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Interview: SLAUGHTERDAY

Manchmal braucht man nur eine gemeinsame Basis, um ein Interview zu führen. Und ruckzuck findet sich der mega-metal.de-Abgesandte auf dem Party.San Open Air am Freitagmorgen um elf Uhr mit den federführenden SLAUGHTERDAY-Herren Bernd Reinders (Foto, links) und Jens Finger (Foto, rechts) auf einer der Sitzmöglichkeiten inklusive Wachmacher-Kaffee wieder, um einen unterhaltsamen Smalltalk zu führen.
Die gemeinsame Basis ist die Tatsache, dass der Fragensteller Gitarrist Jens Finger anno 1994 bei seinem ersten Gig nach dem Einstieg bei Obscenity auf der Bühne in Aktion erlebte. Here we go!

Jens: Mensch, das ist ja ewig her. Da war ich ja gerade mal 18 Jahre und ich war ganz schön aufgeregt. Ich erinnere mich noch, dass Oli (ex-Obscenity-Fronter) sich beim Bangen mit den Haaren in meinem Gitarrenhals verfangen hat und um das zu lösen habe ich einmal kräftig dran gerissen.
Aua! Na, ob er das noch weiß?!
Jens, nach deinem Ausstieg bei Obscenity war es ruhig und nun sind Slaughterday da. Was hast du in der Zwischenzeit musikalisch getrieben?
Jens: Ich habe gar nichts gemacht. Es ging so zu Ende, als dass wir irgendwann einfach keine Lust mehr hatten. Muss ich ganz ehrlich sagen. Schlüsselerlebnis war der letzte Auftritt - ich weiß gar nicht mehr, wo das war - wo wir danach einfach gesagt haben "das schockt so nicht mehr". Man fährt immer kilometerweit, stundenlang, ist das ganze Wochenende unterwegs und das im Endeffekt für nichts. Und es hat uns einfach nicht mehr so viel Spaß gemacht. So haben wir uns für eine Auszeit entschieden, haben ein Jahr dafür festgelegt und danach entscheiden wir, wie es weitergeht. Nach diesem Jahr hat Henne (Hendrik Bruns/Obscenity-Gitarrist) mich angerufen und gefragt, ob ich noch Bock habe, weiterzumachen und da habe ich einfach "Nö" gesagt. Es geht auch ohne Obscenity ganz gut. Ich meine, ich habe da 16 Jahre lang gespielt, bin da mit 18 Jahren eingestiegen.
Und wir beide (zeigt zu Bernd) kannten uns durch das Studium. Auf einmal wohnte Bernd in Leer, weil er einen Job in Papenburg hatte …
Bernd: … ja, zu Oldenburger Zeiten hatten wir ein bisschen miteinander zu tun. Und dann haben wir uns Jahre später auf dem Party.San wiedergesehen, als Obscenity gespielt haben. Nach Leer bin ich quasi bei Jens um die Ecke hingezogen. Und wie das dann so kommt. Man trifft sich jedes Wochenende zum Sportschau gucken, unternimmt privat mehr zusammen, geht auf Konzerte usw.
Jens: Und in irgendwelchen Herbstferien hat Bernd sich dann ein Schlagzeug ausgeliehen, in der Schule, in der ich arbeite, haben wir dann Tische und Stühle zur Seite geschoben und beim ersten Proben auch unseren ersten Song geschrieben.
(Und wie aus einem Mund schallt es mir von beiden entgegen)
Und es hat wahnsinnig Spaß gemacht!

Mit nur zwei Mann geht das ja auch viel einfacher.
Jens: Wir sind gleich alt, haben fast den gleichen musikalischen Background, gleiche Interessen, den gleichen Job. Man sieht sich sowieso jede Woche. Da verplempert man die Proben auch nicht mit Floskeln à la "Wie war es denn bei Dir diese Woche?"
Nun muss ich zugeben, dass mir BK 49 (bei denen Bernd Reinders vorher spielte) völlig unbekannt sind, was vielleicht auch unwichtig ist, wenn ich frage, wo ihr gemerkt habt, dass ihr beide die idealen Songwriting-Partner füreinander seid?
(kleine Denkpause)
Diskutiert ihr über Songideen oder rauscht das alles so durch?
Bernd: Das ist es eigentlich. Es läuft so durch. Wir haben eben keine Diskussionen. Wenn jemand einen Part richtig geil findet und der andere damit unglücklich ist, dann stimmt da schon was nicht. Wir waren uns von vornherein einig und brauchten nicht mal über Lieblingsbands oder Stilrichtung diskutieren. Wir haben ja auch andere Entscheidungen zu treffen, wenn z.B. ein Coverentwurf kommt. Jeder schaut sich das für sich zu Hause an, dann telefonieren wir und gerade wenn ich anfangen will, was mir nicht gefällt, sagt er gleich, ja, ich weiß - das und das ist doof. An solchen Sachen merkst du einfach, dass es passt.
Ach, Meinungsverschiedenheiten haben wir auch. Aber bei diesen grundsätzlichen Sachen klappt das super. Da kann man natürlich gut und entspannt arbeiten.

Gemäß der alten Roadrunner-Aktion "Drugs are no fun. Drugs endanger the life of millions." heißt ein Grundkriterium bei euch doch bestimmt "Blasts are no fun".
Bernd: Genau! Da haben wir gleich gesagt, das wollen wir nicht. Die Obscenity-Sachen kennst du ja, die waren extrem technisch (wobei ich als Oldenburger Obscenity-"Patriot" das Wort "extrem" etwas zu hart finde) und BK49 war auch ziemlich schneller, technischer Thrash mit vielen Breaks und Riffs und wir wollten einfach ganz zurückgehen.
(und beide spielen sich die Bälle zu)
Jens: Wir sind auch schon 'nen Tag älter …
Bernd: … bisschen gemütlicher …
Jens: … halt nicht so …
Bernd: … nicht so hektisch …

Also, so würde ich "Nightmare Vortex" (das Slaughterday-Debüt aus 2013) nun nicht gerade beschreiben.
Bernd: Wir wollten einfach zurück zu den Wurzeln, so Ende Achtziger, Anfang Neunziger. Das war alles noch urwüchsiger. Speziell Mitte/Ende der Neunziger musste ja alles schneller werden, die Drummer immer schneller und dann Trigger, damit man noch schneller spielen kann und die Produktionen immer aufgeblasener, noch mächtiger …
Jens: Ehrlich gesagt, hat mich das auch irgendwann gelangweilt. Ich konnte das nicht mehr hören. Und dann kommt wieder einer an: "Hast du den Drummer gehört? Wahnsinn, wie schnell der ist."
Bernd: Früher hat man gesagt, hör dir das Album an, das ist genial. Oder hör dir den Song an, der ist super.

Und diese Einstellung ist derzeit ja allgegenwärtig. Als würde "Underground" bald zum neuen Mainstream aufsteigen. Nun hört man sich Slaughterday an, und hört auch, dass ihr bestimmt nicht die Charts, geschweige denn die Welt erobern wollt. Ist man als Künstler mit gewissem Anspruch - sei es technisch, atmosphärisch oder ideologisch - vielleicht verdammt, veröffentlichen zu wollen, weil man seine Kunst einfach der Welt präsentieren möchte? Sonst würde man ja nur für sich selbst schreiben und keiner bekommt es mit.
Jens: Das war am Anfang auch so. Proben und Songs schreiben war reiner Spaß. Alles andere danach war ja schon fast ein Selbstläufer.
Bernd: Als wir dann gemerkt haben, dass es läuft, kam natürlich der Gedanke, es wäre geil, wenn wir noch mal eine Platte machen könnten. Wir hatten eigentlich vor, das alles in Eigenregie zu machen. Und der größere Bogen über ein richtiges Label war gar nicht so geplant.

Und wie kam dann der Kontakt zu FDA Rekotz?
Jens (lacht schon in seinen beachtlichen Bart): Ja, ganz skurril. Wir hatten zu dem Zeitpunkt so sieben Songs fertig und haben die dann zu zweit im Proberaum mit einem Field-Rekorder aufgenommen.
BR: Wie damals der Kassettenrekorder, nur jetzt in digital.
Jens: Dann habe ich zu Hause mit einem kostenlosen Aufnahmeprogramm und einem kleinen Verstärker - der ist wirklich nur so groß (zeigt es, und beschreibt etwas, was unweit größer als sein Kaffeebecher ist) - mit tausend möglichen Effekten zusätzlich Gitarrenspuren eingespielt. Dazu noch eben einen 99 Euro-Bass gekauft, Bassspuren eingespielt, Bernd hat noch den Text geschrieben …

Und dann klang das auf einmal richtig gut.
Bernd: Ja. Wir wollten das dann auch mal publik machen und haben das einfach mal im Rock Hard Forum mit einem Link zu einer Bandcamp-Seite gepostet. Das hat Rico (Unglaube - Chef von FDA Rekotz) dort gehört. Wir wussten gar nicht, dass er da auch zugegen war und zwar unter dem Namen "Pisse". Am gleichen Tag kam dann noch eine private Nachricht von ihm mit dem Grundtenor "Klingt vielversprechend. Könnt ihr nicht noch was hochladen?"
Jens: Und ich wunderte mich, woher er überhaupt weiß, wer ich bin. Er hatte auf der Bandcamp-Seite aber meinen Namen gelesen und da ich bei ihm Mailorder-Stammkunde bin …
(während alle erst mal herzlich lachen)
Bernd: … mit dem Originalton "Ey Jens, ich wusste gar nicht, dass du auch 'ne Band hast."
Jens: Und dann haben wir halt noch einen Song hochgeladen und schon hat er uns den Vertrag angeboten.

Und dabei ist es heutzutage echt schwierig, überhaupt noch etwas Neues zu kreieren. Meistens hält man sich an Sachen, die man selbst gut findet. Ist "das Neue" heute vielleicht die Kunst, "das Alte" authentisch rüberzubringen?
Jens: Keine Ahnung.
Bernd: Man kann das Rad eben nicht mehr neu erfinden.
Jens: In letzter Zeit häufen sich ja die Meinungen, den Old School Death Metal kann man ja nicht mehr hören. Klingt eh alles gleich, alles schon mal da gewesen … können wir nicht so ganz nachvollziehen. Ich meine, wir wissen ja noch, wie das war (wenn ein Satz so anfängt, fühlt man sich doch unweigerlich alt), als Mitte der Neunziger auf einmal alle Bands scheiße wurden. Und wir haben uns damals regelmäßig getroffen und das ging Reih um. Hast du die neue XY gehört? Hast du die neue YZ gehört? Alles scheiße! Warum können die nicht solche Musik machen, wie auf den ersten Scheiben?

Was meistens jeder sagt, egal in welchem Genre man nachschaut.
Bernd: Genau.
Bei uns ist halt die Grundrezeptur gleich geblieben. Wir wollten wieder mehr auf das Songwriting achten, nicht auf einzelne Dinge oder Musiker.

Und ihr geht ja noch mehr back to the roots, indem ihr auf beiden Veröffentlichungen jeweils eine Coverversion habt, die witzigerweise beide aus dem Doom Bereich kommen. Wenn man es darauf anlegt, könnte man euch glatt unterstellen, dass ihr keinen eigenen Doom-Song auf die Kette bekommt.
(und alle grinsen sich eins)
Bernd: Ja, das stimmt schon.
Jens: Uns geht das tatsächlich so, dass die schnellen Sachen bei den Proben viel leichter von der Hand gehen. Das ging mir bei Obscenity ähnlich, dass man schneller ein Riff mit vielen Tönen schreiben kann und wenn man sich später verspielt, hört das eh keine Sau. Aber ich finde es viel schwieriger, ein Riff zu schreiben, dass geil ist, aber wenige Töne hat.
Bernd: Und was dann einer den ganzen Tag vor sich hin pfeift.
Jens: Aber Berechnung war das natürlich nicht.
Bernd: Die Songs waren halt alle fertig aufgenommen und wir haben die dann noch eben aufgeteilt und so ist dann Pentagram auf dem Longplayer gelandet und Acheron auf der EP.

Das heißt, ab jetzt gibt es nur ganz frisches Slaughterday-Material zu hören.
Beide: Genau!
Die Frage nach stilistischen Änderungen erübrigt sich eh, oder?!
Jens: Da wird jetzt nichts irgendwie anders sein.
Bernd: Da wollen wir uns auch zu zwingen, dass wir eben nicht - wie das bei den alten Bands oft war - noch oben einen draufzusetzen und auf einmal hat man sich von seinem ursprünglichen Stil entfernt.
Jens: Man soll den Mut zur Einfachheit haben.
Bernd: Den Mut haben, ein Riff mal lange zu spielen und das auch durchzuhalten.
Und wenn das dann noch packt und die Zuschauer vor der Bühne stehen bleiben …
Jens: Die Songs, die man selber geil findet, die man auch nach 20 Jahren noch als Klassiker empfindet, sind meistens Songs, die eine einfache Struktur haben, ein griffiges Riff, einen griffigen Refrain, einen quasi "Mitsingpart" … so ein Jahrhundertriff wie "Raining Blood" - das bleibt einfach hängen. Und so etwas gelingt einem eher selten.
Das Privileg der Ersttäter.
Jens: Ja! Oder Pestilence … (singt das berühmte "Out Of The Body"-Riff!)

Die restliche Viertelstunde artet dann doch in einen großen Smalltalk aus. Da finden alle Beteiligten auf einmal heraus, dass die neue Black Trip rattengeil ist, egal ob sie nun nach "Paul Di'Anno singt bei UFO" oder "Phil Lynnot mit einer Pulle Whiskey singt bei den Scorpions" klingt.
Oder es werden die Vor- und Nachteile des Internet diskutiert, welches dafür sorgt, dass man als neue Band unendliche Möglichkeiten zur eigenen Promotion hat, durch diesen Umstand (weil es eben jeder kann) Bands auch schnell wieder "vergessen" werden, weil der zu konsumierende Haufen immer größer wird. Oder warum schwedische Bands es offensichtlich mühelos schaffen, jeden erdenklichen Sound der Vergangenheit zu reproduzieren.
Schlussendlich sitzen hier zwei Herzblut-Musiker vor mir, für die die Zeit genau richtig läuft, sie diese entsprechend nutzen und dabei erstklassigen Death Metal erschaffen.
In diesem Sinne - weiter so!


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Schlotheim, 08. August 2014