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Interview: SANTIANO

Wenn die Santiano auf ihrer Kaperfahrt nicht nur in Wacken, sondern nun auch noch in Oldenburg vor Anker geht, lassen wir es uns natürlich nicht nehmen, kurz an Bord zu gehen, um der Besatzung ein paar Fragen zu stellen, die uns Björn Both (Foto, rechts) und Hans-Timm "Timsen" Hinrichsen (Foto, links) auch bereitwillig beantwortet haben.

Foto: Michael Mey

Heute ist der dritte Tag der Tour. Kann man schon sagen, wie ist es angelaufen ist und gibt's schon erste Eindrücke?
Björn: Wir haben ja mit der zweiten Platte eine etwas härtere Gangart eingeschlagen und das muss sich ja auch irgendwie niederschlagen in dem, was wir live machen. Und wir waren bis zuletzt nicht ganz sicher, ob es nicht Teile in unserem Publikum gibt, denen das vielleicht etwas zu hart rüberkommt und da waren wir dann schon etwas vorsichtiger. Aber jetzt nach den ersten Gigs kann man sagen: Yes! Wir dürfen das! Und das scheint auch so zu funktionieren und das beruhigt uns.
Timsen: Da hatte auch keiner was dagegen, das kam alles super an und wir haben ja auch ein super Publikum. Insofern sind wir auch guter Dinge, dass das so bleibt.

Gibt es eigentlich grundlegende Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland? Im Süden kann man mit dieser Seefahrer-Thematik vermutlich nicht so ganz viel anfangen, oder?
Björn: Ja, genau, das ist auch logisch. Wir haben schon ein Nord-Süd-Gefälle, was wir aber so langsam etwas austariert bekommen - allerdings wohl auch nie ganz, denn im Norden ist das natürlich eben schon noch was ganz anderes. Ich meine, wenn wir z.B. die Hamburger O2-World mit 11.000 Leuten ausverkaufen, dann schaffen wir das noch lange nicht in München.
Timsen: Auf der Tour letztes Jahr im Herbst haben wir im Süden vor 300-400 Leuten gespielt und jetzt ist in München Circus Krone mit über 4.000 Zuschauern ausverkauft.
Björn: Genau. Wobei "austarieren" jetzt vielleicht etwas zu viel gesagt ist, aber man bekommt "da unten" zumindest so viel Substanz hin, dass es sich lohnt, trotzdem da zu spielen, aber es wird natürlich immer ein Nord-Süd-Gefälle geben. Ich sag mal, ab Stuttgart sind wir Exoten … haha!

Gehen wir mal zurück zum Anfang: Wie seid ihr 2011 genau zusammen gekommen? Die Initiative ging ja irgendwie von Hartmut Krech (Elephant Music, Flensburg) aus…
Timsen: Den kennen wir schon seit Jahren und man hat sich auch häufiger mal besucht und eines Abends gab's bei dem halt wieder eine Party und zu fortgeschrittener Stunde passierte es dann: Es ging dann los, dass wir irgendwelche alten Gassenhauer und Seemanslieder gegröhlt haben und da hatten einige Leute das Gefühl, dass das ganz gut klang, und da dachten wir uns, versuchen wir das einfach mal, zumal die Idee auch schon länger kursierte. Aber man hatte halt nie die passenden Stimmen, die passenden Gesichter und noch kein Konzept dazu.
Björn: Das war also quasi die Idee von ein paar nordischen Querköpfen. Also nicht nur von der Band, sondern z.B. auch von unserem Manager, der schon von Beginn an mit im Boot ist.

Ihr seid ja nun alles gestandene Musiker. Ist Santiano sowas wie eine neue Herausforderung gewesen, vielleicht sogar eine, die ihr gesucht habt?
Timsen: Gesucht ist wohl zu viel gesagt …
Björn: Es ist halt einfach passiert. Als sich die Möglichkeit geboten hat, haben wir sie angenommen. Wir wären nicht - und da kann ich jetzt für alle sprechen - losgezogen und hätten gesagt: Wir haben hier jetzt zu viert oder fünft eine tolle Idee und tingeln jetzt von Krabbenfest zu Krabbenfest, spielen so ein paar Dinger, in der Hoffnung, dass mal irgendwann jemand kommt und sagt, wir machen das Ding jetzt groß.
Wir hatten halt das Glück, gleich schon verschiedene große Partner mit im Boot gehabt zu haben und deswegen haben wir diese Herausforderung angenommen.
Timsen: Das hat uns natürlich schon ordentlich angetrieben, gleich richtig und mit Turbinendruck loszulegen.

War damals abzusehen, wie groß diese ganze Sache eventuell werden könnte?
Timsen: Nein, sowas kannst du nicht absehen und das träumst du auch nicht.
Björn: Wenn wir uns das im Vorfeld vorgestellt hätten, dann hätte uns vermutlich jeder unterstellt, dass wir größenwahnsinnig sind. Wir haben gedacht, das wird vielleicht so'n mäßiger Erfolg, von dem man ein bisschen leben kann. Ich glaube, ganz Tollkühne aus unserem weiteren Kreis, haben wohl gedacht, dass könnte nach zwei Jahren vielleicht mal Gold geben, aber auch eben nur in dieser ganz bestimmten Szene. Wir hätten nie im Leben gedacht, dass wir damit so genreübergreifend für Furore sorgen.

Die Kombination aus einerseits Shanty und andererseits Irish Folk ist ja schon etwas einzigartig. Wie kam es dazu?
Timsen: Bock! Einfach Bock! Das ist das, worauf wir Lust haben und was uns gefällt. Wir arbeiten natürlich sehr viel an den Liedern, dass die gut ankommen, aber in erster Linie geht es darum, einfach Bock zu haben und das zu machen, was einem wirklich Spaß macht.
Björn: Und es sind eben auch die verschiedenen Einflüsse, die jeder von uns in die Band mit einbringt. Das ist also etwas, das sich aus der Kombination der Leute heraus ergibt und ich glaube, so funktionieren viele Bands. Man trifft sich einfach und dann ergibt sich das halt und dann hat man eben eine Basis, gemeinsam Musik zu machen. Und die Basis von Santiano ist eben Rock, Shanty, Irish Folk und ein bisschen Pop.

Erinnert ihr euch noch an die letzten Minuten vor dem ersten Auftritt auf dem Wacken Open Air? Was hattet ihr da für ein Gefühl, was wohl gleich passieren wird?
Björn: Ich kann Dir sogar fast noch den genauen Dialog mit Holger Hübner (Wacken Veranstalter) wiedergeben. Im Vorfeld haben wir noch gesagt: Hübi … das ist so ein Ding … wie soll das denn was werden? Und 2012, kurz vor dem ersten von insgesamt vier Gigs an dem Wochenende, kam Holger dann zu uns und sagte ganz stolz: Da stehen 2000 Leute vor der Bühne! Und wir meinten nur: Aber Holger, Du weißt doch gar nicht, wofür die gekommen sind? Vielleicht wollen uns 1000 von denen den Arsch vollhauen!? Aber das hat sich dann ja zum Glück ganz schnell in Luft aufgelöst. Und wir haben es dann auch kapiert. Das ist wahrscheinlich auch wieder der "Nord-Bonus", dem das ein bisschen zuzuordnen ist, denn das Publikum weiß eben: Das sind unsere Jungs, die da grad ein dickes Ding machen - und das ist vor allem auch die Attitüde, mit der man das macht. Ich glaube, egal, was du machst, es kommt nur darauf an, wie du das machst. Und wenn du das eben wie wir machst, also mit einer authentischen Attitüde und vor allem mit dieser herzlichen Raubeinigkeit, die ja auch einem Metalhead gut zu Gesicht steht, dann hat man da eben eine gemeinsame Komponente.
Timsen: Um nochmal auf den Moment kurz vor dem Auftritt zu kommen: Wir waren schon sehr skeptisch, aber als wir dann hinter der Bühne standen, konnten wir schon die ganzen Leute vor der Bühne "Kaperfahrt" und "Santiano" gröhlen hören und als wir dann auf die Bühne gingen und auch mit "Kaperfahrt" begonnen haben, ging ein Meer von Händen hoch und da war dann eigentlich alles klar.

Das typische Wacken-Publikum ist ja eher weniger auf euren Hallenkonzerten anwesend, was sicherlich auch daran liegt, dass es oftmals ausschließlich nur Sitzplätze gibt …
Björn: … aber ab und zu sehen wir schon ein paar Wacken-Leute - oder sagen wir mal allgemeiner: Leute aus einem anderen musikalischen Lager.

Fehlen nicht vor der Bühne vielleicht so ein bisschen die jüngeren Leute, die da stehen und feiern?
Björn: Das kann man sicherlich so oder so sehen. Wenn man sitzt, hat man etwas mehr Platz, seine Begeisterung zu zeigen. Wenn die von Anfang dicht gedrängt stehen, ebbt das nach einer Stunde oder so etwas ab. Bei unseren Konzerten ist das so, die einen stehen auf und die anderen bleiben lieber sitzen. Das ist auch wieder das Thema, das wir gerade schon hatten: Wir konnten eben nicht ahnen, dass wir auch andere musikalische Lager zu packen bekommen. Das ist so ein bisschen wie "die Geister, die wir riefen". Wir wissen wohl, dass das etwas problematisch ist, aber wir wissen auch nicht so die richtige Lösung. Wir haben nun eben auch ein Publikum - wir nennen es mal die "Carmen Nebel-Fraktion" - die würden vielleicht gerne stehen, aber die können es gar nicht. Mit einer Stunde Wartezeit vorweg, dann stehen die da dreieinhalb Stunden und dann macht Oma Gretchen halt nicht mehr mit, die jetzt vielleicht nicht 82 ist, aber zumindest 65 ist, aber auch ein Flower Power-Kind. Das sind ja nicht mehr unsere Omas, sondern die heutigen Omas. Die haben ja ganz andere Helden gehabt.
Timsen: Also ich finde das immer total geil, wenn die Leute sitzen und dann irgendwann alle aufstehen …
Björn: … da gebe ich dir Recht. Aber da werden wir uns alle vermutlich nie richtig einig werden.

Ihr habt dieses Jahr den Echo in der Kategorie "Volkstümliche Musik" bekommen. Seht ihr euch selber als volkstümliche Band?
Timsen: Wenn man das mal vom Sinne des Wortes her nimmt, also Volks-Musik, und wenn man dann mal schaut, was wir da machen und wen wir damit erreichen, dann kann man das nicht bestreiten und das finde ich auch cool.
Björn: Vielleicht würde ich "Volks" mit "x" am Ende schreiben und das "tümlich" rausnehmen und dann trifft es das schon auf den Punkt, wenn man mal schaut, wo das Wort genau herkommt. Wenn man natürlich das Image von "volkstümlich" nimmt, dann stehst du natürlich da und schüttelst den Kopf. Aber was soll's, das haben wir ja nicht erfunden.
Timsen: Das Ding ist halt, die Leute haben immer so das Bild vor Augen, volkstümliche Musik ist gleich "Musikantenstadl". Aber das ist es ja nicht. Volkstümlich ist Folk oder einfach Musik für's Volk, sage ich mal.
Björn: Es gibt wahrscheinlich außer Deutschland kein anderes Land, was da so eine gespaltene Meinung zu hat. Unsere Folklore ist ja vernichtet worden. Die wurde im Dritten Reich buchstäblich verbrannt. Und deswegen haben wir da einen schlechten Bezug dazu, weil wir eben gar keine mehr haben. Ich würde es gut finden, wenn diese ganzen Vorurteile irgendwann mal aufgehoben werden und man sagen kann, ich geh zu einer Volks-Rockband und habe damit auch kein Problem.

Nach Duetten mit Subway To Sally - zumindest live - und Faun: Gibt es noch Wunschbands, mit denen ihr gerne mal zusammenarbeiten möchtet?
Björn: Also Wunschbands haben wir da eigentlich gar nicht. Aber wenn man mal zu den beiden von Dir genannten Bands noch Helene Fischer und Andreas Gabalier hinzuzählt, dann haben wir ja schon einiges in der Richtung gemacht, auch in verschieden Bereichen. Meistens tritt man ja an uns heran, von daher, mal schauen, was da noch kommt.

Timsen, Du hast in einem Interview mal gesagt:
Bei "Bis ans Ende der Welt" wurde mit Windstärke 3 gesegelt. "Mit den Gezeiten" hat Windstärke 6."
Dürfen wir uns also beim dritten Album auf einen Orkan einstellen?
Timsen: Das wissen wir noch nicht. Das Schöne ist ja, dass die Plattenfirma uns da keinen Riegel vorgeschoben hat. Aus der Erfahrung der ersten Tour im Herbst 2012 - da sind wir ja auch schon "fetter" gefahren, als das, was auf der ersten CD ist. - und da haben wir halt gemerkt, die Leute können das gut vertragen, wenn wir mehr Gas geben und ein bisschen feuriger auf der Bühne sind. Und mit diesem Mut gingen wir dann in die zweite CD und das hat sich bewährt. Aber was jetzt passiert, das wissen wir nicht. Vielleicht werden wir wieder etwas lauer, vielleicht werden aber auch noch fetter, vielleicht bleibt auch alles so, wie es ist. Wir machen uns da keinerlei Vorgaben.

Wie sieht's denn mit einem dritten Album genau aus?
Björn: Das geht gerade alles hin und her, also wie schnell das kommen wird. Da haben wir noch keine konkreten Entscheidungen getroffen. Aber das wird auf jeden Fall nicht erst 2020 kommen, wir bleiben da zeitnah.

Wie läuft bei euch eigentlich das klassische Songwriting ab?
Björn: Wir sind ja alle Songwriter, aber wir sind auch ein großes Team. Unsere Produzenten schreiben auch viel und das sind auch wirklich gute Songschreiber für diese Art von Musik. Dann haben wir noch zwei Leute, die sich um die Texte kümmern, weil eben auch so ein bisschen diese alte Sprache gefunden werden muss. Insofern entstehen die Songs eben nicht nur zweit oder so, sondern mit mehreren Leuten. Auf dem Niveau, auf dem wir jetzt arbeiten und mit dem Bedürfnis, das auch zu halten, da muss einfach jedes Wort stimmen und auch jeder Break und da darf auch kein Refrain zu lang sein - und das wollen wir auch alles genau so.
Timsen: Wenn irgendjemand eine Idee hat und dann kommt von woanders noch was dazu, dann wird eben geschaut, was ist das Beste oder was fühlt am besten an und das wird dann gemacht. Da muss man selber auch mal zurückstecken - mal mehr, mal weniger.
Björn: Wir haben da so einen Leitsatz, an den wir uns alle gewöhnen müssen: Das Beste wird der Feind des Guten. Oder anders gesagt, alles für die Sache. Eitelkeiten haben nur auf der Bühne gerne mal was zu suchen, sofern sie passen. Wir sind halt nicht nur eine Band, sondern so eine Art Konglomerat aus irgendwie zehn, elf Leuten, die alle ihren Teil dazu beitragen. Wir selber tragen den Erfolg zwar nach außen, aber im Hintergrund sitzen eben auch noch Leute, die auch Entscheidungen getroffen haben und Wege möglich gemacht haben, die also mit dazu beigetragen haben, das Ding auf dieses Niveau zu bringen. Bei uns heißt es immer: Team, Team, Team! Aber das macht Spaß und es nimmt einem eben auch so ein bisschen Verantwortung ab. Und wenn dann mal was danebengeht, dann ist nicht nur einer der Buh-Mann, sondern dann kriegen wir alle einen drauf.

Macht ihr sowas wie eine typische Bandprobe, also dass man sich auch mal trifft und "jammt" oder wie muss man sich das vorstellen?
Timsen: Jammen tun wir eigentlich selten. Das machen wir gerne mal beim Soundcheck, dass da dann mal eine halbe Stunde was anderes abgeht und da sind wir dann manchmal auch etwas undiszipliniert … haha! Aber bei den Songs, die entstehen, ist es schon so, dass wir die erst mal gemeinsam als Band erarbeiten müssen. Aber es nicht so, dass wir jetzt irgendwie sagen, wir treffen uns jeden Mittwoch Abend und spielen dann ein bisschen was zusammen. Das ist schon alles genau geplant.

Habt ihr noch sowas wie Vorbilder?
Björn: Es gibt natürlich viele Leute, die einen als Jugendlichen begeistert haben und auch dazu gebracht haben, überhaupt Musik zu machen. Ich sperre mich aber dagegen, bzw. finde das etwas unverhältnismäßig, als 48-jähriger Mann noch irgendwelche Vorbilder zu haben. Natürlich gibt es Leute, die einen früher musikalisch begleitet haben und vielleicht auch auf verrückte Ideen gebracht haben. Das geht bei mir von Jimi Hendrix bis Peter Gabriel - das sind unglaublich viele.

Ist es ja immer so: Sobald eine Band mit einer bestimmten Sache großen Erfolg hat, kommen gleich diverse Nachahmer. Wie sieht es da bei euch aus und was sagt ihr dazu?
Timsen: Da müssen wir eigentlich gar nicht drüber reden … aber im Ausland gibt es eine Band, die das tatsächlich kopiert hat. Die möchten wir aber auch namentlich gar nicht erst nennen ...
Björn: Was allerdings passiert ist, das bereits bestehende Acts, sich jetzt auch plötzlich ein dickes Schiff auf das Cover vorne draufpacken oder es heißt dann halt nicht "Bis ans Ende der Welt", sondern "Bis ans Ende der Zeit" und alle sind irgendwie auf einmal textlich "von Küste zu Küste" unterwegs, mit "Wind in den Segeln" und eben dieses ganze Seefahrer-Vokabular. Aber das sind auch weniger die Bands selber, sondern meistens irgendwelche Marketing-Strategen von den Plattenfirman, die dann sagen, macht das mal so und so.

Gibt es abschließend noch irgendetwas, was ihr sagen oder loswerden wollt?
Björn: Was wir den Metalheads gerne noch mal sagen wollen: Wenn ihr zwar den Impuls habt, mal zu einem Konzert zu kommen, aber euch sagt, "ich mag da irgendwie nicht hingehen … Carmen Nebel und so …", wagt es! Ihr werdet definitiv Spaß haben und wir würden uns freuen, euch zu sehen!


Das Interview führte Marco Zimmer.
Oldenburg, 26. November 2013