne muss, aber man versucht es halt immer wieder und eigentlich bin auch immer wieder überrascht, wie gut das dann doch geht. Es gab bisher wenige Shows auf der Tour, wo ich wirklich komplett am Limit war. Es sind eigentlich immer noch restliche Energien da und vielleicht pusht dann auch die Adrenalinausschüttung noch ein bisschen. Aber ich würde sagen, die jetzige Tour war echt anstrengender, als alle anderen. Wir haben auch schon vergleichbar lange Touren gehabt, aber dieses Mal gab es echt ein paar, ich will mal sagen, rauhe Umstände. Aber da muss man halt durch.

Gibt es rückblickend irgendein besonders interessantes - positives oder negatives - Erlebnis oder einen Vorfall im Rahmen der Tour?
Sowas gibt's immer und diesmal überwiegen leider eher die negativen Sachen, wo wirklich alles schiefgelaufen ist, aber das sind ja nun auch die Sachen, die im Nachhinein immer am interessantesten sind. Wir haben z.B. in Belgien ein Konzert gespielt und der Veranstalter dort hat sowas ganz offensichtlich zum ersten Mal gemacht, also so eine größere Veranstaltung. Er hat das dort in so einem Gemeindezentrum gemacht, was völlig überdimensioniert war. Dann hatte er für die Übernachtung keine Schlafplätze, obwohl die von ihm zugesagt waren - es gab keine Matratzen, gar nichts. Er ist davon ausgegangen, dass wir uns auf den Fliesenboden legen und da dann schlafen. Keine Ahnung, wie er zu Hause schläft, aber das war schon echt heftig. Dann gab's als Essen erst mal nur so zwei kleine Tabletts mit Milchbrötchen, die natürlich während eines einzigen Augenblinzlers bereits weg waren. Das kannst du dir bei 24 hungrigen und übermüdeten Leuten ja sicherlich vorstellen. Dann war die PA viel zu klein, die er da angemietet hatte. Die war mehr so auf Kindergeburtstags-Niveau ausgerichtet. Da ist also echt alles komplett in die Hose gegangen. Naja, und wir haben dann da in diesem Zentrum teilweise echt auf dem Fliesenboden geschlafen. Ich selber habe auf der Bühne geschlafen, andere haben gar nicht geschlafen, weil sie das einfach nicht konnten und die sind dann die Nacht über wach geblieben. Und zu allem Überfluss wurden wir dann morgens um 7.30 Uhr auch noch rausgeschmissen und die Mutter des Veranstalters hat uns dann noch angenörgelt, weil wir so unfreundlich zu ihrem Sohn gewesen wären, dass ja sowieso immer nur die Deutschen Ärger machen würden und da ist mir dann echt fast noch der Kragen geplatzt. Aber ansonsten gab es natürlich auch viele schöne Momente.

Sieht man eigentlich irgendwas von den Städten, in denen man gerade ist?
Nicht unbedingt auf dieser Tour, aber ansonsten schon. In Rom sind ein paar von uns direkt vom Club aus ins Taxi gesprungen und sind zum Colosseum gefahren, aber ich hab mir den Stress nicht gegeben, weil ich dieses "Turbo-Sight-Seeing" nicht leiden kann, aber in der Regel bekommt man auf einer Tour schon was zu sehen. Diesmal war es halt weniger, aber in vielen Städten waren wir ohnehin auch schon.

Nach dieser Tour nehmt ihr im Studio ein paar Songs für eine Split-EP auf. Das scheint ja gerade in dieser Szene eine recht beliebte und gängige Sache zu sein. Was ist denn der Grundgedanke bzw. der Vorteil an diesen Split-EPs?
Also meistens ist das so, dass man das bevorzugt zusammen mit Bands macht, die man mag und mit denen man befreundet ist. Man erreicht mit sowas halt immer noch ein paar mehr Leute, also die Fans der anderen Band eben. Und wir sind ja nun auch eine Band, die - wenngleich auch vermutlich wohl eher im kleineren Rahmen - immer wieder versucht, sich neu zu erfinden, immer mal was Neues ausprobiert und gerade solche Split-Geschichten sind immer eine gute Möglichkeit, um mal etwas Anderes zu machen, was man sonst macht - und das ist eben so der Reiz an der Sache.

Nun könnte man ja die Songs von diesen Split-EPs theoretisch auch zu einem Album zusammenfassen. Macht sowas Sinn, oder sind diese Songs dann doch eher so die klassischen B-Seiten?
Ich würde das nicht unbedingt B-Seiten nennen, aber die Songs, die wir jetzt für die neue Split-EP geschrieben haben, würden auf jeden Fall musikalisch nicht aufs neue Album passen, an dem wir ja auch schon schreiben. Wir hatten einfach mal Lust, uns in der Richtung nochmal auszutoben. Von daher war diese neue Split-EP eine willkommene Möglichkeit. Und wie das dann genau aussieht - da kann man sich dann überraschen lassen.

Das neue Album wurde schon kurz erwähnt. Wie sieht es da genau aus?
Wir werden so im Mai/Juni aufnehmen und dann hatten wir als Veröffentlichung den Oktober angepeilt.

Auf eurer MySpace-Seite habt ihr euch etwas negativ darüber geäußert, dass viele Bands ihre Fans u.a. bei Twitter mit "Spam" zumüllen, der als "News" getarnt ist. Seht ihr diese Internetplattformen generell eher etwas kritisch?
Also generell sind diese Plattformen natürlich schon praktisch. Wir benutzen die ja auch, zumindest teilweise, aber auch bei MySpace halten wir uns mittlerweile eher ein bisschen zurück. Mich stört es halt, dass es diesen Overkill an vermeidlichen Informationen gibt, die teilweise echt komplett sinnlos sind. Es bedient sich ja nahezu jede Band dieser vier oder fünf gängigen Plattformen, dann gibt's überall die gleichen "News" und man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Das stört mich einfach und da habe ich persönlich als Musikfan auch gar nicht mehr den Nerv, mir das alles reinzuziehen, weil das die reinste Reizüberflutung ist.

Kommen wir mal zu euren Anfängen. Als ihr euch Ende 2005 gegründet habt, war das ja eher als Spaßprojekt gedacht. War das jemals abzusehen, in welche Richtung das mal läuft und welche Ausmaße das annimmt, bzw. war das vielleicht sogar - soweit überhaupt möglich - "geplant", wo es mal hingehen soll?
Ich bin die Musik eigentlich nie von der Seite angegangen, dass ich ein bestimmtes Ziel hatte. Man kann sich ja auch nicht vornehmen, dass eine Band irgendwann mal ein bestimmtes Level erreicht. Eigentlich war die Intention nur, einfach die Musik zu machen, die wir in unseren anderen Bands nicht machen konnten, uns ein bisschen auszutoben und das zu machen, worauf wir Lust hatten. Die maximale Intention war, mal zu schauen, ob wir dann vielleicht auch mal ein Konzert spielen können. Und dann hat sich doch irgendwie alles anders ergeben, wir wurden wirklich gut angenommen und über diese Entwicklung bin ich dann natürlich schon sehr glücklich. Unsere Priorität war halt schon immer, sich mit der Musik auseinanderzusetzen und sich nicht irgendwelche Ziele zu stecken. Also einfach mitnehmen, was kommt, und zu schauen, was das mit sich bringt.

Das Interessante bei euch ist ja sicherlich auch die Mischung der unterschiedlichen Musikstile. Von Hardcore über Death Metal bis hin zu Jazz. Welches sind da konkret die Bands, die euch musikalisch beeinflussen?
Da gibt's sicherlich so ein paar Klassiker-Bands, wo ich sagen würde, die haben den Sound, den wir spielen irgendwo mitbegründet. Dillinger Escape Plan, Converge - im Bereich Metal haben Meshuggah unseren Drummer sicherlich beeinflusst und ansonsten vielleicht noch ein paar technische Death Metal Sachen wie Suffocation oder Cannibal Corpse, aber generell hören wir eh alle viel verschiedene Musik, die uns dann auch beeinflusst. Ich selber habe jetzt auf der Tour vielleicht zwei oder drei Metal-Scheiben auf meinem iPod gehört und ansonsten nur Nine Inch Nails oder sowas. Ich denke mal, die Mitbegründer dieses - ich nenne es mal - "chaotischen" Sounds, irgendwo zwischen Hardcore und Metal, wie eben Dillinger Escape Plan, sind sicherlich Bands, die auch immer noch einen indirekten Einfluss auf uns haben.

Und diese Vielfalt an Einflüssen macht es nun auch etwas schwierig, euch in eine bestimmte Schublade zu stecken.
Und das finde ich gut, denn so müssen sich die Leute mit uns auch wirklich auseinandersetzen, können uns eben nicht gleich in eine bestimmte Schublade stecken und damit ist die Sache dann abgehakt. Und wir machen das ja eigentlich auch erst mal alles für uns selber, also so wie der Ursprungsgedanke auch mal war, der ja immer noch vorhanden ist. Also das zu machen, worauf man musikalisch eben Lust hat. Und da lassen wir dann auch äußere Meinungen nicht so wirklich nahe an uns heran treten. Es muss nicht jedem gefallen und es muss auch nicht jeder scheiße finden. Was um uns herum passiert, bekommen wir zwar mit, aber mehr auch nicht.

Man stolpert bei euch häufiger über die Aussage "there is no hope", sei es in Songtexten oder auch auf eurer Homepage. Ist das sowas wie ein Leitfaden, was z.B. auch eure Texte angeht, also dieses Negative und Pessimistische?
Ja, das passt schon ganz gut. Gerade auf der letzten Platte hatten wir so eine politisch angehauchte und kritische Perspektive. Also einfach Sachen, die in der Weltgeschichte passiert sind und mit denen wir uns in den letzten Jahren auseinander gesetzt haben, insbesondere mit dem Thema Überwachungsstaat. Das ist zwar nun auch nichts wirklich Neues im Hardcore-Kontext, aber das ist natürlich auch ein Thema, das nie an Aktualität verliert. Und deswegen passt diese Phrase "there is no hope" auch ganz gut, weil man sich eben ein bisschen hilflos gegenüber der Staatsgewalt fühlt und weil man irgendwie auch nicht wirklich merkt, dass in dieser Demokratie die Stimme des Einzelnen bzw. des Volkes repräsentiert wird, weil im Endeffekt die lange Hand eh macht, was sie will. Und ich denke mal, dass daher diese pessimistische Grundeinstellung herkommt … wobei ich aber auch gar nicht mal von pessimistisch sprechen würde, sondern eher von realistisch. Das ist zwar jetzt nun nicht gerade eine positive Weltanschauung, aber es ist auch schwierig, immer eine positive Weltanschauung zu haben, wenn man sich einfach mal umschaut, was so abgeht.

Wie läuft das Songwriting bei euch ab? Du schreibst ja mit Nico (Sänger) die Texte - wie fügt sich da die Musik ein?
Genau, Nico und ich machen die Texte. Wir arbeiten teilweise auch alleine, treffen uns dann und arbeiten das dann zusammen aus. Bei der Musik ist es so, dass ich viele Riffs zu Hause schreibe, die dann mit in den Proberaum nehme, die anderen haben dann auch irgendwelche Ideen und Sachen zu Hause gemacht und das wird dann meistens irgendwie kombiniert.

Auf eurer aktuellen Scheibe ist ein Song drauf, der "Scully" heißt und im Text heißt es auch "I just want to believe". Das klingt verdächtig nach "Akte X" …
Ja, wir sind halt alle ziemlich große "Axte X"-Fans, und wir haben ja auch schon mal einen Song gemacht, der "Mulder" heißt und deswegen dachten wir uns, machen wir sowas halt nochmal. Und der Text ist witzigerweise auch an das Verhältnis zwischen Mulder und Scully angelehnt, bzw. generell an diese zwischenmenschlichen Verhältnisse.

Es wurde vermutlich schon häufiger gefragt, aber wie seid ihr damals auf den Bandnamen gekommen?
Als wir angefangen haben, war das ja - wie gesagt - mehr als Spaßprojekt gedacht. Aber es gibt auch durchaus eine Bedeutung, die hinter dem Namen steckt. Ich habe damals eine möglichst komplizierte Beschreibung für eine Lüge bzw. eine lügende Person gesucht, also quasi "der Krieg aus dem Mund", die Lüge sozusagen. Und "harlot" steht für eine beliebige Person, wobei man das jetzt auch ganz gut in den Kontext setzten kann, denn "harlot" ist ja ein etwas altertümliches Wort für eine Prostituierte und eine Prostituierte lügt ja insofern auch, als dass sie einem die Liebe nur vorspielt.

Wir sehen neben dem neuen Album die Pläne für dieses Jahr aus?
Wir spielen ein paar Festivals. Wir sind auf dem With Full Force wieder mit dabei, das wird sehr cool, da freue ich mich schon drauf. Auf dem Summer Breeze haben wir vor Jahren auch schon mal gespielt, da sind wir jetzt auch wieder mit dabei. Dann sind wir beim Summerblast, da waren wir auch schon letztes Jahr und das war auch sehr fett, und dann das Sucks'n'Summer, da ist dieses Jahr ein richtig cooles Line-Up. Das sind so die größeren Festivals, auf denen wir spielen, ansonsten werden wir Ende des Jahres wohl nochmal eine etwas größere Tour fahren, aber nicht als Headliner, sondern als Support.

Ist da in Sachen Bands schon was spruchreif?
Nein, da kann man noch nicht viel zu sagen. Das ist gerade in der Entstehung, und ich denke mal, in den nächsten paar Wochen wird sich das dann festigen.


Das Interview führte Marco Zimmer.
Bremen, 05. März 2010