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Interview: THE SPIRIT CABINET

Das Kollektiv THE SPIRIT CABINET hat mit "Hystero Epileptic Possessed" ein nicht nur eigentümliches, sondern auch süchtig machendes Debüt erschaffen (Review). Dabei ist die Basis denkbar simpel und wird fast allein durch die Überzeugungskraft der ausführenden Personen zu etwas ganz Besonderem. Das folgende Interview zeigt das sehr eindeutig. Geantwortet wurde passenderweise auch im Kollektiv.

Vier Typen, die allesamt noch in anderen Bands spielen, treffen aufeinander - ab wann war klar, dass The Spirit Cabinet mehr wird?
Hällström (Gitarre) wollte alte Stärken wieder zusammenbringen, eine Band aus der Asche der Vergangenheit starten und die kombinierte Energie wieder aufleben lassen, die wir alle hatten. Nachdem er die grundlegenden Songstrukturen hatte, fand er drei weitere einsame Poltergeister Fleetwood (Drums), Vilsmeier (Bass), und Snake "Sultan of Sentiment" McRuffkin (Vocals). Durch eine telepathische Verbindung dieser vier ergebenen Seelen, ergab sich allmählich die Ernsthaftigkeit. Wie bei einem guten Whiskey, der durch eine längere Reifezeit erst zu seinem wahren Geschmack findet. Musik ist nichts Absolutes. Es gibt keine Perfektion in ihr. Wir geniessen viel mehr den Prozess, die Musik zu erschaffen. Uns kümmert weniger das Ergebnis, als der Weg dahin. Unsere Musik basiert auf der jetzigen Energie, nicht auf der vergangenen.

Die Musik kann man als "basisch" bezeichnen und sie bezieht ihre Einflüsse aus klassichen Genres wie Traditional Metal, Doom und Teilen des Black Metal. Wie einfach (oder schwierig!?) war es, all das unter einen Hut zu bringen?
Darüber denken wir nicht nach, es fliesst schlichtweg zusammen. Wir legen die Stile zusammen, denen wir seit all den Jahren so treu ergeben sind. Wir wollen erst gar nicht "original" sein oder etwas Einzigartiges erschaffen, aber das Wiederaufleben lassen alter Stile ist großartig. Das Endergebnis ist eine Art Séance, die wir für diese Zeit und diesen Moment für geeignet halten.

Wenn ihr euch auf drei Bands einigen müsstet, die jeden in der Band beeinflusst haben, welche wären das?
Blue Öyster Cult, Boston, Earth and Fire.

Wie seid ihr auf den Namen der Band gekommen und wie würdet ihr die Verbindung zwischen Bandname und Musik beschreiben?
Wir alle haben ein starkes spirituelles Vermächtnis. Jede Nacht mit The Spirit Cabinet ist wie eine Séance und auch die Trinkgelage in Fleetwood's Kneipe enden oftmals mit Diskussionen über spirituelle oder andere esoterische Themen. Abgesehen davon, hat Fleedwood einen beeindruckenden Spirituosen-Schrank (es wird ausdrücklich das Wort "cabinet" für Schrank/Vitrine benutzt) mit einer Absinth-Kollektion, wie sie auf dem Albumcover zu sehen ist. Manchmal nimmt solch eine Nacht Überhand und wir sind uns nicht mehr sicher, ob wir diesen Geist trinken oder der Geist uns. Daher erscheint der Bandname recht notwendig.

Was gibt es über die Texte zu sagen? Gibt es ein Konzept für das gesamte Album oder steht jeder Song für sich?
Jeder Song hat eine Geschichte für sich selbst, hauptsächlich Dinge, mit denen sich McRuffkin derzeit herumschlägt. Er legt seine lyrische Philosophie sehr leidenschaftlich und präzise aus - wie ein mystischer Wanderer in einem exotischen Musik-Wald. Er ist sehr an den Einzelheiten interessiert, Eigenarten. Wie uralten amerikanischen und britischen Balladen, buddhistischen Shomyo, Raritäten-Museen, eigenartigen Büchern und indischen Psychedelika. Aber hauptsächlich sind es die typischen, bedeutungsvollen Phrasen gegen das Mainstream-Bewusstsein des 21. Jahrhunderts.

"Ramakrishna" mit seiner ersten Zeile "How dare you ask your stupid questions" klingt nach einer Art Abrechnung. Also?!
Wenn du etwas wirklich verehrst, solltest du keine Fragen stellen, sondern einfach nur ein Verehrer sein. Ergebenheit ist genug. Das haben wir in unserer Musik, es war immer für uns da und hat uns nie hinterfragt. Wir sind unserer Musik ergeben. Wir hinterfragen das nicht und identifizieren uns auch nicht damit, das ist nur ein ungesundes Anhängsel. Aber leider ist es oftmals so, dass du die Dinge, die du absorbierst, auch wieder absonderst. Deshalb singen wir diesen Song, um uns zu erinnern, wo unsere Verbundenheit wirklich liegt. Eine Warnung und eine Art Abrechnung mit uns selbst, wie eine absolute Akzeptanz der Sterblichkeit unseres Lebens. Die Momente, in denen wir unsere Aufmerksamkeit zu stark verlieren könnten und dadurch gebunden sind, irgendwann in den Weiten des Schicksals zu verlieren, werden einfach zum Schweigen gebracht. Im Gegenzug erweitern wir die Grenzen unserer Vorstellungskraft.

Was ist wohl mehr die Wurzel allen Übels: Die Religionen oder die Menschen in ihnen, die zu fanatisch werden?
Wir denken, das Böse hat keine Wurzel. Die Menschen werden zum Narren gehalten, weil sie tendenziell alles nur von zwei Seiten betrachten, wie Gut und Böse. Was böse für den einen ist, kann eine Segen für den anderen sein und anders herum. Der menschliche Intellekt ist ein wertloses, transparentes Vakuum, selbst wenn man ihn mit Drogen stimuliert. Es bedeutet absolut nichts. Der Geist ist eine Falle und wenn du versucht, darin eine Lösung zu finden, wird das ein sinnloses Unterfangen.

Wenn ihr euch die Szene von heute mit ihren Millionen von neuen Bands anschaut: Gibt es etwas, was ihr an diesen Bands vermisst oder was euch fasziniert?
Eine Faszination gibt es nicht. Manche mögen wir, manche nicht. Wir sind selbst nur eine dieser Bands, eine unter Millionen. Speziell mögen wir Bands, mit einem wirklich ehrlichen und leidenschaftlichen Sound. Ohne großartige Studiotechnik oder irgendwelche computersoundbasierende Sachen - und die findet man schwer. Bands, die eben keinen Rat von irgendjemandem annehmen, die einzigartig sind. Bands, die eine Unmenge an Geld für Studioequipment ausgeben, sind auch nichts für uns, denn wir glauben fest daran, dass Talent kein Preisschild hat.
Wir vermissen aber auch nichts, es ist einfach gut so, wie es ist.

Es dürfte offensichtlich sein, dass The Spirit Cabinet in Zukunft auf der Bühne anzutreffen sind. Durch die "basische" Musik - wird sich die Live-Präsentation dem angleichen oder denkt ihr eventuell auch an visuelle Hilfsmittel, wie es derzeit viele rituell agierende Bands tun mit okkulten Bildnissen, Kerzen, Knochen, Blut usw.?
Sicher werden wir live spielen und werden Dinge nutzen, die für diesen Moment geeignet sind, aber wir brauchen nicht viel Zirkus um die Musik herum. Alles wäre sehr klar für jedermanns Interpretation ohne eine tanzende, bärtige Lady oder einen Kleinwüchsigen, der aus einer Kanone geschossen wird. Abgesehen von klassischen Shows, die man bei den meisten Bands geboten bekommt, müssen wir zugeben, dass wir Freak Shows mögen. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, unsere Musik mit dieser Darstellungskunst zu verbinden, wären wir sofort dabei. Eine richtige Old School Freak Show, mit Menschen die Glühbirnen essen oder einem klassischen Bauchredner. Vielleicht auch ein paar Geister anzurufen mit Ouija-Brettern oder Ähnlichem, alles live auf der Bühne, damit wäre die Séance komplett.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp (per Mail).
September 2015