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Interview: SÓLSTAFIR

Kollege Marco hatte sehr wohl recht, als er in unserem Bericht zur diesjährigen Paganfest-Tour bemerkte, das Billing sei "erwachsener" geworden. Musikalisch tanzten dabei die isländischen Space Cowboys von Sólstafir am meisten aus der Reihe. Aber ihr aktuelles Album "Svartir Sandar" war wohl Argument genug, um die Band auf diese Tour zu buchen. Wir unterhielten uns nach ihrem Auftritt mit Drummer Guðmundur Óli Pálmason (Foto, rechts).

Betrachtet man mal die vergangenen Line-Ups des Paganfest, müsstet ihr eigentlich dieses Mal zufrieden sein, mit Brüdern im Geiste wie Primordial oder Negura Bunget zu spielen.
Ganz ehrlich - anfänglich wussten wir nicht, ob wir diese Tour wirklich spielen sollten. Paganfest, Humppa Musik - das ist eigentlich die Szene, aus der wir raus wollen, weil wir ja musikalisch gar nicht so sind. Wir sind ja dann eher eine Rock 'n Roll Band, vielleicht epischer Rock 'n Roll oder so. Doch dann wurden Primordial und Negura Bunget bestätigt. Das gab uns doch ein besseres Gefühl und es ist ja auch eine gute Möglichkeit, ein größeres Publikum zu erreichen.

Und Alan von Primordial hat während eures gesamten Sets am Bühnenrand gestanden und euch zugeschaut.
Er ist sogar derjenige, der uns zu dieser Tour geraten hat. Wir stehen schon längere Zeit in Kontakt. Und wir sprechen auch seit Längerem darüber, eine Primordial/Sólstafir-Tour zu machen. Wir könnten auch noch Negura Bunget dazu nehmen. Die beiden anderen Bands (Heidevolk und Eluveitie) sind in dem was sie tun gut, aber sie sind nicht "my cup of tea". Aber ich bin froh, diese Möglichkeit zu haben und diese Leute kennenzulernen. Die sind alle echt nett, aber wir möchten nicht musikalisch in dieser Ecke festkleben.

Der Fan braucht ja irgendwie immer eine Schublade, um Bands zu kategorisieren. Wo seht ihr euch denn selbst?
Äh … irgendwo zwischen Dark Throne und Duran Duran.
Ich meine, das hören wir wirklich alles, mal so, mal so. Und dazwischen eben auch alles. Wir wissen selbst, dass wir nicht in ein spezielles Genre gehören. Ich lese sehr viel, dass die Leute Probleme haben, uns einzuordnen und ich finde das klasse! Klar, gibt es auch die negative Seite. Viele hören sich keine bestimmten Bands an, sie hören sich bestimmte Genres an. Und genau diese Menschen werden wir wahrscheinlich auch nie erreichen, weil sie einfach zu engstirnig sind. Daher sind die mir auch egal.
Es mag vielleicht arrogant klingen, aber wir machen eben Musik für den etwas erwachseneren Typ Mensch.

Sehe ich genauso. Das nächste Thema muss jetzt leider (?) sein. Nimm es auf, wie du möchtest. Aber speziell mit der neuen CD - was hat es mit diesem großen Einfluss von Nirvana auf sich?
Ja, das habe ich auch schon ein oder zwei Male gehört. Und ich bin sogar sehr angetan von diesem Vergleich. Ganz ehrlich - wir alle mögen Nirvana. Und wenn es sich in unserer Musik widerspiegelt, dann aber unbewusst, denn so etwas planen wir ja nicht. Aber Nirvana sind mir tausend Mal lieber als ein Vergleich mit irgendeiner Humppa Band.

Ich muss gestehen, dass Sólstafir die erste Band überhaupt ist, die mir aus Island bekannt ist. Aber genau wie bei der gesamten skandinavischen Szene frage ich mich manchmal, ob die nichts Besseres zu tun haben, als den ganzen Tag erstklassige Musik zu schreiben. Die Frage geht nun auch an dich.
Und das ist schon etwas verrückt, denn es hat manchmal echt den Anschein, als wenn jeder in Island in einer Band spielt. Das Level kreativer Menschen ist enorm hoch. Vielleicht ist es etwas in unserer Kultur, aber ich persönlich kenne nur drei oder vier Leute, die eben nicht in einer Band spielen. Irgendwie ist jeder hier kreativ, ob er nun ein Buch schreibt oder in einer Band ist. Von den Bands wirst du dagegen seltener hören, weil es einfach schwer ist, aus Island rauszukommen. Aber das Qualitätslevel ist hoch. Ich verspreche dir, wenn eine dieser Bands aus einem der musikalisch wichtigeren europäischen Ländern käme, hättest du schon längst von ihnen gehört. Es gibt da ein paar Death Metal Bands, deren Mitglieder gerade mal Anfang 20 sind und wenn ich die spielen sehe, schäme ich mich dafür, dass ich zwar älter, aber nicht besser bin - natürlich positiv gemeint.

Stellt sich noch die Frage, wie berühmt ihr eigentlich im eigenen Land seid. Bei YouTube geistert derzeit ein Clip herum, wo ihr "Fjara" live im isländischen Fernsehen spielt, sogar mit zusätzlichen SängerInnen. Aufklärung, bitte!
Das war so ein Newsmagazin, keine kleine Nachrichtensendung, sondern etwas größer. Und die haben eigentlich jeden Freitag einen Musik-Act dabei. Der Typ, der dahintersteckt, fährt ganz schön auf Metal ab und ist auch etwas neidisch auf uns, weil wir jetzt mit Primordial unterwegs sind. Und der hat uns da eingeschleust. Eine andere Band namens Skálmöld war auch schon mal dabei - die haben sogar auf der letzten Heidenfest-Edition gespielt.
Nein, berühmt würde ich uns nun nicht nennen. Aber wir kommen langsam voran. Letztens waren wir auf Platz neun in den Charts. Das ist bei 300.000 Einwohnern in Island zwar nicht so schwierig, aber mit dieser Musik ist das doch schon etwas.

Gab es denn nach diesem Auftritt direkte Reaktion aus Bereichen, die sonst weniger mit Metal am Hut haben?
Die Allgemeinheit nimmt seit dem letzten Album etwas mehr Notiz von uns. Zum neuen Album hatten wir z.B. eine Release-Show in einem alten Theater. Das war ziemlich teuer, weil wir da alles mieten mussten und der Ticketpreis war auch gut drei Mal so hoch wie eine normale Clubshow. Aber trotzdem haben wir das Ding mit 500 Leuten vollgemacht. Und da waren nicht gerade viele Metalheads. Ich will die Metalheads ja nicht ausschließen, weil wir ebenso von dort kommen, aber wir sind nun mal keine extreme Metalband.

Eher eine Rockband.
(mit einem großen Lacher für die Runde) Eine Nirvana-Rip off-Band! Aber unser Sänger Aðalbjörn ist schon zu alt, um sich noch den Kopf wegzublasen.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Hamburg, 26. März 2012