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Festival: WACKEN OPEN AIR - 02.-04.08.2007

Donnerstag, 02. August

Während die bisherigen Donnerstage in Wacken aus kaum mehr als einer Hand voll Bands bestanden, ist im Jahre 2007 damit Schluss. Mal abgesehen von Mambo Kurt (grandioser T-Shirt-Spruch: "The Orgel Has Landed"!) und einiger Metal-Battle-Teilnehmer, sind am heutigen Tag bereits 16 Bands am Start.


Ich gebe mir zu Beginn des Festivals auf der Party Stage (die heute extra Hellfest Stage heisst) drei Bands am Stück:

Los geht's mit THE SORROW. Die Österreicher, die mit ihrem erst kürzlich erschienenen Debütalbum "Blessings From A Blackened Sky", schon für einiges an Furore gesorgt haben (u.a. durch den Gewinn des Soundchecks in der August-Ausgabe des Metal Hammer), können bereits einige Leute vor die Bühne locken und präsentieren bestgelaunt ihren erfrischenden Metalcore, der neben brachialen Breakdowns im besten Heaven Shall Burn-Stil, auch die entsprechenden melodischen Momente aufweist und hier und da sogar ein bisschen Iron Maiden-Einflüsse aufblitzen lässt. Gegen Ende des Sets haut das Quartett dann nochmal eben den Amon Amarth-Song "The Pursuit Of Vikings" (!) raus, fast schon so, als wäre das die normalste Sache der Welt. Klasse!

Mit typisch europäischem Metalcore geht's auch gleich Schlag auf Schlag weiter: NARZISS stehen auf dem Programm, die im Gegensatz zu den Genre-Kollegen mit dem kleinen aber feinen Unterschied punkten können, dass die Lyrics des Fünfers deutschsprachig sind. Auch wenn die Band bereits seit neun Jahren existiert, der eigentliche Durchbruch fand erst im letzten Jahr mit dem Album "Solang das Herz schlägt" statt und dementsprechend bedient sich die heutige Setlist auch fast ausschliesslich bei diesem Material. Nun kann man innerhalb von 30 Minuten sicherlich nicht allzu viel zeigen, aber Narziss rocken ordentlich die Bühne und machen Spass auf mehr.

Und für dieses Mehr an Spass sorgen dann gleich im Anschluss NEAERA. Die Münsteraner, die sich musikalisch anfänglich eher im Bereich Metalcore aufhielten, wagen sich zunehmend immer mehr in die Melo-Death-Abteilung, was der Band aber auch ausgesprochen gut steht. Hinzu kommt, dass Sänger bzw. Shouter Benny Hilleke eine ziemliche Rampensau ist und für entsprechend Stimmung und Stage-Acting sorgt. Musikalisch gibt's einen gnadenlos guten Mix aus den beiden letzten Alben, wobei natürlich auch Material vom in Kürze erscheinenden und äusserst harten neuen Album "Armamentarium" nicht fehlen darf.

Um viertel vor acht bitten SODOM zum grossen Stelldichein mit jeder Menge Gäste. Andy Brings, Frank Blackfire, Grave Violator an den Äxten oder auch Atomic Steif am zweiten Drumkit. Alles recht amüsant und mit jeder Menge Hits verpackt, doch man muss schon verdammt tief in der Sodom-History drinstecken, um den Stellenwert dieser Zusammenkunft würdigen zu wissen. Eines blieb bei Sodom über all die Jahre aber immer erhalten - die Treue zu sich selbst und die wurde von den Fans mit eben Solcher honoriert.

Auf geht's - in das von mir so sehr gehasste Zelt zur W.E.T. Stage. Und warum diese Bühne bei vielen Leuten nicht sonderlich beliebt ist, wird einem wieder einmal verdammt schnell klar: Die Massen stehen schon wieder mehrreihig draussen vor dem Zelt, weil drinnen einfach nichts mehr geht. Wie kann man eine so gute Live-Band wie die LETZTE INSTANZ auch nur im Zelt auftreten lassen? Für mich unverständlich. Ich habe jedenfalls ziemliche Mühe, mich vorwärts zu kämpfen, schaffe es dann letztendlich aber doch noch zumindest ein paar Meter ins Zelt hinein. Das Set ist bereits in vollem Gange und die Stimmung ist absolut grossartig. Niemand steht ruhig im Zelt und die Truppe um Ausnahmesänger Holly kommt gewohnt sympathisch rüber. Auch wenn die Band meistens im gleichen Atemzug mit Subway To Sally und In Extremo genannt wird, so ist dieser Vergleich aber doch nicht so ganz korrekt, denn musikalisch bewegt man sich eher im Folk- und nicht im Mittelalter-Rock-Bereich.

Zwei Sunden SAXON - das bedeutet eigentlich, dass sie nicht genug Platz haben für ihren unerschöpflichen Hit-Fundus. Und die neuen Songs von "Inner Sanctum" passen auch mehr als nur gut zu den alten Klassikern. Am faszinierendsten ist aber die Tatsache, dass die Altherren auf der Bühne immer noch den Spass ihres Lebens und mitunter noch mehr Drive im Arsch haben, als zu mancher Nachwuchs-Möchtegern-Rockstar. Mein persönliches Highlight: "747 (Strangers In The Night)" im Duett mit Tobias Sammet von Edguy - traumhaft!

Als letzte Band auf der W.E.T.-Stage sind heute MAROON am Zuge. Als hätte ich mir heute nicht schon genug Metalcore um die Ohren ballern lassen, aber Maroon müssen defintiv auch noch sein. Der Auftritt auf dem diesjährigen Rock Hard-Festival war einfach zu überzeugend. Das Quintett präsentiert sich auch heute wieder in Bestform, auch wenn das Stirnband von Sänger André Moraweck ein bisschen arg gewöhnungsbedürftig ist. Aber das sind nur Nebensächlichkeiten. Das Haupt-Augenmerk liegt natürlich auf der Musik und Maroon sorgen wieder einmal dafür, dass die Party im völlig überfüllten Zelt zu einem fantastischen und kurzweiligen Vergnügen wird. Da es mit meiner Aufnahmefähigkeit für jegliches Geschehen um mich herum langsam aber sicher nun auch bergab geht, bin ich eigentlich ganz froh, dass ich mich nach diesem tollen Auftritt dann auch in Richtung Zelt verabschieden kann.

Freitag, 03. August

Nach einem wettermässig eher durchwachsenen Donnerstag wurde man am Freitag mit strahlendem Sonnenschein begrüsst. Genau das richtige Wetter - wenngleich auch die falsche Uhrzeit - um sich gleich um 11 Uhr morgens mit SUIDAKRA auf den Tag einzustimmen. Das Quartett bieten einen guten und bunten Querschnitt durch die lange Bandgeschichte, mit Songs wie u.a. "Pendragon's Fall", einer gelungenen Coverversion von Skyclad's "The One Piece Puzzle" und dem abschliessenden Doppelpack "Forth-Clyde" und "Wartunes". Verstärkt wurde die Band heute übrigens von Axel Römer an den Highland Bagpipes. Gelungener Auftakt!

Suidakra (Foto: maz)

Mann, den Tag mit THE BLACK DAHLIA MURDER zu beginnen, ist schon was Geiles. Leider verzögert sich sogar der Presse-Einlass aufgrund von nicht abgeschlossenen Aufräumarbeiten im Backstagebereich, so dass ich auf die erste Viertelstunde verzichten muss. Endlich vor der Party Stage, erspähe ich eine amtliche Menge an feiernden Fans und auf der Bühne die wohl hässlichste Band des Festivals. Allen voran Fronter Trevor Strnad mit entblösster Bierwampe und roten Schwimmshorts - bäh! Schaut man einfach nicht hin, gibt es aber die volle Breitseite schwedenbeeinflussten Brutalo-Ami-Death in Form von Hits wie "A Vulgar Picture", "Miasma" oder "Unhallowed". Sogar der Ein-Song-Vorgeschmack auf das nächste Album "Nocturnal" ist allerfeinster Dahlia-Stoff. Dranbleiben, werte Fans!

The Black Dahlia Murder (Foto: sw)

Als erste Band auf der True Metal Stage stehen heute Amorphis auf dem Programm. Doch kurz vor deren Auftritt macht sich auf einmal Unruhe vor der Bühne breit: Mitten im Publikum, unweit entfernt von der Bühne, steht plötzlich das mittlerweile sehr gut abgetrocknete Stroh - das den matschigen Untergrund begehbar machen soll - in Flammen! Das Feuer breitet sich natürlich rasend schnell aus, aber zum Glück ist die Feuerwehr auch schnellstens zur Stelle und kann so Schlimmeres verhindern, auch wenn viele Leute mehrfach ermahnt werden müssen, den Gefahrenbereich in Richtung Black Metal Stage zu verlassen. Ich habe mich natürlich in meinem "Reporter-Dasein" gleich in den Qualm "gestürzt", um diesen Zwischenfall, der - Gott sei Dank - recht schnell wieder unter Kontrolle ist, in Bildern festzuhalten. Der Auftritt von Amorphis musste deshalb jetzt jedenfalls erstmal um über eine Stunde verschoben werden.

(Foto: maz)

Wieso müssen COMMUNIC nur so lange Songs schreiben? Fünf Songs in 45 Minuten - das ist einfach verdammt hart für den geneigten Progressive/Power-Fan. Aber die Norweger haben einfach Klasse (und dass nach nur zwei Alben) und ziehen die Massen an. Der Auftritt vor dem W:O:A-Publikum ist also der nächste Erfolg in der immer länger werdenden positiven Communic-Bilanz.

Communic (Foto: maz)

Nach dem bereits erwähnten Zwischenfall in Form eines Feuers, stehen dann AMORPHIS mit reichlich Verzögerung auf der Bühne. Sänger Tomi Joutsen ist wirklich ein beeindruckender Frontmann, der der in der Vergangenheit leicht schwächelnden Band verdammt gut steht. Ob eher Gothic-lastigere Songs jüngeren Datums wie z.B. "Alone" oder natürlich Uralt-Klassiker der Sorte "Black Winter Day" - es hat sich defintiv gelohnt, auf diesen Auftritt zu warten.

Amorphis (Foto: maz)

Auf der W.E.T. Stage muss ich mir doch noch kurz die brasilianischen Metal-Battle Gewinner TORTURE SQUAD geben. Beschrieben als Schwergewicht im Thrash/Death-Bereich mit 15 Jahren Erfahrung auf dem Buckel, entert das Quartett die Bühne und macht keine Gefangenen. Messerscharfe Riffs und gelegentliche ultrapräzise Blastbeats erinnern mich an eine thrashigere Variante von Malevolent Creation. Muss ich im Auge behalten. Leider hat es nur für zwei Songs gereicht, da ich pünktlich um 15 Uhr vor der Party-Stage sein möchte. Dass die dort auftretenden Volbeat aber erst mit halbstündiger Verspätung loslegen, wird den Wartenden aber leider nicht mitgeteilt. Toll. Grund war übrigens die Verschiebung auf den Hauptbühnen aufgrund des erwähnten Feuers.

THERION in eine Schublade stecken zu wollen, dürfte ziemlich schwierig sein. Zu unterschiedlich sind die einzelnen Songs, die sich irgendwo zwischen Metal, Klassik und symphonischen Elementen bewegen, bis zu 4-stimmig sind und somit auch eine recht grosse und bunte Schar an Interessierten bzw. Fans anlockt. Ob fast schon zerbrechlich wirkende Balladen mit klassischem Frauengesang oder eben wirkliche Metalkracher - die Schweden können heute auf ganzer Linie überzeugen.

Ein Girlie hinter mir mit weissem "Zeig deine Hupen"-Shirt und Paris Hilton-Gedächtnis-Brille: "VOLBEAT ist die einzige Band auf diesem Festival, die ich ohne Ohrenstöpsel ertrage!" HALLO?!?! Mist, die Dänen sind also längst kein Metaller-Phänomen mehr und ziehen entsprechend viel unmetallisch weibliches und auch alternativ rockendes Publikum an. Zu Beginn kann von einer guten Party leider keine Rede sein, da an allen Ecken und Kanten gedrängelt und geschoben wird. Es sind eindeutig zu wenig Metaller anwesend. Den Rest schaue ich mir da lieber aus sicherer Entfernung an. Und ... tja, Volbeat rulen einfach! Ohne Wenn und Aber. Jeder Song ein Hit. Und Gitarren-Neuzugang Thomas Bredahl passt perfekt zur Band, auch wenn seine Zweitvocals beim Rausschmeisser "The Garden's Tale" etwas gewöhnungsbedürftiger rüberkommen, als die vom Gastsänger auf der CD. Was soll's - die Band ist over the top. Jedenfalls etwas.

Schande, da verpasse ich doch fast den Auftritt von SABBAT auf der W.E.T. Stage. Die englische Thrash-Legende macht zwar optisch nicht so viel her, aber die Songs der Klassiker-Alben "History Of A Time To Come" und "Dreamweaver" versetzen das vollzählig anwesende Headbanger-Publikum in Ekstase. Jede Menge Horns und wehende Matten - was für ein Bild. Treibende Kräfte sind natürlich Gitarrist/Star-Produzent Andy Sneap und Sänger Martin Walkyier. Letzterer punktet wie immer mit teils deutschen Ansagen und bei "For Those Who Died" mit dem Hinweis für die Neu-Fans, dass der Song ja bereits von den Landsleuten von Cradle Of Filth gecovert wurde. Heute stelle ich nur fest, dass es im Original einfach doch geiler ist.

Ein Auftritt der besonderen Art, der der Allgemeinheit aber leider verwehrt bleibt, findet im Pressezelt im Backstagebereich statt: STURM UND DRANG, die neue "Metal-Sensation aus Finnland", spielt ein exklusives Set extra für rund 100 Pressevertreter. Einen ausführlichen Bericht dazu, sowie unser grosses Sturm und Drang-Special findet ihr HIER.

Je später der Abend, desto voller wird es vor den Hauptbühnen und da sind nun LACUNA COIL mit Ausnahme-Frontfrau Cristina Scabbia an der Reihe. Und die weiss - genau wie Gesangspartner Andrea Ferro - ganz genau wo's langgeht. Man spielt dich durch ein tolles Set bestehend aus "Heaven's A Lie", "Our Truth" oder auch "Fragile". Besonderen Applaus und eine wirkliche riesige Party vor der Bühne gibt es wieder einmal bei der Coverversion des Depeche Mode-Klassikers "Enjoy The Silence". Dieses italienische Gemisch aus Metal, Gothic und Rock sorgt nicht nur bei mir für einfach gute Laune.

Lacuna Coil (Foto: maz)

BLIND GUARDIAN sehe ich heute nun nicht zum ersten Mal. Ausserdem dürfte ohnehin kein Durchkommen zur Bühne sein. Also, Zeit lassen und auf dem Gelände feststellen, dass die feiernde Menge bis zum Eingang zurück steht und sich wie immer lautstark an den blinden Gardinen erfreut. Die "Cleveren", die sich aussen herum zur benachbarten Black Stage durchkämpfen, bekommen zur Belohnung einen um Millisekunden versetzten Sound, da man die PA dort auch noch angeschaltet hat. Folglich ist das Gesamtklangbild völlig unbrauchbar (und das passiert an diesem Wochenende nicht nur bei Blind Guardian.). Schade, Blind Guardian sind nämlich richtig gut, haben logischerweise alle Hits am Start und wenn die Wacken-Masse "The Bard's Song" anstimmt, ist Gänsehaut pur angesagt - egal, wo man steht!

Danach sind DIMMU BORGIR eine echte Überraschung. Okay, richtig böse sind die Breitwand-Blackies zwar nicht (mehr?), aber Outfit, Lightshow und vor allem die erstklassige Musik machen die folgenden 75 Minuten zu einem majestätisch unheimlichen Auftritt. Gourmethäppchen wie "Kings Of The Carnival Creation", "The Serpentine Offering" oder dem unvermeidlichen "Mourning Palace" kann man sich einfach nicht entziehen. Gross!

Es liegt nicht am Black Metal, dass so langsam die Kälte in meinen Körper einzieht. Aber ein bisschen ICED EARTH muss vor dem Schlafen noch sein. Die ersten vier Songs (davon drei aus der Barlow-Ära) kommen am Stück und Tim Owens zeigt mehr als eindrucksvoll, dass er sich auch in dieser Band nicht vor seinem Vorgänger zu verstecken braucht. Bei "Ten Thousand Strong" ist für mich aber Schicht und ich lasse mich noch von "The Hunter" zum Zeltplatz begleiten. Das Gleiche tut dann "The Coming Curse" auf dem Weg zur nächtlichen Dusche (mmh ... warm und leer!).

Endlich im Zelt zum Liegen gekommen, schliesse ich die Augen mit den Worten "Friede sei mit dir, mein Freund, in Ewigkeit" der APOKALYPTISCHEN REITER - Danke Jungs, mit euch auch. Gute Nacht!

Samstag, 04. August

Während sich mein Kollege noch auf dem Weg zur Party Stage zu Disillusion befindet, stehe ich bereits erwartungsvoll vor der Black Stage und freue mich schonmal auf die schwedischen Nuclear Blast-Bandcontest-Gewinner SONIC SYNDICATE. Trotz Opener-Funktion mittags um 12 Uhr bei jetzt schon brütender Hitze, finden sich bereits erstaunlich viele Fans - vor allem jüngere - vor der Bühne ein. Sonic Syndicate sind nunmal eben genau die richtige Band für die "In Flames-/Soilwork-Generation". Der sympathische Sechser feuert seine Melo-Death-Perlen mit Metalcore-Schlagseite gekonnt ins Publikum, das dies mit einer wirklich grossartigen Stimmung dankt. Egal, ob bei den beiden Singles "Enclave" und "Denied" oder bei allen anderen Songs. Toller Auftakt.

Sonic Syndicate (Foto: maz)

Party Stage - high noon und ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, ob es DISILLUSION schaffen, die musikalischen Gegensätze von "Gloria" und "Back To Times Of Splendor" auf der Bühne in Einklang zu bringen. Ja, und wie sie es schaffen! Runderneuert (mit neuem Drummer, neuer Bassistin, Vurtox jetzt ohne Haare) sind die Leipziger stärker denn je und bieten 45 Minuten eine zukunftsweisende Achterbahnfahrt. Während die "Back To ..."-Songs wie immer durch ihre aggressive Erhabenheit bestechen, kommt das "Gloria"-Material noch um einiges dynamischer und sphärischer rüber. Die perfekte Mischung für die zahlreich erschienenen Fans, die den Richtungswechsel ihrer Lieblinge vollends akzeptiert haben und gut mitgehen. "Don't Go Any Further" knallt es zum Abschied aus der PA und wir haben soeben eine der innovativsten Metal-Bands Deutschlands erlebt.

Disillusion (Foto: sw)

Danach ist zwar erst mal Shoppen angesagt, aber die Runde ist so gut aufgeteilt, dass ich von der SACRED REICH-Reunion wohl genau das Richtige mitbekomme. "The American Way" zum Aufwärmen und "Surf Nicaragua" zum Abkühlen. Guter alter Thrash, du bist doch immer noch das Ehrlichste, was der Heavy Metal zu bieten hat.

Sacred Reich (Foto: sw)

Ehrlich sind aber auch HEAVEN SHALL BURN, das kann man nicht abstreiten. Ich bin es aber auch, wenn ich sage, dass mir die Nachmittagssonne die Glatze verbrennt und ich nur "The Weapon They Fear", "The Only Truth" und "Counterweight" ertrage. Heaven Shall Burn sind trotzdem der absolute Killer und hätten mit der Menge Fans vor der Party Stage auch ruhig eine der grösseren Bühnen belegen können.

Aber genau eine dieser grösseren Bühnen - in diesem Falle die Black Stage - ist zeitgleich mit den portugiesischen Düster-Metallern von MOONSPELL "belegt", die - ganz typisch - mit "In Memoriam" und "Finisterra" loslegen. Leider wirken Moonspell in der prallen Mittagshitze etwas deplatziert, aber auf einem so grossen Festival können nunmal kaum irgendwelche Bands zu einem für sie perfekten (Tages-)Zeitpunkt spielen. Die Band um Frontmann Fernando Ribeiro macht jedenfalls das Beste aus der Sache und gibt sich grösste Mühe, zumindest ein bisschen Düster-Feeling in Richtung Publikum zu transportieren. Durchaus mit Erfolg, wie ich finde.

Moonspell (Foto: maz)

Flüchtend vor der gnadenlosen Hitze lande ich dann erstmal wieder Backstage im Pressezelt, wo gerade eine Pressekonferenz von und mit HOLY MOSES stattfindet. Okay, das ist zwar sicherlich nicht das, was ich jetzt unbedingt brauche, aber Frontröhre Sabina Classen und ihre Jungs lassen sich völlig unvorbereitet und ungeplant förmlich dazu "drängen", auf dem noch "herumstehenden" Equipment von Spellbound ganz spontan den Song "Too Drunk To Fuck" zum Besten zu geben. Das nenne ich mal professionell, das kleine Zelt wird ordentlich gerockt und solche Einlagen machen die Band noch ein ganzes Stückchen sympathischer. Daumen hoch!

Holy Moses (Foto: maz)

Sicherlich einer der Exoten des Festivals dürften die japanischen Visual Kei-/J-Rock-Vorreiter DIR EN GREY sein, bei denen man sich kurz vor Beginn des Gigs erstmal fragt: Wo zum Henker kommen plötzlich die ganzen Gothic-Mädels her? Egal, ich finde in grossen Schritten immer mehr Gefallen an dieser äusserst interessanten Musikrichtung und bin gespannt, was mich erwartet. Beim Intro dürfte wohl so manchem Metaller spontan das Bier aus der Hand gefallen sein - das ziemlich wüste Techno-Intro sorgt bei den meisten Zuschauern für eine Mischung aus Staunen und - vermutlich - Übelkeit. Was die Band in den kommenden 60 Minuten bietet, würde ich vor allem als "strange" bezeichnen und ist sicherlich auch nicht jedermanns Sache. Viel Theatralik, tiefe und fette Korn-Riffs, jede Menge fernöstliches Flair und ein Sänger, der sich wild schreiend, keifend, hüpfend und springend über die Bühne bewegt und sich "lustigerweise" mit einer Rasierklinge verletzt, denn ein nackter Oberkörper sieht natürlich blutverschmiert einfach besser aus, nicht wahr? Krasse Show - und eine verdammt interessante Band.

Dir En Grey (Foto: maz)

RAGE mit Orchester bei bestem Sonnenschein - das ist verdammt hart für die Damen und Herren in Quasi-Abendgarderobe. Die Idee an sich ist auf jeden Fall gut. Zumal man mit Gitarrist Victor Smolski das perfekte Klassik/Metal-Bindeglied in der Band hat und die "Suite Lingua Mortis" vom aktuellen Album zwar lang ist, aber trotzdem stark performt wird. Sogar den "Soundchaser"-Digi-Bonustrack "French Bourreé" hat man extra einstudiert. Ansonsten ist die Chose aufgrund der Vorgaben leider etwas getragener als sonst und wird nicht zuletzt aufgrund von Geländefülle und Sonnenbeschuss zur Geduldsprobe. Musikalisch aber einwandfrei.

Im Zelt vor der W.E.T. Stage wird's wieder verdammt eng und … gruselig - aber nur im musikalischen Sinne. THE VISION BLEAK lassen ihren "Filmscore-Horror-Metal" auf die Meute los und beginnen gleich mit "Kutulu!", einem Song, der sofort für eine absolut grossartige Stimmung im Zelt sorgt. Ich freue mich heute ganz besonders für die Band, die ich zwar schon mehrfach gesehen habe, die aber noch nie mit so einer begeisterten Stimmung empfangen wurde. So macht das Spass! Ob "Carpathia" oder ein brandneuer Song als Zugabe ("By Our Brotherhood With Seth") - das waren wirklich erstklassige 35 Minuten!

The Vision Bleak (Foto: maz)

Nach Sodom am Donnerstag dürfen nun DESTRUCTION ganz viele Gäste auf die Bühne holen. Neben dem zwischendurch auftauchenden Butcher persönlich, gesellen sich u. a. mit Oli und Sven zwei ehemalige Drummer dazu, um dann insgesamt als Drum-Trio "Reject Emotions" zu ballern. Und zu Festivalanlässen darf natürlich auch nicht die "Alliance Of Hellhounds" fehlen. Die Kläffer heissen heute Peavy (Rage), Blitz (Overkill), Oddleif (Communic) und Onkel Tom (mit Textblatt - genial!). Amüsante Geschichte, gespickt mit einem Haufen Alt- und Neu-Destruction-Thrashern, aber im direkten Vergleich haben 2007 wohl Sodom gewonnen.

Zeitgleich zu Destruction sorgen auf der Party Stage die Finnen von NORTHER für die nötige Portion melodischem "Suomi-Metal". Und das überrascht mich heute nun wirklich ein wenig. Von mir immer als "die kleinen Children Of Bodom" belächelt, zeigt die Band eindrucksvoll, wie eigenständig deren Material mittlerweile geworden ist. Nicht nur "Throwing My Life Away", wird von den reichlich anwesenden Fans frenetisch abgefeiert. Als kleinen Leckerbissen gibt's heute auch schonmal den Song "Frozen Angels" von der im Herbst erscheinenden neuen EP. Für mich ganz klar eine der Überraschungen des Festivals.

Norther (Foto: maz)

Böse Zungen belegten Peter Steele bereits den Bühnen-Exitus, doch Herr Stahl belehrt uns eines Besseren. TYPE O NEGATIVE nutzen ihre Chance und legen auf ihre unnachahmliche Art (die zugegeben nicht jedermanns Sache ist) einen starken Auftritt hin. Vom Opener "We Hate Everyone" über "Love You To Death", bis zum göttlichen "Black Nr. 1" ist meines Erachtens alles im grünen Bereich. Apropos grün - Type O verzeichnen die wahrscheinlich auffälligste Bühnendeko in schwarz/grün. Ob das wohl der Grund ist, warum die Massen zur Bühne wie Mücken zum Licht ziehen? Ich sage, es liegt auch an der Band. In der Verfassung hätte ich sie auch gerne per Club-Gig gesehen.

Type O Negative (Foto: sw)

Nachdem vorhin bei Turisas für (nicht nur) mich absolut kein Vordringen zur W.E.T. Stage möglich war, ich also leider auf diese Band komplett verzichten musste, denke ich mir, bin ich mal so schlau und finde mich schon rechtzeitig vor Moonsorrow im Zelt ein, um zumindest diese Finnen in vollen Zügen geniessen zu können. Da sich der Zeitplan im Zelt mittlerweile um satte 30 Minuten verzögerte, stehe ich also viel zu früh in einem halbleeren Zelt und werde bei mäßiger Stimmung auch noch (viel zu lange) mit BENEDICTUM beschallt. Die aus San Diego stammende Band um Sängerin Veronica Freeman präsentiert redlich bemühten Hardrock, der sicherlich nicht schlecht ist, aber sowohl musikalisch, als vor allem auch stimmlich meine Ohren fast zum Bluten bringt. Sorry, aber das ist absolut nichts für mich.

Nach dieser Tortur sind MOONSORROW die herbeigesehnte Erleichterung. Das finnische Quartett um Sänger und Bassist Ville Sorvali - wie immer oben ohne, blutverschmiert und mit ordentlich "Babyspeck" auf den Hüften - hat das Publikum im Zelt zu jeder Zeit fest im Griff, auch wenn deren Musik bei weitem nicht ganz so eingängig ist, wie die der anderen Folk-/Humppa-Kollegen, was aber vor allem an den oftmals 8- bis 10-minütigen Songs liegt. Egal, der Stimmung tut dies jedenfalls absolut keinen Abbruch.

Moonsorrow (Foto: maz)

Nachdem 2006 Emperor die Ehre einer Wackener Black Metal-Reunion hatten, sind dieses Mal IMMORTAL dran. Dabei hat Frontpanda Abbath erst kürzlich auch seinen Spass mit seinem Projekt "I" gehabt. Whatever - it's Metal anyway. Das sieht der Chef genauso und zollt mit seiner Art eher seinen Vorbildern Gene Simmons und Lemmy Tribut, anstatt einen auf übertrieben böse zu machen. Monsieur hat im Laufe der Zeit sogar eine niedliche Plautze bekommen. Very Black Metal indeed. Genug der Scherze, denn das musikalische Inferno ist sowas von Black Metal und lässt eigentlich keine Wünsche offen - ausser bei mir: Wo waren "Damned In Black" und "Beyond The Northern Waves"?

Immortal (Foto: sw)

Danach husche ich noch mal schnell zur W.E.T. Stage, um mitten in ein völlig beklopptes Spektakel zu geraten. 20 Minuten MUNICIPAL WASTE mit gefühlten 30 Songs biergetränktem Thrash/Speedcore à la D.R.I., S.O.D. oder Nuclear Assault. Der Ami-Vierer pflügt wie bescheuert über die Bühne - technisch so gut, dass man sich zu keiner Sekunde verhaut - verteilt Beer Bongs (Atrophy sei Dank!) in die ersten Reihen und an einen auf die Bühne geholten Fan und macht ansonsten dem Titel ihres aktuellen zweiten Longplayers alle Ehre - "The Art Of Partying"! Hell yeah - wo ist die nächste Biertheke?

Municipal Waste (Foto: sw)

Der Bewegungsfluss auf dem Gelände ist spätestens jetzt völlig zum Erliegen gekommen. Mit IN FLAMES steht vermutlich der Headliner des diesjährigen Festivals auf dem Programm. Nach dem Intro folgt das göttliche Doppelpack "Leeches"/"Crawl Through Knifes" - auf einer absolut beeindruckenden Bühne voller Licht und Effekte - und im Laufe des Sets setzt es im Grunde alles, was die Masse erwartet: "Pinball Map", "Trigger", "Come Clarity", das alte "Graveland", "Episode 666" und natürlich auch "Only For The Weak", bei dem wohl das komplette Festival auf und ab hüpft. In Flames sind einfach das A und O des modernen Metals und werden ihrer Headlinerposition am Abschlusstag mehr als gerecht. Sänger Anders Friden treibt zwischendurch seine Scherze mit dem Publikum, und erzählt u.a., dass der Wacken-Auftritt vor vier Jahren (also 2003) bis heute zum stärksten Auftritt der Schweden gehört und das soll heute getoppt werden. Ob sie's letztendlich geschafft haben, kann ich nicht sagen.

In Flames (Foto: maz)

Was sich dann aber um Punkt 0.45 Uhr abspielt, dürfte nicht nur mein persönliches Festival-Highlight gewesen sein. Death Metal's Finest CANNIBAL CORPSE legen gewohnt los. "Unleashing The Bloodthirsty", "Murder Worship", "Decency Defiled". So weit, so geil. Dann "I Cum Blood" ... Moment, das gehört doch zu den in Deutschland verbotenen Titeln ... das wird doch nicht heissen, dass ... danach "Fucked With A Knife" (Gruss an die Ladies). Puh. Dann der Doppelschlag "Covered With Sores"/"Born In A Casket". Mein Herz schlägt höher! George Fisher ergreift das Wort und macht den Anwesenden klar, dass nun das Warten vorbei sei und die Band in good old Germany endlich wieder spielen darf, was sie will. Sofortige vehemente "Hammer Smashed Face"-Rufe werden mit einem "da müsst ihr noch warten!" gekontert und "Vomit The Soul" rollt über die Köpfe hinweg. Spätestens jetzt fällt auch mir auf, dass bei der Band aufgrund des aufgehobenen Verbotes endlich der Knoten geplatzt ist. Die folgenden Schlachtplatten "Disposal Of The Body", "Make Them Suffer" und "Devoured By Vermin" (aaargh!) erscheinen wie eine mächtige Vorspeise auf den finalen Hauptgang. "Der Moment auf den ihr alle gewartet habt..." - jaaa, haben wir! "Hammer Smashed Face" wird dem lechzenden Todesmetall-Volk mit einer unglaublich entfesselten Kraft vor die Kauleiste gehämmert. Mir bleibt die Spucke weg. Da heisst es nur noch Rübe abschrauben. Den Überlebenden wird dann noch der offizielle Zweit-Hit "Stripped, Raped & Strangled" vor den Latz geknallt und alle sind sich sicher, heute Nacht einen denkwürdigen Augenblick erlebt zu haben. Killer!

Musikalisch kann das ohnehin nicht mehr getoppt werden, so dass ich mich entschliesse, zum Runterkommen mit meiner Liebsten einen letzten Rundgang zu machen und wir den Händler auf der Fanmeile dabei zusehen, wie sie ihre sieben Sachen zusammenpacken. Ja, ein geiles Festival geht zu Ende. Das Billing war mal wieder topp und das Wetter hat doch noch mitgespielt. Doch der Zuschaueranstieg zu 2006 war spürbarer denn je. Daher danken wir dem Veranstalter für ein wunderbares Festival mit einer Bitte: Werdet nicht grösser, sonst könnte euch genau der gleiche Kollaps drohen, wie dem Dynamo Open Air in den 90ern. Und das will doch keiner!
See ya in 2008!


Berichterstattenderweise unterwegs waren:

Siegfried Wehkamp - bei:
Sodom, Saxon, The Black Dahlia Murder, Volbeat, Dimmu Borgir, Blind Guardian, Iced Earth, Communic, Destruction, Immortal, Cannibal Corpse, Sacred Reich, Rage, Type O Negative, Disillusion, Heaven Shall Burn, Municipal Waste, Sabbat, Torture Squad

Marco Zimmer - bei:
The Sorrow, Narziss, Neaera, Letzte Instanz, Maroon, Suidakra, Lacuna Coil, Amorphis, Therion, J.B.O, Holy Moses, Sturm und Drang, Sonic Syndicate, Moonspell, Dir En Grey, In Flames, Norther, The Vision Bleak, Benedictum, Moonsorrow