Impressum Startseite
Reviews Interviews Live Specials Jobs

Interview: FORCES AT WORK

Mit "Straight" ist den Wuppertalern von FORCES AT WORK ein Kunststück gelungen, welches nur wenige Bands fertig bringen. Eine technisch hochanspruchsvolle Scheibe einzuspielen, die sowohl völlig freaky ist und dadurch gerne von der moderner Progwelt (inklusive ihrer Mathcore-Anhängsel) umarmt wird, als auch unter der Oberfläche fast leicht zugänglich und atmosphärisch ist, was mit ein wenig Aufmerksamkeit sogar entspannend wirken kann. Klingt im ersten Moment alles andere als "Straight", aber lassen wir Gitarrist Adrian Weiss (Foto, 2. von rechts) das doch mal selbst erklären.

Dass Ihr völlig eigenständige Musik abseits ziemlich aller Formate schreibt, dürfte eindeutig sein. Doch mal zurück auf Anfang - wie findet man überhaupt entsprechende Mitstreiter?
Die Band hat sich sehr organisch entwickelt. Sie besteht ja schon mehr oder weniger seit 2000. Damals bin ich in eine bestehende Band eingestiegen, in der damals auch unser jetziger Drummer, unser zweiter Gitarrist, sowie der alte Basser Armin spielten. Sie spielten mir ihre Stücke vor, damals waren es ca. vier oder so und es klang sehr krass. Da wollte ich sofort dabei sein, auch weil der Drummer einer war, mit dem man alles machen und ausprobieren konnte. Das taten wir dann auch frei nach Schnauze und probten sehr intensiv die ersten Jahre und entwickelten uns natürlich auch sehr, vor allem in der Zeit. Später suchten wir dann nur noch Gesang. Mit den Jahren konzentrierten wir uns immer mehr auf die Schlüssigkeit im Songwriting.
Naja, aber wir hatten eigentlich nie große Probleme Mitstreiter zu finden, da wir ab da auch nur wenige Line-Up-Wechsel hatten. Außer als wir mal fast ein Jahr einen Bassisten suchten, nachdem Armin ausgestiegen war - das war ein bisschen schwierig, aber das ist ja auch schon sieben Jahre her.

Habt Ihr in der Band einen gemeinsamen musikalischen Nenner?
Also es gibt schon ein paar Bands, die wir alle zumindest "ganz gut" finden. Z.B. Nevermore, Death, Dream Theater, Protest The Hero und einige andere. Unser Bassist ist mehr von der harten Fraktion, ich bin noch am ehesten der Hard Rocker und stehe auch voll auf Gitarrengedudel und so. Andere hören teilweise auch sehr gerne mainstreamigere Sachen, aber alle mögen auch komplexere Musik und die entsteht automatisch, wenn wir zusammen sind.

Gab es bis dato auch schon Reviews, denen man entnehmen konnte, dass da jemand nicht mal ansatzweise begriffen hat, was Ihr da so treibt?
Ja, zu den älteren Scheiben gab es das immer wieder. Manche Rezensenten scheinen unbedingt die Stilrichtungen klassifizieren zu müssen. Das fällt bei uns schwer, weil wir einfach sehr viele verschiedene Einflüsse verarbeiten und zwar frei nach Schnauze.
Einer schrieb mal sinngemäß "die Band muss sich in Zukunft entscheiden, ob sie eine Thrash-, Death- oder Prog-Band werden will, denn mit so unterschiedlichen Parts und Stücken kann das nichts werden …"

Mir stellt sich bei Euren Songs immer wieder die Frage, wie Ihr darauf kommt, an dieser oder jener Stelle eben genau (oder eben nicht) einen gewissen Part einzubauen.
Auch wenn es eventuell die Magie des Ganzen zerstört - gibt es auf "Straight" einen Song, dessen Entstehung Ihr mal "piece by piece" erklären könntet?
Am einfachsten wäre da der Opener "The Mind Slavery", da die Grundideen von mir sind, wobei natürlich das Stück in dem Arrangement mit der gesamten Band erarbeitet wurde:

[1] Intro - mit verschiedenen Versatzstücken, die in späteren Parts immer wieder mal auftauchen, teilweise in unterschiedlichen Oktaven. Drums und verzerrte Gitarren steigen ein, eine Gitarre bricht aus, die andere spielt weiter, später sind alle wieder zusammen.
Der Ablauf des Intro-Themas variiert leicht, es kommen 1-2 neue Versatzstücke dazu, weil es Spaß macht!
[2] Cynic-mäßige Überleitung als Atempause, aber es geht dann sofort wieder los in die
[3] Strophe. Das Riff, besteht im Grunde aus dem Konklusionslick des Intros, nur halt zwei Oktaven tiefer gespielt - und mit anschließenden 16tel-Triolengebretter auf der leeren H-Seite. Natürlich endet die Strophe mit einem Break und es geht in die
[4] Bridge. Dieses Riff ist wieder eine weitere Variation des Intro-Endlicks (fällt das irgendwem auf? Mir schon.) Und der Druck baut sich durch eine Steigerung der Drums auf und schon sind wir im nächsten Part, welches ja wieder das
[5] Intro Post-Bridge ist. Und nun geht es in den
[6] Chorus. Hier - denke ich - holen wir alle ab, denn der Part dürfte sich jedem Zuhörer öffnen. Es passiert hier zwar rhythmisch einiges, aber letztendlich ist alles 4/4 und basiert auf eine 4-Akkorde-Progression, also alles easy.
[7] Und wieder das Intro in der kürzeren Variante als Interlude.
[8] 2. Strophe, diesmal rhythmisch groovend statt einfach auf die Fresse gebrettert, zumindest die erste Hälfte, dann wird gebrettert. Riff ist wieder das Ding vom Intro in tief…
[9] Dann kommt die absolute Steigerung, sozusagen der Aufbau des Knüppelhöhepunkts, der aber dann, wenn die Spannung nicht mehr erträglich ist, wieder in den
[10] 2. Chorus mündet. Und dieser führt geschmeidig in einen relaxten Solopart. Hier kann man mal wieder ein bisschen durchatmen als Zuhörer. Ich muss aber das Solo spielen, kann also nicht relaxen und es steigert sich natürlich wieder alles…
[11] Weil wir die Forces sind, kommt nach dem Solo ein kompliziertes Break, dass einfach Spaß macht und auch gut passt und dann kommt noch ein Solo, diesmal vom Mischa und wieder etwas relaxter … es steigert sich und es geht in den
[12] 3. und letzten Chorus. Klar, dass der härter und brutaler ist als die ersten beiden.
[13] Ja, und dann sind wir im Intro als Outro, etwas anders aufgebaut als im Intro-Part, aber im Grunde fast gleich.
[14] Endbreak (fast genau wie das Break am Ende der ersten Strophe) und dann ist Schluss.

Und Ihr sitzt dann da alle zusammen und es machen Sätze die Runde wie "Nee, der Part ist zu straight", "Jetzt muss aber mal ein Chorus her" oder "Das wird nie einer verstehen, deswegen machen wir das erst recht so.", oder wie?!
Na manchmal ist es schon so, dass wir als Kriterium für eine Partfolge oder ein Arrangement das Totschlagen des Zuhörers beabsichtigen, so nach dem Motto "... und wenn wir jetzt nochmal den Part so bringen, dann is das oberfett und dann kackt der Zuhörer voll ab und kriegt von uns richtig auf die Fresse", aber das ist eigentlich eher selten. Meistens ist es in der Tat so, dass wir schon versuchen, in aller Komplexität und in allem scheinbaren Chaos sinnvolle und funktionierende Songstrukturen zu bauen, so dass alles seinen Sinn hat.
Ich denke, wenn man die Scheibe mehrfach aufmerksam hört, wird man auch feststellen, dass die Songs letztendlich doch eine mehr oder weniger klare Struktur haben.

Eure Fans dürften genau wie Eure Musik sehr vielschichtig sein. Wie sieht denn die Schnittmenge aus, wenn Ihr einen Gig vor "heimischem" Publikum habt?
Ja, ist ganz unterschiedlich mit den Leuten, die auf unsere Mucke stehen. Manche kommen aus der härteren Ecke und stehen eben auch auf komplexe Musik. Manche sind generell Progger. Wobei wir vielen Proggern zu hart sind. Ist eben nicht so einfach. Ich habe aber das Gefühl, dass die jüngeren Zuhörer offener für unsere Musik sind.

Bereits 2004 hattet Ihr die Chance, mit Viktor Smolski auf seinem "Majesty & Passion"-Album zusammenzuarbeiten. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande und welche Erfahrungen konntet Ihr mit ihm machen?
Ich war mit meiner früheren Band Thought Sphere in den Jahren ca. 2000-2002 auf einem Label namens B.Mind Records. Victor hatte damals in der Zeit vor Rage eine Band namens Mind Odyssey, die auf dem selben Label war. Daher kannte man sich zumindest von der Musik her. Persönlich getroffen haben wir uns dann im Tenne Club in Hamm. Dort hatte Victor damals einige Veranstaltungen auf die Beine gestellt, die jeweils in der Regel eine Band featurete. Ihm gefiel unser Sound und er fragte uns noch am selben Abend, ob wir Interesse hätten, ein Bach-Stück für sein Soloprojekt zu arrangieren und aufzunehmen und wir sagten natürlich nicht nein!
Es dauerte dann ein ganzes Jahr, bis es dann endlich soweit war. Wir bekamen von ihm eine CD mit Orchester und Click und durften dann ran. Wir haben sechs Wochen lang nichts Anderes gemacht und dann ging es ins Studio, wo wir mit Victor und Charly Czaikowsky dann in einer 17-stündigen Marathon-Session (von ca. 12 Uhr mittags bis 5 Uhr morgens) das Ding aufgenommen haben - und ich musste am nächsten Tag arbeiten …
Es war eine Supersession und es hat wirklich Spaß gemacht, mit Victor zu arbeiten. Davon mal abgesehen, dass er unglaublich fähig, genau und konzentriert bei der Sache ist, ist er ein sehr netter und witziger Typ. Er ist auch gut darin, einen zu motivieren und das Beste aus einem rauszuholen, auch wenn man eigentlich nicht mehr kann.
Seitdem haben wir auch regelmäßig Kontakt und wir besuchen uns gegenseitig auf unseren Konzerten und so. Er hat auch ein Solo auf meinem Instrumentalalbum "Big Time" gespielt, welches übrigens auch kürzlich erschienen ist.

Abschließend das Schlagwort "innovativ". Ein Begriff, der meines Erachtens definitiv auf Euch zutrifft.
Wenn Ihr mal auf die letzten fünf oder zehn Jahre zurückblickt - wen aus der großen weiten Metal-Welt würdet Ihr als innovativ bezeichnen?
Gute Frage …
Also Animals As Leaders fallen mir da spontan ein. Die haben wirklich etwas geschaffen, was es in der Form mit ihrem Prog-Jazz-Fusion-Metal noch nicht gibt. Hammer.
Ich finde aber auch Protest The Hero unfassbar cool, weil die es schaffen, trotz extremster Komplexität der Musik, vor allem auf der "Scurrilous", total eingängige und fast leichtherzige Musik zu machen, die gute Laune macht, finde ich. Auch die kann man stilistisch nicht wirklich einordnen …


Das Interview führte Siegfried Wehkamp (per Mail).