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Interview: STALLION

10. Oktober 2014 - Hamburg - Markthalle. Die "Tour Of Blades over Europe 2014" mit Bullet, Striker und Stallion neigt sich gen Ende und scheint ein voller Erfolg zu sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass das Konzert für das kleine Marx angesetzt war, durch Ausverkauf und anhaltende Nachfrage aber in die Markthalle verlegt wurde. Dass die Jungs von STALLION nach ihrem furiosen Gig entsprechend gut drauf sind, erklärt sich von selbst. Während Bullet sich auf ihren Auftritt vorbereiten, bittet mega-metal.de Sänger Pauly (Foto, links) zum Gespräch.

Ich bin sprachlos. Der Auftritt war ja wohl der Hammer. Sowohl ihr selbst, als auch das Publikum.
Alter Schwede! Echt, das war wirklich das Krasseste, was wir bis jetzt auf der Tour hatten. Es war ja schon krass, dass es ausverkauft war und dann in die Markthalle verlegt wurde. Ich mag es ja lieber mit kleinem Club und richtig voll als mit großer Halle und halb leer. Aber selbst die Markthalle war ja gut gefüllt. Wirklich krass!

Der Lohn dafür, dass ihr in der Szene mit eurer EP "Mounting The World" letztes Jahr schon gut gestartet seid. Irgendwie scheint - mal abgesehen vom Retro Rock - Retro, sprich Old School im Allgemeinen derzeit das neue große Ding zu sein. Kannst du dir das irgendwie erklären?
Also, wir haben es natürlich gehofft. Aber Äxl und ich (die EP wurde bekanntermaßen nur von den beiden eingespielt) haben die EP eigentlich nur gemacht, um uns unseren eigenen Traum zu erfüllen. Wir wohnen seit sechs Jahren zusammen und hatten immer eine bestimmte Vorstellung von dem, was wir machen wollen und haben gesagt, wenn wir es jetzt nicht machen, machen wir es gar nicht. Wir haben es selbst finanziert, selbst produziert und auch independent rausgebracht. Aber dass das Ding so gut ankommt, hat uns schon ziemlich von den Socken gehauen.

Da wurden die Label danach bestimmt schnell bei euch vorstellig.
Wir hatten vor der EP-Veröffentlichung schon einige Label-Anfragen. Wir hatten ja bereits zwei Songs als Demo draußen, um mal so die Reaktionen abzuchecken und es kamen auch schnell Anfragen von kleinen Labels, aber nichts, was uns jetzt wirklich etwas gebracht hätte. Wir wollten das einfach auf eigene Kappe machen und danach schauen, wo es hingeht. Dann kamen auch schnell High Roller Records und das passte einfach gut zu uns - von der ganzen Philosophie, Vinyl halt und auch die Bandfamilie.

Was ich mich die ganze Zeit schon gefragt habe: Gibt es eigentlich schon einen italienischen Fanclub?
(er zögert mit leichtem Grinsen) Ja, den gibt es …
Und der heißt?
Das ist 'ne gute Frage.
Der müsste doch "The Italian Stallions" heißen!
Nein, nein. Aber es gibt tatsächlich einen. Der hat irgendwie nur fünf Mitglieder. So ein Stallion-Facebook-Fanclub.
Aber das solltet ihr euch mal überlegen. Vielleicht sogar mit der entsprechenden Musik auch auf die Bühne zu gehen …
Okay, Spaß beiseite. Zugegeben, ihr seid ein wandelndes Klischee. Aber die Tatsache, dass ihr das nicht zu ernst nehmt, nehmt ihr wiederum sehr ernst.
Ja.
(in diesem Moment gesellt sich Gitarrist Äxl - im obigen Foto in der Mitte - mit einem kräftigen norddeutschen "Moin Moin" zu uns, was amüsant rüberkommt, wenn man weiß, dass die Jungs vom Bodensee kommen)
Äxl: Ja, ich passe mich an.

Na dann "Prost". Wo waren wir?!
Es war bereits zu vernehmen, dass ihr mit dem teilweise elitären Gehabe innerhalb der Szene herzlich wenig anfangen könnt.
Pauly: Es ist uns einfach ein Dorn im Auge, dieses extreme Ablehnen von allem, was man nicht als "true" erachtet, dieser ganze Schwanzvergleich. Das hat für uns keinen Platz in der Szene. Uns kommt es darauf an: "Give respect - get respect". Ich habe einfach keinen Bock darauf, auf Festivals wegen meinen Patches oder T-Shirts runtergemacht oder angefeindet zu werden. Ich denke, jeder hat seine musikalischen Leichen im Keller und es geht mir tierisch gegen den Strich, dass jeder versucht, das so gut wie möglich zu verstecken. Musik hat einfach so viele Facetten und gute Facetten, die dazu beitragen, dass die Musik einfach weiter kommt.
Äxl: Es ist halt eine Kombination aus allen Einflüssen, die man so hat. Wenn die Einflüsse weit gestreut sind, dann kann es eben passieren, dass auch das Ergebnis entsprechend breit gefächert ist. Wenn ich einen Song schreibe, dann mache ich mir da gar keine Gedanken drüber. Dann ist der halt mal ein bisschen doomiger oder wieder ein bisschen schneller. Wir beide bauen uns da keine Schranken.
Ich habe verstanden, dass ihr keinen Cent darauf gebt. Aber was wären im eurem Falle solche "Leichen im Keller"?
Pauly: Ja, in meinen Augen gibt es die ja nicht. Also, ich würde mal sagen … ich bin ein großer Punk Rock Fan. Alex teilweise auch.
Das ist ja jetzt nicht schlimm.
Pauly: Ja, das ist nicht schlimm.
Äxl: Aber es reicht manchmal schon.
Pauly: Genau, so der ganze rechte Flügel aus der Metal-Szene kommt da gar nicht drauf klar. Ich bin auch mit Michael Jackson aufgewachsen, den ich immer noch sehr liebe.
Dann hast du aber schlichtweg nur ein Faible für musikalische Qualität. Das ist nichts Schlimmes.
Pauly: Nee, in meinen Augen nicht.
Äxl: Ich habe ganz anders angefangen. Da war ich 12 und habe Nu Metal gehört. Das kam da halt gerade raus und ich fand das geil.
Pauly: Ich finde es halt schwierig, wenn die Leute halt ihre Wurzeln vergessen. Wir sind eben nicht in den Achtzigern groß gewesen und hatten nicht die Möglichkeit, das damals zu machen - wir machen das halt jetzt. Wir sind leider in einer Zeit groß geworden, als der Metal irgendwie tot war und da nimmt man mit, was man bekommt.

Dann aber auch den ganzen Tag. Pünktlich für die Tour habt ihr noch schnell eine Single fertig gestellt, die ihr auf der Tour verkauft (die man über die Stallion-Facebook-Seite auch jetzt noch beziehen kann!). Neben dem Cover von Warrant "Flame Of The Show" gibt es euren neuen Song "24/7". Wenn ich raten müsste, geht es um die Liebe zum Heavy Metal …
P: Ja, komplett richtig! Ist halt 'n Party-Song. Dann haben wir ja noch das Cover. Wir hatten uns dagegen entschieden, ein Cover mit auf den Longplayer zu nehmen, dafür sollte halt die 7 Inch zur Tour kommen und dann kommt das Cover halt mit drauf.

Die Tour - nun sind Striker aus Kanada mit dabei, die Überleitung durch euren Song "Canadian Steel" ist vielleicht etwas platt, aber Sänger Dan könnte doch eigentlich mal mit zu euch auf die Bühne kommen und ihr bringt das im Duett.
Pauly: Ja, das ist eigentlich auch geplant. Aber wir haben ja noch zwei Shows vor uns und vielleicht wird das ja noch was.
Es hört sich aber schon wie eine Art "battle of the voices" an, oder?!
Äxl: Aber sie unterscheiden sich schon stark. Dan ist einfach ein Hammer Sänger.
Pauly: Der Song "Canadian Steel" sagt es ja schon und Striker sind auch eine von den Bands, die wir dort mit besingen. Da war das natürlich noch krasser, als klar war, dass Striker mit auf dieser Tour sind.
Wie sieht es denn mit deiner Stimme aus. Hast Du Unterricht?
(Pauly schüttelt nur mit dem Kopf)
Gar nichts?!?!
Was hast du dir denn beigebracht, damit du weißt, dass du so eine Tour auch durchstehen kannst? Ich meine, man hat heute Abend gemerkt, dass du zwischendurch etwas am "Arbeiten", am Justieren warst, aber du hast es sauber durchgezogen.
P: Danke schön! Um ehrlich zu sein, ich hatte echt Schiss vor der Tour, weil ich davor sonst keine drei Shows hintereinander gespielt habe. Ich bin auch sehr anfällig, was Erkältungen betrifft, bin aber bis jetzt verschont geblieben. Es gab auch ein paar Tage, wo es nicht so gut ging. Aber ich habe vor, Stunden zu nehmen, auch um zu wissen, was man macht, wenn man erkältet ist.

Jetzt mal noch etwas ganz anderes, weil solche Fragen gerne von Menschen kommen, die mit Metal nichts anzufangen wissen - quasi so ziemlich jeder Spießer …
Pauly, ich darf dich ganz frech fragen: Welchen Beruf übst du aus, der ein äußeres Erscheinungsbild wie deines zulässt?
Pauly: Äh, also geschminkt gehe ich jetzt nicht zur Arbeit. Ansonsten verstelle ich mich nicht großartig. Ich bin Sozialarbeiter. Jugendarbeit u.a. auch mit straffälligen Jugendlichen
Stark! Aber du kennst ja die Sprüche "Schau dir den mal an, der hat doch eh keinen Job" usw.
Äxl: Als Bänker wäre das jetzt schwierig.
Pauly: Es ist halt alles ein wenig offener.
Dann ist die Musik aber auch ein gutes Ventil. Ich kann mir vorstellen, dass du auch mal ein paar härtere Fälle zu bearbeiten hast.
Pauly: Ja, definitiv.
Lasst uns zum Abschluss noch mal einen Moment herumspinnen. Ihr scheint mir schon ein etwas verrückter Haufen zu sein.
Äxl: Kommt darauf an, wie man "verrückt" definiert.
Keine Angst, das wird jetzt nichts Schlimmes.
Ist jeder in der Band liiert?
Beide: Nee.
Egal. Das muss jetzt einfach raus, weil euer Bandname "leider" vielfältige Assoziationen hervorruft.
In einer fiktiven Welt sitzen eure fünf Frauen an einem Tisch. Welche würde sagen, dass sie den besten Hengst im Stall hätte?
(Mission des Fragenstellers erfüllt: ein Mal pro Tag schallendes Gelächter ist Pflicht!)
Pauly: Ja, lustige Frage!
Äxl: Jede würde das wahrscheinlich sagen.
Pauly: Also, wir haben da natürlich einen, der da immer relativ weit vorne ist, würde ich mal so sagen.
Du meinst, der Größte auf der Bühne …
Äxl: Genau!
Pauly: Der Größte … der ist, ähm …
Äxl: … beliebt …
Pauly: Der ist beliebt. Das hast du sehr schön ausgedrückt. Der ist beliebt!
Äxl: Der Oli macht das auch schon länger.
Pauly: Der ist mit 18 Jahren bei Fleshcrawl eingestiegen (ach was? - und wieder was gelernt).
Äxl: Der sieht das auch auf Tour alles viel gelassener. Wir machen den Zirkus ja zum ersten Mal.
Hält er euch auf Tour dann auch etwas zusammen?
Äxl: Wir sitzen abends eh immer alle zusammen und quatschen dann noch mal über den Tag.
Habt ihr denn während dieser ersten Tour schon festgestellt, was ihr in Zukunft anders machen
wollt oder worauf beim nächsten Mal zu achten ist?
Äxl: Also mir ist das am zweiten Abend gleich passiert, dass ich zwei Kabel verloren habe und seitdem bin ich schon auf meinem Backup. Wenn da nochmal was gewesen wäre, hätte ich dumm da gestanden. Wir hatten dann noch Boxen für die Amps gebaut, aber eher "gerade so" als "perfekt vorbereitet". Man merkt schon, dass man noch nicht das Gefühl dafür hat. Unser Bass-Amp ist auch schon kaputt. Ich hatte drei Gitarren-Amps mitgebracht und seit ein paar Tagen benutzen wir den dritten Gitarren-Amp halt schon als Bass-Amp. Aber jetzt darf nichts mehr kaputt geben.

Was für die letzten zwei Dates auch wohl funktioniert hat.
Erinnerungen an das Slaughterday-Interview werden dann wieder wach, als sich der Rest der Band zu uns gesellt und Themen und tausend Worte die Runde machen. Smalltalk ist nicht reproduzierbar, weniger journalistisch informativ, aber es soll euch mega-metal.de-Lesern gesagt sein, dass die Stallion-Jungs irre sympathisch und sehr unkompliziert zur Sache gehen. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen!

Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Hamburg, 10. Oktober 2014