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Interview: GRUESOME

Osnabrück, 29. Juli 2018 ca. 19:30 Uhr. "Abschließend noch mal etwas zur Matinée. Nach dem Gig steht noch ein Interview mit Matt und Dan von Gruesome an …".
Ja, so führt man gerne Interviews. Und der vor mir sitzende Matt Harvey (2.v.r.) ist mindestens genau so nass geschwitzt, voller Adrenalin, sichtbar zufrieden mit dem just absolvierten Gig und voller Bewunderung für Chuck Schuldiner, wie der Fragensteller. Na, dann los!

Foto: Ryan Tamm

Matt, wir brauchen wohl nicht über das offensichtliche "Warum" zu sprechen, was zur Gründung von Gruesome geführt hat - die Liebe zu Death und Chuck Schuldiner (was er sofort mit einem breiten Grinsen beantwortet).
Aber ich schätze, dass die Initialzündung zurückgeht auf deine Teilnahme an der DEATH TO ALL-Tour in den Staaten. Kannst du dich an einen speziellen Moment erinnern, wo es schlussendlich "Klick" gemacht hat?
Death To All war eine großartige Erfahrung. Ich habe zwar nur die ersten Dates - zehn oder so - gemacht und noch die erste Show in den Niederlanden, aber ich habe es einfach genossen, die Songs zu performen und einfach ein Part dieses Vermächtnisses zu sein. Aber erst als wir mit meiner anderen Band Exhumed Death To All supportet hatten und mal einen Day off hatten, da haben wir uns die Show mal in Ruhe angeschaut und da habe ich Gus (Rios - Gruesome-Schlagzeuger) getroffen und da fing das eigentlich als Joke an. "Hey, wir sollten unser eigenes Death To All machen. Mit James Murphy und nur den ganz alten Kram spielen" und "Ach, wir machen einfach 'ne Band, die genau so klingt wie Death, ha ha ha" machten da die Runde. So, wie man beim Grillen herumposaunt, dass die Burger heute verdammt gut sind und man sofort ein Burger-Laden aufmachen will. Du weißt, dass das dann nie eintritt.
Und dann doch!
Yeah! Ein paar Wochen später war ich in England bei meiner damaligen Freundin/jetzt Ehefrau, sie war arbeiten und ich habe Zeit totgeschlagen. Und da ist "Gangrene" entstanden. Ich habe da ein schnelles Demo zusammen gezimmert und es mit dem besagten "ha ha ha" zu Gus geschickt. Wieder zurück in den USA sprach er mich darauf an. Er und Dan sind auch gute Engineer und sie haben dem Song einen recht guten Sound verpasst und es hat mich überrascht, wie gut es schlussendlich klang. Dann kam "Savage Land", dann "Closed Casket" und verdammt, dann hatten wir auf einmal ein Demo!
Also stellt sich die Frage gar nicht mehr, ob es schwierig war, Musiker für dieses Vorhaben zu finden.
Wir dürften wohl die am wenigsten interessante Geschichte hinter der Gründung der Band haben. Hey, willst du mitmachen? Ja? Cool! Wir schicken das mal einem Label. Die wollen das rausbringen! Ja, cool! Fertig.

Zumindest habt ihr von Tag 1 an klar gemacht, was ihr seid und wie es laufen wird. Da konnte niemand an den Karren fahren und euch Kopisten oder Diebe schimpfen.
Eigentlich kann ich nur für mich sprechen, aber wir machen das alles aus tiefsten Respekt vor dem "Quell-Material". Ich würde so etwas niemals anfangen, wenn ich Chucks Musik nicht so tief lieben würde. Es ist uns einfach wichtig, dass die Leute da draussen wissen, dass wir eben eine Tribute Band sind. Wir haben denselben Cover Künstler, wir versuchen die gleichen Produktionen hinzubekommen - da muss alles passen. Wenn jemand dann sein Missfallen ausdrückt, weil er es nicht mag oder es nicht für notwendig hält, ist das absolut fair. Diese "rip off"-Rufe regen mich auf. Diese Frage, was wir denn versuchen, damit zu erreichen. Wir wollen gar nichts erreichen, wir versuchen nur so offensichtlich wie möglich zu sein.

Und ihr haltet damit eben nicht hinterm Berg. Ich hatte da einige Diskussionen mit Fans während der Veröffentlichung einer Thrash Band aus Australien …
(fährt mir in die Parade und alles lacht) Hellbringer! Oh Mann, ich liebe diese Scheibe.
Dass sie Slayer-Songs schreiben - meinetwegen. Aber mich hat massiv gestört, dass von Seiten der Band und des Labels betont wurde, wie hart man doch am Album gearbeitet hätte und
Gruesome spielen zumindest mit offenen Karten.
Das hatte ich aber auch mit Bathory und Venom. Quorthon hat gesagt, er hätte nie Venom gehört. Also bitte. Da ist "In League With Satan" und dann ist da "In Conspiracy With Satan". Gib es doch einfach zu.

So sieht es aus!
Jetzt aber wieder zu euch und eurem Songwriting. Beim Review Schreiben habe ich mich sofort festgelegt, keinen einzigen Death-Titel als Beschreibung zu nennen, weil ich sonst wohl jetzt noch schreiben würde …
Aber du setzt dich doch nicht hin und legst fest, dass du mit dem "Living Monstrosity"-Part anfängst, dann zu "Low Life" übergehst und danach "Suicide Machine" integrierst (… jetzt ist es doch passiert …).
Nein, so nicht. Es geht um die "Signature Moments", damit du einfach weißt, wo du dich befindest und dich quasi wie zu Hause fühlst. Bei Star Wars muss ja auch immer jemand sagen "I have a bad feeling about this." (DER Schenkelklopfer - unbedingt bei YouTube eingeben!). Und so arbeiten wir auch. Unser System funktioniert da sehr gut. Ich schreibe meistens das rohe Gerüst des Songs, schicke es dann zu Dan und Gus und die füllen die Songs weiter aus. Für das neue Album war Dan (Gonzales - zweite Gitarre) sehr wichtig. Als Gitarrist ist er technischer als meine Wenigkeit und hatte für "Twisted Prayers" natürlich mehr zu tun.

Der Fokus scheint mir dieses Mal etwas schwieriger zu sein, da ihr hauptsächlich "Spiritual Healing" beleuchtet, aber auch "Human" mit einbezieht. Also technisch gesehen zwei sehr unterschiedliche Death-Perioden.
Der "Human"-Part kommt viel von Gus, der früher Unterricht bei Sean Reinert (Death-Schlagzeuger auf "Human") hatte und das ist seine natürliche Art zu spielen. Dan ist wie gesagt auch technischer unterwegs, ich bin ja eher der Old School Death Metal Typ, also passt das schon erst mal gut zusammen. Aber schaut man sich mal die Riffs auf "Human" genauer an, und denkt sich einen Bill Andrews-Beat dazu, würde es höchstwahrscheinlich auch "leichter" klingen.
(kurz vor der Frage gesellt sich Gitarrist Dan zu uns und steigt hier mal gleich mit ein)
Dan: Interessant, dass sich das für dich ein wenig "Human"-mäßig anhört, denn ich höre das gar nicht so.
Ich denke da in Songfragmenten. Selbst auf "Savage Land" startete ein Song wie "Flattening Of Emotions".
Dan: Fakt ist, dass wir bei der Entstehung von "Savage Land" erst mal nicht geglaubt haben, dass sich jemand wirklich für den Scheiß interessieren würde (unter herzhaftem Gelächter denke ich nur "ernsthaft?!"). Ernsthaft. Wir dachten, das wird jetzt ein Album und fertig. Es klingt zwar nach "Leprosy", aber da wir nur von einem Album ausgingen, haben wir natürlich alles hineingepackt, was uns richtig gut gefällt. Tja, und dann kam das gut an, wir spielten Shows, da musste doch irgendwie neues Material her, welches sich dann mit anderen Alben befasst.
Matt: Ja, das Ding hat irgendwie ein Eigenleben bekommen.

Einer der interessantesten Kommentare in den sozialen Netzwerken war dabei:
"Jetzt möchte ich mal eine Gruesome-Version zu "Individual Thought Patterns" hören!"
Matt: Erst mal wird das nächste Album sich wohl mehr auf "Human" konzentrieren. Schon bei "Savage Land" haben die ersten gefragt, wann wir dann eine "The Sound Of Perseverance"-Scheibe machen. Das ist, als würdest du beim ersten Date nach dem Hochzeitstermin fragen. Woah, mach mal halblang!

Eines würde mich mal brennend interessieren. Wie oft kommt es bei den Proben oder auch sonst wo vor, dass ihr beim Zocken der Gruesome-Songs aus Versehen in den echten Death-Song hineinrutscht?
Matt: (lacht sich schlapp) Also, wir proben eigentlich gar nicht so viel, da wir alle über das Land verteilt sind. Aber mit Gus arbeite ich öfter die Songs durch.
Dan: Tatsächlich ist das aber wirklich mal passiert! Weißt du noch? Da wollten wir "Closed Casket" spielen. Und der Anfang ist ja ähnlich dem von "Primitive Ways". Und jedes Mal, wenn Matt den Song ansagt, setzte es bei mir aus und ich musste überlegen, wie ich unseren Song anfange. Wieso fängst du den nicht einfach an, ich verkacke das doch nur!

Chuck Schuldiner wäre zum Zeitpunkt dieses Interviews 51 Jahre jung, wenn er nicht 2001 von uns gegangen wäre. Schaut man sich mal seine Entwicklung von "Scream Bloody Gore" bis hin zu "The Sound Of Perseverance" an, denkt ihr manchmal darüber nach, wie seine Musik heute wohl klingen würde?
Matt: Wenn man sich mal die ersten vier oder auch fünf Alben anschaut, da hat er immer wieder nach einer Herausforderung gestrebt, immer weiter und weiter. "Symbolic" klingt zum ersten Mal richtig vollwertig zufrieden. Das Control Denied-Album hat auch noch etwas von der alten Death-Phase, wo es um Herausforderung geht. Ich finde es viel spannender darüber nachzudenken, was wohl aus der Band geworden wäre. Das finde ich wirklich extrem schade, dass wir das nie herausfinden werden.

Wie wahr! Noch eine ernste Frage ohne allzu politisch zu werden. Chuck - schlussendlich an Krebs gestorben. Brett Hoffmann (ex-Malevolent Creation) - kürzlich an Krebs gestorben. Bruce Corbitt (ex-Rigor Mortis/Warbeast) kämpft immer noch gegen den Krebs. Machen dir solche Nachrichten manchmal Angst? Ich meine, euer Gesundheitssystem …
Matt: ... ja, ist scheiße! Und kurioserweise haben wir vor ein paar Tagen darüber noch gesprochen. Wenn diese Menschen doch einfach hätten zum Doktor gehen können, ohne sich über die Rechnungen Sorgen zu machen. Vielleicht hätte man die Krankheiten früher entdeckt, eine entsprechende Behandlung schneller auf den Weg bringen können. Auch wenn sie auf dem Weg zur Heilung echt Federn gelassen hätten, wären sie heute vielleicht noch am Leben.
Als Musiker sind deine Einkünfte halt echt klein und meistens hat man auch keine geregelte Arbeit und dementsprechend auch keine Gesundheitsversicherung.
Dan: Und selbst mit Job bezahlt man noch einen Haufen Knete.
Matt: Das System ist da ein Teil des Problems. Der Lifestyle eines Musikers mit Sicherheit aber auch.

Und mit Mark Shelton von Manilla Road haben wir schon den nächsten Trauerfall in der Metalgemeinde. Es ist gerade zwei Tage her.
Matt: Ja, da war echt schlimm. Ich bin ja froh, dass er speziell in den letzten Jahren endlich die Anerkennung für seine Arbeit bekommen hat. Mark hat nie aufgegeben, hat gekämpft, immer wieder Alben veröffentlicht und zumindest jetzt konnte er seine Früchte ernten.
So traurig sein Ableben auch ist - und 60 ist nun echt kein Alter - aber er hat eine geile Show gespielt, ist ins Hotel gefahren und dann abgetreten. Traurig, aber auch nicht die schlechteste Art.


Das Interview führte Siegfried Wehkamp.
Osnabrück, 29. Juli 2018