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Interview: MY DYING BRIDE

Da machte sich doch etwas Aufregung beim Schreiber dieser Zeilen breit, als die Info kam, mit dem MY DYING BRIDE-Fronter höchstpersönlich ein Interview führen zu dürfen. Wie wird der Brite wohl abseits der Bühne sein? Wie tiefgründig muss man mit ihm umgehen? Alles blödsinnige Sorgen, wie sich nach einer unterhaltsamen halben Stunde herausstellte. Im Tourbus in Hamburg während der "Feel The Misery"-Tour treffe ich auf den Menschen Aaron Stainthorpe.

Zwölf Longplayer, sechs EPs, fünf Singles, drei visuelle Dokumente, zwei Live-Alben, Compilations und Gott wer weiß, was da noch alles ist. Kannst du diese Karriere in ein Wort zusammenfassen?
Ehrfurchtgebietend! Ich hätte nie gedacht, dass das wirklich so lange anhalten würde. Wenn man eine Band formiert, weiß man ja nie, wo es mal hinführen wird. Man hofft, dass das vielleicht fünf Jahre hält.
Ganz ehrlich, wenn du deine Band "My Dying Bride" nennt und dann eben diese Musik machst, denkst du automatisch "wer soll den Quatsch denn kaufen?". Wer gibt sein hart verdientes Geld für diese depressive Musik aus?! Wir haben einen massiven Zwölfminüter mit dem Namen "Symphonaire Infernus et Spera Empyrium" aufgenommen und (mit immer noch ungläubigem Unterton) die Leute haben es gemocht! Und hier stehen wir auf einmal - 26 Jahre später!

"Auf einmal" ist gut. Deutschland hat My Dying Bride schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr zu Gesicht bekommen. Und auf einmal geht es Schlag auf Schlag: Party.San, Hammer Of Doom, jetzt die Tour - einfach der richtige Zeitpunkt oder ein gewisses "jetzt oder nie"?
Das ist einfach. Wir machen einfach maximal 20 Shows pro Jahr und damit kommst du nicht um die Welt. Wir machen eine Tour in Südeuropa mit Spanien, Italien usw. und verschwinden dann für zwei Jahre. Die nächste Tour dann in den Benelux-Ländern mit Deutschland, Schweiz, Österreich dazu und wieder weg. Danach Skandinavien und wieder weg. So funktioniert das bei uns am besten. Okay, nach Spanien sollten wir dringend. Die beschweren sich schon.

Deutschland beschwert sich auch! Also in Bezug auf richtige Tourneen.
Zum richtigen Touren waren wir ja fast überall nicht mehr. Eine Tour ist auch nur gut für ein neues Album und wir machen ja keine Alben alle zwei Jahre.

Und trotzdem seid ihr 26 Jahre auf dem Schirm geblieben. Ihr habt eben etwas ganz Besonderes erschaffen. Mit einem Blick nach vorne frage ich mich Folgendes: Der Sound von My Dying Bride benötigt auf der Bühne - wenn man das so oberflächlich sagen darf - nicht die körperliche Fitness wie z.B. Cannibal Corpse. Denkst du daran, wie es mit der Band in den nächsten 10 bis vielleicht sogar 20 Jahren weitergeht?
(mit einem großen Lachen) Es ist anstrengend für mich! Es ist nicht nur das Körperliche auf einer Bühne unter diesen heißen Lichtern zu stehen. Es ist mehr. Aktuell splitten wir die Show auf. Die ersten 45 Minuten mit fast ausschließlich nur klarem Gesang. Ich kann die Death Metal Vocals am Anfang nicht bringen, weil sie mir die Clean Vocals für später ruinieren würden. Denn wenn ich mich da reinknie, dann richtig. Und das ist anstrengend! Wenn ich so laut growle, dann hole ich tief Luft und dann raus damit. Der ganze Körper, alle Muskeln voll auf Anspannung - versuche das mal nur zuhause unter Licht für 45 Minuten (faszinierend mit anzusehen, mit welchem Enthusiasmus er mir das erklärt). Aber es ist auch mental anstrengend. Ich singe da über Dinge, die ich nur in der Privatsphäre meines eigenen Geistes geschrieben habe und dann muss ich das auch noch vor einem prall gefüllten Raume voller Menschen, die ich nicht mal kenne, tun.

Komm, sei ehrlich. Du wolltest es aber auch so, oder?!
Ganz ehrlich, in meinen Anfangstagen habe ich Bathory geliebt und die haben auch nie live gespielt. Ich dachte, das könnten wir auch. Aber meine Bandkollegen fanden das nicht so toll. Also spielen wir halt die paar Shows und am Ende jeder Show bin ich echt fertig - physisch und psychisch.

Du warst ja sehr bekannt dafür, extrem nervös vor Shows zu sein …
Ich bin jetzt auch scheiß nervös (er sagt es mit einer so charmanten britischen Art, dass ich ihm das erst gar nicht glaube). Ich wollte das Interview fast canceln.
Äh … du verulkst mich jetzt nicht, oder?!
Nein, ehrlich.
Okay. Dann ist von dem "damaligen" Aaron noch ziemlich viel hier.
Du hast genug von mir um ein Interview zu erstellen (und Nein, er sagt das in keinster Weise böse. Ich bin echt perplex!). Es findet eine Transformation statt, von dem alltäglichen Aaron Stainthorpe zu der Person, die für My Dying Bride singt. Und diese Transformation hat bereits begonnen. Eine Stunde vor der Show rede ich mit niemandem mehr (da habe ich echt Glück, dass das Interview knapp drei Stunden vor der Show ist!) und das hat nicht mal was mit Ego zu tun. Würde mich dann jemand ansprechen, würde ich mich auf diese Person übergeben.

Dann sollte ich mich wohl beeilen.
Sonst bin ich ein ganz netter Kerl, der gerne viel quatscht und auch liebend gerne auf der Xbox spielt, wie jeder andere auch. Aber auf der Bühne bin ich eben dieser besessene Freak. Ich weiß dann nicht, wo ich bin, ob ich dann zusammenbreche oder nicht. Es ist einfach so.

Gab es denn mal einen Moment, in dem das Feedback des Publikums so überwältigend war, dass der "Bühnen-Aaron" für eine Sekunde ausgeschaltet wurde?
(überlegt und weiß erst gar nicht, wie er den Satz anfangen soll) Diese Barriere fällt manchmal zwischen den Songs. Wenn der Song läuft, übernehme ich den Charakter der Texte. Und zwischen den Songs öffnet sich der Vorhang zu meiner menschlichen Seele manchmal ein klein wenig und manchmal lache ich auch mit der Menge. Aber nicht dieses Rock'n'Roll-Ding mit "alles okay?", "geht's allen gut?", "wir machen jetzt 'ne Party" - nee!
Ich glaube, bei der gestrigen Show habe ich zehn Worte gesagt. Fast ein Rekord.

Ein Blick in eure Geschichte. My Dying Bride sind zweifelsohne ein Original. Einst von Bands beeinflusst, nun seit Jahren schon selbst ein Einfluss für neue Bands. Gab es einen Punkt, wo ihr - ohne Anflüge von Selbstsucht - gemerkt habt, dass ihr diesen Schritt vollends getan habt?
Nicht wirklich, denn wir bewundern andere Bands immer noch. Auch jüngere Bands, die nach uns gestartet sind. Wenn jemand richtig gute Musik schreibt, dann musst du das einfach bewundern. Egal, wer es ist oder woher er kommt. Dann denkt man einfach mal "man, das hätte ich gerne geschrieben".

Hast du ein Beispiel?
Nein. Vor zwei Stunden hätte ich noch solch einen Gedanken fassen können. (ich verstehe)
Aber ich bin nicht Rock'n'Roll genug, um mal zu sagen, dass Band X oder Y hier was von uns übernommen haben und so sagen kann, dass wir etwas ganz Tolles geschaffen haben.
Ich denke aber, dass ihr auf einem gesunden Level schon das Recht habt, so zu denken.
Hm, sagen wir so. Wir bekommen gerne Mails, wo Bands darum bitten, als unser Support zu spielen. Ich höre mir das nie an und gebe das gleich an andere weiter, mit der Frage, ob die Band etwas taugt. Oft kommt die Antwort, die klingen wie kleine Kinder von My Dying Bride und dann sage ich, dass sie definitiv nicht mit uns spielen werden. Ganz einfach, weil man eine andersartige Band braucht. Vielleicht ein ähnliches Genre aber doch keine zwei My Dying Bride's an einem Abend. Das wäre doch stinklangweilig.

Glaubst du eigentlich, dass "34,788%... Complete" das am meisten unterbewerteste eurer Alben ist?
Ja, ich glaube schon. Vielleicht wäre es gar nicht so schlimm angekommen, wenn es einen anderen Titel und ein anderes Cover gehabt hätte, eben mehr traditionell im Sinne von My Dying Bride. Wir hatten diese Ideen in unseren Köpfen und die mussten einfach raus. Wir haben uns ja nicht total von unseren Roots entfernt. Aber dieses Album musste gemacht werden. Und danach konnten wir wieder ein klassisches Album mit "The Light At The End Of The World" machen. Ganz natürlich
Und noch mal: Wenn du eine Band wie My Dying Bride formst, erwartest du nicht, großes Geld zu verdienen. Wenn du Zwölfminüter in Latein schreibst, dann kauft das keine Sau.
Genau. Und die Welt hat euch Lügen gestraft.
Ja ja, ich weiß. Wir haben so hart versucht, nicht populär zu sein und wir haben es gründlich verkackt!

Ihr Armen …
Andre Craighan (Gitarre) und du, ihr seid die einzigen Originalmitglieder, die die Flagge von Beginn an durch sämtlich Line Up Veränderungen hochhalten. Wie würdest du das Verhältnis zwischen euch beiden beschreiben?
Nun, offensichtlich ist es ein sehr starkes Verhältnis. Aber wir haben uns auch gerne in der Wolle, wie ein altes Ehepaar, weil wir ja beide das Beste für die Band wollen. Manchmal denke ich, das ist das Beste und er meint die andere Richtung. Ich möchte gerne mehr Abwechslung und er möchte gerne mehr Heavy Metal. Aber die Überblendung dieser Kombination hält die Sache aufregend.

"Aufregend" ist ein gutes Stichwort. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass speziell die weibliche Delegation im Publikum, dem immer leidenden Aaron auf der Bühne gerne mal helfen möchten, einfach mal in den Arm nehmen, die "alles wird gut"-Masche, vielleicht ein Küsschen … oder nun ja, …
(sein Blick spricht Bände)
Wer weiß, was die so denken.
Ich weiß, was die denken!
Ja, wissen wir alle. Kannst du dich an das verrückteste Geschenk eines Fans erinnern?
Wir hatten schon mal schwarze, selbst gebackene Kuchen. Kleidung … Kleidung ist immer gut. Gerade auf Tour, wenn man selbst saubere, trockene Kleidung braucht.
BHs helfen da aber weniger …
Hatten wir auch schon. Inklusive der Höschen. Schmuck auch. Aber nichts Verrücktes wie zum Beispiel eine Katze.

Wir sprachen über deine Metamorphose. Jetzt mal im Ernst. Du sitzt hier vor mir als ein mega-sympathischer Typ, der gute Scherze macht …
Thank you! (kommt leicht verschmitzt zurück)
Ach, du möchtest das nicht hören?
Schon okay, es quält mich nicht.

Was macht der private Aaron in seiner Freizeit zum Vergnügen? Was gibt dir Zufriedenheit?
Ich lese sehr viel und gerne. Und ich höre Musik, schaue mir Filme an. Tatsächliche spiele ich gerne mit Photoshop herum. Das habe ich mir vor vielen Jahren beigebracht. Da habe ich einer Firma in meiner Nähe geholfen, alte Karten und Bücher zu digitalisieren. Und ich liebe Fotografie. Ich habe meine Kamera immer dabei - auch jetzt auch der Tour. Wenn ich etwas Besonderes sehe, dann muss ich einfach den Moment festhalten. Ich weiß manchmal nicht mal, was ich dann damit mache, aber ich möchte diesen Moment einfach archivieren.
Und das ist heute so viel einfacher mit Smartphones. Rausholen - Klick - wieder einpacken. Wo andere sich immer mit Licht und Linsen und dem ganzen Kram herumquälen … pfft (der Ton, den die Lippen machen, wenn jemandem etwas auf belustigte Weise völlig egal ist. Der Mann hat einfach Humor.)

Abschließend meine immer währende Lieblingsfrage. In den zig Interviews der letzten 26 Jahre, gab es da ein Thema, zu dem man dich nie befragt hat, du aber es aber gerne angesprochen hättest?
Kochen! Ich liebe es zu kochen. Ich habe eine Messer-Sammlung, verschiedene Töpfe und Pfannen für die unterschiedlichsten Sachen. Ich kann quasi alles kochen. Ich folge nie Rezepten. Und es macht mir auch nichts aus, wenn ich ein großes Sonntagsmenü für die Familie zubereite. Wenn ich koche, schmeiße ich jeden aus meiner Küche raus. Selbst die langweiligen Sachen, wie Kartoffeln schälen, mache ich alle selbst und gerne. Und ich möchte auch nicht, dass mir jemand Hilfe anbietet. Ich fühle mich da fast angegriffen.
Ich wurde sogar schon gefragt, in einem Heavy Metal-Kochprogram mitzumachen, wo man seine Videos hoch lädt und anderen seine Künste vorführt. Mal sehen, ich könnte mir so etwas vorstellen.

Oder nach dem bitte nicht zu zügigen Ableben von My Dying Bride einfach ein Restaurant eröffnen?!
Das würde ich wahrscheinlich hassen, weil ich den Druck nicht mag. Klar, wenn man richtig gut ist, kann man damit auch richtig Geld verdienen. Für drei, vier Personen zu kochen ist toll. Weil man es quasi mit ihnen geniesst. Du siehst ihnen zu, welche Reaktion auf dein Essen kommt. Das ist einfach persönlicher. Wenn du aber für Menschen kochst, die du nicht mal siehst und sie bezahlen auch noch dafür, dann hast du einfach mehr Druck, weil es dann immer perfekt sein muss (da kommt der Brite wieder durch). Wenn sie nicht dafür bezahlen müssen, dann sollen sie sich nicht so anstellen, wenn es mal nicht so gut ist. Es ist schließlich umsonst!

Noch Fragen? Danke Aaron! Danke My Dying Bride!


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Hamburg, 02. April 2016