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Interview: STICK TO YOUR GUNS

Interview mit Sänger Jesse Barnett (Foto, Mitte).

Okay, erstmal ganz simple: Wie geht's dir?
Oh, mir geht es großartig, wir sind jetzt schon seit einer ganzen Weile auf Tour und bevor wir hierher ins "richtige Europa" gekommen sind, waren wir drei Tage in Russland, aber die haben sich angefühlt wie drei Wochen und deshalb bin ich echt erleichtert, wieder hier in Deutschland zu sein.

Magst du Deutschland?
Oh ja! Vor allem die kleinen Dörfer und Städte gefallen mir sehr, aber auch die großen wie Hamburg, Berlin und Stuttgart sind toll.

Warst denn denn schon mal hier in Rostock?
Ah, ich weiß nicht genau, ich hab was das angeht so ein schlechtes Erinnerungsvermögen, vielleicht ja, vielleicht nein. (lacht)

Und wie lief die Tour bis jetzt?
Eigentlich großartig, aber die letzte Nacht war irgendwie nicht ganz so stark, da waren wir in Siegen und naja, die Leute dort waren wohl nicht so mit der Szene vertraut. Es hat zwar Spaß gemacht, aber es waren halt nicht so viele Leute da, die die Texte mitgesungen haben, vielleicht kannten uns auch einfach noch nicht genug.

Gab es denn irgendetwas außergewöhnliches auf der Tour bis jetzt?
Alleine, dass wir mit Evergreen Terrace auf Tour sind, ist eigentlich schon besonders genug, aber am besten ist es, Josh (Gitarrist) jeden Tag zusehen zu dürfen, wie er bei uns und Evergreen Terrace jedes Mal zwei Sets spielt. Das ist einfach der Hammer! (Josh ist sowohl bei Stick To Your Guns, als auch bei Evergreen Terrace Gitarrist).

Was war denn die beste Show, die ihr je gespielt habt?
Jetzt auf der Tour oder ingesamt?
Insgesamt!
Wow, insgesamt? Puh, also ich finde alle Shows klasse, bei denen wir sehen, wie weit verbreitet wir sind. Das eine mal in Amerika haben wir vor 10.000 Leuten gespielt und ich dachte mir nur "Fuck, das ist zu viel!" Aber auch die Konzerte in Russland und Japan sind toll, denn da sind Menschen, die kaum ein Wort Englisch sprechen, dann aber alle unsere Texte auswendig mitsingen können, das ist fantastisch!
Wow!
Ja, ich will irgendwann meinen Kindern erzählen können: "Der Typ da in der Band: Das war ich!"

Ist das Bandleben denn mehr Arbeit oder mehr Spaß für dich?
Es ist beides, denn umso bekannter du wirst, umso mehr Spaß macht es, aber die Erwartungen an dich steigen auch dramatisch und das ist manchmal auch so ein Problem, denn ich bin so jemand, der gerne vor Verantwortung davonläuft und Angst davor hat, Menschen zu enttäuschen, wenn man ihre Anforderungen nicht erfüllen kann.
Aber man lernt auch sehr viel, denn ich habe zum Beispiel Flugangst und werde so gezwungen, mich meinen Ängsten zu stellen und so kann ich langsam zu der Person werden, die ich sein will, so wie ich es in meinen Songtexten beschreibe.

So wie "I Am A Coward, I Am A Brave Man" im Song "D(I AM)OND"?
Genau! Aber es ist lustig, wie Leute versuchen, den Song auszusprechen - Di-Ei-Ähm-OND, aber eigentlich heißt der Song einfach nur "I Am" - der Rest ist Deko.

Deine Songs sind aber auch sehr persönlich, nicht wahr?
Ja gerade "I Am" ist einfach, wie ich über mich selbst denke.

Schreibst du alle Lyrics oder ist das Teamarbeit?
Die schreibe nur ich, ich will zwar nicht wie ein Arschloch klingen, aber das gehört einfach nur mir und da lasse ich niemand anderen ran.

Ist "Diamond" denn dein persönlichstes Album?
Auf jeden Fall! Ich meine, als "Hope Division" fertig war, da war ich echt überrascht, wie toll es aufgenommen wurde, denn bei den Aufnahmen hatten wir nur begrenzt Zeit, so dass wir uns irgendwie durchfuchsen mussten. Bei dem jetzigen hatten wir wesentlich mehr Zeit, so dass wir uns sagen konnten: Uns gefällt der Song. Wenn er uns in einer Woche noch gefällt, schön, dann nehmen wir ihn, aber bei "Hope Division" war es so: Der Song ist fertig, er muss aufs Album, Punkt!
Die Leute vergleichen "Diamond" immer mit "Hope Division" und sagen: Blabla, es ist kein "Hope Division", aber für mich ist es einfach ein besseres "Hope Division"!
Es gibt zwar mehr Gesang, aber ich singe gerne, denn ich will keine von diesen "Gimmick-Bands" sein, bei denen immer nur *grrr* Breakdown *grr* kommt.

Was sind denn so deine Lieblingsbands?
Zum Beispiel Propagandhi, Ignite oder Ter..r..r..
Terra? Tear? Wie schreibt man das?
T-E-R-R-O-R
Ach, Terror!! (beide lachen)
Ja, ich habe wohl doch noch etwas Akzent. (lacht)

Hast du denn einen Lieblingssong?
Puh, ich habe viele Lieblingslieder, aber ich glaube, zur Zeit wäre es "Call Me Maybe" (von der kanadischen Singer-Songwriterin Carly Rae Jepsen) .
Was?!? (beide lachen)
Ja, siehst du, viele denken immer: Der hört doch eh nur Hardcore, aber so ist das eben nicht, denn Musik ist mein ganzes Leben und da wäre ich doch blöd, wenn ich mein ganzes Leben lang nur in eine Richtung gehen würde. Und manchmal singt auf diesem Weg eben ein kleines 20-jähriges abgefucktes Mädel von Zucker und Einhörnern.
Haha, dann spielt ihr ja bestimmt bald zusammen ja?
(lacht)

Und was steht sonst noch dieses Jahr an?
Wir haben da zum einen die Allstar-Tour …
Leider nur in Amerika …
Genau. Dann noch die Never Say Die-Tour und wir wollen auch noch mal als Headliner in Japan und Australien unterwegs sein.
Na da habt ihr ja noch einiges vor.
Definitiv. Wir wollen auch mit Motionless In White auf Tour gehen, darauf freu ich mich schon besonders, das sind gute Freunde von uns und echt coole Typen, aber die Leute sagen dann immer nur: "Was? Ihr seid mit denen befreundet? Aber die Musik ist doch ganz anders!" Aber ich sage mir immer, all diese Musik hat ihren Ursprung in Wut, Hass, Trauer und Schmerz, also passt das schon. Meine Mum sagt immer, ich sei leidenschaftlich, aber meine Freunde halten mich eher für eine Drama-Queen. Sie sagen immer, mit mir abzuhängen, ist wie jeden Tag Kuchen essen. Kuchen ist toll, aber wenn du ihn jeden Tag isst, kriegst du irgendwann davon das Kotzen (macht Kotzgeräusche).

Wie kam eigentlich dieser ganze Veggie-Straight-Edge Gedanke?
Weißt du, ich habe als Kind viel Propaghandi gehört, habe die Texte mitgesungen, ohne zu wissen, worum es eigentlich ging. Dann, als ich älter wurde, begann ich langsam zu verstehen, was da alles dahintersteckt und so fing das mit dem Vegetarismus bei mir an. Ich sage ja nicht, dass vegetarisch zu leben die "richtige" Art ist, aber es ist mein Weg und jeder muss ihn für sich finden. Das Problem ist nur, für meine Eltern ist das alles, Konzerte und so, ein "giftiges Unterfangen", alles ist laut, schreit und schlägt um sich, dabei verstehen sie gar nicht, dass es Inhaltlich eigentlich genau das Gegenteil aussagt, dass man das Leben respektieren soll. Was das angeht, sind all unsere Eltern einfach dumm und verständnislos, deshalb fühle ich mich auch auf der Bühne zu Hause. Weißt du, ich verstehe diese Leute, die zehn Stunden am Tag arbeiten, im Verkehr festsitzen, sich anschreien lassen müssen und so, dass die irgendwann aufwachen und einfach mit einer Pistole zur Arbeit gehen und alle töten. Ich will das auf gar keinen Fall gut heißen, ich sage nur, dass ich sie verstehen kann und dass es eine schreckliche und ekelhafte Sache ist, aber auch dass sie genauso gut vermieden werden kann. In San Francisco gab es einen Fall, da war ein Typ, der von der Golden Gate Bridge sprang, anschließend hat die Polizei sein Haus durchsucht und einen Zettel gefunden auf dem stand: Ich werde jetzt zur Golden Gate Bridge gehen und springen, außer irgendjemand unterwegs lächelt mich an und sagt "Hallo". Tja, er ist dann doch gesprungen und das zeigt wieder, wie egoistisch und verschlossen wir alle sind. Und ich kann so etwas verstehen und darum geht es halt auch in dem Song "Built Upon The Sand" und meine Band meinte nur, "das kannst Du nicht schreiben", aber ich sagte, ich muss, denn diese Message muss verbreitet werden, denn jeder hat sich schon mal so gefühlt und wir alle können solche Menschen verstehen, nicht nur ich. Die Menschen haben einfach nur Angst vor dem Unbekannten.

Wow … das klingt nach einem tollen Abschluss, vielen Dank. Jetzt noch ein Foto und ein Autogramm und wir sind fertig (lacht).
Haha, klar gerne doch!


Das Interview führte Hannes Fleisch.
Rostock, 13. Juni 2012