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Interview: IRON WALRUS

Der Bandname gibt einfach viele Möglichkeiten her, um einen Einstieg zu dieser Band zu bekommen. Ich dachte ja wirklich, ich würde einem Eisernen Walross gegenübersitzen und suchte schon nach einem Übersetzer bei Google. Das folgende Interview, im Vorfeld des IRON WALRUS-Gigs mit Crowbar im Osnabrücker Bastard Club mit Gitarrist Ingo (Foto, links) und Sänger "Aufi" (Foto, rechts), war dann doch um einiges leichter.

Müsste ich mich selbst kategorisieren, tendiere ich definitiv zum Bereich "Old School Headbanger". Könnt ihr mir mit euren eigenen Worten beschreiben, warum eurer Sound trotzdem so gut bei mir ankommt?
Aufi: Kann man ganz schwer beschreiben. Wir haben halt Leute in der Band, die eben verschiedene Musikrichtungen vertreten. Ich komme halt mehr aus dem Hardcore/Noisecore-Bereich, Flo ist ein Old School Hardcore Kid, Benedikt hört halt viel Metal im klassischen Sinne, Schnalli findet alles geil von B.B. King über Carnivore bis wer weiß wo hin …
Ingo: Kann ich mich anschließen.
Aufi: Ja, Ingo ist auch so aus allem ein riesiger Melting Pot. Und so fließen alle unsere Ideen zusammen. Da entsteht irgendwo ein Grundriff, wir geben alle unseren Senf dazu und heraus kommt da ein Potpourri.

Und der Gag daran ist ja, dass ihr ziemlich eingängig klingt.
Aufi: Das wollten wir auch.
Ingo: Wenn man geschickt ist, nimmt man sich am Anfang eben nicht vor, wie es klingen soll. Und für uns war es der einzig Maßstab, dass wir keine komplizierten Klamotten machen wollen, sondern einfach eingängig fette Riffs und aufs Maul. Und langsam eben auch, weil wir es langsam cooler finden. Schnell kann jeder, langsam ist die Kunst.
Aufi: Ich bin auch ein Fan von schicken Gitarren-Soli, aber ich kann dieses übermäßige Gedudel einfach nicht hören.

Technik und Musiklehre mit Rhythmuswechseln in allen Ehren, aber einen 10-Minuten-Song in einem Tempo halten zu können und zu wissen, wann welcher Ton kommt, habe ich mir immer schwerer vorgestellt.
Ingo: Das gebe ich ganz ehrlich zu, das war für mich am Anfang das Schwierigste. Da waren die Wechsel manchmal so abrupt und du spielst dein Riff schon drei Minuten und bist da noch so drin. Aber mittlerweile läuft das richtig gut. Du hast es nachher wie den Blues einfach im Sack.

Und wie findet dann so eine bunt gemischte Truppe zusammen?
Aufi: Die Grundidee hatten damals Flo und Schnalli, die vor Ewigkeiten zusammen in 'ner Band gespielt haben. Und die beiden und ein Gitarrist von damals haben eben zusammen gesessen und wollten wieder was zusammen machen. Schnalli hat dann über Facebook einen Aufruf gestartet, u.a. haben dann eben Benedikt und ich uns gemeldet. Der andere Gitarrist ist dann gegangen worden. Da habe ich Ingo vorgeschlagen. Wir kennen uns auch seit 20 Jahren. Er ist ein saugeiler Gitarrist und außerdem ein saugeiler Typ, der passt da einfach wie ein Bindeglied genau dazwischen.

Wenn ihr euch jetzt auf eine Band reduzieren müsstet, was wäre bei euch der kleinste gemeinsame musikalische Nenner?
Ingo: Sehr schwere Frage!
Aufi: Also, wir haben so viele Einflüsse in der Band - auch das, was wir aktuell hören. Wenn ich es persönlich jetzt auf zwei Combos bringen müsste, würde ich auf jeden Fall Crowbar nennen. Allein die Heaviness und das tiefer Gestimmte. Ein Stück weit auch das Auftreten, denn wenn du die auf der Bühne siehst, siehst Du "das ist eine Band". Wenn ich dann die rhythmische Vertracktheit sehe, erinnert mich das stark an alte Helmet-Platten oder die Old School Frühneunziger Post Hardcore Geschichten, dann passt das schon ungefähr so da rein.

Getoppt vom Bandnamen. Wie kommt man bloß auf ein "Eisernes Walross"? Mit 'ner Kiste Bier und einer Idee?
Aufi: Nö, gar nicht. Das war eine Drei Minuten-Entscheidung. Das war wieder so ein Facebook-Ding, in einer großen Gruppe haben wir die Aufgabe gestellt "ihr seid jetzt alle in der Band, sucht mal einen Namen". Und dann tauchten eben viele Begriffe auf. "Iron" war dabei und irgendwo kam auch eben "Walrus". Scheiße, das ist beides geil! Dann nennen wir die Band eben Iron Walrus. Wenn man das dann bei Google eingibt, kommt aber als erster Hit irgendeine wilde Sexualpraktik, von der ich noch nie etwas gehört habe. Das will ich auch nicht weiter ausführen (?), ich habe auf jeden Fall hart (?) gelacht. (Zum Glück belegt die Band jetzt fast alle Plätze bei Google, aber eben nicht alle.)

Und der Gimmick mit dem Bühnenoutfit, den Walross-Masken, musste dann einfach noch dazu?! Das kann man sich auch nicht in jedem Club leisten, oder?
Ingo: Im SO36 (Berlin, wo die Band elf Tage vor Osnabrück ebenfalls mit Crowbar spielte) haben wir es uns auch leisten können. Die fanden das alle geil. Na, und wenn man sich das da leisten kann …
Ich frage eher wegen den Temperaturen.
Ingo: Nee, kein Ding. Das geht.

Aufi, du bist als Sänger höchstwahrscheinlich für alle Texte verantwortlich?
Ja.
Dann frage ich dich extra erst mal nur für sechs Songs. Warum geht's?
Generell ist es so eine Sache, in der ich Dinge für mich verarbeite. Dinge, die ich lese und über die ich mich tierisch aufrege, wo die landläufigen Meinungen einfach nur profan beantwortet werden. Eigentlich bin ich ein gut gelaunter Mensch, vielleicht ein Prozent im Jahr, wo ich mal nicht gut gelaunt bin. Alles, was in der Zeit so an negativen Dingen aufläuft, verarbeite ich eben in Liedern, in Kurzgeschichten oder anderen Sachen. Viele Texte, die jetzt auf der Platte gelandet sind, sind alte Sachen, die ich schon mal benutzt habe, aber jetzt erst richtig verarbeite. So einfach ist das.

Und über einen Song müssten wir eigentlich gar nicht reden. Ihr werdet in Zukunft öfter darauf angesprochen. Der "Erdbeermund". Wer kam denn auf die Idee, denn ein Live-Song ist es eigentlich nicht mehr.
Ingo: Doch, das haben wir auch schon gemacht.
Mit Samples?
Ingo: Mit Samples!
Passt gut als Intro.
Aufi: Eher als Outro.
Aber wie kam es denn dazu?
Aufi: Die finale Idee kam von Schnalli, der ein Erz-Klaus Kinski-Fan ist, wir alle Sympathisanten sind und er sprach von einer Aufnahme, die er noch auf Vinyl hat und die von der Länge her genau in den Song passt. Ich glaube, da spricht Kinski die Strophen von "Erdbeermund" und "… denkst du, es macht mir Spaß, du Hund?!" im Zweierwechsel und hört eben wieder mit dem "Hund" auf und diese letzte Zeile "da habe ich eben notgewehrt und stach es einfach ab, das Schwein" passte so haargenau bei uns rein, als die letzten Akkorde schon ausklingen. Wir haben das hier schon mal bei einem Auftritt gemacht, haben es als Outro gespielt und sind schon alle runter von der Bühne. Die Leute haben wirklich blöd aus der Wäsche geschaut.

Ihr seid jetzt schon eine sehr charakterstarke Band, da will ich die nächste Kernfrage mal nicht im Standard stellen. Vorab - wir sind uns einig, dass Selbstmord keine Option ist.
(kollektiv) Ja.
Welches Album wäre trotzdem einen Selbstmord wert, wenn es in einer Minute ab jetzt nicht mehr auf unserer Erde zugänglich wäre?
Ingo: Dafür lebe ich viel zu gerne. Aber das ist wirklich echt schwierig.
Aufi: (wartet satte zwölf Sekunden, was in jedem Interview eine Ewigkeit sein kann) Ich leg mich mal fest - The Smiths "The Queen Is Dead". Also, wenn es das Album nicht mehr geben sollte, dann ja …

Mit Top 5-Fragen kann man irgendwie nicht immer was reißen.
Gerade bei Alltime-Alben, es verschiebt sich doch immer alles. Jeder hat gesagt, nach "You Are Teddybears" von den Teddybears gibt es nichts mehr … natürlich gibt es noch was danach.
"The Queen Is Dead" hat mich durch mein Musikleben immer begleitet und wird auch immer da sein. Wenn es dieses Album morgen nicht mehr gäbe, das wäre ganz schön scheiße!

Aber ihr beschäftigt euch noch mit der aktuellen Szene, neuen Alben usw., denn es gibt ja auch genügend Menschen, die mit den neuen Stilen oder Stilverbindungen nichts am Hut haben wollen.
Ingo: Nee, ich finde es gerade aktuell wieder sehr spannend. Z.B. Mastodon und das Album "Crack The Skye", das ist doch ein Meilenstein im modernen Metal, sofern man es eben noch Metal nennen kann. Aber auf jeden Fall Rock. Ich bin auch ein Riesenfan von der neuen Queens Of The Stone Age.

Das beantwortet zumindest bei dir schon meine nächste Frage. Nämlich welches Album dich/euch in den letzten sechs Monaten richtig begeistert hat. Aufi?
Aufi: Die neue Skeletonwitch finde ich großartig. Die ersten beiden waren schon top und ich habe die mal live gesehen und das sind so krasse geile Typen.
Was ich vorhin schon sagte, ich komme halt auf dieses Gedudel nicht klar oder solche Sachen, wo die ganzen Tussis bestimmt drauf stehen, Steel Panther, oder so.
Ingo: Das hat Josh Homme übrigens auch gesagt. Wenn einer in zwei Sekunden hundert Noten spielen kann und das auch sehr sauber, ist das wie ein "schaut mal, was ich für einen tollen Wagen fahre" oder "schaut mal, wie dick mein Schwanz ist". Die Kunst ist, die Leute mit einer Note zum Weinen zu bringen. Da höre ich mir tausendmal lieber von einem alten Blueser ein geiles Solo an, als wenn ich jetzt … (begleitet von schallendem Gelächter) … Sportgitarre … klar, da gibt es auch beeindruckende Musiker und Bands.

Wie sieht es eigentlich mit Coverversionen aus? Habt ihr auch damit angefangen?
Ingo: Mit dieser Band - nein.
Wie wäre es denn mit einer Iron Walrus-Version von "I Am The Walrus" von den Beatles?
Aufi: (lacht wieder sehr herzlich) Ja, diese Assoziation hat mir schon mal einer entgegen gebracht, aber hey, man covert die Beatles einfach nicht. Don't touch the Beatles!

Und Ingo, wo du gerade von dem "einen Ton" sprachst. Euer Album startet mit einem Ton, der mich sofort an "Gemini" von Slayer erinnert hat. Der gleiche Ton, die gleichen Vibes. Also?
Nein, das war jetzt auch nicht wirklich beabsichtigt, aber wenn, dann mopsen halt von den Guten.

Wie viele Interviews habt ihr bis jetzt schon gemacht?
Ingo: Zwei.

Dann mal anders herum. Wird es wohl in Zukunft eine Frage geben, die euch gehörig auf den Sack gehen wird?
Aufi: Wie der Name entstanden ist. Momentan, wo die Band neu ist, ist das wohl normal, aber jedes Mal wieder beantworten müssen "Woher kommt das Walross?", nee.


Ha, wir sind mit dem Thema durch. Das gibt dann zumindest keinen Ärger mehr.
Vielen Dank für das Interview, Jungs!




Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Foto: Marco Zimmer
Osnabrück, 15. April 2014