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Interview: URFAUST

Das holländische Duo URFAUST ist so ziemlich das Eigenartigste, was mir in den letzten 20 Jahren zu Ohren gekommen ist. Und doch hat ihre Musik etwas unheimlich Magisches und extrem Basisches, was den Hörer immer wieder in den Bann zieht. Zum neuen Album "Der freiwillige Bettler" mussten wir einfach mal ein paar Fragen in den Urfaust-Kosmos schicken.

Für alle, die mit Urfaust bis dato noch nicht in Berührung gekommen sind: Der Bandname scheint sich offensichtlich auf Goethe zu beziehen, wenn man auf Songtitel wie "Ein leeres Zauberspiel" oder "Der Mensch, die kleine Narrenwelt" schaut. Wobei "Der freiwillige Bettler" auf Nietzsche zurück geht.
Welche grundlegende Absicht - textlich und musikalisch - liegt hinter URFAUST?
"Die kalte Teufelsfaust" hat einen Dialog zwischen Faust und "Mephistopheles" aus Goethe's Faust, während auf den späteren Alben das Buch "Also sprach Zarathustra" eine immer größere Rolle in der Urfaust-Philosophie spielte. Dieses Buch ist eine nie versiegende Quelle der Inspiration. Die Kombination aus Weisheit und Wahnsinn ist immer noch zeitlos.

Gibt es denn überhaupt Texte? Oder ist die Stimme einfach ein weiteres Instrument?
Wir benutzen die Stimme sehr viel auf dem neuen Album und wir benutzen sie als Instrument. Nur in den Haupt-Vocals singen wir auch Texte. Auf "Der freiwillige Bettler" sind sie nicht gerade der Standard, den man vom Black Metal kennt. Man kann den Gesang auch als Oratorium betrachten - jede Stimme singt einen Charakter. Es sind sieben Songs, die zu diesem durchgehenden Musikstück zusammengestellt wurden. Es ist fast ein ganzes Libretto, welches in Form der Texte mit dem Artwork verbunden ist.

Wie muss sich der Hörer den Urfaust-Songwritingprozess vorstellen? Vielleicht könnt ihr das sogar anhand von Songs erklären, z.B. "Einsiedler" oder "Das Kind mit dem Spiegel"?
Eine PA, ein paar Tische und ein bisschen Hochprozentiges sind zu Beginn gut. Dann versuchen wir, unseren Geist zu leeren, durch die Berauschung die richtige Stimmung zu bekommen und von dieser neuen Basis aus über neue, unerforschte Wege zu natürlichen Ausdrucksweisen zu arbeiten. Währenddessen lassen wir einen Videoprojektor laufen, über den selbst aufgenommene 8mm Filme von experimenteller Natur laufen. Diese Filme werden dann begleitet durch allerhand elektronische, analoge Synthesizer und modulare Meltdowns, so wie man es von "IX: Einsiedler" kennt. Dieser Prozess geht dann so weit, bis einer von uns durchdreht und den Raum verlassen will.
Was das Schreiben von Musik betrifft, betrachten wir einen großen Teil der Extreme Music Industrie als unmusikalisch und unethisch und heutzutage ist die klassische Musik nicht wirklich besser. Sie alle haben eine starre, limitierte Verbreitung. Darum wissen wir auch nichts darüber, was es mit der weiteren Ausbreitung von Musik auf sich hat. Wir schreiben Musik und denken, dass wir vielleicht gerade etwas ganz Fantastisches erschaffen haben, aber wir wissen nicht, dass das Beste, was wir schreiben können schon 1915 geschrieben und eingespielt wurde. Die Menschen denken, das Internet wäre ihr unlimitierter Zugang zur Musik, aber das ist nicht das Selbe wie die Anarchie der Radioübertragung, die es mal gab. Du kannst Musik einfach nicht mit deiner Seele hören, wenn du vor einem verdammten Computer sitzt. Musik zu hören sollte dich wütend machen und nicht apathisch. Urfaust benutzt die simpelste Basis, um Musik zu schreiben und der einzige Weg, um das zu schaffen, ist das Mainstream-Bewusstsein völlig auszublenden. Urfaust ist rituelle Musik für den wahren Clochard, der noch einen alten Plattenspieler hat und Musik noch mit Herz und Seele hört und dabei eine Flasche "good spirit" trinkt.

Ist es möglich, Urfuast-Material in jeder Lebenslage zu schreiben? Wenn ja - wie geht so etwas? Wenn nein - was ist notwendig, um die entsprechend Stimmung zu erschaffen?
Wir sind die Atmosphäre, die wir erschaffen.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp (per Mail).