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Interview: GOLEM

Der Name GOLEM dürfte eigentlich mehr den Death Metal Insidern etwas sagen. Und das, obwohl die Gründung der Truppe aus Berlin auf das Jahr 1989 zurück geht. Ihr letztes (und drittes) Album "Dreamweaver" erblickte 2004 das Licht der Welt und FDA Rekotz gönnen den beiden Erstwerken nun auch neue Aufmerksamkeit. Eine lange Zeit bis jetzt, aus der uns Bandkopf Andreas Hilbert einiges erzählen kann.

Ein Golem ist ein in menschenähnlicher Gestalt aus Lehm gebildetes Wesen, das durch Magie zum Leben erweckt wurde. Der Golem besitzt besondere Kräfte, kann Befehlen folgen, aber nicht sprechen. Warum habt ihr diesen Bandnamen gewählt?
Wir waren noch sehr jung und ganz am Anfang der Bandgründung. Den richtigen Namen als Kristallisationspunkt zu finden, war da fast schon wichtiger, als das musikalische Fundament, welches sich ja eh von ganz alleine erschließen würde. Zufälligerweise kam damals gerade eben jenes Album von Protector raus, was dazu führte, dass wir uns mit diesem Wesen ein wenig näher befasst haben. Und nachdem ja eh lauter mehr oder weniger beknackte Bandnamen im Umlauf waren, kann man es schon als großes Glück ansehen, dass wir uns dann für einen entschieden haben, der uns auch heute nicht peinlich sein muss. Bei dem Namen stimmt einfach so vieles, er ist kurz und bündig, strahlt Magie und Kraft aus, ohne dabei allzu kitschig zu sein - eine riesige Ideologie stand nie dahinter.

Wie kommt es, dass gerade jetzt eure ersten beiden Alben wieder veröffentlicht werden? Zudem werden sie auch auf Vinyl erscheinen. Ein spezielles Anliegen von euch?
Nachdem wir all die Jahre immer wieder Leute auf eBay vertrösten mussten, kam uns das Angebot von FDA Rekotz gerade recht, da mal eine ordentliche Entscheidung zu treffen. Bereits Grind Syndicate/Nuclear Blast hatte damals 2004 schon Ähnliches im Sinn, schätzte die kommerziellen Erfolgsaussichten nach "Dreamweaver" aber als zu gering ein. Da man als Künstler ja auch immer ein etwas gespaltenes Verhältnis zu seinen früheren Erzeugnissen pflegt, haben wir uns da auch nicht so wahnsinnig ins Zeug gelegt. Man muss aber auch erwähnen, dass wir kurz davor standen, die ganze Musik frei ins Netz zu stellen. Der Rico (FDA Rekotz) hatte dann aber doch ganz gute Ideen, denen wir uns einfach nicht verschließen konnten. Er hat uns dann bis auf den Soundteil auch wunderbar an die Hand genommen und einen richtig guten Job gemacht. Wir allein wären wohl eher nicht auf so ein "Sammler"-Projekt gekommen, mögen es aber sehr und hoffen auch, dass es sich für ihn lohnt!

Nun ist die letzte Scheibe "Dreamweaver" vor zehn Jahren auf den Markt gekommen. Seit ihr in dieser Zeit trotzdem musikalisch tätig gewesen?
Das sind wir durchaus. Wir haben sehr viele Ideen gesammelt und diese auch teilweise umgesetzt. Man braucht da aber trotzdem nicht um den heißen Brei herumreden, richtig produktiv waren wir nicht. Einerseits haben wir lange nach einer neuen Herausforderung, einer neuen musikalischen Vision gesucht, anderseits kamen auch viele andere Interessen ins Spiel. Nichtsdestotrotz liegt bei uns noch ein Haufen Material auf Halde und auch die musikalische Ausrichtung ist nicht ohne Ziel.

Obwohl "Dreamweaver" damals bei Nuclear Blast raus kam, kann man leider nicht sagen, dass das Interesse an Golem durch die Mithilfe vom Branchenriesen zugenommen hat. Ein Grund, warum es danach schnell ruhiger wurde?
Das hat ganz sicher auch seine Auswirkungen gehabt. Man denkt mehr darüber nach, was die Gründe für den mangelnden Erfolg gewesen sein mochten, ob man sich musikalisch vielleicht etwas mehr am Geschmack der Allgemeinheit schadlos halten sollte - alles solche Sachen eben. Aber eigentlich kam das für uns nie in Frage. Mehr "Erfolg" hätte unseren Fokus aber sicherlich auch mehr auf unser musikalisches Schaffen gelenkt, als Droge sollte man das auch nicht unterschätzen. Nun denn, es war das dritte Album, nach gängigen Maßstäben der "make it or break it"-Punkt und trifft auf uns natürlich genauso zu. Berufsmusiker wären wir eh nie geworden, aber ich im speziellen wollte und konnte mich nicht mehr mit all den Entbehrungen und Aufopferungen total meiner Musik widmen und dabei den ganzen Rest des Lebens ausblenden. Ich habe da also auch die Chance genutzt, mich etwas umzuorientieren und andere Sachen auszuloten und sage das auch ganz ohne große Wehmut. Es fehlte uns nach dem (für unsere Begriffe) Paukenschlag "Dreamweaver" auch einfach das ganz große Bedürfnis, etwas zu sagen, dem Genre eine neue Note zu geben. Auf die innere Sicherheit, dort wirklich etwas Nennenswertes tun zu müssen, haben wir schon eine Weile gewartet, wirklich zugeschlagen hat sie bis heute eigentlich nicht.

Haben sich eure Texte im Laufe der Zeit eigentlich verändert?
Ich denke, Anspruch und Wirklichkeit haben etwas besser zueinander gefunden. Die Ambitionen waren seit jeher vorhanden, aber Verschwurbeltheit alleine macht noch keine guten Texte. Thematisch waren wir auch schon immer ziemlich frei, mal abgesehen davon, dass wir die typischen Genreklischees seit 1992 gemieden haben. Auf "Eternity …" dominierten beispielsweise eher persönliche Anliegen, während "The 2nd Moon" komplett auf dem Dune-Zyklus von Frank Herbert basiert. "Dreamweaver" war dann wiederum ein kompletter Wechsel in die teils unbewusste Innensicht, welche dann zu kleinen Fantasiegeschichten ausgebaut wurde. Das ist natürlich immer noch keine wirklich hohe Lyrik, aber wer erwartet das auch von einer Death Metal Band. Für uns sollen die Texte hauptsächlich die Stimmung der Musik, welche immer im Vordergrund stand, unterstreichen und dabei lediglich ein gewisses Mindestniveau halten. Sie sind dabei eher als Beiwerk zu sehen und spezielle Botschaften haben wir dort bisher auch nicht untergebracht.

Musikalisch wurde euch gerne etwas frech nachgesagt, die deutsche Antwort auf Carcass zu sein. Hat man mit so einem Stempel zu kämpfen oder hilft es auch?
Es hilft "karrieretechnisch" überhaupt gar nicht und man kämpft stets dagegen, in späteren Jahren hat es aber zum Glück stark nachgelassen. Den Einfluss an sich würden wir auch gar nicht leugnen, aber wenn man sich etwas delikatere Einflüsse zu Eigen macht, wird das eben nur zu gerne aufgegriffen und vermarktet. Das passiert Leuten, die sich hauptsächlich auf Ostküsten-Death beziehen eher selten, weil man es viel eher als unausweichlich betrachtet. Für jeden, der sich mit uns beschäftigt, weil wir jenen Stempel tragen, gibt es aber sicher mehr als nur einen, der uns gerade deswegen wenig eigenständig und uninteressant findet. Auf lange Sicht mag das vielleicht helfen, sich an uns zu erinnern, aber so richtig gefällt es uns natürlich nicht.

Der Re-Release bringt euch quasi wieder ins Gespräch. Kann man vielleicht noch mit neuem Material rechnen?
Ich wäre da mal sehr vorsichtig. Es gibt ja eine ganze Menge an Ideen, deren Entstehungsrate aber starken Schwankungen unterworfen war und ist. Auf unseren Festplatten gibt es Rohmaterial für schätzungsweise etwas mehr als ein Album, welches aber nur in den Anfängen zu richtigen Songs verarbeitet wurde (vier um genau zu sein). Erst, wenn es tatsächlich mehr als acht wären, würde es sich auch lohnen, über Studioaufnahmen und dergleichen nachzudenken. Aber das eigentlich tragische ist, dass wir nach so vielen Jahren auf die Zusammenarbeit mit Eric verzichten müssen. Das erhöht die Motivation nicht unbedingt, auch wenn wir sicher gerne weiter exzessive Hobbymusiker bleiben wollen. Das ganze steht und fällt also zunächst mit unserem Glück, jemanden mit ausreichend Talent für unsere doch etwas abgeklärte Art zu musizieren zu begeistern - ausschließen wollen wir das natürlich nicht!


Das Interview führte Sonja Tremmel (per Mail).
März 2014