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Interview: OVERKILL

Zugegeben - auch heute noch werde ich etwas nervös, wenn ein besonderes Interview ansteht. So geschehen auf der OVERKILL-Tour, die vor Kurzem durch unsere Breitengrade zog. Hat man aber jemanden wie Frontderwisch und Szene-Original Bobby "Blitz" Ellsworth vor dem Mikro, braucht man sich eigentlich gar keine Sorgen machen. So sympathisch, auskunftsfreudig und einfach nur herrlich bei der Sache (der Mann lachte so viel, dass ich mir die vielen Klammerbemerkungen spare) - solche Interviewpartner sind einfach großartig. Beim Stop in Hamburg gab er einige interessante Infos preis.

Bobby, da seid ihr also wieder mal auf Tour.
Lustig - du sagst "wieder mal". Ich habe das Gefühl, wir waren nie weg.

Ja, manchmal scheint es so, als wäre Deutschland so etwas wie ein zweites Zuhause für euch.
Genau, und manchmal sage ich das auch auf der Bühne, weil hier in Deutschland unser Verständnis für das Touren begann. 1986 gab es ja die Metal Hammer Roadshow mit Anthrax, Overkill und Agent Steel. Das war eine richtige Einführung in das Tourleben. Wir haben zwar Gigs in den Staaten gespielt, aber nie eine vollwertige Tour im Bus. Der erste Auftritt war damals in München, Alabama Halle - daran erinnere ich mich noch heute!

An das Nächste erinnerst du dich mit Sicherheit auch. Ein Demo, 15 Studio-Alben, zwei EPs, zwei Live-Alben, ein Cover-Album, drei visuelle Produkte und Unmengen von Live-Shows über den ganzen Erdball verteilt - ein Wort, um diese Karriere zu beschreiben?
WOW!
Nur "WOW!"?
Ja, WOW! Ich meine, es überrascht mich heute noch. Ich kenne D.D. Verni (Overkill-Bass-Monster) jetzt seit 30 Jahren. Seit 25, 26 Jahren mache ich das jetzt professionell. Das ist "WOW!". Das ist kein Hobby, das ist keine Karriere, das ist tatsächlich ein Leben. Sagen zu können "so habe ich mein Leben gelebt" oder eigentlich "so lebe ich mein Leben" - WOW! Das hätte ich mir nie zu träumen gewagt.

Du sprichst über das Leben. Gab es denn Zeiten, wo du das Gefühl hattest, dass du nur einen Job machen musst?
Nein, es macht immer Spaß. Klar, es gibt zwei Seiten. Auf der einen Seite ist man Musiker und tritt live auf. Auf der anderen Seite geht auch vieles ums Geschäft und da ist es natürlich ein Job. Aber die Performance auf der Bühne wiegt den ganzen Business-Stress jedes Mal wieder auf. Ich halte mich auch nicht für supertoll oder unsterblich, eher für glücklich. Vieles ist Glück, aber vieles ist auch harte Arbeit.

Dann mal zum aktuellen Album "Ironbound", welches ja in der Szene wie ein Bombe eingeschlagen hat. Als ihr das Album fertig hattet und du es zum ersten Mal in seiner Gesamtheit gehört hast, wusstet du da, dass ihr etwas Besonderes erschaffen habt?
Das Gefühl hatte ich eigentlich schon, als wir an dem Album gearbeitet haben. Und das noch vor dem letzten Mix. Manchmal bekommt man so eine Art Vision im Stile von "so könnte es werden". Und als wir das Songwriting abgeschlossen hatten und es an die Aufnahmen ging, kam mir so eine Vision auch in den Sinn, dass wir da wirklich ein zusammenhängendes Album haben. Ein Album, nach dem man immer sucht. Nicht einfach einen Haufen mit zehn Songs, sondern ein Gesamtwerk namens "Ironbound".

Kam der Deal mit Nuclear Blast, bevor ihr ins Studio gegangen seid?
Danach! Und das macht mich umso mehr stolz, dass wir so ein Album ohne Plattenvertrag geschafft haben. Wir waren zwar im Gespräch und wir waren uns sicher, dass es klappen würde, aber es gab keinen Vertrag zu dem Zeitpunkt. "Ironbound" ist das erste Album in der Overkill-History, welches ohne Plattenvertrag entstanden ist.

Ihr habt mit Peter Tägtgren (Hypocrisy, Pain) zusammengearbeitet, der ja in der Szene einen guten Ruf besitzt, bei den Die Hard Old School Fans aber wegen seiner mitunter doch recht modernen Produktionen nicht unbedingt gerade zu den Lieblingen gehört. Habt ihr davon im Vorfeld etwas mitbekommen?
Nein, da hat es kein negatives Feedback gegeben. Ich finde, Peter sorgt dafür, dass eine Band auch wie eine Band klingt. Wenn er Overkill wie Overkill klingen lässt, so wie er das mit Hypocrisy, Pain oder auch Destruction macht, dann ist das für mich ein Erfolg. Abgesehen davon haben wir das Album ja produziert und Peter hat es gemischt - das war wohl die gute Kombination.

Ich bin froh, dass ich gerade dich heute vor mir habe. Wie zur Hölle hältst du deine Stimme über all die ganzen Jahre so stabil? Was tust du - oder was tust du eben nicht? Du hast doch auch mit dem Trinken aufgehört, richtig?
Ich war zehn Jahre lang trocken, aber ich trinke gerne mal wieder etwas. Meine Stimme lässt mich eigentlich nie im Stich. Ich versuche einfach, fit zu bleiben. Ich lebe kein vollständig gesundes Leben. Ich bereite mich auf den Studioaufenthalt vor. Ich bereite mich auf anstehende Touren vor - gerade dann treibe ich Monate im voraus Sport und halte mich körperlich aktiv fit. Wenn ich auf Tour bin, habe ich den "Sport" ja eh jeden Tag. Overkill sind Energie, das sind 90 Minuten Bewegung. Es gab auch harte Tage, aber ich hatte eigentlich nie eine Show, die ich nicht singen konnte. Ich wärme meine Stimme natürlich auf, aber ich mache mir keine großen Gedanken darum. Ich weiß, dass manche sich Sorgen machen, wenn mal eine große, wichtige Show ansteht und dann zieht sich natürlich alles zusammen und du kannst deine Stimme nicht mehr gebrauchen. Das Leben auf der Bühne ist für mich dagegen immer stressfrei, denn so lange ich das hier tue, muss ich nichts anderes tun.

Sprichst du eigentlich immer noch deutsch?
(Achtung! Original-Ton!) No - Ik spreek Nederlands. Meine Frau ist ein Holländer. Mein Deutsch ist nicht so gut.

Cool! Erinnerst du dich noch an die deutsche TV-Sendung "Hard 'n Heavy" (lief Ende der Achtziger auf Tele 5 im Nachmittagsprogramm!) mit Annette Hopfenmüller?
Oh ja, süßes Mädchen!

Ihr ward damals hier auf Tour mit Slayer und du hast damals das Interview mit ihr abgeschlossen mit den Worten "Das Publikum in Deutschland ist geil!".
Ja, genau. Die Idee ist, dass, wenn ich schon in einem anderen Land zu Gast bin und das ja auch noch zu meinem Leben wird, dann sollte ich auch ein paar Sachen lernen. Auf tschechisch "danke" sagen, auf japanisch "es ist schön, hier zu sein" zu sagen, auf deutsch zu sagen (er wechselt wieder auf perfektes Deutsch) "das Publikum in Deutschland ist geil". Ich spreche auch genügend holländisch, um z.B. mit meiner Schwiegermutter zu reden.

Und die holländischen Fans lieben dich wahrscheinlich dafür.
Yeah! Die lieben das. (und wieder der Original-Ton) Ik ben negen veertig procent Nederlande!
Ich bin neunundvierzig Prozent Holländer - wenn ich das sage, drehen die völlig durch.

Versuche es doch mal dieses Jahr auf dem Rock Hard Festival in drei Sprachen - was dann wohl passiert?!
Vielleicht versuche ich es.

Und wo wir dabei sind. Überraschungen im Vorfeld aufzudecken, ist ja nicht unbedingt toll. Aber ihr seid für das Festival mit einem "Special Set" angekündigt. Kannst du vielleicht einen kleinen Hinweis geben?
Ich sag dir was - wir wurden bestätigt und im Magazin habe ich dann gelesen, dass wir einen Special Set spielen.

Du wusstest davon nichts?!
Nein. Klar, jetzt weiß ich es auch. Wir müssen uns jetzt halt Gedanken machen. Ich habe gerade auch noch zu unserem Booker gesagt: "Hey, du stehst nicht schlecht da, wenn wir das nicht machen, das sind wir!" Im Ernst, wir haben das zwar nicht abgesegnet, aber wir haben so viel Material, das wird schon funktionieren. Ein Special Set könnte das gesamte "Ironbound"-Album sein oder die gesamte "Horrorscope".

Gibt es abschließend ein Thema, zu dem du noch nie gefragt wurdest, du aber gerne drüber gesprochen hättest?
Ich bin ein riesiger Hockey Fan!

Okay, auf gehts.
Mein Team sind die "New Jersey Devils" - offensichtlich! Auf einem gewissen Level habe ich beim Hockey immer den Bezug zur Musik. Hockey ist eine dieser Teamsportarten, die Stärke, Brutalität und Integrität kombinieren.

Wie Heavy Metal!
Ich gebe dir ein Beispiel. Der erste Song auf "Ironbound" heißt ja "The Green And Black". Und als die Hockey-Saison anfing und wir im Songwriting drin waren, gab es eine Ansage im Fernsehen mit den Worten "die nächsten 82 Spiele sind für alle die, die rot und schwarz bluten.". Und ich sagte sofort zu mir "das muss ich haben!"
Was mich an Hockey fasziniert, ist, dass es zwar Superstars gibt, es aber unbedingt notwendig ist, dass alle auf der Bühne sind. Es geht nicht um einen Superstar, es geht um das Team.

Warte mal eben - ich habe eine Verabredung mit der Frau da drüben und ihrer Tochter! (sagt es, verschwindet und ist nach ein paar Minuten wieder da )
Wir sind ja alle Väter. Ich habe auch Nichten und Neffen in den Niederlanden und wir machen manchmal "Kids Days" auf Tour. Einmal hat meine Frau einige ihrer Freundinnen mit Kindern eingeladen. Dann hatten wir auf einmal 20 Kinder mit Overkill-Shirts und Gehörschutz während des Soundchecks in der Halle - alle zwischen fünf und 13 Jahre alt. Als wir dann das letzte Mal dort waren mit Exodus und Torture Squad, kam die Mutter meiner Nichte zu mir und sagte "für die Show, die ihr ihr letztes Mal gegeben habt, möchte sie euch heute eine Show geben." Meine Nichte ist sieben Jahre alt und spielt Violine. Also haben wir die Bühne fertig gemacht, mit Licht und Nebel ausgestattet und haben die Violine an die PA angeschlossen. Da standen dann auf einmal alle diese harten Kerle der anderen Bands vor der Bühne und hörten meiner 7-jährigen Nichte zu, wie sie 20 Minuten für uns auf ihrer Violine spielt und alle haben applaudiert.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Hamburg, 16. März 2011