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Interview: THEM

Ein großes Album - ein großes Interview. "Sweet Hollow" (Review) von THEM ist nicht nur eine King Diamond-Verbeugung, sondern zeitgleich auch ein Bildnis an Eigenständigkeit eben trotz dieser Verehrung. Und es ist die Idee eines Mannes, der seine Musik liebt und auf dem Boden geblieben ist.
Sänger KK Fossor aka Troy Norr erzählt ausführlich über Entstehung, Aktuelles und Vergangenes und lüftet sogar ein paar kleine Geheimnisse.

Eine King Diamond Tribute Band zu starten, ist eine Sache. Eine eigene Band zu gründen, die diesem Pfad folgt, ohne eine bloße Kopie zu sein, dagegen eine ganz andere. Wie viel Zweifel musstet du vom Tisch wischen, bevor THEM gestartet werden konnte? Oder um etwas positiver zu fragen: War der "das klappt schon"-Gedanke vom ersten Tag an da?
Die Band "THEM - The King Diamond Tribute" formte ich aus Musikern, die eigentlich aus der Band Coldsteel kamen. Drei Fünftel der Tribute Band waren Coldsteel zur gleichen Zeit. Die Musik zu schreiben war kein Problem, weil ich wusste, wir bekämen das hin, wenn jeder mit dem entsprechenden Enthusiasmus dabei ist. Nicht zu kopieren war der knifflige Part. Denn genau das wollte ich nie. Manche Leute werfen mir das trotzdem vor, aber ich das sehe ich nicht so. Was ihr da hört, ist der Einfluss von King Diamond und soll keine Augenwischerei sein. "Sweet Hollow" und THEM sind zu 100% original. Die größte Hürde war die Frage, wie ich meine Bühnenrolle präsentieren soll. Am Anfang war es eine fahle Leichen-ähnliche Gesichtsbemalung, aber das funktionierte nicht so richtig. King sagte mal, dass sein Bühnencharakter und auch die Gesichtsbemalung keinen realen Bezug haben. Also begann auch ich, meinen Charakter von Grund auf neu zu erschaffen, mit all diesen Gesichtsapplikationen und der Kleidung, die dann eben zu dem Charakter "KK Fossor" führten. Der Plan ist auch, diesen weiter zu entwickeln. Aber King Diamond war nicht der einzige Einfluss. Auch meine Lieblinge aus "Evil Dead" und "Tales From The Crypt" sind mit dabei. Als Hommage habe ich in der Story auch ganz bewusst ein paar "Ostereier" versteckt, die von ein paar Interviewern sogar alle entdeckt wurden (Na toll! Und der Sigi ist wieder der Dumme …). Ich wollte ein Opus erschaffen, auf das ich auch noch zu 100% stolz sein kann, wenn ich mich irgendwann von der Musik zurückziehen sollte.
Ich liebe Musik und ganz besonders Metal. Meinen Traum habe ich mit 21 Jahren verpasst, als ich in der Band Coldsteel war. Unser damaliges Label Turbo Music war aus Deutschland und wurde von den Behörden dicht gemacht (so sagte man uns zumindest), aufgrund von illegalen Aktivitäten. Und Coldsteel hatten just eine Tour gebucht und gerade das Debüt draussen. Meine Träume waren hin. Wir spulen vor zum Hier und Jetzt … Ich bin hin und weg, bei einem solch großartigen Projekt dabei zu sein. Es wird gut angenommen und ich weiß all die netten Worte zu schätzen - auch die nicht so netten. Man sagte mir, ich wäre ein Visionär. Ich sehe Dinge und erreiche sie in der Zukunft. Nicht nur in der Musik. Viele Teile meines Lebens sind so. Ganz simpel - ich erledige meine Dinge.
Ich erinnere mich genau, wie ich mit den Bandmitgliedern der King Diamond Tribute Band in einer Bar saß und sagte: "Wir müssen einen eigenen Song schreiben, der etwas heavier ist, als die Cover, die wir spielen." … und ich sah bereits den Erfolg darin. Der Gedanke, dass keiner dieser Menschen, mit denen ich dort saß, nicht am Endprodukt beteiligt sein würden, kam mir erst gar nicht. (Was aber leider doch so geschah. Die üblichen Line Up-Änderungen, die jede Band durchmacht.)

Deine jetzigen Bandkollegen sind ja auch schon eine ganze Weile in der Szene tätig und sie bringen ihre Erfahrungen mit zu THEM. Ist "Sweet Hollow" ein Bandprodukt oder das alleinige Baby von Troy Norr? Ich kann mich täuschen, aber speziell die Handschrift von Markus (Ullrich, Gitarre - Lanfear, Septagon) ist unüberhörbar.
Was die Entstehung des Albums angeht, ist es eine Gruppenleistung. Ich habe die Story geschrieben, Texte, Gesangsmuster und habe auch bei der Produktion assistiert. Gitarre, Bass, Schlagzeug, Solos - da hatte ich meine Finger nicht im Spiel. Wäre es so, könnte ich sagen, dass es mein Baby wäre - aber nein. Jedes THEM-Bandmitglied hat seine Ideen und Fähigkeiten in dieses Projekt gebracht. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft! Markus Ullrich hat die Musik geschrieben (HA!) und Richie Seibel fügte die Atmosphäre fördernden Keyboards hinzu. Ich hatte den Namen und brachte auch den Albumtitel mit, nach einem Besuch bei Hal Patino (ex-King Diamond). Hal wollte unbedingt das "Amityville Horror"-Haus besuchen. Doch als er herausfand, dass man die Fenster erneuert hat, einigten wir uns, dass wir lieber doch woanders hingehen sollten. Ich empfahl den "Sweet Hollow"-Friedhof. Ja, der existiert in Melville, Long Island! Den haben wir dann in der Nacht mit einigen Leuten besucht und es war echt irre. Einheimische nennen ihn "Sweet Hollow", weil er an der "Sweet Hollow Road" liegt, aber offiziell ist es der "Melville Cemetery". Tja, ich hatte Bandnamen, Albumtitel und Logo seit 2011!

Die Story zu "Sweet Hollow" zu schreiben, muss sehr aufregend gewesen sein und die Musik folgt den Emotionen und Wendungen der Texte.
1) Was passierte öfter: Dass die Musik den Texten folgt und anders herum?
2) Während du die Geschichte geschrieben hast - wie oft hast du dich in ihr verloren? Z.B. dass du herausgefunden hast, dass du gerade zu viel schreibst? Oder dass du dich um dich selbst drehst? Oder eventuell sogar ein paar Albträume von deiner eigenen Geschichte?

Oh ja, das war wirklich aufregend!
Zu 1): Als Erstes wurden die Tempi für die Songs gesetzt. Markus und ich setzten den Flow des Albums dadurch fest, in dem wir festlegten, wie viele bpm für die jeweiligen Songs funktionieren. Als die Stimmungsbasis stand, fing Markus mit den Songs an. Zwischendurch wurde zwar mal ein wenig geändert, aber hauptsächlich passten die Songs genau so. Danach kam die Frage, an welcher Position im Album welcher Song stehen sollte. Die Songs wurden nicht in dieser Reihenfolge geschrieben. Dann kamen die Gesangsmuster. Dann fing ich an, auf einem Flipchart die Story in die jeweiligen Kapitel einzubauen und schlussendlich kamen Texte. Ganz einfach von Anfang bis Ende durch.
Zu 2): Keiner weiß das, aber ich hatte wirklich ein paar Albträume, während ich an der Story arbeitete. Ursprünglich sollte KK's Tochter in der Story Amanda heißen - so wie meine Tochter. Nach diesen Albträumen änderte ich den Namen des Charakters in Miranda, nur für den Fall, dass ich doch unbewusst ein paar Dämonen heraufbeschwöre … das wissen auch nicht viele Menschen …
Anfang und Ende des Albums enthalten Auszüge von realen Beschwörungen. Der Anfang ist eine unvollständige Beschwörung zur Wiederbelebung der Toten und am Ende einer Teil einer Beschwörung eines Exorzismus, um einen Dämonen aus einem besessenen menschlichen Wirtskörper zu vertreiben. Bis heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich das Ende von "Sweet Hollow" höre. Nicht nur weil es ein dramatisches Ende ist, sondern für mich auch Elemente eines enormen Verlustes in sich birgt, was mir immer nahe geht.

THEM - als Tribute Band - hatte bereits die Ehre, mit Mike Wead and Hal Patino aufzutreten. Weißt du, ob King Diamond selbst THEM kennt? (Das Wortspiel in der englischen Frage-Version hat natürlich was).
Die Shows mit Mike und Hal waren klasse! In 2008 war Mike für eine paar Songs dabei. 2011 spielte Hal sogar vier komplette Shows mit uns. King habe ich Backstage im Oktober 2015 getroffen. Ich habe ihm sofort etwas vorgesungen, brachte ihn zum Lachen und gab ihm eine CD mit vier "Sweet Hollow"-Songs. Als ich ihm die überreicht habe, habe ich auch betont, dass es in keinster Weise respektlos sein soll und ich hoffe, dass er Spaß an dem hat, was ich erschaffen habe, mit ihm als mein Einfluss.
Es wird immer nur einen King Diamond geben. Ich versuche nicht, ihn zu ersetzen. Ich liebe King, Horror, Halloween … da hast du es … THEM!

Nur aus Neugierde - was hältst du von der neuen Denner/Sherman-CD?
Ich besitze sowohl EP, LP und CD. Alles gleich nach Veröffentlichung gekauft. Ich liebe die neue CD! Sie ist die guten Kritiken wert, die sie bekommt. Und das sage ich trotzdem ganz neutral. Die Scheibe wurde von zwei Gitarrengöttern eingespielt und hat einen der besten Metal-Sänger der Welt, Sean Peck. Sean und ich sind seit 2015 befreundet, als wir an der Ostküste zusammen mit Cage gespielt haben. Wir haben viel gemeinsam und es hat einfach geklickt. Meiner Meinung nach ist er wirklich einer der besten Metal-Sänger auf diesem Erdball und ich werde ihn darin immer unterstützen. Ich habe ihn zwei Mal live erlebt und bei Gott, er ist ohne Zweifel der Höchste von allen. Er sollte ins Guinness Buch der Rekorde. Der Typ kann praktisch Glas zerspringen lassen, wenn er seine höchsten Noten erreicht. (Oh ja! Checkt dazu mal dieses Video auf der CAGE-Facebook-Seite!)

Deine musikalische Biografie ist ziemlich beeindruckend. Eines der "unmetallischsten" Dinge darin ist die Trompete. Hat das Erlernen dieses Instrumentes dir Vorteile gebracht, dass aus dir ein so starker Sänger werden konnte?
Die gleiche Frage gilt natürlich auch für deine zahlreichen Mitwirkungen an Jazzbands und Orchestern. Haben diese Erfahrungen deinen Blick auf das Heavy Metal Songwriting verändert?
Ja! Haha! In meiner Kindheit habe ich für 13 Jahre Trompete gespielt. Ich habe sogar einige Trompeten-Parts aufgenommen für den Coldsteel-Song "The Worst Is Yet To Come". Mein eigentlicher Plan war es, eine Big Band aus Hörnern, Saxophon und Posaune die Bridge in dem Song zu unterstützen. Zeit und Geld reichten da aber nicht aus, um das alles zu produzieren, also habe ich das alles selbst gemacht inklusive der Harmonien. Eigentlich sehr lustig, dass das in einem Thrash-Song auch funktioniert. Wenn ich den Song heute höre, muss ich aber schon lachen.
Dass du meinen Gesang magst, weiß ich sehr zu schätzen. Das Trompete spielen half definitiv dabei, meine Möglichkeiten zu verbessern, die Gesangsparts zu schreiben. Vielleicht wäre ich gar nicht in der Lage, Songs zu schreiben, wäre ich nicht in diese Musik auf diesem Level involviert gewesen. Für meine persönliche Entwicklung war es auf jeden Fall notwendig, selbst wenn es ein anderes Instrument wäre. Es wäre auch immer noch notwendig, um meine Fähigkeiten weiter zu formen. Ich spielte in Jazzbands, Orchestern, Konzertbands und Marschzügen. Ich liebte alles, außer die Marschzüge. Es ist höllisch schwierig, synchron zu marschieren und dabei fehlerfrei zu spielen. Ich glaube, Jazz und Orchester waren der Haupteinfluss, wenn es darum geht, mein Songwriting im Heavy Metal zu unterstützen. Tatsächlich habe ich Metal-Songs geschrieben, als ich noch in eben in diesen anderen Bands war. Nichts, was nachher mal auf eine LP gewandert wäre, aber nichtsdestotrotz notwendig für meine Songwriting-Entwicklung.

Zu guter Letzt - der "Fanboy-Talk":
King Diamond Songs zu performen, stelle ich mir extrem schwierig vor und es benötigt wohl unzählige Übungseinheiten.
Tatsächlich sind King Diamond-Songs gar nicht so schwer. Aus irgendeinem Grund komme ich damit ohne großen Aufwand klar. Es ist schwerer, Coldsteel-Songs zu singen, haha! Irgendwie habe ich den Dreh raus, wie King zu singen. Ich kann auch exakt nach Dave Mustaine klingen. Vor dem King-Tribute war ich auch in einer Megadeth Tribute Band. Bei den ersten Proben mit der King Diamond Tribute Band haben alle gelacht. Als ich nach dem Grund fragte, meinten alle, dass es total irre wäre, weil ich eben wirklich wie der King klinge.
Es waren tolle Tage, als ich einfach Interesse daran hatte, die Songs zu performen, die ich immer gerne gehört habe. Bis 2011 habe ich ja nichts darauf gegeben, eigenes Material zu schreiben.

Dann nenne uns bitte noch drei Songs - und zwar:
Den Einfachsten >
Welcome Home, A Mansion In Darkness, The Oath
Den Schwierigsten > Come To The Sabbath, At The Graves, Give Me Your Soul
Den, den du nie (wieder?) versuchen würdest > Ich bin für alles zu haben, aber wenn ich einen aussuchen müsste, würde ich nie "Give Me Your Soul" performen.

Vielen Dank für das tolle Interview und ich hoffe, eure Leser haben richtig viel Spaß mit "Sweet Hollow".
Wir sehen uns in Europa in 2017!


Das Interview führte Siegfried Wehkamp (per Mail).
Oktober 2016