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Interview: NIGHT IN GALES

Scheinbar wie aus dem Nichts, melden sich die deutschen Melo-Deather NIGHT IN GALES ganze zehn Jahre nach ihrem letzten regulären Studioalbum eindrucksvoll wieder zurück. Da liegt es nahe, über das neue Album "Five Scars" zu sprechen, aber auch einen Blick zurück zu werfen. Dabei behilflich war Gitarrist Jens Basten.

Welche Bezeichnung trifft zehn Jahre nach eurem letzten Album jetzt besser zu: Comeback oder Reunion?
Da wir uns ja niemals aufgelöst haben, ist es ein Comeback, keine Reunion. Der eine oder andere dachte zwar, wir wären aufgelöst, aber falsch gedacht.

Mal abgesehen von der Gratis-Download-EP "Ten Years Of Tragedy" - was habt ihr die letzten zehn Jahren gemacht, speziell in musikalischer Hinsicht?
Zunächst haben wir in anderen Bands gewütet. Tobbe hat eine Maxi-CD mit In Blackest Velvet rausgebracht (übrigens mit Ur-Night In Gales Shouter Christian), Adriano hat einige Alben mit seinem Death Metal Kommando Grind Inc. veröffentlicht, Björn hat The Very End gegründet und ebenfalls nun schon das zweite Album am Start. Ich habe mich mit Deadsoil rumgetrieben und zwei Alben aufgenommen. Letztes Jahr kam dann noch Gloryful hinzu - wir spielen klassischen Heavy Metal alter Schule. Neben der einen oder anderen Show haben wir 2008 noch eine 3-Track Promo aufgenommen. Es gab auch schon 2008 Material für ein neues Album, es war aber nicht überzeugend genug, weswegen es damals auch noch nicht zu einem Release kam.

Gab es einen bestimmten Punkt, an dem klar war, dass es ein neues Night In Gales-Album geben wird?
Es war schlagartig klar, als wir gemeinsam die ersten Instrumental-Tracks der Vorproduktion für "Five Scars" abhörten. Es war sofort klar, dass es genau dieses Material sein sollte. Das Songwriting fiel mir diesmal sehr leicht, die Songs kamen wie von alleine, quasi zugeflogen, ich musste gar nicht lange über irgendwelchen Ideen und Songfragmenten brüten. Es ging Schlag auf Schlag und die Ergebnisse klangen sofort logisch und untereinander sehr homogen, also perfekt für ein Album. Die Zeit war einfach reif. Und als dann noch das Interesse der Plattenfirmen wieder aufflammte ging alles ganz schnell. Wir einigten uns rasch mit Lifeforce Records und es konnte losgehen!

Wie würdest Du das neue Album beschreiben?
"Five Scars" ist vor allem ein klares Bekenntnis zu unserer Frühphase, also den ersten Nuclear Blast-Alben "Towards The Twilight" und "Thunderbeast". Hier und da hören Kritiker gar den "Sylphlike"-Vibe heraus. Es ist zwar ein reinrassiges Melodic Death Album, jedoch kopieren wir uns weder selbst, noch anders wen. Es ist vielmehr so, dass wir in den zehn Jahren enorm dazugelernt haben und "Five Scars" unser stärkstes Album darstellt. Wir sind als Songwriter aber auch technisch heute drei Schritte weiter. Das fällt sofort auf. Man muss das spezielle Feeling und die eigene extrem düstere Stimmung des Albums jedoch selbst gehört haben, es ist schwer dies treffend mit Worten wiederzugeben. "Five Scars" ist einerseits typischer Night In Gales-Melodeath, jedoch tragischer, aggressiver und melancholischer als zuvor. Um die schwermütige Grundstimmung des Albums noch zusätzlich zu verstärken haben wir diesmal einige echte Cello Arrangements hinzugenommen. "Five Scars" beinhaltet natürlich auch genau das, was uns in der heutigen Musiklandschaft fehlt. Es ist in gewisser Hinsicht auch ein Auflehnen gegen die immer geradliniger gewordene Melodic Death Szene, in der die Bands entweder neue Dark Tranquillity/In Flames imitieren oder diese Solo vs. Keyboard-Duell-Masche à la Children Of Bodom kopieren. Der frühe Melodic Death Sound hatte eine Menge mehr zu bieten. Bands wie Eucharist, Desultory, Cemetary, At The Gates, Edge Of Sanity oder auch Dissection waren innovativ und haben noch Experimente gewagt und vor allem intuitiver komponiert. Heute hört man zig Alben nach vier Takten an, dass sie komplett am PC mit copy & paste entstanden sind, was natürlich völliger Käse ist. So ein Album kann einfach kein Klassiker werden!

Erzähle mal bitte etwas über die Entstehungsgeschichte des Albums.
Ich hatte mir irgendwann im Sommer vorgenommen, mit dem Songwriting zu starten und dabei jeden Sonntag einen neuen Song fertigzustellen. Und so kam es dann auch. Innerhalb weniger Monate standen die Tracks zu 90% und Björn konnte wenig später mit den Lyrics beginnen. Wir haben diesmal davon abgesehen, zuvor weitere Tracks als Promos an Labels zu senden. Der Plan war, das ganze Album auf eigene Kosten vorzuproduzieren und erst dann an die Plattenfirmen zu gehen. Für die Drumaufnahmen haben wir das Studio 141 in Schwäbisch Hall aufgesucht. Die Saiteninstrumente sind als DI Tracks am PC aufgenommen und später von Dan Swanö im Unisound gereampt worden. Ich hatte Dan die Amp-Settings mitgeteilt und er hat sich sogar exakt mein Gitarrenmodell in einem Shop ausgeliehen, damit er den Sound möglichst echt einstellen konnte.

Für den Mix war niemand Geringeres als Dan Swanö verantwortlich. Wie kam die Zusammenarbeit zustande und habt ihr mit ihm auch persönlich zu tun gehabt?
Uns gefallen seine jüngeren Arbeiten wie z.B. das Harasai Debütalbum, da er nicht krampfhaft versucht, dem neuesten Amisound hinterher zu hecheln, sondern seinen eigenen Stil pflegt. Ich lege Wert darauf, von einem Gitarristen mischen zu lassen und ich wusste, dass Dan unseren Sound verstehen und richtig behandeln würde. Abgesehen davon sind wir alle Edge Of Sanity-Fans der ersten Stunde. Dan ist regelmäßig privat in Deutschland unterwegs und da war es möglich, sich zu treffen. Wir kamen super miteinander aus. Der Mix-Prozess ist über e-Mail gelaufen, was super funktioniert hat. Wir hatten keine Deadline, es ging so lange, bis alle restlos zufrieden waren. Zum Abschluss haben wir uns dann in einer gutbürgerlichen Krefelder Gaststube zum Hähnchenessen getroffen und auf die Scheibe angestoßen.

Den letzten Besetzungswechsel, den ich mitbekommen habe, war Adriano Ricci (2003, Drums). Ist seitdem alles so geblieben, oder gibt es Anno 2011 neue Bandmitglieder?
Nein, alles beim alten. Die Besetzung ist seit Adrianos Einstieg unverändert. Wir haben 2008 mal eine exklusive "Sylphlike"-Reunion-Show mit den beiden Christians gespielt, das blieb aber eine einmalige Aktion. Christian Müller hat übrigens auf dem neuen Album eine Strophe von "A Mouthful Of Death" übernommen.

Was fällt Dir heute spontan und rückblickend zu euren bisherigen Alben ein?

"Towards The Twilight"
Unser Debütalbum für Nuclear Blast, 1997. Reinrassiger Melodic Death und der erste Output mit Björn. Unser Sprungbrett aus dem Underground. Es wurden sehr hohe kommerzielle Erwartungen an das Album gestellt, Nuclear Blast rechneten mit 50.000 Einheiten. Ein echter Mashall ziert das Cover und es gab eine Vinyl-Version. Die Platte ist nach wie vor kultig und macht immer noch Laune zu hören. Ich mag besonders die Art, wie Björn damals Geschrien hat. Einfach nur krass. "Autumn Water" war damals auf jedem zweiten Sampler vertreten und die Scheibe wurde besonders in den USA sehr gut promotet. Neben Wochenend-Trips mit Cradle Of Filth und Dimmu Borgir nahmen uns In Flames als Support auf deren "Whoracle"-Tour mit. Ebenfalls dabei waren Defleshed und Borknagar. Unsere erste richtige Tour - eine geniale Zeit.

"Thunderbeast"
Unser kommerziell bislang erfolgreichstes Album, 1998. Ebenfalls für Nuclear Blast und unser bislang umfangreichstes Werk. Stilistisch enthält es mit "Darkzone Anthem" und "Perihelion" zwei rockigere Nummern. Hammerfall leuteten im "Thunderbeast"-Entstehungsjahr mit "Glory To The Brave" das Metal-Revival ein. Das hinterlies auch bei uns ein paar traditionsbewusste Spuren. Der Opener "Intruder" wurde über diverse Compilations super promotet und wurde zu unserer Live-Hymne. Wir bekamen jede Menge guter Touren, u.a. mit Death, Hypocrisy, Dismember und Children Of Bodom.

"Nailwork"
Ein sehr originelles Album, das damals als eine logische Antwort auf die zahlreichen In Flames-Vergleiche verstanden werden sollte. Wir konnten die ständigen Vergleiche mit den Schweden nicht mehr hören und zeigten somit allen Nörglern, dass wir mehr drauf hatten. Wir wechselten mit dem Album zu Harris Johns ins Spiderhouse Studio. Danach ging es rüber auf Japan-Tournee, das war ein einziger absolut geiler Trip! Zudem ging es für "Nailwork" für drei Wochen mit Gorgoroth, Old Man's Child und den Dope-Brüdern Krisiun auf eine ganz hervorragende Tour: Rock n' Roll all night & Party every Day.

"Necrodynamic"
Auf diesem über Massacre Records veröffentlichten Album haben wir den auf "Nailwork" eingeschlagenen Weg weiter in Richtung Thrash ausufern lassen. Die Platte leidet allerdings unter einem sehr rohen, schwachen Sound sowie einigen sehr gewagten Gesangsexperimenten. Im Nachhinein war es ein sehr unbedachter Schritt, unseren ursprünglichen Stil soweit in eine andere Stilrichtung degenerieren zu lassen.

Für mich klingt "Five Scars" mehr nach euren ersten beiden Album, als nach den letzten beiden. Siehst Du das ähnlich? Und ist "Five Scars" eher eine Rückbesinnung auf alte Stärken oder doch auch irgendwo eine logische Weiterentwicklung?
Es ist definitiv eine klare Rückbesinnung zu unserem ureigenen Stil, die Stil-Experimente sind definitiv Geschichte. Wir klingen trotzdem frisch und nicht exakt wie damals, da wir als Musiker und Songwriter gereift sind und natürlich in zehn Jahren wieder einige neue Inspirationen mehr zu verarbeiten hatten. Eine Weiterentwicklung ist offensichtlich, das hörst Du schon nach ein paar Sekunden. Zudem hat uns Dan den bislang besten Sound auf den Leib geschneidert. Das Ergebnis ist eben Night in Gales anno 2011.

Stichwort: Schwedischer Death Metal. Welches sind für Dich persönlich die wichtigsten und einflussreichsten Bands?
Carnage, Merciless und Entombed sind für den brutaleren Sound die wichtigsten gewesen. Im Melo- und progressiveren Bereich waren es Edge Of Sanity, At The Gates, Dissection und Dark Tranquillity. Ich persönlich habe auch sehr viel Desultory und Cemetary geatmet. Die erste Arch Enemy war auch eine super Sache.

Gibt es neuere Bands - sagen wir mal aus den letzten zehn Jahren - die Dich musikalisch inspirieren oder zumindest überzeugt haben?
Von Inspiration kann man da eher nicht sprechen. Mir fällt auch spontan keine Band ein. Wenn es um den Nachwuchs geht, so kann ich nur jedem die Deutschen Harasai ans Herz legen, die spielen geilen Göteborg-Sound der alten Schule und sind noch super jung

Wie geht es demnächst mit Night In Gales weiter? Ist schon etwas in Sachen Tour geplant?
Wir würden gerne auf eine passende Tour aufspringen, dann sollte es am besten auch gleich quer durch Europa gehen. Super wäre natürlich endlich eine US-Tour an den Start zu kriegen, da ist aber noch nichts geplant. Im Sommer sollten einige Festivals klar gehen. Wer uns buchen will, kann uns gerne direkt ansprechen. Wir kommen!


Das Interview führte Marco Zimmer (per Mail).