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Konzert: BLIND GUARDIAN - 02.10.2006 - Osnabrück

Location: Halle Gartlage
Support: Astral Doors


Das wurde auch wieder Zeit, dass wir Blind Guardian mal wieder livehaftig erleben dürfen. Der letzte Gig liegt immerhin auch schon vier Jahre zurück.


Aber Blind Guardian-Fans sind ja geduldig. Und sie erscheinen zahlreich, wenn die Krefelder zur Party rufen. Die Halle Gartlage ist auf jeden Fall so gut wie voll und ich muss ein bisschen suchen, um einen vernünftigen Blick auf den Support ASTRAL DOORS zu bekommen. Trotz leichter Bewegungsarmut zeigt speziell ein Song, was hier Sache ist - "Time To Rock". Ein bisschen Rainbow hier, ein bisschen Black Sabbath da - die Jungs haben es raus, wie man eingängige Hard Rock-Songs mit Tiefgang schreibt. Und sie haben mit Patrick Johansson eine super Stimme am Start, die perfekt zum Material passt. Und wenn er dabei so schlaksig über die Bühne schlurft, fühle ich mich glatt ein bisschen an die 70er erinnert. Bei "Evil Is Forever" zeigt uns die Band, dass sie Dio heiß verehrt. Darf sie auch. Geht völlig in Ordnung. Dem Publikum gefällt es ja auch. Die Mitklatsch-Aktionen funktionieren mehr als gut und der Applaus ging weit über das Höflichkeitsmaß hinaus. Astral Doors haben sich hier mit Sicherheit einige Freunde gemacht.

Die Umbaupause dauert dann fast 45 Minuten, obwohl fast nix gemacht wird. Aber BLIND GUARDIAN-Fans sind ja geduldig. Bei welcher Band wird schon das Intro mitgesprochen?! "Into The Storm" ist mal wieder der Opener, das Publikum ist binnen Millisekunden auf Betriebstemperatur und singt wie aus einem Guss. Nur Hansi nicht. Der wirkt angeschlagen und schont seine Stimme, indem er sich in den folgenden zwei Stunden hauptsächlich die angenehmeren Linien aussucht und nur gelegentlich nach oben hin ausbricht. Kennt man zwar aus früheren Tagen, aber heute fällt es auf, da er in den Solo-Passagen immer wieder zum Nase putzen und Kehlenbalsam einflößen (ja, ich habe die Thermoskannen gesehen) zum Bühnenrand wechselt. Armer Hansi. Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, die Fans immer wieder zu fordern (als wenn das nötig wäre) und seinen leicht verschmitzten Humor hat er auch nicht verloren. Das Publikum liebt ihn dafür und die Band dankt es in bester Verfassung. André soliert so traumhaft und mit so viel Gefühl - den kann man bereits nach Sekunden aus Tausenden erkennen. Dafür sind Marcus auf der anderen Seite und Neuzugang Frederik am Schlagzeug die Aktivpole. Speziell Frederick erlaubt sich keine Schnitzer, trommelt verdammt präzise und dynamisch und weiß z.B. bei "The Script For My Requiem" auch neue Akzente zu setzen.

Genau wie die neue Ausrichtung in Sachen musikalisches und visuelles Auftreten. Wozu ein Backdrop - weiß doch eh jeder, wer hier spielt. Im Hintergrund ein großer weißer Lamellenvorhang auf dem die Lichtshow, computeranimierte "Nightfall"-Bilder oder sogar richtige Filmchen ("Another Stranger Me") richtig geil zur Geltung kommen. Eigentlich wie im Kino, aber wie hieß die letzte CD der blinden Wächter doch gleich?!
Und was soll man zur Setlist noch sagen. Blind Guardian haben ein Problem - sie haben zu viele Hits! Überraschungen gibt es heute kaum. Außer, dass die Krefelder die Setlist kräftig umrühren und die neuen Songs strategisch gut plaziert werden. Und dass man die Fans auf den "Bard Song" bis zur zweiten Zugabe warten lässt, strapaziert zwar die Nerven, ist aber verdammt clever. Blind Guardian-Fans sind eben geduldig. Und ein Großteil von ihnen wird den Wandel der Band auch akzeptieren. Heute abend wurde klar, dass Blind Guardian endlich erwachsen geworden sind und auch so verstanden werden wollen. Mittelalter schön und gut, aber das neue Output "A Twist In The Myth" zeigt, wohin es in Zukunft gehen soll. Ich kann sehr gut damit leben.

Trotz Hansis Verfassung war es ein mehr als gelungener Abend und ich freue mich - mit einem Seitenhieb gen Zukunft - definitiv auf die nächste "A Night At The Opera"! ... Hat jemals jemand darüber nachgedacht, wie Queen klingen würden, wenn sie Heavy Metal gespielt hätten?!

Setlist - Blind Guardian:
War Of Wrath
Into The Storm
Born In The Mourning Hall
Nightfall
The Script For My Requiem
Fly
Valhalla
Time Stands Still (At The Iron Hill)
Harvest Of Sorrow
Bright Eyes
Ashes To Ashes
And Then There Was Silence

Welcome To Dying
Another Stranger Me
Imaginations From The Other Side

The Bard's Song (In The Forest)
Mirror Mirror


Text: Siegfried Wehkamp