Impressum Startseite
Reviews Interviews Live Specials Jobs

Interview: GAMMA RAY

Ostermontag in Bremen. Vor dem heutigen Konzert im Tivoli treffe ich mich backstage mit Gamma Ray-Gitarrist Henjo Richter auf ein Bier zu einem gemütlichen Gespräch.

Heute ist das erste Konzert der "Skeletons & Majesties"-Tour. Ist man da trotz aller Live-Erfahrungen und Routine immer noch ein bisschen nervös, weil diese Tour ja doch etwas Anderes ist?
Oh ja, genau deswegen! Es ist ja so, dass Daniel (Drummer) und ich einige der Songs damals gar nicht eingespielt haben, weil die vor unserer Zeit entstanden sind. Und die haben wir eben auch noch nie live gespielt. Also ich hoffe schon, dass ich nachher keinen Blackout bekomme … haha! Wir haben natürlich fleißig geprobt, aber das ist auf jeden Fall eine Herausforderung.

Passend zur Tour gibt es auch eine neue EP. Kannst Du da mal eben erläutern, was genau das Besondere an dieser EP ist?
Also letzendlich ist das so eine Art Teaser, bzw. man könnte es so verstehen, damit sich die Leute überhaupt mal vorstellen können, was wir auf dieser Tour vorhaben. Wir haben da z.B. zwei ganz alte Songs genommen, nämlich "Brothers" und "Hold Your Ground" und haben die nochmal neu aufgenommen, damit die so klingen, wie wir eben heutzutage klingen. Und bei uns im Studio arbeitet ja auch der Eike Freese von Dark Age und da wir sowieso wenig Zeit hatten, weil wir in den USA noch eine Tour gespielt haben, haben wir ihn das mixen lassen und somit klingt das jetzt eben auch etwas anders. Also ich find's wirklich gut. Es ist sehr direkt, trocken, fette Gitarren, also nicht überproduziert oder zugeballert.

Was die Titel des Skeletons-Teils (Raritäten) in der Setlist dieser Tour angeht, gab es eine Fanabstimmung im Internet. Gibt es beim Ergebnis irgendwelche Songs, die dich überrascht haben, oder über die Du dich besonders gefreut hast?
Es war sehr interessant, dass in den Top Ten sehr viele Speed-Songs, also schnelle Sachen waren. Ich war natürlich sehr glücklich über die Platzierungen meiner Titel. Da freut man sich natürlich besonders, wenn die gut ankommen. Aber eine wirkliche Überraschung war da jetzt eigentlich nicht dabei. Es war schon so, dass wir uns das ungefähr auch so gedacht haben. Man hört ja von den Leuten immer, spielt mal dies, spielt mal jenes und das hat sich auch in etwa wohl so gedeckt. Also ich bin mir ganz sicher, dass die Leute, die da abgestimmt haben, auch wirkliche Fans sind, denn sie wussten, was sie da machen und haben nicht einfach nur irgendwas angekreuzt.

Wie kam es eigentlich überhaupt zu dieser Tour?
Die ganze Geschichte ist etwas komisch. Die ursprüngliche Idee war ja, das auseinanderzunehmen, ein Akustikset zu spielen und getrennt davon diese "Skeletons", also dass man das wirklich auf zwei Abende verteilt und diese Akustiknummern dann z.B. im Hardrock Café in einem Club spielt und die anderen Sachen dann eben wie gewohnt. Aber dann haben wir uns gedacht, einen ganzen Abend nur Akustik, das ist irgendwie auch nicht so unser Ding. Und deswegen wollten wir das eben zusammenfassen, weil die Akustiksachen, die wir nun spielen, sind auch noch recht lang und wir wollen die Leute ja auch nicht ermüden. Wir müssen halt einfach mal schauen, wie das alles so aufgeht. Es kann ja auch sein, dass die Leute das alle doof finden, aber es ist halt mal ein bisschen was Neues. Die "Skeletons" sind sind natürlich der überwiegende Teil, aber nicht alle "Majesties" (Hits) spielen wir nun auch akustisch. Aber ich hab da auch einen Simulator, das heißt, ich kann einen Akustiksound auf meine E-Gitarre packen. Und damit ist man eben in der Lage, auch bei anderen Songs, mal ein paar akustische Sounds mit einzubauen.

Ihr spielt im Sommer zwei Konzerte mit Dream Theater in Italien. Eine große Sache, oder?
Oh ja! Ich mag ja Dream Theater, obwohl die von den progressiven Bands nicht unbedingt meine Lieblingsband sind, aber ich freue mich trotzdem total, vor denen mal ein Konzert eröffnen zu dürfen. Das ist schon großartig. Und es ist ja auch interessant, vor so einem Publikum zu bestehen, und zu sehen, wie wir da ankommen werden.

Was ist dieses Jahr sonst noch so geplant?
Wir spielen natürlich ein paar Festivals, aber da bin immer auch ein bisschen überfragt. Da muss man mich auch immer dran erinnern, wo ich hinkommen und spielen soll … haha! Ich merk mir das eigentlich immer nicht so wirklich, bis halt auf so ein paar ganz besondere oder auch ungewöhnliche Sachen. Wir spielen ja z.B. auf dem Hamburger Hafengeburtstag. Das finde ich total klasse! Da kommt dann sogar auch meiner Mutter hin und schaut sich das an!
Aber wie gesagt, die Daten hab ich alle gar nicht so drin. Nach den Festivals kommen wir dann wieder zurück zu dieser "Skeletons & Majesties"-Sache. Wir haben ja jetzt eine EP und eben diese Minitour, wo wir eben schauen wollen, wie kommt das an und haben die Leute da auch Lust zu. Und über die kommende DVD-Veröffenlichtung wollen wir dann versuchen, um die Welt zu kommen und auch den Promotern auf der Welt zu zeigen, worum es dabei geht, denn die scheinen das irgendwie gar nicht richtig begriffen zu haben, was wir da eigentlich machen wollen. Also unser Wunsch ist es schon, diese Sache noch weiter zu machen und auszuweiten.

Also wird es bis zu einem ganz neuen Album wohl noch etwas länger dauern. Nächstes Jahr vielleicht?
Ja, aber auch nicht großartig länger. Wir wollen damit dieses Jahr schon mit anfangen. Aber das dauert jetzt ja eh erstmal alles etwas länger und mittlerweile weiß ja nun auch jeder, dass Kai (Hansen) wieder was mit Michael (Kiske) macht und da geht dann natürlich auch wieder ein bisschen Zeit bei flöten. Aber wir anderen Drei werden dann schonmal Songs schreiben. Wir sind da am Ball und ich selber habe auch schon wieder enorm viel neues Material, so dass wir dann eigentlich auch relativ schnell wieder starten können. Und auch wollen! Bloß keine langen Pausen.

Du spielst ja neben Gamma Ray noch in einer Uriah Heep-Coverband. Bist Du hauptberuflich Musiker oder was machst Du sonst?
Von der Musik kann man ja nicht leben. Also mittlerweile zumindest nicht mehr, früher schon. Ich bin gelernter Grafiker und das ist eben auch das, was ich immer wieder mal mache.

Wie stehst Du zu diesen modernen Sachen, auf die die Kids so abfahren, sprich Metalcore und sowas. Ist das für Dich ein ernst zu nehmendes und existenzberechtigtes Genre oder nur ein Trend?
Ernst zu nehmen und berechtigt ist grundsätzlich schonmal alles, was überhaupt irgendwie an die Ohren kommt, denn den Weg bis dahin hat es dann ja schonmal geschafft. Ich höre mir das auch an, aber ich kenn mich da nicht wirklich mit aus. Aber ich versuche immer so viel Musik wie möglich zu hören, um auch immer zu wissen, was die Leute halt so hören und mögen, aber nicht, um es dann auch so zu machen, sondern einfach, um up to date zu bleiben und um zu wissen, was läuft.

Welche CD hast du dir als letztes gekauft?
Als letztes … (überlegt) … gekauft? (lacht) Also ich komme ja immer mal in den Genuß, dass ich mir auch mal irgendwo eine CD mitnehmen kann. Ich muss jetzt schon sagen, dass ich mir eigentlich gar keine CDs mehr kaufe, weil ich viel mehr Lust auf DVDs bekommen habe, also Live-Konzerte. Ich finde das einfach viel schöner, eine Band auch noch zu sehen.

… und was war die letzte DVD?
Das war was Älteres von Megadeth, die ich auch sehr sehr gut finde. Oder auch die neue von Schenker. Es kommt ja auch immer unheimlich viel neu heraus, wenn die alten Tapes wieder zusammengesucht werden und so. Was wirklich genial ist, ist diese Randy Rhoads-Tour von Ozzy Osbourne ... war das die "Blizzard Of Ozz"-Tour oder die "Diary Of A Madman"-Tour? Ich weiß es grad gar nicht. Die gab's jedenfalls irgendwie für sieben Euro zu kaufen. Die kann ich jedem nur empfehlen!

Was hörst Du aktuell gerade so?
Ich warte höchst gespannt auf das neue Album von Symphony X, weil das doch immer noch so meine Lieblingsband ist. Abgesehen natürlich von den Bands, mit denen man groß geworden ist, also Iron Maiden oder Judas Priest. Die interessieren mich natürlich nach wie vor und die höre ich aktuell auch immer wieder. Ich finde z.B. auch, dass die letzte von Halford eine absolut geniale Scheibe ist, die ist supergeil!

Welches ist für dich die wichtigste CD aus den 70er Jahren und warum?
Nur eine? Oh, das ist schwer! Also spontan fällt mir Rainbow's "Rising" ein, weil die aber auch mit zu meinen absoluten Lieblingsalben gehört. Dio ist für mich halt der größte Sänger und Ritchie Blackmore hat mich eben auch zum Gitarre spielen gebracht und mich damals enorm beeindruckt. Aber okay, 70er Jahre, da war ich ja auch noch klein. Da hab ich auch viel Status Quo gehört (lacht).

Und aus den 80er Jahren?
In den 80ern ging's dann ja los: Saxon, Judas Priest, Iron Maiden und dabei bleibt's dann ja auch bis heute irgendwie.

Aus den 90ern?
Da gab es viel. Also Anfang der 90er stand ich so auf diesen typischen Van Halen-Sound, der ja dann auch von anderen Bands nachvollzogen wurde. Die Band, in der ich damals gespielt habe (Rampage), war ein bisschen verrückter. Die ging so in Richtung Van Halen, Dokken und solche Sachen. Das war so Ende der 80er, Anfang der 90er. Und 1990 hat der Weiki (Michael Weikath, Helloween-Gitarrist) das Demo produziert. Und da ich zu der Zeit eben unheimlich viel mit Helloween zu tun hatte, hab ich die auch sehr viel gehört.

Aus den letzten zehn Jahren?
Symphony X!

Wie definierst du gute Musik? Und kann man überhaupt definieren?
Ja, ich glaube schon. Also erstmal muss sie dich natürlich sofort ansprechen. Ich nehme mir zum Beispiel immer diese CD-Beilagen aus dem Metal Hammer oder Rock Hard und höre das mal durch. Und da merkt man dann, dass man manchmal gar nicht die Geduld hat, sich das alles komplett anzuhören. Musik muss einen irgendwie sofort packen. Es gibt eigentlich wenig Musik, wo man ewig lange braucht, um da reinzukommen und man erst nach fünf Minuten merkt, dass da ja eigentlich doch ganz toll ist. Und ganz allgemein würde ich sagen, dass sich gute Musik im Grunde mit allen Stilmitteln reproduzieren lässt. Ob man die nun zu Hause auf der Gitarre klimpert, ob man die mit einem Orchester aufnimmt oder ob das Heavy Metal ist oder sonst was. Der Song muss halt immer irgendwe "gehen", das ist dann eine gute Komposition für mich.

Weißt du noch, was du dir von Deiner allerersten Gage als Musiker gekauft hast?
Die Gage war damals so gering, da konnte man sich gar nichts von leisten (lacht). Ich kann mich noch an die ersten Gagen erinnern, da gab es dann 100 Mark auf die Hand, also für jeden einen Zwanziger. Da ist man abends dann halt noch feiern gegangen und das war's auch. Also größere Anschaffungen waren da gar nicht möglich und das hat dann auch noch echt lange gedauert, bis es dann mal soweit war.

Welches sind Deine musikalischen Vorbilder und wer hat Dich geprägt?
Also gerade bei den Gitarristen gibt es eine Menge. Das merke ich auch immer wieder, wenn ich sie mir anhöre, oder eine DVD von denen einlege, dass die mich alle geprägt haben. Das geht sicherlich los mit Jimi Hendrix, der hat mich wirklich enorm inspiriert, alter Schwede! Als der damals gestorben ist, da war ich gerade mal sechs Jahre alt. Wirklich angefangen mit Gitarre spielen hab ich aber erst mit zehn, vorher hatte ich Klavierunterricht. Und dann ging es los mit Bands wie Deep Purple, die damals halt angesagt waren oder Led Zeppelin und Black Sabbath. Aber das hatte ich noch alles gar nicht so richtig erfasst. Ich hab reell angefangen mit Glam Rock, Sweet und Status Quo, die ja auch immer noch meine Heroes sind. Die liebe ich immer noch! Deren letzte DVD "Just Doin' It" kannst Du immer einlegen und hast einfach Spaß, weil die Laune macht.
Und dann kam irgendwann Ritchie Blackmore, aber auch Blues-Gitarristen wie Johnny Winter oder Ted Nugent und dann auch Yngwie Malmsteen. Aber auch ein Steve Vai ist genial in seiner Art oder auch ein Steve Morse ist wunderbar. Ich mochte auch den Glenn Tipton damals immer sehr gerne. Der war so mehr "mein" Judas Priest-Gitarrist, wobei ich mich bei Iron Maiden aber z.B. nie so richtig entscheiden konnte, obwohl ich da wohl eher in die Adrian Smith-Ecke gehe, also so ein bisschen "abgecheckter" spiele. Obwohl ich auch sehr gerne Rock'n'Roll mag und "schmutzig" spiele.

Mit wem würdest du mal zusammenarbeiten wollen?
Dio! (wie aus der Pistole) Aber leider geht das ja nicht mehr. Das hab ich mir immer mal gewünscht, ihn mal einen Song von mir singen zu lassen, denn beim Komponieren hab ich oft seine Stimme im Hinterkopf und dazu dann auch irgendwie schon die Vocals.

Gibt es eine Band, mit der du gerne mal zusammen auf Tour gehen würdest?
Wir sind ja mal mit Iron Maiden auf Tour gewesen und das war echt richtig klasse! Die haben uns spitzenmäßig behandelt, wir hatten auch irgendwie alle Freiheiten und sowas. Man muss da ja auch sehen, dass man da jeden Abend vor zehn Mal so vielen Leuten spielt, wie sonst.
Also mit Iron Maiden würde ich immer wieder auf Tour gehen wollen. Mit Judas Priest natürlich auch, aber die machen ja nun nicht mehr so lange.

In welchem Land, in dem ihr noch nie gewesen seid, würdest Du gerne mal spielen wollen?
Da gibt es einen ganzen Kontinent: Afrika! Da waren wir noch nie. Aber da hab ich auch gar keine Ahnung, ob und wie das überhaupt geht. In Südafrika, in Kapstadt und Johannesburg, geht ja häufiger mal was. Aber abgesehen davon sind wir echt schon gut herumgekommen. Es gibt aber eigentlich nichts, wo ich noch nie war und wo ich jetzt unbedingt mal hin muss.

Noch ein paar abschließende Worte oder ein Thema, über das Du gerne mal reden möchtest und zu dem Du noch nie befragt wurdest?
(überlegt) Das ist schwierig. Ich bereite mich auf so ein Interview ja eigentlich gar nicht vor und leier dann nur noch irgendwas runter, sondern das ist ja alles sehr spontan. Von daher, nee, da hab ich jetzt nichts. In sowas bin ich echt schlecht! (lacht)


Das Interview führte Marco Zimmer.
Bremen, 25. April 2011