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Interview: ESKIMO CALLBOY

Kurz vor ihrem Auftritt im Oldenburger Amadeus, haben mir die beiden ESKIMO CALLBOY-Sänger Kevin und Sushi Rede und Antwort gestanden. Es ging zwar - wie erwartet - recht amüsant zur Sache, allerdings auch erstaunlich offen und ehrlich.

Ihr seid nun schon seit fast drei Wochen auf Tour, wie lief's bisher?
Kevin: Überraschend gut! Ich war ja erst so ein bisschen voreingenommen und hab so gedacht, wer will mich denn schon sehen, außer meiner Mutter oder meiner Freundin …
Sushi: Ich! Haha!
Kevin: … aber wir hatten echt rappelvolle Häuser, die Leute sind supergeil abgegangen, also wir hatten bisher echt eine geile Zeit. Und ich konnte endlich wieder mal in die Menge springen. Ich meine, bei meiner Körpermasse brauche ich natürlich schon eine gewisse Dichte, also dass die dann nicht einfach abhauen können, haha! Nee, aber es war schon extrem witzig. Stuttgart, Schweinfurt und vor auch allem München war eine riesengeile Show!

Da gibt's doch jetzt bestimmt schon irgendeine besonders kuriose Story zu erzählen, oder?
Kevin: Die Tour heißt ja "Jägermeister Wirtshaustour" und wir wussten echt nicht, dass wir so heftig feiern können! Wir sind später dann echt alle die Hotelzimmertreppe hochgekrochen, haben rumgeschrien, Sektgläser auf die Strasse geschmissen, morgens wurden wir dann irgendwie alle woanders wach und mussten uns dann erst wieder alle irgendwo treffen. Pascal hatte dann z.B. Edding auf'm Hals usw., aber dass mit dem Treppe hochkriechen klappte eigentlich super, weil wir alle so ineinander verkeilt waren.
Sushi: Aber das war auch nur in Berlin so …
Kevin: Stimmt, woanders gab's ja immer einen Fahrstuhl, aber das hat mit den Knöpfen dann auch nicht immer so gut hingehauen. Nee, aber das war schon ein super Wochenende!

Was steht denn bei euch eher im Vordergrund: Die Party oder die Musik?
Kevin: Eine Mischung aus beidem. Denn das ist ja im Grunde das, worauf wir wert legen. Wenn man z.B. in die Disco geht, dann kann man tanzen und Party machen. Und wenn wir ein Konzert geben, dann soll das eigentlich auch genau den Charakter haben, bloß eben mit Live-Musik.
Sushi: Es zählt halt das Gesamtpaket. Wir repräsentieren quasi die Party ein Stück weit auf der Bühne, natürlich auch mit dieser Spaß-Schiene. Ich sage mal so, dieses ganze Drumherum unterstützt quasi das Musikalische.
Kevin: Gerade bei den harten Parts, die eher aus dem Hard- oder Deathcore kommen, also wo sich die Leute mit schmerzverzerrtem Gesicht gegenseitig irgendwo hintreten, ist natürlich immer so eine Sache, dazu dann zu feiern. Aber so ist das halt, mal sind die Leute echt böse drauf und im nächsten Augenblick springen sie hoch und haben sich wieder lieb …
Sushi: Ich bin immer böse, haha!

Erzählt doch mal ein bisschen was zur Entstehung des Albums.
Kevin: Das war alles ziemlich schwer. Die EP kam halt noch so locker-flockig von der Leber und das Teil schlug dann eben so heftig ein, dass wir uns beim Album echt gefragt haben, wie wir da jetzt anknüpfen sollen. Wir hatten das Album im Grunde auch schon einmal komplett fertig gehabt und haben das dann doch wieder komplett in die Tonne geschmissen. Und dann haben wir uns hingesetzt und gesagt, Jungs, jetzt machen wir uns darüber mal keinen Kopf, sondern wir machen jetzt einfach das, was uns Spaß macht. Das haben wir bei der EP ja auch so gemacht. Wir haben uns natürlich trotzdem überlegt, an der einen oder anderen Ecke mal einen ernsteren Song hinzusetzen, denn Du kannst halt nicht elf Songs lang nur Party durchziehen. Ich meine, okay, das kann man schon, aber es muss ja auch alles ein bisschen schlüssig sein.
Sushi: Wir wollten das halt irgendwie so ein bisschen individuell halten, so dass da im Prinzip für jeden was dabei ist.
Kevin: Wobei die Songs immer gleich entstanden sind. Wir haben immer einen Teil mit dem wir anfangen, z.B. ein Gitarrenriff oder wir haben eine Synthie-Melodie, die ich mal irgendwie eingedudelt habe und das wird dann halt immer weitergebaut und so entsteht das dann halt. Am Anfang war eben noch diese Unbeschwertheit und dann haben wir uns gesagt, jetzt muss das alles noch geiler werden. Obwohl die EP ja völlig in Ordnung war. Der Sound war cool, wir hatten da Spaß dran, aber wir haben uns natürlich auch weiterentwickelt und das Songwriting ist ein Stück weit reifer geworden …
Sushi: Also "reifer" sagt ja nun jeder …
Kevin: Aber das sagt man heutzutage doch so!? Was willst Du denn sonst sagen?
Sushi: Wir sind Hipster geworden, haha!
Kevin: Wir haben die ganzen Sachen schon mit ein bisschen mehr Bedacht gewählt, aber es geht trotzdem darum, dass man hier und da immer mal schmunzelt. Deswegen läuft da auch mal ein Staubsauger oder man hört mal eine Eule (Kevin versucht, eine Eule nachzuahmen)

Gab's mal eine Überlegung, Songs von der EP oder auch euer Katy Perry-Cover mit aufs Album zu nehmen?
Kevin: Dass mit Katy Perry ist ja leider immer so eine Copyright-Sache. Aber ansonsten hatten wir das echt überlegt, denn ich finde, die EP-Songs hätten noch einen Tacken geiler sein können.
Sushi: Ich bin immer noch dafür, dass wir das mal machen, aber wir wollten jetzt erstmal ein Album nur mit neuen Songs machen.
Kevin: Und wir wollen natürlich auch live viele neue Sachen spielen, denn immer nur die gleichen Songs spielen, auch wenn's natürlich immer noch Bock macht, war uns dann doch zu wenig. Und man muss halt auch irgendwann mal einen Schnitt machen. Jeder Künstler sagt doch nach drei Jahren, das hätte ich damals besser oder anders machen können.

Nun sind ja eure Texte ziemlich provokativ …
Kevin: Ja, das ist auch so ein Punkt, wo sich viele dran stoßen und das verstehen wir auch voll und ganz. Was uns dabei ganz wichtig ist: Wir stehen menschlich und charakterlich nicht hinter unseren Texten! Das ist reines Gehabe, so wie man es im HipHop findet. Um mal ein Beispiel zu nennen: Wir haben ja viele solche Wörter wie "bitch" oder "cunt" und das entsteht halt alles im Proberaum. Und dann gehen wir nach Hause und behandeln unsere Mädels ganz normal mit Respekt und das hat alles rein gar nichts miteinander zu tun.
Sushi: Das Ding ist auch, wir werden ja schon so mit dieser ganzen Hardcore-Szene in Verbindung gebracht. Klar, wir haben halt so'n bisschen Schrei-Mucke drin und wir kommen halt auch aus dieser Ecke, aber Hardcore ist ja eigentlich immer eine sehr politische Sache gewesen und wir bringen da nun so eine Sache mit in Verbindung, die da eigentlich gar nicht herkommt. Wir bedienen uns, wie gesagt, eben solchen Jargons, die bewusst aus dem Rap kommen oder halt einfach aus der Popmusik, um es mal ganz platt zu sagen. Und da ist es natürlich ganz klar, dass sich einige da dran stoßen. Das ist halt alles auch irgendwo Selbstironie, wovon unsere Live-Performance und Shows leben. Wir werden ja auch als Schwulenhasser bezeichnet, aber wenn uns einer auf der Bühne sieht, mit unseren Glitzerklamotten und so, dann muss man das einfach erkennen, dass das nur Selbstironie ist.
Kevin: Wir wollen ja auch gar nicht die Welt verbessern. Unser Manager hat mal gesagt, bei so einer Musik, da vergisst man dann für eine Stunde mal den ganzen Scheiss drumherum. Zu unseren Shows kommt niemand wegen den hochpolitischen Texten und um sich danach noch voll die Gedanken zu machen und in Gruppen zusammenzusitzen. Da geht man hin zum Abschalten und Party machen und danach dann wieder ab nach Hause und dann geht der ganze Scheiss weiter und die Probleme sind wieder da.
Natürlich könnten wir die Texte sicherlich auch ohne diese Schimpfwörter machen, aber das ist halt nunmal so unsere "Eier aus der Hose hängen lassen"-Masche.
Sushi: Aber trotzdem sind diesmal auch ernstere Texte dabei, die auch einen persönlichen Bezug haben, aber im großen und ganzen sollte man das Album halt nicht zu ernst nehmen. Viele Leute nehmen uns halt ernster, als wir uns selber.

Mein persönlicher Lieblingssong vom Album ist ja "Transilvanian Cunthunger", bei dem ihr vom Sänger von One Morning Left unterstützt wurdet. Wie kam denn diese Zusammenarbeit zustande?
Sushi: Ich hab denen einfach mal was auf die Pinnwand gepostet, so von wegen, ey coole Mucke, die ihr da macht. Und so hat man dann halt mit denen geschrieben und ist irgendwie zusammengekommen. Ich wollte halt unbedingt auf dem Album ein Feature mit denen haben. Eigentlich wollten wir ja Celine Dion haben, aber die haben wir nicht bekommen, haha!
Kevin: Und wir wollten auch Menderes (ex-DSDS-Kandidat) haben, aber der war zu teuer, haha! Der Typ hat echt ein Management, man mag's gar nicht glauben! Der steht unter 3000 Euro gar nicht auf!
Also das Ding ist, wie gesagt, wir wollten unbedingt ein Feature haben und die Jungs von One Morning Left gehen ja halt auch so in unsere Richtung. Und dann haben wir einfach mal einen Song fertiggemacht und rübergeschickt, die haben das dann bei sich vor Ort aufgenommen und so haben wir das dann halt zusammengebastelt und mit dem Ergebnis sind wir echt sehr zufrieden. Das ist eigentlich alles, also ganz unspektakulär. Wir haben die auch mal besucht, als die in Bochum gespielt haben. Das sind echt total nette Leute. Es war auch eigentlich geplant, die mit auf Tour zu nehmen, aber das hat zeitlich irgendwie nicht geklappt, was echt schade war, aber das holen wir nochmal nach.
Sushi: Aber dafür haben wir jetzt ja die Madison Affair-Jungs mit dabei!

Ich nenne euch jetzt mal 5 Begriffe und möchte euch bitten, mal zu sagen, was euch spontan dazu einfällt ...

Katy Perry
Sushi: Da denk ich erstmal an Brüste! Aber die Frau hat auf jeden Fall unseren Song geklaut, haha!
Kevin: Die hat uns mal indirekt irgendwie erwähnt, hab ich gehört. Also wenn das alles so stimmt. Die hat jedenfalls über eine deutsche Metalband gesprochen, die einen ihrer Songs gecovert hat …
Sushi: … und das haben wir einfach mal auf uns bezogen, ganz wertfrei! Das ist aber wirklich eine tolle Frau. Ich bin da auch ganz ehrlich, ich hab mir ihre Alben angehört. Die hat echt was drauf und coole Songs am Start und da haben wir echt einen riesen Respekt vor, auch wenn das manchmal nicht so aussieht.

Straight Edge
Sushi: Das sind ja die, die uns eigentlich total hassen müssten! Ich bin ja ganz ehrlich, ich war ja auch mal straight edge ...
Kevin: Weil Du keinen Alkohol vertragen hast, oder was? Haha!
Sushi: Nee, das Ding ist einfach, ich kann der Sache irgendwie nichts mehr abgewinnen. Das Ding ist ja, man gliedert sich damit ja aus der "normalen" Jugendkultur aus, also ständig wechselnde Partner, Drogen, Alkohol, aber mal unter diesem Gruppenzwang-Aspekt gesehen, frage ich mich, warum gliedert man sich bei der einen Sache aus und bei der anderen wieder ein? Das war z.B. damals ein Grund für mich, warum ich aufgehört habe. Ich hab zwar zu der Zeit trotzdem nichts getrunken und so, aber ich hab auch nicht gesagt, dass ich "edge" bin. Also für die, die das durchhalten und damit ein positives Lebensgefühl verbinden, genau wie bei den Leuten, die Veganer sind, ist das völlig okay, aber für mich ist das nix.
Kevin: Das Ding ist ja auch immer diese Gruppenzugehörigkeit, also welche Gruppe mag die andere Gruppe nicht. Und dadurch, dass wir so querbeet in alles mal reinschlagen, passen wir eigentlich nirgends hin. Keiner will uns haben - wir sind eigentlich unsere eigene Fraktion. Der Punkt ist, alle hassen uns, aber wir mögen alle! Ich stehe z.B. total auf Hardcore. Ich hab grad eine Sick Of It All-Platte im Auto und ich hab da kein Problem mit, wenn Jungs in Brusthöhe ihre Beine umherwerfen und sich weh tun. Wenn die das mögen, warum nicht!?
Sushi: Da hab ich dann nur immer ein Problem, weil ich auf Schlaghöhe bin … (grinst)
Kevin: Das Ding ist halt: Die, die sich immer beschweren, dass wir angeblich Randgruppen in die Enge drängen würden, beschimpfen uns und wollen uns am liebsten weg haben. Ich lebe ja immer ganz frei nach dem Motto: Leben und leben lassen.

Die Szene
Sushi: Da bin ich ganz ehrlich, ich fand diese ganze Szene damals ein Stück weit cooler. Du konntest ja z.B. auch damals nur mit lokalen Bands ein Konzert voll machen. Ich finde, diese ganze Begeisterung auf Shows zu gehen, ist so'n bisschen unter den Tisch gefallen. Wir konnten damals mit ein paar selbstkopierten Flyern eine Hütte mit 400 Leuten vollmachen und heutzutage musst du dir dafür echt den Arsch aufreißen und teure Main-Acts dazuholen, damit überhaupt mal jemand kommt. Und das find ich echt ein bisschen schade.
Kevin: Heutzutage sitzen die Leute scheinbar lieber mit Mucke auf'm Ohr zu Hause rum, anstatt sich das live anzuschauen. Aber wir versuchen, dem ein bisschen entgegenzuwirken, weil unsere Musik eben eher auf Live-Performance ausgelegt ist. Ich selber vermisse auch so'n bisschen die großen deutschen Bands: Caliban, Heaven Shall Burn, Fear My Thoughts …
Sushi: Narziss, Neaera …
Kevin: Aber das ist wohl der Lauf der Dinge. Musik ist ja irgendwo auch eine Art Evolution. Jeder gibt ein bisschen was dazu, also wie so ein Baum, der sich immer weiter ausbreitet und alles verliert sich da so ein Stück weit. Wir versuchen ja auch, in verschiedene Bereiche reinzugehen. "Transilvanian Cunthunger" wurde ja schon angesprochen, das ist ja auch mehr so Metal-lastig. Aber wir haben eben auch so bekloppte Partysongs, die mehr Techno, als sonst was sind. Ich will wieder deutsche Idole haben, also große deutsche Musik.

Las Vegas
Sushi: Da wollen wir mal hin!
Kevin: Ja, da würden wir gerne mal hin. Und das haben wir ja auch in unserem Albumtitel verbastelt, weil es in unserem Album - man mag es kaum glauben - um Suff, Party, Alkohol und Frauen geht und Las Vegas ist eben die Stadt dafür.
Sushi: Las Vegas steht für das Show-Business, für Party, das Leben, die Lichter, niemals schlafen, jeder hat mal einen Hangover ...
Kevin: Und für uns ist das auch so ein bisschen wie der Kontrast in unserer Musik. Wir haben natürlich die bösen Teile, aber auch die gute Laune.
Sushi: Wir beleuchten damit aber auch nur einen Aspekt des Lebens. Jeder hat ja seinen Job, jeder hat seine Probleme, es gibt Krieg, es gibt Hunger, aber diese Party, diese gute Zeit, das ist eben nur ein Aspekt, das muss man mal ganz klar sagen. Wir sind ja keine Verherrlicher, die sagen, scheisst auf eure Arbeit, scheisst auf alles, was kacke ist.

Facebook
Sushi: Oh! Ganz wichtig! Aber mittlerweile könnt ich echt kotzen, wenn ich auf meinem Facebook-Profil bin. Also nicht, weil mir so viele Leute schreiben, denn die hab ich echt alle superlieb, aber durch Facebook entstehen echt ein paar Probleme, man muss ja nur mal in die Medien schauen. Das ist halt echt eine Gerüchteküche.
Kevin: Schau dir doch nur mal an, wir setzen jetzt gerade hier vor der Location und früher hat man sich hier vorne vor dem Club mit den Bands und Fans getroffen und sich ausgetauscht und heutzutage bleibt man bis kurz vor der Show zu Hause und macht was bei Facebook. Der Vorteil für uns als Band ist es andererseits natürlich, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit Leute erreichen zu können.
Sushi: Facebook offenbahrt ja grundsätzlich alles. Ich sag mal so, wenn du eine Frau oder Freundin hast, dann bist du mit der nur dann zusammen, wenn es auch auf Facebook steht. Und du weißt ja auch erst dann, wenn Schluss ist, wenn es bei Facebook eben nicht mehr steht. Kannst du dich noch an "Skynet" aus den Terminator-Filmen erinnern? Facebook ist "Skynet", haha! Da bin ich fest von überzeugt!

Das Thema "Kritik" wurde ja bereits schon angesprochen. Wie geht ihr genau mit der Menge an Kritik um?
Sushi: Solange die Kritik plausibel formuliert ist oder auch mal konstruktiv und ernst ist …
… gab es denn überhaupt schonmal konstruktive Kritik?
Sushi: Nein! Das ist ja genau der Punkt! Wenn mir jemand sagen würde, Junge, du bist scheisse und beleidigst Schwule in deinen Texten und bist daran Schuld, dass im Iran Schwule an Baukränen aufgehängt werden oder die Kids in Afrika verhungern, weil man sich hierzulande eine Eskimo Callboy-Platte kauft und nicht an "Brot für die Welt" spendet …
Kevin: ... was der Sushi damit sagen will, das ist halt eben einfach alles komplett haltlos. Das ist einfach nur blanker Hass, den ich auch verstehen kann. Da ist nun halt eine Band, der man nachsagt, dass sie zweifelhafte Themen publiziert, die musikalisch sicherlich kein Jimi Hendrix ist und die steht da plötzlich im Rampenlicht und Bands, die vielleicht schon jahrelang irgendwo ihre Instrumente üben und die krassesten Soli hinlegen, die müssen winzige Shows spielen. Das ist wohl der Stein des Anstoßes. Aber was sollen wir machen? Sollen wir uns den Schuh jetzt anziehen und sagen, sorry Jungs!? Ganz im Ernst, die meisten Leute, die sich mit uns eine halbe Stunde unterhalten, finden uns danach cool. Ich meine, wir sind ja keine Assis oder Idioten.
Sushi: Diese ganze Diskussion läuft doch sowieso immer ins Leere. Es geht doch im Grunde immer nur darum, was genau die Definition von Kunst ist. Es gibt halt immer Leute, die sagen, hey cool, die machen was Neues, die finden wir geil und feiern die jetzt ab oder die sagen halt, nee, das ist halt nicht meine Art von Humor. Aber diese Probleme hat ja z.B. auch ein Mario Barth.
Kevin: Wir glauben an die Leute, die zu uns stehen und die das verstanden haben, was wir da machen. Nicht umsonst haben wir coole Shows, denn da merkt man nichts von diesem ganzen Scheiss, den wir immer auf Facebook lesen. Das sind nämlich meistens immer genau die Leute, die zu Hause bleiben oder sich woanders immer eine blutige Nase schlagen.

Was war denn bisher das Negativste, was ihr euch anhören musstet?
Sushi: Also das Krasseste war wirklich und wo ich dann auch echt gesagt habe, das geht gar nicht mehr - da wurden wir wirklich mit Adolf Hitler verglichen!
Kevin: Und das war echt so'n Ding, wo wir uns gesagt haben, das geht jetzt echt zu weit. Das ist eine ganz andere Geschichte und hat absolut nichts mit uns zu tun! Uns also damit in Verbindung zu bringen, nur um uns in ein falsches Licht zu rücken, das geht gar nicht. Wir sind gerne die Arschlöcher und mit diesem Image spielen wir ja auch. Wie gesagt, das ist alles Gehabe, wir übertreiben das extra. Entweder sagt man dann "haha!" oder "was für Wichser!". Wenn sich da jetzt einer seitenlang drüber auslässt, bitte, oder sowas wie die "Arschbombe des Monats" im RockHard …
... ich hab's gelesen. Das hat mit seriösem und objektivem Musikjournalismus rein gar nichts mehr zu tun …
Kevin: Die versuchen halt irgendwie, ihre Macht auszuspielen, keine Ahnung. Wir lachen da drüber. Nimm mal als Beispiel Campino von den Toten Hosen: Der kauft sich seit Ewigkeiten immer die "Arschbombe des Monats". Das ist doch geil, oder!? Und auch wenn Campino der Einzige ist, der ist unser Album kauft, haha!

Was gibt's zu euren recht eigenwilligen Bühnenoutfits zu sagen?
Kevin: Als wir damals mit Shows angefangen haben, da haben die Leute eher gelacht und gesagt "was für Penner!" und uns eher abgelehnt. Und jetzt nehmen wir diese "peinlichen" Outfits, um die Barrikaden abzubauen. Weißt du, wenn ich jetzt auf die Bühne komme und ich wäre ein unglaublich hübscher und gut gekleideter Typ und im Publikum steht jemand mit seiner Freundin im Arm, dann denkt sie ja gleich, was für ein geiler Typ auf der Bühne, aber wenn ich da wie der letzte Hampelmann stehe, dann sagt sich genau dieser Typ im Publikum mit der Freundin im Arm: Geil, der kann mir gar nix!
Sushi: Dadurch fällt auch diese Distanz zwischen Band und Publikum weg. Manche Leute, die auf unsere Shows kommen, denken sich vielleicht, wenn ich da gleich zu krass abgehe, mache ich mich vielleicht zum Affen. Aber dann kommen wir auf die Bühne und sehen aus wie die letzten Vollidioten, haha!

Habt ihr musikalische Einflüsse oder Vorbilder?
Kevin: Vorbilder nicht direkt. Also ich stelle mich jetzt nicht hin und sage, ich will so sein wie Attack! Attack! oder Asking Alexandria, aber der Punkt ist einfach, wenn man aktiv Musik hört, also wirklich aktiv hört, dann beeinflusst dich das ja automatisch. Manchmal spiele ich Synthesizer-Melodien und dann sagt plötzlich einer von uns, das ist aber von der und der Band! Und dann fällt's mir auch wieder ein. Erst denke ich dann immer, das kommt aus mir, aber das tut es gar nicht ...
Sushi: Ich bin ja Marilyn Manson-Fan …
Kevin: Ja, Marilyn Manson ist ziemlich geil!
Sushi: Der hat mich beeinflusst. Oder auch Lady Gaga und Wes Borland. Ich steh ja auch immer so auf diese visuellen Sachen. Wenn ich auf eine Show gehe, dann will ich nicht nur einfach Musik hören und sondern auch sehen, wie die sich live so geben.
Kevin: Es heißt ja schließlich auch "Show" und nicht "vorspielen".
Sushi: Genau. Und das sind eben so Leute, die den Mut hatten, was Neues auszuprobieren.
Kevin: Oder nimm mal Slipknot. Wenn Joey Jordison da so ein Drum-Solo spielt, das ist einfach nur hammergeil! Ich bin da auf die Show gekommen und hatte direkt einen Vollbart - und das mit 13, haha!

Wir beschreibt ihr selbst eure Musik?
Sushi: Wir sind uns natürlich schon bewusst, dass unsere Musik da so in eine bestimmte Szene reinläuft, aber da können wir selber nicht viel zu sagen. Solche Definitionen fallen mir immer etwas schwer, weil wir ja nun irgendwie alles drin haben. Death Metal, Hardcore, Pop, Techno … sagen wir einfach Metal.
Kevin: Man muss sich nur mal unseren Soundcheck anhören. Unser Gitarrist, der Daniel, das ist so eher der Hardrocker, Pascal, unser anderer Gitarrist, ist eigentlich so der einzige, der auch wirklich aus dieser Core-/Screamo-Szene kommt.
Sushi: Ich bin da sehr breit gefächert. Ich hab damals Death Metal abgefeiert, HipHop/Rap höre ich viel und auch Punk. Das sind so meine Bereiche, wo ich herkomme.
Kevin: Ich hab ja früher mal Jazz-Mucke gemacht.
Sushi: Ich hab Blockflöte gespielt …
Kevin: Blockflöte ist auch geil!
Sushi: Hardcore Blockflöte, haha!

Wo wir jetzt gerade schon beim persönlichem Musikgeschmack sind. Was hört ihr aktuell gerade?
Sushi: Linkin Park z.B., ich hör immer noch viel die Sachen, mit denen ich angefangen habe. Aber auch mal eine Hardcore Band wie The Ghost Inside z.B., aber auch viel Popzeug, wie Usher und sowas.
Kevin: (kramt sein iPhone raus und liest vor) Asking Alexandria, Beneath The Massacre, Betraying The Martyrs, Busta Ryhmes, (hed)P.E. - falls die noch einer kennt, I The Breather, Placenta, Roman Lob - weil ich den Song mal hören musste, Thy Art Is Murder - mein absolutes Lieblingsalbum momentan!

Was passiert demnächst noch so? Sommerfestivals und dann?
Kevin: Genau, die Sommerfestivals, das wird erstmal sehr geil. Dann sind wir im September/Oktober in Japan und China und danach geht's nach Russland.
Sushi: Die Festivals werden geil! Summerbreeze, Full Force, Mair1, Reload …
Kevin: Da bin ich ein bisschen skeptisch. Unsere Fans sind natürlich auch da, keine Frage, aber es wird natürlich auch eine Menge Gegenwind geben.

Und Pläne darüber hinaus?
Kevin: Das ist immer schwierig. Man weiß ja nie, wo das alles hinläuft. Das ist ja so eine schnelllebige Sache. Entweder fassen wir richtig Fuß oder wir sind irgendwann einfach weg …
Sushi: … und dann treffen wir uns vorm Penny Markt oder bei McDonald's an der Kasse, haha!
Kevin: Wir sind jedenfalls gerade dabei … darf ich das überhaupt schon sagen?
Sushi: Nee, sag mal lieber nicht!
(wie gemein!)
Kevin: Sagen wir mal so: Wir haben eine neue Möglichkeit, unsere Musik in UK und den USA zu vertreiben und da werden dann sicherlich auch Shows folgen. Aber da müssen wir noch so einiges planen und das ist noch nicht so ganz spruchreif.

Gibt's Wunschbands für eine gemeinsame Tour?
Kevin: Es sollten natürlich Bands sein, die zu uns passen, also z.B. Attack! Attack! oder Asking Alexandria - was man halt so kennt. Aber ich hätte auch gerne mal so abgefuckte Leute wie Marilyn Manson dabei oder - ganz ehrlich - Lady Gaga!
Sushi: Die hat zwar echt eine Klatsche, aber die lässt die Brust raushängen, das ist auch ganz wichtig, haha!

Ein paar abschließende Worte an eure Fans?
Kevin: Ja! Kommt natürlich weiterhin zu unseren Shows. Wir werden zwar oftmals ins falsche Licht gerückt, aber wir sind immer noch die netten Jungs aus Castrop-Rauxel, die ihr morgens mit den Augenringen vom Vortag trefft. Kommt einfach vorbei und quatscht mit uns.
Sushi: Und ganz wichtig: Ihr seid nämlich immer noch die Leute, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind!
Kevin: Genau! Und da sind wir auch unglaublich stolz drauf und extrem dankbar dafür! Aber ich würde auch noch gerne was zu den Leuten sagen, die uns hassen …

… genau das wäre meine letzte Frage gewesen. Ein paar abschließende Worte an die Kritiker.
Kevin: Egal, wie sehr ihr uns hasst und wie viele Sachen ihr an uns abstoßend findet, versucht, wenn ihr uns denn mal sehen müsst und uns nicht ausweichen könnt, z.B. auf einem Festival, dann versucht uns mal ohne Vorbehalte anzuschauen. Das würde ich mir wünschen. Ihr könnt uns danach ja gerne weiter hassen, wenn ihr Bock habt, aber schaut uns einfach mal an und gebt uns eine Chance. Das fänd ich cool.
Sushi: ... und fragt eure Mutter mal, wer wirklich euer Papa ist! (schallendes Gelächter!)


Das Interview führte Marco Zimmer.
Oldenburg, 13. April 2012