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Interview: BLACK TRIP

Keine Ahnung, welche Stau-Geister an diesem Abend die Stadt Hamburg geritten haben, aber der Weg zum BLACK TRIP-Konzert im Knust (Review) ist die Hölle. Die Hektik in meinem Laufstil scheint sehr sichtbar zu sein, denn ein bestens aufgelegter Peter Stjärnvind (Bild, 2. von links) - nebst kompletter Band und Steamhammer-Chef Olly Hahn vor dem Venue sitzend - ruft mir lauthals entgegen: "You look like you are looking for us!". Sehr komisch. Aber die Stimmung ist jetzt schon bestens, so dass die folgenden 45 Minuten eine Mischung aus Interview, Smalltalk und dem Versuch werden, Sänger Joseph Tholl (Bild, 2. von rechts) durch Peter's Redeschwälle auch mal zu Wort kommen zu lassen.

Jungs, auf Facebook hattet ihr bereits propagiert, dass die gestrige Show in Flensburg (die erste der Tour) ein echter Killer war. Was erwartet ihr da von Hamburg?
JT: Hamburg ist immer etwas Besonderes. Ich habe schon gewisse Erwartungen an diese Stadt als eine Art Metal-Hochburg, aber es ist immer noch unsere erste Tour in Europa bzw. Deutschland. Da müssen wir einfach sehen, was passiert, aber Hamburg hat halt einen guten Ruf.
PS: Ich erwarte eigentlich gar nichts und hoffe, dass überhaupt jemand aufkreuzt. Schließlich sind wir echt keine bekannte Band. Aber die Resonanz auf unsere Alben war sehr gut und ich hoffe einfach, dass die Leute noch die Magazine und Reviews lesen, so dass sie uns anchecken wollen. Ich will einfach nicht zu viel erwarten. Gestern waren auch nicht viele da. Aber die Show war super, alle haben mitgesungen, wir mussten für zwei Zugaben wieder raus. Da spiele ich lieber vor hundert Fans, die voll steil gehen, als in einer großen Halle und kaum einer ist da.

Wer kam eigentlich auf die Idee, euch mit "nur" zwei Alben gleich auf eine Headliner-Tour zu schicken?
PT: Merkst du, wie blöd das klingt? (und alle fangen an zu lachen) Weißt du, was du da sagst?

Ich weiß. Aber mit "Goin' Under" kamt ihr quasi aus dem Nichts, habt ziemlich viele Leute weggeblasen …
JT: Wir hatten sogar vor, danach auf Tour zu gehen.
PS: Da gab es einfach ein paar Komplikationen. Ich habe Songs dafür ja schon über Jahre geschrieben und da ich kein guter Sänger bin, wusste ich nichts damit anzufangen. Deswegen kam Joseph ins Spiel. Wir haben das Album dann einfach in Skandinavien rausgebracht. Dann später in Deutschland, dann irgendwann in den Staaten. Da steckte ja kein Plan dahinter. Und mit "Shadowline" war es genauso. Ich denke nicht darüber nach, was die Leute wohl davon halten könnten, dann werde ich ja depressiv. Einen Druck verspüre ich beim Songwriting auf jeden Fall nicht.

Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ihr zwei so starke Alben in solch einer kurzen Zeit veröffentlichen konntet.
JT: Ja, wahrscheinlich. Als das erste Album fertig war, waren wir ja auch erst am Anfang dessen, wo es wohl mit der Band hingehen würde. Wir schreiben, wir proben, wir nehmen auf und dann merken wir, dass wir aus dieser Basis noch weitaus mehr herausholen können. Und das haben wir - so denke ich - mit "Shadowline" gemacht. Und ich schätze, auf dem dritten Album kann noch einiges mehr passieren.
PS: Ich habe schon fünf Songs für das nächste Album

Das heißt, Nummer Drei kommt in einem Jahr?!
JT: Ja, vielleicht.
PS: Wir haben uns dieses Mal schon mehr Zeit im Studio genommen. Das passiert bestimmt wieder, so dass wir unsere Ideen wieder etwas mehr aufpeppen und besser ausarbeiten.

Das klingt schon mal gut.
PS: Ich habe aber nicht gesagt, dass es gute Songs sind. Ich habe nur gesagt, dass ich Songs habe, haha.

Ich glaube nicht, dass sie schlecht sind.
PS: In dem Falle würde ich sie auch sofort entsorgen.

Bei Black Trip brauchen wir wohl kaum über Einflüsse sprechen. Aber mir kommt immer wieder zu Ohren, dass sich viele fragen - speziell Musiker - wie zur Hölle ihr diesen Sound hinbekommt, der täuschend echt nach Ende Siebziger/Anfang Achtziger klingt?
JT: Da ist ein natürlicher Prozess. Wir arbeiten ja nicht direkt darauf zu. Das ist der Sound, den wir mögen. Das ist das Equipment, welches wir bevorzugen, weil es eben so klingt. Ich weiß, was du meinst. Wir setzen uns nicht hin und sagen "wir müssen jetzt genau so klingen", wir benutzen einfach das Beste!
PS: Wir haben ja auch die Instrumente aus der Zeit, weil die einfach noch die besten sind. Und mit Nicke (Andersson - Produzent, ex-Entombed, The Hellacopters, Imperial State Electric) kann man da am besten zusammenarbeiten, weil er genau weiß, wie man für diesen Sound das Beste herausholen kann. Wenn du Rock'n'Roll spielst, musst du auch wie Rock'n'Roll aufnehmen. Drums, Bass, eine Gitarre hier, die andere da und der Gesang. Die Leads dann noch eben auspendeln. Fünf Mann in einem Raum und los. Dann variiert das Tempo eben mal in einem Song. Es ist wie Pizza backen. Du brauchst immer die klassischen Zutaten. Du kannst niemanden etwas als Pizza verkaufen, wenn du da Würstchen und Marshmallows drauf packst! Und genau so ist es hier. Und deswegen kann 2015 auch wie 1978 bis 1983 klingen.

Kann man jetzt beschreiben, was einen typischen Black Trip-Song ausmacht? Das erste Album war wie ein Kennenlernen, so dass jeder dann wusste, das sind jetzt Black Trip. Beim Nachfolger hört man es aber von der ersten Note an, DAS ist Black Trip.
PS: Für das Debüt habe ich alle Songs geschrieben, da ich nun mal eine Vision davon habe, wie das Ganze klingen soll. Beim neuen Album waren es immer noch sechs von zehn Songs und die klingen genauso - Midtempo mit einprägsamen Melodien. Aber wir kamen als Band besser zusammen. Für "Goin' Under" hatten Joseph und Sebastian auch Ideen, die gut waren, aber ich wollte es erst mal dabei belassen. Und jetzt, wo wir uns als Band besser kennen, läuft das schon besser ineinander.

Und irgendetwas macht ihr da ja richtig. Meine Umwelt ist schon genervt, wenn ich immer betone, dass mir dieser ganze Retro Rock/Hippie-Kram auf die Nüsse geht. Aber ihr macht etwas anders, was mich völlig begeistert.
JT: Finde ich klasse und ich bin froh, dass du das so siehst. Denn ich sehe uns auch nicht als irgendein Retro-Ding oder eine Hippie-Band.

Es steht immer die Frage im Raum: Ist das noch Hard Rock oder ist es schon Heavy Metal? Ich kann das auch nicht beantworten, aber man hört es immer wieder.
PS: Wir haben da einen speziellen Weg, auf dem wir die Leute ansprechen, die genau diesen alten Sound mögen, aber irgendwie sprechen wir z.B. auch die Black Metaller an, die diesen Sound entdecken.

Auch wenn ich jetzt stark übertreibe: Du hattest erwähnt, dass du gerade mal seit drei Jahren Gitarre spielst. Und deine musikalische Vergangenheit ist um ein Vielfaches "brutaler" als Black Trip (Peter spielte bei Necrophobic, Entombed, Merciless und Unanimated). Klingen Black Trip vielleicht deswegen unbewusst anders, weil du an diesen Sound von einer komplett anderen Seite herantrittst?
PS: Vielleicht eher, weil ich von der Drummer-Position komme, weil ich von da aus immer an die komplette Struktur eines Songs denke. Gitarristen denken da schon manchmal mehr nur in Riffs. Als Schlagzeuger muss ich mir immer Gedanken um die Dynamik machen und wie sich die Parts ansprechend zusammenfügen, damit der Flow nicht abhanden geht. Als Schlagzeuger habe ich mit Gitarristen gearbeitet, die sich um solche Dinge einfach keine Gedanken machten. Ich glaube einfach, dass … also weil … (mit einem Lacher in der Runde) … los, schreib' das auf!

Alter, ich habe schon genug zu schreiben. Das kostet mich eh einen ganzen Nachmittag.
Joseph, einmal für dich persönlich. Du hast Enforcer, du spielst mit Robert Pehrsson und nun Black Trip. Und trotzdem noch einen Job?
JT: Ja, den habe ich. Also auch entsprechende Gelegenheitsjobs.

Was glaubst du, ist mehr Freiheit? Ohne Job von der Musik allein leben zu können, aber auch zu müssen? Oder mit Job die Musik nicht als Pflicht anzusehen, sondern den Spaß an ihr noch vollends zu geniessen?
JT: Je mehr Geld du mit Musik machen kannst, je mehr Freiheit hast du für noch mehr Musik. Das ist die perfekte Konstellation

Aber du hast auch einen gewissen Druck, weil die Musik dein einziger Geldgeber ist.
JT: Klar. Ich würde nie so weit gehen, dass ich musikalisch etwas tun muss, damit ich Geld verdiene.

Das ist ja noch ein anderes Thema.
JT: Genau. Ich kann nicht verneinen, dass ich überglücklich wäre, wenn Black Trip meine Miete bezahlen würden.
PS: Aber ich muss dich bei deiner Fragestellung korrigieren. Joseph hat ja nur eine Band und zwei Projekte (was sofort für schallendes Gelächter sorgt). Black Trip ist die Band, die anderen zwei sind nur Nebenprojekte, wenn er mal die Zeit hat … schreib' das auf!

Mach ich, mach ich. Was ich aber bereits mal geschrieben habe, war ein Art Beschreibung eures Sounds. Phil Lynott mit zu viel Whiskey in der Kehle singt über alte Scorpions-Songs. Also?!
PS: Ich denke … also … ja, irgendwie ganz nett. Viel verrückter war aber vor dem Release von "Goin' Under" das Presseinfo. Da fragte mich die Plattenfirma, was ich denn da stehen haben möchte. Und ich sagte, ich sei sehr von Saxon beeinflusst worden. Und als die ersten Reviews kamen, stand überall, wir würden stark nach Saxon klingen und das tun wir gar nicht! Die sind einfach auf diesen Zug gesprungen und haben das übernommen. Ich sage, Saxon haben mich beeinflusst und schon klingen wir wie Saxon.

Dann klingt ihr aber auf jeden Fall mehr nach alten Scorpions. Zumindest habt ihr mich mit eurem Sound dazu gebracht, mir mal deren alten Scheiben anzuhören. Ihr habt in der Tat etwas vollbracht.
JT: Ja, die sind echt gut.

Das weiß ich jetzt auch.
PS: Ja, das ist doch mal was.

Ich merke schon, wir sind hier unter Fans, die keine Lust auf Geschäftliches haben. Lasst uns zum Abschluss noch ein bisschen Fan-Talk machen. Das neue Slayer-Album ist gerade veröffentlicht worden, was haltet ihr von dieser "Two and a half Slayer"-Situation (copyright by: der Schreiberling)?
PS: Aha … und wer ist der Halbe? Dave Lombardo?

Nein, das ist Paul Bostaph.
PS: Ah, verstehe.
JT: Ich weiß nicht. Ich habe Slayer schon seit …
PS: (rauscht mal wieder ins Gespräch) Slayer sind bereits nach "Hell Awaits" gestorben. Das weiß doch jeder!

Das ist sehr interessant. Das höre ich in letzter Zeit öfter.
PS: Die ersten zwei Alben waren großartig, mit "Reign In Blood" sind sie abgerutscht und mit "South Of Heaven" wieder etwas zurückgekommen. Schreib' das auf!
Okay, ernsthaft. Mir gefallen die ersten beiden Alben einfach am besten. Da war noch mehr Punk Feeling drin, das war alles rauer. "Reign In Blood" ist super produziert und tight.

Und es haut dir auch noch nach 30 Jahren die Motten aus dem Schrank!
PS: Na klar! Ich bin doch auch nicht blöd.

Die meisten Thrasher streiten sich ja darum, welches das bessere Thrash Metal-Album ist - "Reign In Blood" oder "Bonded By Blood".
PS: Natürlich "Hell Awaits". Und auch Possessed's "Seven Churches".
JT: Es ist natürlich "Pleasure To Kill".
(wie das Gespräch danach weiterging, kann man sich grob vorstellen und beim Namen Sepultura schaltet sich Peter noch mal historisch ein)
PS: Ich war mal auf einem Festival, noch als Entombed-Drummer, und Sepultura waren auch da. Ich war nüchtern, weil ich fahren musste. Igor kam auf mich zu und ich dachte nur bei mir "frag mich nicht nach der neuen Sepultura-Scheibe". Ich dachte, er würde meine Meinung wissen wollen und ich kann dann nicht meinen Mund halten. Wir quatschten ein wenig und dann kam die Frage von ihm "hast du das neue Album gehört?". Und von mir kam schlicht "nö! Ich mag den neuen Typen nicht". Und er "was ist falsch an Derrek Green?". Und ich "wer zur Hölle ist Derrek Green? Sepultura waren passé, als Andreas Kisser in die Band kam. Jeder weiß doch, dass Jairo T. Sepultura war, mit den ersten beiden Alben." Seine Kinnlade ging da mächtig abwärts. Später am Abend kam er noch mal wieder, tippt mir auf die Schulter und drückt mir ein paar uralte Sepultura-Shirts in die Hand.

So kommt man an Raritäten-Shirts …
Hast du eigentlich auch Lieblingsband, bei denen du über das zweite Album hinaus gehst?
JT: Nein, wenn, dann muss es schon immer das erste Album sein!

Oder die ganz besonderen Freaks, bei denen nur Demos zählen …
PS: Nein, ich habe schon solche Bands. Thin Lizzy wurden erst nach mehreren Alben schlechter. Judas Priest genauso. Iron Maiden offensichtlich nicht … (während er einen Moment lang leicht unverständlich vor sich hin brummelt) … nee, das waren ja doch nur die ersten beiden!

Cut! Der Mann ist ein Freak und liebenswert zugleich. Hoffen wir einfach, dass aus Black Trip nicht auch eine seiner "nur die ersten beiden Alben"-Bands wird.



Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Hamburg, 19. September 2015