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Interview: DEVIN TOWNSEND

"Ihr habt 15 Minuten." So der Tourmanager, als wir durch die eiskalten Backstage-Irrwege des Hamburger Grünspan laufen. Klar, der Meister muss sich auf seine Show vorbereiten. Doch DEVIN TOWNSEND ist die Ruhe selbst und beantwortet alle Fragen mit Bedacht und einer ordentlichen Portion Lebenserfahrung, die er bereits jetzt schon hat.

Devin, du stimmst mir mit Sicherheit zu, dass es wohl offensichtlich war, dass du irgendwann wieder auf die Bühne zurückkehrst?!
Absolut!

Hast du es vermisst?
Ich habe es vermisst. Es hat aber ein paar Jahre gebraucht, um zu realisieren, dass ich es vermisst habe. Es gab da eine Art Leere, die gefüllt wurde hauptsächlich von Essen. So habe ich erst mal gar nicht gemerkt, welch großer Teil meines Lebens das live Auftreten ist. Ich muss aber dazu sagen, ich habe auch mit dem Rauchen und Trinken aufgehört und da habe ich erst recht gemerkt, welche Befreiung die Bühne für mich ist. Vorher haben eben diese anderen Dinge die "Befreiung" dargestellt. Jetzt kann ich auf der Bühne diese Energie richtig freisetzen.

Von all deinen stilistisch wirklich extrem breit gefächerten Veröffentlichungen, die wir über die Jahre genießen durften, wie hast du es da geschafft, die richtigen Songs für die Tour zusammenzustellen?
Das ist schon ein lustiges Thema, denn mit 20 Scheiben wirst du niemals alle glücklich machen können. Ob nun der etwas obskure Stoff oder doch lieber die kommerziellen Sachen oder die richtig harten Songs. Der einzige Weg, um diese Entscheidung zu fällen, ist hier und da einfach neue Songs auszuprobieren und die Reaktionen der Fans abzuwarten.

Ändert ihr die Setlist auch während der Tour?
Ja, machen wir. Da wir jetzt aber auch noch die Visualisierung dazu haben, ist das natürlich etwas schwieriger. Daher habe ich speziell die Songs ausgewählt, die sich live bereits bewährt haben.

Ein kleiner Abstecher zum aktuellen Album "Addicted" - wieder ein wunderschönes Meisterwerk im Devin Townsend-Universum …
Danke!
… mit einer speziellen Zutat - einer gleichberechtigt eingesetzten weiblichen Stimme: ex-The Gathering Sängerin Anneke van Giersbergen. Wie habt ihr euch kennengelernt?
Sie hat mir eine Mail geschickt, während ich an der Platte gearbeitet habe. Darin war ein Video, wo sie einen meiner Songs performte. Das kam völlig überraschend und war einfach ein Wink des Schicksals.

Hat sie nur nach Deinen Vorgaben gesungen oder waren von ihr auch einige Ideen dabei?
Ich glaube, es waren alles meine. Bis auf ein paar Kleinigkeiten - so wie das improvisierte Ende von "Hyperdrive!".

Danke, für die Überleitung: "Hyperdrive" war ja bereits auf dem "Ziltoid"-Album das Highlight schlechthin. Wieso also nochmal aufnehmen?
Ich habe sie den Song singen gehört und mir gefiel das wirklich gut. Ich wollte es einfach noch mal als fertiges Endprodukt hören. Das soll auch nicht respektlos dem Original gegenüber sein.

Es stehen für dieses Jahr noch zwei Devin Townsend Veröffentlichungen an - "Deconstruction" und "Ghost. Wenn "Ki" ein "verzweifeltes, trotzdem friedfertiges Verlangen ist, um den Geist einfach mal aus dieser verrückten Welt auszublenden" ist, und "Addicted" ist dagegen "pure Freude, doch immer noch mit einem leicht melancholischen, fast verletzlichen Touch" - was sind dann die anderen beiden?
"Deconstruction" würde dann ein Exorzismus sein. Es geht um die Konfrontation mit den Ängsten, mit meinen Ängsten, mit Aspekten aus meiner Vergangenheit, von denen ich dachte, dass ich nicht mit ihnen umgehen könnte. Ich bin in diese Sache so eingetaucht und habe entschieden, daraus eben diese harschen, musikalischen Statements zu machen und auf der anderen Seite wieder gesund dabei herauszukommen. Es war fast so, als hätte ich dies alles eingeladen.
"Ghost" ist eine wirklich schöne CD. Ich glaube, schöner als alles andere, was ich bisher gemacht habe. Es ist aber nicht auf so einem trügerischen Level, wo alles einfach nur schön und toll ist. Es ist eher sehr neutral. Alle vier Scheiben zusammen werden quasi neutral beendet. Ich finde, es ist gefährlich zu sagen "die Welt ist einfach ein Stück Scheiße" oder "die Welt ist wundervoll und niemals passiert irgendwas Schlimmes". Beides ist gefährlich, weil es dazu noch eine Realität gibt. Aber es geht darum, für welchen Blickwinkel man sich entscheidet. Und "Ghost" übernimmt die Position, wo man am Ende sagt, alles ist so wie es ist. Alles ist gut, aber nur weil ich mich entscheide, es so zu sehen.

Nervt es dich nicht manchmal, so viele Ideen in deinem Kopf zu haben?
(er wirkt sichtlich amüsiert) Ich glaube, das Einzige was nervt, ist, dass ich nicht die Zeit und Energie habe, sie alle angemessen umzusetzen. Ich neige ja dazu, sehr produktiv zu sein. Aber mit kleinen Budgets und verdammt wenig Schlaf. Und dann alles umzusetzen, kostet wirklich immer viel Kraft.

Was mich zu einer anderen Sache führt. Hat Devin Townsend eine weibliche Seite? Ich denke da speziell an Multi-Tasking.
Ich denke, ich habe eine weibliche Seite, aber nur in den Grenzen einer männlichen Aktivität. Also, wenn ich eine Platte aufnehme, kann ich innerhalb dieser Aktivität viele andere Sachen gleichzeitig machen. Wenn ich aber während dessen z.B. noch die Wäsche machen soll, dann wird es wieder haarig.

Ich werde nie die Worte von Jed Simon (ex-Strapping Young Lad-Gitarrist, auch Zimmers Hole und Tenet) vergessen, der einmal sagte: "Ich kapiere nicht, wie Devin in der Lage ist zu singen und diese irren Gitarren-Licks spielen kann, beim Strapping-Song "Wrong side". (ich übrigens auch nicht).
Siehst du? Das ist alles in einer Sache. Gitarre spielen und Fernsehen schauen … oh warte, das kriege ich auch noch hin. Aber Gitarre spielen und einem Gespräch folgen - das funktioniert nicht.

Ich gebe dir ein paar Schlagwörter und du gibst bitte ganz spontane Antworten. Bleiben wir gleich beim aktuellen Album.

Sucht, Abhängigkeit.
Ich denke, Abhängigkeit ist ein menschlicher Organismus, der auf die Tatsache reagiert, dass wir uns in einer Umgebung aufhalten, die für uns nicht natürlich ist. Ich finde, es gibt zu viele Menschen, Städte sind unnatürlich, viele Arten der Elektrizität sind unnatürlich. Ich hasse es, so nörgelig darüber zu sein. Aber Menschen neigen dazu, Sachen zu wollen, um eine Leere zu füllen, die in meinen Augen gar nicht da ist, wenn wir nicht mit diesen ganzen gesellschaftlichen Dingen bombardiert würden.

Freiheit.
Freiheit ist eine Wahl. Du kannst auch frei sein, wenn du dich in einer sklavenähnlichen Umgebung befindet, ganz einfach nur deswegen, weil du nicht einknickst. Das passt auch gut zusammen. Wenn du dich keiner Abhängigkeit hingibst, bist du quasi frei, um einfach alle zu tun.

Ein Kind zu sein.
Das ist eine zweifelhafte Ehre. Auf der einen Seite hat man noch keine voreingenommenen Meinungen. Die Menschheit ist schon ziemlich böse. Und Kinder sind noch sehr unschuldig und haben an sich ja noch nicht den Drang zu zerstören oder zu verletzen. Und auf einmal sollen sie das alles lernen - und wenn auch nur als Selbstschutzmechanismus. Es ist, als wenn man sein ganzes Leben lang wieder aufs Neue geboren wird.

Ein Erwachsener zu sein.
Ich kann nicht sagen, dass das schlecht ist. Ein Erwachsener zu sein, ist zu lernen, wann man "nein" sagen muss. Du passt auf deine eigenen Dinge auf, achtest auf dein Geld, deine Kinder - da muss man einfach lernen, seinen Fuß auf den Boden zu setzen und effektiv sein Leben beisammen halten. Auch wenn es manchmal schöner wäre, noch mal mit irgendwelchen Spielsachen zu spielen.

Gibt es abschließend ein Thema, zu dem du noch nie gefragt wurdest, du aber gerne drüber gesprochen hättest?
(er grübelt ein paar Sekunden länger) Hm, ich denke nicht mehr so viel, wie vor fünf Jahren oder so. Gut, vieles hat auch damit zu tun, dass ich kein Gras mehr rauche. Ich genieße es, Dinge auf eine Art zu genießen, wie ich es vorher nie getan habe. Darum geht es auch bei "Deconstruction". Ob nun die Suche nach Gott oder nach Satan oder all die Metaphern, alles endet in der Tatsache, dass es nichts anderes gibt, als das, was du dir selbst erschaffst. Es ist einfach. Auf einem anderen Level habe ich früher auch immer nach einer anderen Motivation gesucht. Irgendwann habe ich mich im Kreis gedreht, dabei viel Zeit vergeudet und einige schöne Dinge verpasst. So wie die "Cheeseburger"-Sache in "Deconstruction". Der Charakter verbringt so viel Zeit damit, herauszufinden, was er sich da anschaut, bis er dann merkt, dass es ja ein Cheeseburger ist und feststellt, dass er den ja gar nicht essen kann, weil er Vegetarier ist. Dieser ganze Prozess basiert für mich sehr stark auf Arroganz - als wenn diese Suche nach der Antwort so wichtig wäre.
(klopf, klopf - der Tourmanager ist pünktlich auf die Sekunde und gibt uns gnädigerweise noch eine Minute)
Ich genieße es, an Dingen teilzunehmen, ohne darüber nachzudenken. Das macht es mir viel einfacher, neue Dinge zu erschaffen. Diese beiden Album "Ghost" und "Deconstruction" sind so entstanden - ohne darüber nachzudenken.

Die letzten beiden doch wohl auch.
Ja, schon. Bei "Ki" habe ich schon ein bisschen nachgedacht.
"Deconstruction" ist so chaotisch und so wahllos, da werden sich einige Leute die Zähne dran ausbeißen. Aber so eine Scheibe hätte ich nie auf die Reihe bekommen, wenn ich darüber nachgedacht hätte.
Da war mal ein Gitarrenmagazin, welches eines meiner Riffs analysiert und abgedruckt hat. Ich habe mir das dann geschnappt und versucht das nachzuspielen - und es hat nicht funktioniert! Aber wenn ich es einfach nur spiele, dann läuft das auch.

Einen noch bitte. Ein einfach "Ja" oder "Nein" reicht schon aus. Es wird in Zukunft definitiv noch mehr Musik von Devin Townsend geben?!
Oh Gott. Klar doch! Ich habe noch Tonnen an Material! Diese vier Scheiben sind nur das Ende vom Anfang.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Hamburg, 09. März 2011