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Festival: WALDROCK - 05.07.2008 - NL-Bergum

"Abschliessend würde ich sagen: Vielleicht bis 2008!?" - Genau das waren die letzten Worte meines Kollegen Marco in seinem 2007er Waldrock-Bericht. Nur dass dieses Mal die andere mega-metal.de-Hälfte nach Bergum fährt, um mal nach dem metallischen Rechten zu sehen. Wo Marco im letzten Jahr mit anfänglichem Regen und frühzeitiger Heimfahrt zu kämpfen hatte, sind es nun eine späte Anreise und eine Grippe, die mir den Schädel zu zertrümmern droht. Da hilft alles nix - da muss ich jetzt durch. Und so komme ich kurz vor 15 Uhr bei strahlendem Sonnenschein an und begebe mich auf eine 10-Stunden-Tortur aus geiler Mucke und grippe-bedingter Wahrnehmungsstörungen am Rande des Tilt!

Auf dem Festivalgelände erwarten mich die Zeltbühne (ein Zirkuszelt mit leicht abschüssigem Holzboden gen Bühne - sehr fan-freundlich!), die Hauptbühne und links daneben die kleine "Jägermeister"-Bühne, von wo aus mich die "Nachthexen" vom Death Metal Geschwader HAIL OF BULLETS begrüßen. Die Holländer spielen heute ihren ersten Gig überhaupt, aber bei der Erfahrung der Bandmitglieder fällt das kaum auf. Pluspunkte werden natürlich durch die Muttersprache gesammelt - toll, ich verstehe kein Wort! Aber "Berlin" verstehe ich und den Abschluss-Killer "Ordered Eastward" auch. Old school as hell - und mir brummt der Schädel.

Hail Of Bullets

Durch die Suche nach Schatten und Erholung gehen DEATH ANGEL an mir vorbei und ROSE TATTOO konnten mich mit ihrem Unikat-Rock noch nie wirklich begeistern. Sorry boys.
Let's talk about some Thrash! Yeah - FORBIDDEN stehen auf dem Plan. Zwar kann ich nur Sänger Russ Anderson als Originalmitglied ausmachen, aber auch mit seiner aktuellen Mannschaft machen Songs wie "Forbidden Evil" oder "Off The Edge" richtig Spaß. Auf und vor der Bühne geht richtig die Post ab. Doch leider reicht es nicht bis zum Ende, denn ich habe noch einen Termin ...

Forbidden

... nämlich auf der Zeltbühne bei MORBID ANGEL. Die rufen bereits schon mit "Rapture" nach mir und ich eile. Gleich zu Beginn macht Frontguru David Vincent klar, dass sein Drummer Pete Sandoval heute in 45 Minuten mehr Snare-Anschläge als alle anderen Drummer des Festivals zusammenbringen wird (1349 und Slayer legten bereits ihr Veto ein). Naja. Jedenfalls präsentieren sie uns neben den üblichen Klassikern einen neuen Zweitgitarristen Destructhor (Zyklon) und mit "Nevermore" sogar einen neuen Song. Und was für ein Brett. Die Herren haben halt nix verlernt.

Morbid Angel

Die Nase tropft mir bis zum Kinn, ich geh erstmal zum Auto. Und so verweisen mich BIOHAZARD mit ihrem zugegeben nicht gerade unprolligem Hardcore des Geländes. Und während ich auf dem Parkplatz wieder zu Kräften komme, kann ich die Klasse der alten Gassenhauer "Punishment" oder "Love Denied" auch nicht mehr verneinen. Bei dieser Gelegenheit fällt mir erst richtig auf, dass der Sound selbst auf die Entfernung ziemlich spitze ist und es auch bei keiner anderen Band irgendetwas diesbezüglich zu meckern gibt. Eine vorbildliche Leistung des Veranstalters.

Aufstehen, sitzen bleiben? Die Neugierde siegt und es reicht gerade noch für ein paar Songs der Proggies von SYMPHONY X im Zelt. Was abfällig klingt, ist aber nicht so gemeint, denn es macht echt Spaß, den Jungs beim Beackern ihrer Instrumente zuzusehen. Da das Ganze schon seit je her mit der Extra-Schippe voll Metal gezockt wird, ist auch im Publikum kein Stimmungsabfall zu verzeichnen. Könnte aber auch an Sänger Russell Allen liegen, der über seine gestrigen Erfahrungen beim Rauchen von leckerem Gras berichtet und dabei grinst, als wäre es nicht vorbei. Seiner Stimme hat es übrigens nicht geschadet.

LIFE OF AGONY waren nie richtig meine Baustelle, obwohl sie mit "Weeds" den wohl inoffiziellen holländischen Kiffer-Song (nix für ungut) dabei haben. Ich verschnauf lieber im Zirkuszelt, höre noch eine sehr starke Version des Uralt-Klassikers "Through And Through" und dann heißt es: Manege frei für LORDI! Die lassen aber etwas auf sich warten. Das wird dann auch mal dem freundlichsten Holländer (die Menschen sind hier wirklich viel entspannter) zu bunt und es folgen die ersten Pfiffe. Aber die Monsterhorde ist unterwegs und legt entsprechend kräftig mit Feuersalven los. Ich konzentriere mich vorerst auf das Fotografieren - solche Motive bekommt man ja nicht alle Tage vor die Linse. Zwischendurch frage ich mich, wie viele Kilos die Herren wohl in den Kostümen nach einem Stunden-Gig ausgeschwitzt haben. Den schwersten Job hat da natürlich Meister Lordi selbst. Doch er liefert gesanglich eine starke Performance und gibt bei "They Only Come Out At Night" eine erschreckend gute Udo Dirkschneider-Homage. Nur sollte er sich das mit der Schminke im Gesicht mal genauer überlegen, denn bei meinem vernebeltem Kopf hört sich ein genuscheltes "Would You Love A Monsterman?" schnell wie ein "Bullshit Of A Monsterman" an. "Hard Rock Hallelujah" macht dann aber den Sack zu und das Zelt feiert kräftig.

Lordi

Kurz nach neun Uhr hat sich die Sonne verzogen und es hat angefangen zu regnen. Toll - also schnell zum Auto, ein paar Klamotten zum Körper addieren und im Zelt auf den ersten Headliner warten. Eigentlich schade, denn ein paar Fotos von QUEENSRYCHE auf der Hauptbühne wären schon cool gewesen. Doch leider sind Regenschirme jeglicher Art auf dem Gelände verboten - ergo, kein Schutz für die Kamera. Von der Musik bekomme ich auch irgendwie nichts mit, was nicht verwundert, da ein mitgereister Freund berichtet, dass die Seattle-Boys nach drei Songs die PA abgeschossen haben und es eine halbe Stunde bis zur Fortsetzung des Gigs dauert. Das Ganze fungiert fortan unter dem Begriff "Operation: ElectroCrime".

Jetzt ist eh alles egal. Im Moment zählt nur die Zeltbühne mit ihrem Headliner MY DYING BRIDE! Was habe ich sie live vermisst. Es gibt einfach keine andere Band in diesem Universum, die es versteht, Schwermut, Verzweiflung und Zerbrechlichkeit mit einer solchen Heaviness und anbetungswürdiger musikalischer Schönheit zu verbinden - Type O Negative und die Landsmänner Paradise Lost eingeschlossen. Acht Songs, acht Mal mitten ins Herz. Zum ersten Mal vergesse ich heute meine hartnäckige Grippe und möchte in der ersten Reihe auf die Knie gehen und einfach nur vor Freude weinen. Die Setlist ist einfach bittersüß. Die Darbietung professionell, ehrlich, nicht aufgesetzt - eben britisch. Genau wie das wortkarge Frontleiden mit Namen Aaron Stainthorpe. In Sachen Authentizität und Ausstrahlung nur noch mit Primordial's Alan Nemtheanga vergleichbar - nur auf einem ganz anderen Terrain. Dieser Mann lebt und leidet jede Note, jede Silbe und ist trotzdem weit entfernt von jeglicher Selbstzerstörung. Ein Mensch - aber ein ungewöhnlicher, der die neue Violinisten Katy (mit neckischen Minirock) sehr höflich vorstellt um ihr im nächsten Moment hinterherzupfeifen. Ein Brite eben. Eines ist jedenfalls klar - eine Stunde war viel zu wenig. Die Fans hätten definitiv noch eine Stunde mitgelitten. Bleibt nur zu hoffen, dass wir die "sterbende Braut" in Deutschland auch mal wieder zu Gesicht bekommen. Ich kann es kaum erwarten und bleibe bei meinem "geschützten" Zitat: My Dying Bride - die schönste Art, gemeinsam alleine zu sein! - Und dieses Mal war meine Liebste in meinem Arm dabei. Die emotionalste Stunde des Festivals.

Setlist - My Dying Bride
Here In The Throat
The Songless Bird
From Darkest Skies
And I Walk With Them
The Cry Of Mankind
The Snow In My Hand
Black Heart Romance
Vast Choirs

My Dying Bride

Mehr Tiefgang ging einfach nicht. Nur musikalisch konnte das Erlebte noch getoppt werden. Doch selbst 1349 können mir gerade nicht helfen, die sich ohne zweiten Gitarristen redlich mühen und augenscheinlich auch ohne Drummer Frost (außer, er hat die Haare ab?! - aber der richtige Bums hinterm Kit fehlt). Doch so kastriert haben Black Metal Geschosse wie "I Am Abomination" einfach nicht die entsprechende Wucht.
Es gibt nur eine Band, die für mich jetzt noch einen drauf setzen kann ...

Anfang der Neunziger sagte mal ein britischer Journalist: "SLAYER werden auf die Bühne gehen und tun, was Slayer immer getan haben!" Und sie taten es! Die Totschläger sind und bleiben weiterhin die Macht im Metal-Biz! Ein 75-minütiges Thrash-Inferno der Extraklasse mit allen Klassikern, von denen man nie genug bekommen kann. Dazu ein paar Überraschungen wie "Ghosts Of War" oder "Spirit In Black". Durch My Dying Bride ohnehin schon emotional sensibilisiert, schiessen mich Slayer nun endgültig in den 666. Kreis der Hölle. Vergessen sind Grippe und Kopfschmerzen - ich will nur Slayer! Ganz nebenbei erstaunt mich heute speziell ein äußerst gut gelaunter Tom Araya, der mit den "Zombies" vor der Bühne rumwitzelt und dessen Stimme nicht der Funke einer Alterserscheinung zu vernehmen ist. Die Band heute also in Topform und somit der perfekte Abschluss für das diesjährige Waldrock-Festival.

Slayer

Setlist - Slayer
Darkness Of christ
Disciple
Cult
Chemical Warfare
Ghosts Of War
War Ensemble
Jihad
Die By The Sword
Spirit In Black
Captor Of Sin
Dead Skin Mask
Hell Awaits
South Of Heaven
Raining Blood

Mandatory Suicide
Angel Of Death

Danach die Ernüchterung: Nase dicht, Kopf droht zu platzen. Aber was tut man nicht alles für den guten Metal?! Wert war es das auf jeden Fall. Und in Anlehnung an Kollege Marco stellt sich nur die Frage: Wer fährt denn 2009 zum Waldrock?!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp