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Interview: THRESHOLD

Kurz vor Ende ihrer Deutschland Tour machen die britischen Prog Rocker von THRESHOLD Halt im Bastard Club zu Osnabrück. Dass die Tour angesichts des überwältigenden Presse-Feedbacks für ihr aktuelles Album "March Of Progress" ein Erfolg ist, steht außer Frage. Wir unterhielten uns mit Keyboarder Richard West (Foto, links), dessen britischer Akzent Gott sei Dank nicht so schlimm ist - sein britischer Humor hingegen immer wieder charmant aufblitzt.

Foto: Robert Burress

Nimmt man mal den Titel eures aktuellen Albums ("March Of Progress") etwas wörtlicher, müsste euer "Marsch des Fortschrittes" eigentlich der sein, dass ihr seit jeher auf einem beängstigend hohen Qualitätslevel arbeitet, dessen Richtung immer nur nach oben zeigt.
Ich denke schon, dass es wahr ist, weil wir uns mit jedem Album immer wieder ein Stück weiter pushen. Natürlich hat der Albumtitel mehr mit den Texten zu tun, aber nimm mal den Progressive Metal selbst. Der wird nie richtig populär werden, der wird nie in die Top Ten gehen, da ist es nur logisch, dass die Musiker sich selbst immer wieder zu neuen Höchstleistungen anspornen. In anderen Genres wird ein Hammeralbum gemacht, dann wird relaxt und danach gibt es das gleiche Album immer und immer wieder.

Damian (Wilson, Sänger), den ich noch kurz vor dem Interview kurz sprach, meinte, dass Progressive Metal wohl die einsamste Form des Metal ist.
Ich schätze, jede Form von Heavy Metal ist irgendwie einsam.

Touché.
Habt ihr eigentlich mal konstruktive Kritik von Menschen bekommen, die euch nachweislich wirklich gut finden und sogar vergöttern?
Nein, nicht wirklich. Mit der Presse hatten wir immer viel Glück. Wahrscheinlich weil wir nicht im Mainstream reviewt werden. In einer großen Zeitung, wo sich eher alle Popstars finden, wird man bestimmt auch über uns die Nase rümpfen. Im Metalbereich haben wir da keine Probleme. Bei den Fans kommt immer die große Kritik, wenn wir mal wieder den Sänger wechseln oder fünf Jahre warten, um ein Album herauszubringen. Klar, hat jeder so seine Vorlieben, aber unsere Fans sind wirklich wundervoll!

Überrascht es dich manchmal, wieviele Die Hard Metalfans auf Threshold stehen?
Ja, das ist interessant. Wir beenden unser Set ja mit dem Song "The Rubicon" und wir wussten genau, dass dieser Song das Set beenden muss. Er hat einen catchy Chorus, nette melodische Strophen, das richtige progressive Feeling, mit der Länge und den Tempowechseln und der Pre-Chorus hat dieses heavy Riff und in der Mitte die große Passage mit den großen Gesangsparts. Da ist einfach alles drin und zwar für jeden. Da sind die Metal Fans, die Prog Fans und einfach Freunde guter Musik doch irgendwie alle glücklich.

Schaut man sich mal die ganzen Jahrhundert-Refrains an - euer Gespür für Melodien und auch das leichte AOR-Stadion-Feeling - es wäre doch wohl ein Leichtes für euch, einfach mal eine Nr. 1 Rock Nummer zu schreiben … und ich wette, das wollt ihr gar nicht.
Ich glaube nicht mal, dass es so etwas wie eine Nr. 1 Rock Nummer noch gibt. Schau dir Bands wie Nickelback oder Shinedown an. Ich weiß ja nicht, wie es hier so ist, aber in England schaffen die es nicht mal in die Top 40. Rock ist aus England verschwunden. In den Achtzigern war das mal so, dass es immer einen deutschen Hit pro Jahr und dann einen französischen Hit pro Jahr gab. Mir kommt es so vor, als gäbe es jetzt nur noch eine Rock Band pro Jahr.
Würden wir so etwas versuchen, wären unsere Fans in einem Abwasch alle weg. Selbst bei der Single-Version von "Ashes", die ja trotzdem noch knapp fünf Minuten lang ist, habe ich schon Reaktionen bekommen, wo die Version ganz toll gefunden wird, aber die Leute bevorzugen einfach das Original.

Du hast die Sänger-Wechsel schon kurz angerissen. Jetzt ist Damian Wilson wieder voll dabei, was den Threshold Sound wieder eine Spur weg von der etwas klassischeren Rock Schiene führt, da Mac (Andrew "Mac" McDermott - R.I.P.) nun mal die perfekte Stimme dafür hatte. Variiert euer Sound automatisch mit der Stimme?
Ein bisschen schon. Wir müssen natürlich immer an den Umfang der Stimme denken, der bei Damian nun mal größer ist. Wenn Damian ein "B" singt, klingt das auch anders als bei Mac. Und wenn man Songs schreibt, muss man die Stimme einfach im Kopf haben und wissen, wie sie funktioniert. Damian hat eine etwas melodischere Stimme, daher müssen wir schon ein wenig mehr Melodie hinzufügen. Die Songs werden etwas "leichter". Auch bei den großen Multi-Gesangsparts. Bei Mac basieren sie mehr auf Kraft, bei Damian mehr auf Melodie. Der Sound ändert sich, das Songwriting eher weniger.

Da braucht man verdammt viel Musiktheorie, die du ja bestimmt auch studiert hast.
Ja, ich habe mit fünf Jahren angefangen.

Und hast du seitdem nichts anderes gemacht, als Keyboard oder Klavier zu spielen?!
Ich kann ein paar andere Instrumente spielen, aber nicht so gut, als dass es für einen vollwertigen Bandeinsatz reichen würde. Ich verstehe die Instrumente sehr gut und kann Gitarren- oder Drums-Parts schreiben, aber frag mich bloß nicht, sie zu spielen.

Noch mal kurz zurück zu Damian. Als er 2007 für Mac einsprang, nachdem dieser überraschenderweise seinen Dienst quittierte - wann war der Moment, an dem definitiv klar war, dass er wieder vollwertig zu Threshold gehört?
Ja, das war eine lustige Sache. Wir haben uns die ganze Zeit gesagt, wir müssen ein Statement dazu abgeben. Und dann die Frage "aber wann kam er denn zurück?". Er kam ja für zwei Shows und das war's. Dann kam er für eine Tour und das war's. Und dann wieder ein paar Shows und mit jedem Mal, wo wir wieder zusammen arbeiteten, wurde er wieder mehr ein Teil der Familie. So richtig beantworten kann ich die Frage nicht.

Er hat ja auch in Musicals mitgespielt.
"Les Misérables" hat er für zwei Jahre gespielt. Damals um 1998 herum. Das war ja einer der Gründe, warum wir Mac holten. Damian wollte Threshold eigentlich nicht verlassen, aber wir wollten das Album fertig bekommen. Die Entscheidung, Mac zu holen, war nicht leicht.

Mir sind die Gründe für Mac's Austritt nicht ganz bekannt. Aber es war doch schon überraschend, ihn auf einmal auf der letzten Powerworld-CD zu hören. Kennst du die?
Ich habe Ausschnitte gehört. Mit Mac war alles immer überraschend. Wir hatten ja nicht mal erwartet, dass er geht. 2006 haben wir ja an "Dead Reckoning" gearbeitet und er war wirklich Feuer und Flamme. Wir hatten mit Nuclear Blast ein neues Label, tolle Touren standen an und kurz vor der ersten Show kam die Nachricht, dass er geht. Es hieß nur, er müsse mit seinem Leben weiterkommen und wir dachten, Threshold wäre sein Leben gewesen. Seit dieser Nachricht hatten wir nie wieder gesprochen, weil er auch nicht mehr ans Telefon ging. Wir kannten die Gründe einfach nicht. Das ist immer noch hart für uns.

Dann runter vom Tisch mit dem Thema und wir halten Mac in allen Ehren.
Letzte Frage. Nach 20 Jahren Threshold und zig Interviews - gibt es da ein Thema, über das du gerne reden würdest aber zu dem Du nie befragt wurdest?
Die Frage wurde mir schon oft gestellt, aber ich habe keine Idee. Ich denke nicht darüber nach, was ich gefragt werden möchte, ich beantworte schlichtweg die Fragen.

Dann anders herum - was war die bis dato nervigste Frage, die man dir gestellt hat?
Ehrlich? Ich habe echt Schwierigkeiten, über die Texte zu sprechen. Wenn ich die Texte schreibe, studiere ich die Themen, stelle Nachforschungen an, da bin ich voll im Thema drin. Aber frag mich bloß nicht ein halbes Jahr später, was diese oder jene Textzeile für eine Bedeutung hat. Da müsste ich dann erst mal die Texte wieder lesen, um überhaupt darauf antworten zu können.

Wie gut, dass ich nicht gefragt habe.
Wofür ich dir sehr dankbar bin!

Dann aber jetzt die allerletzte Frage, weil du mich gerade darauf gebracht hast.
Du willst was über die Texte wissen?!

Nein. Aber der Zeitraum, den du gerade angesprochen hast, interessiert mich.
Wann hast du "March Of Progress" zum ersten Mal als Gesamtwerk gehört, nachdem die Produktionen abgeschlossen waren?
Dieses Mal habe ich bis zu den Rehearsals für die Tour gewartet.

Das Album wurde Ende August 2012 veröffentlicht und war ja schon vorher fertig. Also mindestens ein halbes Jahr?!
Dafür habe ich es ein halbes Jahr vorweg immer und immer wieder gehört. Demos, die Aufnahmen selbst. Und für mich und Karl (Groom, Gitarrist) ist es noch schwieriger, weil wir als Produzenten immer auf Fehlersuche sind. Und das hört auch nicht auf, wenn die CD wirklich vollends im Kasten ist. Selbst wenn du aus dem Studio raus bist und das Album dann hörst, ist immer noch der Produzenten-Modus auf "on" und findet, dass da vielleicht der Gesang zu laut ist oder die Bass-Note noch geändert werden muss. Man genießt die Musik einfach nicht. Da braucht es schon Wochen oder Monate, bevor man unbelastet an das neue Werk herangehen kann.

Aber du bekommst noch Schlaf, oder?!
Doch, das muss ich ja auch irgendwie. Und als ich dann endlich das Album zum ersten Mal wieder hörte, waren auch alle Probleme verschwunden und ich bin wirklich zufrieden.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp
Osnabrück, 16. März 2013