Impressum Startseite
Reviews Interviews Live Specials Jobs

Interview: HAVOK

Als wäre die Welt derzeit nicht eh schon in einem kritischen Zustand, kommt der mega-metal.de-Abgesandte auch noch zu spät zum Interview-Termin mit HAVOK (ja, ich weiß, das war böse…). Doch Fronter David Sanchez (der nett lächelnde Herr als Zweiter von rechts) nimmt es gelassen und wir machen es uns im Tourbus gemütlich, während Exmortus bereits die Bühne im Hamburger Logo entern (Live-Review). Trotzdem erscheinen mir ernste Themen für den Anfang irgendwie nicht angebracht, woraus sich lockerer Fantalk entwickelt.

Über den ominösen Rauswurf aus der Megadeth-Tour wurde meines Erachtens alles gesagt. Mich hat nur gewundert, dass auf dem neuen Album doch einige Parts sind, die sich schwer nach Dave & Co. anhören. So etwas hörst du beim Komponieren ja auch. Hast du dich bewusst dazu entschieden, dass das auch so auf CD bleiben soll, auch wenn es etwas offensichtlich klingt?
Der Punkt ist, dass 95% des "Conformicide"-Materials bereits geschrieben war, bevor wir überhaupt auf Tour mit Megadeth gegangen sind und aufgenommen haben wir die Scheibe nach dem ersten Teil der Tour in Nordamerika und Kanada, noch bevor wir nach Europa kamen. Die Tour hatte also nicht mal Auswirkungen auf das Material und nur weil wir gedroppt wurden, schreiben wir ja keine Musik um. Vielleicht erinnern ein paar Parts an sie, aber im Endeffekt klingen wir ja nicht direkt wie eine andere Band.

Habe ich den Menschen ja schon immer gesagt, dass ihr irgendwie anders seid. In meinem Universum seid ihr die beste Thrash Band der zweiten Welle.
Erst mal vielen Dank! Ich schätze, es liegt wohl daran, dass wir auch andere Stile mit in unseren Sound einfliessen lassen. Ich hole mir meine Ideen von überall her, sei es Jazz, Klassik, Funk, Punk Rock oder Death Metal und das kommt alles in unseren speziellen Eintopf, woraus sich offensichtlich ein paar exotische Aromen entwickeln (jetzt habe ich Hunger).

Und es ist immer noch Platz für einen original Tom Araya-Scream in "D.O.A.". Wie oft hast du den denn im Studio versucht?
Das weiß ich nicht mehr. Vielleicht zwei oder drei Male.
Dass ich das kann, wusste ich schon in der Highschool, als ich "Angel Of Death" mitgebrüllt habe, wenn ich von der Schule nach Hause gefahren bin. Da war bereits klar, dass solch ein Schrei auch irgendwann in einen Song gehört.

Es muss manchmal eben keine Hookline sein. Thrash Metal an sich lebt ja von seiner Intensität. Was meinst du, ist die Intensität manchmal wichtiger als eine geile Hookline?
Manchmal ja. Hört man sich mal einen Song an wie … (denkt wirklich nur kurz nach) … "Necrophobic" von Slayer an, da ist ja kein Chorus oder ein Hook drin. Da ist nur kompletter over the top Speed und Aggression. Und manchmal brauchst du einfach nicht mehr.

Klasse Beispiel! Und dann auch noch ein Song, der - ich rate mal - vor deiner Geburt veröffentlicht wurde. Darf ich fragen, wie alt du bist?
28.

Da bedeutet, sowohl du als auch meine Wenigkeit - wir haben die Blütezeit des Thrash in den Achtzigern gar nicht miterlebt. Wie bist du zum Thrash Metal gekommen?
Ich habe meiner Mutter damals erzählt, dass ich diesen ganzen harten Kram, der damals auf MTV usw. lief, richtig gut finde und sie meinte nur "warum hörst du dir nicht mal Metallica an?" (coole Mutter!). Ich glaube, am nächsten Tag hatte ich mir schon das schwarze Album gekauft und das hat mir echt die Augen geöffnet. Danach habe ich weiter geforscht und halt nach Bands gesucht, die nach Metallica klingen. Nach einem weiteren Metallica-Album kam ein Slayer-Album, dann Megadeth und so weiter. Eines Tages habe ich "Rock Show2 auf VH-1 gesehen, das wurde von Scott Ian moderiert. Und er zeigte Videos von Overkill, Exodus und Testament - Alter, die Bands brauchte ich ja alle! Im Endeffekt waren es aber wohl Metallica, die mich überhaupt zum Gitarre spielen brachten.

Und wie beurteilt ein heute 28-jähriger die "Load"/"ReLoad"-Phase der Band? Selbst Megadeth hatten das ja mit "Risk".
Das waren die guten Zeiten für Bands wie Testament und Overkill, haha! Wo andere, nun ja, Pop Rock Songs geschrieben haben, kamen Testament mit "The Gathering" um die Ecke.

Glaubst du, solch eine "Phase" ist auch gut für Bands?
Es muss nicht zwangsläufig passieren.

Aber vielleicht sogar wichtig.
Vielleicht ja. Vielleicht brauchen sie das ja wirklich, nur um festzustellen, dass es vielleicht doch nicht das ist, was sie wollten und dann kehren sie wieder zurück zu dem, woher sie kamen und machen die Fans besonders glücklich.

Was hältst du denn von der neuen Metallica? Zu lang?
Sie ist lang. Wie viele Songs waren das noch?

Gerade vergessen. Aber zum ersten Mal eine Doppel-CD.
Sie ist gut. Einige echte coole Sachen sind da drauf. Zumindest hat jeder Song etwas in sich, was bei mir hängen geblieben ist. Es ist auf jeden Fall schön, sie wieder richtig Riffs spielen zu hören. Gute, Heavy Riffs! Und mir gefällt der Gesang auch wieder besser. Hetfield klingt einfach wieder bissiger, so wie ich Hetfield immer in meinen Gedanken habe.

Hast du den Auftritt mit Lady Gaga gesehen?
Ja! Ich fand es sogar richtig gut. Sie klingt richtig gut bei dem Song und hat Harmonien hinzu gebracht, wo im Original keine waren. Das war echt stark!

Was passiert wohl, wenn die großen Bands alle verschwunden sind?
Deswegen existiert diese Band! Deswegen bin ich hier!

Und neben den ganz großen Namen? Welche Thrash-Alben würdest du da empfehlen, die vielleicht noch keiner oder immer noch nicht kennt?
Uncle Sam "Say Uncle" liebe ich sehr.
Psychosomatic - eine aktuelle Band aus Sacramento mit ihrem Album "The Unquenchable Thirst" (das Album erschien 2006 und wer auf den Havok/Warbringer-Sound steht sollte sich das Ding unbedingt zu Gemüte führen!)
Und Vio-Lence "Oppressing The Masses".

Vio-Lence ist heutzutage schon recht geläufig.
Stimmt, aber als ich klein war, kannte die fast kein Mensch.

Letzte Fantalk-Frage für den Thrasher - quasi wie immer: "Bonded By Blood" oder "Reign In Blood"?
Mann, das ist 'ne harte Frage. Ich liebe sie beide. Aber ich muss "Reign In Blood" nennen. Alles auf diesem Album, die Riffs, die Vocals, das Drumming sind der Hammer. Selbst die Produktion, die ist so trocken. Der Gitarrensound ist einer meiner Liebsten. Da versuche ich immer noch heranzukommen.

Eigentlich wollte ich ja nicht, aber lass uns für einen Moment noch mal ernster werden. Ich würde Havok nicht als politische Band bezeichnen, sondern einfach als eine, die etwas zu sagen. Ist es wichtig, den Menschen die Augen durch Musik und Texte zu öffnen?
Auf jeden Fall! Mein Ziel ist es, die Menschen wach zu rütteln. Wenn du dein ganzes Leben nur durch die Welt gehst und dich mit Menschen umgibst, die eh das Selbe denken wie du selbst, wirst du auch keine Fortschritte machen.
Man sagt ja immer, eine politische Diskussion führt eh zu nichts. Aber ich glaube, das stimmt so nicht. Dazu muss man nur "open-minded" sein. Wenn man natürlich durch Politik oder Religion komplett eingeschränkt ist in seiner Denkensweise, ja dann ist das so, als würde ich mit einer Wand reden.

Politik, amerikanische Band - und Donald Trump ist eh aktuell in aller Munde. Es ist ernst genug, aber nimm mich nicht zu ernst - wurdest du bereits gefragt, wie es denn nun ist, mit dem Nachnamen Sanchez in Amerika zu leben?
Kein Problem mit der Frage, aber nein, sie wurde mir noch nicht gestellt.
Aber ich bin eh Voll-Amerikaner. Geboren in Georgia, aufgewachsen bin ich in Colorado. Ich spreche kein Spanisch, noch sind meine Eltern Mexikaner. Der Sanchez-Part meines Nachnamens kommt von der philippinischen Seite, da auf den Philippinen ja die Spanier an der Macht waren. Daher kommt das.

Was kannst du Amerikaner mir Deutschem denn über die jetzige Situation bei euch "vor Ort" erzählen? Ist es wirklich so schlimm?
Korruption war schon immer ein großes Problem in unserem Land und das seit Jahrzehnten. Der letzte Präsident, der den Mächtigen mal ein wenig ihrer Macht nehmen und auch weg vom Krieg wollte, war John F. Kennedy und dem haben sie den verdammten Kopf weggepustet. Ich denke, das war unser letzter echter Präsident.

Und aktuell ist es ja nicht mal ein Bush an der Spitze. Aber es fühlt sich so an, als wäre mal ein wieder ein neues Ministry-Album fällig.
Sicher … (dann fiel der Groschen) … ja klar, das wäre großartig!
Wenn es ein Gutes hat, dass Trump jetzt Präsident ist, dann das, dass die Menschen sich endlich mal richtig aufregen und ihr Hirn einschalten. Leider richten sie ihren Ärger nur auf eine Person und ich hoffe, dass sie mitbekommen, dass das gesamte System eigentlich Mist ist.

Denkst du, es gibt eine echte Chance, alles zum Guten zu bewegen - sagen wir mal in den nächsten zehn Jahren?
Könnte … nun ja … vielleicht. Es hängt mit der Bildung zusammen. Diejenigen, die die Welt regieren, wollen ja, dass die Menschen dumm bleiben und Krieg mit ihren Nachbarn führen. Wenn die Menschen mal ein bisschen schlauer wären, Hintergründe besser verstehen und anstatt Krieg zu führen, mit ihren Nachbarn zusammenkommen, dann könnten sich "die normalen Menschen" die Welt wahrscheinlich in einer Woche zurückholen. Die Durchschnittsbürger im Gegensatz zu denen, die die Welt ruinieren, das ist ein Verhältnis von einer Million zu Eins - das sagt schon alles.

Aber es klingt immer noch wie eine Utopie.
Na klar. Und ich werde bestimmt nicht den Atem anhalten, bis es passiert. Aber es ist möglich oder es ist eben nicht unmöglich.

Bin gerne dabei. Schliessen wir die ernsten Pforten und bringen uns fröhlich ins Ziel.
Ihr seid ja nun auch schon über zehn Jahre unterwegs - aktuell sind es 13. Da gibt man auch schon einige Interviews mehr. Kannst du dich an die blödeste Frage erinnern, die man dir je gestellt hat?
Puh, das ist schwer. Vielleicht nicht die Blödeste, aber letztes Jahr beim Download Festival hat sich jemand auf die falsche Band vorbereitet und mir dann die Fragen dazu gestellt. Eine Band, mit der wir nie auf Tour waren und von der ich auch noch nie etwas gehört habe. Das war keine blöde Frage, das war eine Serie von blöden Fragen.

Ich kannte zumindest euren aktuellen Präsidenten …
Und ein Thema, zu dem du nie befragt wurdest, du aber gerne ansprechen möchtest.
Ich wurde nie danach gefragt, aber ich erzähle den Menschen immer, wie unglaublich lecker saure Fruchtgummiwürmer sind. Die beste Süßigkeit, die jemals gemacht wurde. Ich habe zwar gerade keine bei mir, aber wenn mir einer auf Tour welche vorbei bringt, bin ich sofort dabei!

Kein Problem, wir starten gerne die Propaganda!


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Hamburg, 07. April 2017