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Interview: TO THE RATS AND WOLVES

Am 7. September 2016 haben sich TO THE RATS AND WOLVES ins kleine Städtchen Berlin aufgemacht, um dort im Rahmen ihre Headliner Tour zu spielen. Wir haben es uns dabei nicht nehmen lassen, sie bezüglich ihres gerade erst erschienenen neuen Albums zu befragen und hatten dabei die Chance mit Stanni, dem Bassisten, Shouter und Lyric-Schreiberling der Band ein paar Worte zu wechseln.

Erstmal ganz standardmäßig, wie läuft die Tour bisher?
Also in Hamburg und Leipzig, wo wir bis jetzt waren, war es einfach in jeder Hinsicht überragend! Wir haben tolle neue Leute kennengelernt, viel Kontakt zu den Fans bekommen, die mit uns gefeiert haben und ich bin wirklich super glücklich wie es läuft.

Das neue Album "Dethroned" ist ja konzeptionell gesehen ziemlich anders, weg von reiner Feier-Musik, hin zu teils düsterer, melancholischer und dystopischer Musik. Wie kam dieser Wandel?
Ja, also das letzte Album war sehr lebensbejahend, partylastig, hatte zwar auch ein paar tiefsinnige Themen, aber wir hatten nicht die Möglichkeiten, das lyrisch auch so gut umzusetzen, wie wir es gerne getan hätten. Dieses Mal jedoch haben wir viel Energie in die Lyrics gesteckt, haben uns viel mehr Zeit genommen und uns zusammengesetzt, um auch das umzusetzen, was uns berührt. Dabei sind es dieses Mal ernstere Töne, aber wir wollen auch nicht auf diesem einen Konzept stehen bleiben, sondern machen das, was uns wichtig war. Es sind wesentlich intimere Songs geworden für uns.

Also habt ihr eine stärkere emotionale Bindung zu den jetzigen Songs als zu euren alten Stücken?
Also vorab: Wir sind keine politische Band. Als wir unsere Band gegründet haben, wollten wir eigentlich nur machen, worauf wir Lust haben. Der Gedanke war: Man kann doch nicht die ganze Zeit nur sozialkritische Texte schreiben und erzählen, was schief läuft. Sondern man geht im Leben auch gerne feiern, unternimmt was mit Freunden und hat Spaß im Leben. Doch im Fortlaufen der Band hat es sich eben ergeben, dass sich unser Spektrum dann doch erweitert hat und wir experimentieren wollten. Und ich glaube, es ist uns da auch gelungen, eine andere Schiene einzuschlagen. Aber der Party-Teil ist ein wichtiger Bestandteil von uns und auch wenn das jetzige Album vielleicht düsterer geworden ist, oder für manch einen auch deprimierend sind, es ist das, was wir umsetzen wollten und das ist für uns wichtig.

Von euren eigenen geschriebenen Liedern, welche Songs liegen dir selbst am meisten am Herzen?
Also zum einen wäre da "Dressed In Black". Das haben wir geschrieben, als wir noch mit Eskimo Callboy auf Tour waren. Das war eine Phase, welche unabhängig von der Tour und allem, für mich einfach eine privat unglückliche Zeit war. Ich war unzufrieden mit allem und bin emotional immer tiefer abgestiegen. Doch irgendwann kam ein Moment, da bin ich aufgewacht und habe gemerkt, dass man auch nicht ewig warten kann, dass irgendjemand vorbeikommt und dich einfach da rausreißt, sondern nur du kannst dir dann selbst helfen. Wenn du aktiv wirst, etwas an deinem Leben etwas änderst und vorangehst, dann kannst du es auch schaffen, dich nicht mehr im eigenen Mitleid zu suhlen. Man nimmt sich Änderungen zu Herzen und da spricht der Text einfach das aus, was ich da empfunden habe.
Das Zweite ist "Riot", da das Lied eine ganz andere Richtung hat, als das, was wir sonst so geschrieben haben. Und auch wenn wir sonst nicht so politisch sind, war es dann auch mal an der Zeit, etwas zu den aktuellen Nachrichten zu sagen, was in vielen Medien einfach falsch dargestellt wurde. Wir haben uns gefragt, wo die Menschlichkeit bleibt, wenn einfach bewusst gelogen und die Dummheit und Intoleranz von vielen ausgenutzt wird. Der Song ist dann eine überspitzte Ausdrucksform, aber mir ist da auch der Kragen geplatzt, dass so verwerflich mit den Medien umgegangen wird und auf so eine kranke und ekelhafte Weise beispielsweise über das Thema Flüchtlinge gelogen wird. Es gibt zum Beispiel diesen einen absurden Artikel, dass in Österreich Türken kleine Kinder vergewaltigen dürfen und die Menschen teilen das auf sozialen Medien und jedem klar denkenden Menschen müsste auffallen, wie realitätsfern das ist und natürlich hat sich das mehrfach als völlig falsch herausgestellt, aber es ist dann eben da draußen in den sozialen Medien. Und dann wird mit diesen Lügen, falschen Statistiken und ausgedachten Sachen Angst verbreitet und man hat das Gefühl, dass die Menschen aufhören zu denken. Und mir macht diese Entwicklung auch Angst. Und dieser Song ist für mich sehr aussagekräftig und liegt mir am Herzen.

Und welche eurer eigenen Songs nerven dich mittlerweile?
Wenn ich mal ganz ehrlich bin, was jetzt vielleicht manches Fan-Herz bricht, aber bei mir ist es "Blackout". Also live macht das Lied immer noch riesig Spaß zu spielen, aber mittlerweile liegt es mir einfach nicht mehr so sehr am Herzen, wie beispielsweise unserer neuen Songs.

Was für Guilty-Pleasure-Songs hast du?
Also jetzt ohne Witz oder Ironie, ich stehe total auf die Songs der Backstreet Boys und dann höre ich das mit Freunden und Kollegen und obwohl du dich früher dafür geschämt hast, hörst du das heute halt mit einem Augenzwinkern dabei und man kann darüber lachen. Und zum Thema ergänzend: Die Musik, die ich mache, ist nicht die Musik, die ich privat höre. So habe ich eine ganz andere Sicht.

Gab es eine Frage, die du dir schon immer mal in einem Interview gewünscht hast?
Also ich freue mich immer über persönliche Fragen und nicht nur "erzähl mal, wie ihr auf den Namen gekommen seid", das kann jeder in zwei Minuten im Internet raussuchen, aber wenn mich mal jemand fragen würde, was für Geschichten ich von den Touren erzählen könnte, würde ich das gut finden.

Also, was für Geschichten gibt es denn auf den Touren?
Also zu manchem darf ich gar nichts sagen, nicht, dass da am Ende noch Probleme entstehen, wo vorher keine waren, aber es gab da ein Konzert, auf der Eskimo-Tour, da haben wir ... sagen wir mal, ausgelassen gefeiert und der Veranstalter war nicht ganz so zufrieden damit, wie anschließend der Backstage-Bereich aussah. Und als er reinkam, war ein Stuhl kaputt und jemand hatte das Stuhlbein wie im Film "Braveheart" in die Luft gehoben. Und der Typ natürlich, "Jungs, das kann nicht euer Ernst sein!?" und wir haben dann angefangen, uns wie im Film "The Wolf Of Wall Street" auf die Brust zu schlagen und die Melodie zu summen. Du musst dir vorstellen, wie vier komplette Bands da morgens stehen, inmitten dieses verwüsteten Backstagebereichs und das war ein Moment, den ich wohl nie vergessen werde. An der Stelle auch mal an die Fans: Wenn ihr über Tourgeschichten reden wollt, kommt auf jedem Konzert einfach anschließend an den Merch-Stand, darüber wollen wir immer reden.

Die letzte Frage, welche Wünsche hast du mit der Band für die Zukunft?
Ich möchte auf jeden Fall größere Shows, längere Touren und weitere Alben rausbringen. Wir hatten letztes Jahr auf dem Knockdown-Festival vor 4.000 Leuten gespielt und alle Leute springen synchron und singen die Texte mit. Und ich stand auf der Bühne, mit Make-Up, Kontaktlinsen und bin das Bühnen-Monster, aber nach dem Konzert habe ich wirklich vor Freude geheult, weil ich einfach vollkommen überwältigt war. Und ich hoffe, dass ich so ein Gefühl, so emotional überwältigt zu werden, noch öfter haben werde.


Das Interview führte Hannes Fleisch.
Berlin, 07. September 2016