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Interview: VANHELGD

Der Fragensteller entschuldigt sich für das späte Erscheinen dieses Interviews. Diesbezüglich kann man den Ausgangspunkt - das beeindruckende vierte VANHELGD-Album "Temple Of Phobos" - so und so betrachten. Einerseits ist das Album so stark, dass die folgenden Zeilen viel früher hätten kommen müssen. Andererseits ist das Album so stark, dass die folgenden Zeilen nochmal die Aufmerksamkeit darauf lenken müssen! Egal wie, Mattias Frisk (2.v.r.) hat bereitwillig geantwortet.

Foto: Henrik Stolt

Um schnell eine Basis zu bekommen, gehen wir ein, zwei Jahre zurück. "Relics Of Sulphur Salvation" war mein Erstkontakt mit euch, der mich quasi direkt zu eurem Party.San-Auftritt 2015 geführt hat. Hattet ihr das Gefühl, das Album würde euch ein wenig mehr Aufmerksamkeit bescheren, in Bezug auf Gig- und Festival-Anfragen? Und welche Erinnerungen habt ihr an jenes Wochenende?
Da bin ich mir nicht sicher. Wir spielen ja sehr selten live, aber nach "Relics …" haben sich die Anfragen etwas geändert. Normalerweise bekommen wir von den Bookern gar keine Aufmerksamkeit. Ich denke, da braucht man einfach jemanden, der das Ganze wirklich aktiv verfolgt.
Party.San war großartig - in vielerlei Hinsicht. Die meisten von uns haben noch nie auf einer solch großen Bühne gestanden oder überhaupt auf einem Festival. Wir hatten den kürzesten Line Check und das war schon stressig. Und wir hatten ziemlich starke Monitor-Probleme, das war für Jimmy (Johansson, Gtr.) ganz besonderes schlimm. Dazu sind wir "kalten" Schweden ja etwas anderes gewohnt, als die 36°/38° C, die da herrschten und normalerweise ist das Publikum auch eher direkt vor unserer Nase. Uns kam das schon recht weit vor. Dazu war der Auftritt ja noch um die Mittagszeit - wenn man dass alles zusammenrechnet, hat sich das nicht unbedingt zu unserem Vorteil entwickelt, haha.
Aber das Festival war großartig und wir würden gerne wiederkommen und auf der Zeltbühne spielen.

Nun ist "Temple Of Phobos" da und es klingt so stark und entschlossen, als wärt bei den Aufnahmen im Studio echt an eure Grenzen gegangen.
Wie gut vorbereitet seid ihr ins Studio gegangen? Und wie lief der Aufnahmeprozess ab? Ein Instrument nach dem anderen oder gab es auch tatsächliche "Band"-Aufnahmen?
Im Gegensatz zu den vorherigen Alben waren wir sehr gut vorbereitet. Wir haben sehr oft geprobt und so viele Unstimmigkeiten wie möglich im Vorfeld aus dem Weg geräumt. Die Aufnahmen begannen im November im Studio Underjord mit Joona Hassinen und der letzte Mix war dann im Januar. Tore Stjerna hat das Mastering in den Necromorbus Studios übernommen.
Die Instrumente haben wir alle separat aufgenommen, aber natürlich alles mit echten Verstärkern und echtem Schlagzeug.
Gleich am ersten Tag der Gesangsaufnahmen habe ich meine Stimme ruiniert. Beim Titelsong habe ich einfach zu viel gegeben und am zweiten Tag hatte ich echt Schmerzen beim Einsingen. Mit viel Tee und einer Menge Medikamente ging es ab dem dritten Tag dann wieder. Für Gitarre und Bass sind die Songs recht einfach zu spielen, da gab es nur die üblichen Problemchen wie Stimmung usw.. Ich schätze, Björn hatte technisch gesehen die größte Herausforderung, da er einige Drumparts spielte, die für ihn eher unüblich sind.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich den neuen Titelsong hörte. Ich stand am Strand einer Nordseeinsel und liess die Natur auf mich wirken - Wind, Sonne, Wellen. Mit dem Song im Ohr war das echt ein überwältigender Moment.
Spielt die unüberwindbare Kraft der Natur eine Rolle im Vanhelgd-Sound?
(… immerhin: auf dem Cover segelt ein Mann zu besagtem Tempel - die See, die Natur …)
Nicht wirklich, aber vielleicht …
Vielleicht arbeiten wir in gewisser Form auch mit der Erhabenheit, die ein Schlüsselelement in der Romantik im 18. Und 19. Jahrhundert war. Ein künstlerische Bewegung, die in meinen Augen mit Metal einiges gemeinsam hat. Nachweislich findet man das im nordeuropäischen Bereich des Black/Death und Doom. Die Kraft der Natur und der Gedanke einer göttlichen Präsenz in ihr ist ebenfalls ein großer Teil der Romantik zusammen mit der Faszination von Dunkelheit, Ruin und Desolation. Ich denke, wir haben eine gewisse Geisteshaltung, wenn wir an Vanhelgd-Material arbeiten, die diese Romantik widerspiegelt und wo die Betonung eher auf Emotionalem als auf Rationellem liegt.
Beim Cover wollte ich einfach eine Person in Fötushaltung auf einem Boot darstellen, die vom verschleierten Fährmann durch dunkle Gewässer zum Tempel gebracht wird. Ich bekam das Bild von Andreas Böcklin "Die Totensinsel" (fünf Gemälde mit annähernd gleichem Motiv, entstanden zwischen 1880 und 1886) nicht aus meinem Kopf. So dachte ich, es wäre besser, etwas in dieser Tradition zu machen, als etwas weniger Bekanntes. Böcklin war ein Maler des Symbolismus und wurde durch die Romantik beeinflusst.

Was ist dieser "Temple Of Phobos", den wir auf dem Cover sehen? Mir kommt es fast so vor, als wenn die Texte mehr mit der Realität zu tun haben, als erwartet. Gib uns bitte einen kurzen Überblick über die Texte.
Das textliche Konzept ist ziemlich universell. Der Zustand der Menschheit, ihr Kampf, ihr Elend. Die lauernde Angst, die uns kontrolliert, ist überall. Phobos ist die Personifizierung der Angst in der griechischen Mythologie und eine Gottheit. Was der eigentliche Tempel des Phobos ist … ich sehe es als eine Metapher an. Wir sind besessen von Angst, kontrolliert und eingenommen von ihr. Sie funktioniert fast wie eine Religion und kontrolliert unser tägliches Leben. Um die Texte der Vorgängeralben habe ich mir weniger Gedanken gemacht, ausser die in Schwedisch. Doch dieses Mal wurden sie wichtiger. Ich wollte mich dieses Mal selbst herausfordern und da die Musik auch weniger der klassische "Fuck off Death Metal" ist, hätte es auch nicht mit fleischfressenden Zombies oder irgendwelchen Slasher-Themen funktioniert.

Seit eurem zweiten Album "Church Of Death" rahmt ihr das eigentliche Cover nochmals ein. Es ist, als würde man auf ein uraltes Gemälde schauen. Woher kommt diese Vorgehensweise und bleibt ihr in Zukunft dabei?
Wir wollten diesen Look der "Naxos"-Veröffentlichungen aus der Klassik.
Und ich hasse es, dass wir diese Idee nicht gleich beim ersten Album hatten und auch, dass wir es bei "Church Of Death" nicht in Weiß gemacht haben …

Bisher konnte "Temple Of Phobos" reihenweise gute Kritiken abgreifen. Eine gute Basis, um die Band wieder auf Tour zu bekommen. Wie sind diesbezüglich eure Pläne?
Wir sind nicht gerade eine Live-Band und eine Tour ist sehr schwer vereinbar mit unseren Privatleben und Berufen. Manchmal finde ich es befremdlich, dass offensichtlich eine einhellige Meinung darüber besteht, dass du als Metalband live spielen musst und das auch das beste Forum für die Musik ist. Ich glaube sogar, dass die Songs von "Temple Of Phobos" besser auf Konserve als auf der Bühne funktionieren (wie halt an der Nordsee …). Unser Hauptinteresse liegt nicht darin, auf der Bühne zu stehen, sondern die Musik zu machen.
Aber wir haben Pläne für 2017, ich kann noch nichts verraten, aber es wird keine Tour sein.

Na immerhin. Derweil renne ich wieder an die See und lass mir "Temple Of Phobos" durch die Hirnwindungen pusten. Sehr zur Nachahmung empfohlen.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp (per Mail).
September 2016