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Festival: BLEEDING EDGE - 26.09.2009 - Oberhausen

Eigentlich touren Secrets Of The Moon, Sólstafir und Code zur Zeit durch die Lande. Doch ein paar clevere Veranstalter pumpen das Billing um satte sechs Bands auf und kredenzen zum Schluss noch den gerade mal dritten Germany-Auftritt (nach Wacken und Hamburg zwei Tage vor diesem Konzert) der Norweger Borknagar. Was auf dem Papier im ersten Moment amüsant aussah, stellte sich in der entsprechenden Reihenfolge als ausgeklügelter Schachzug heraus.


Wir beginnen unseren Metal-Marathon um halb zwei nachmittags mit KROMLEK aus Bayern, die mir erst mal durch das "M" in ihrem Logo unangenehm auffallen. Als Primordial-Fan kennt man das nämlich aus den Booklets seiner Lieblingsband ... Kromlek hingegen fahren musikalisch eher die Melo-Death Schiene, die wahlweise mit kräftiger Viking- oder Battle Metal-Schlagseite angereichert wird. Der Epik-Faktor lässt ganz entfernt sogar mal Bal-Sagoth durchscheinen. Ansonsten ein Opener mit einer soliden Leistung.

Kromlek

Weiter geht's mit BLACK MESSIAH, die ihre Vorliebe für Schlachtensounds und Folk auch nicht verbergen (wollen). Ihre Version hat aber eine leichte Schwarzfärbung und definitiv mehr Dampf in den Backen, was den Sound zwar ernstzunehmender macht, den heroischen Teil aber nicht unterdrückt. Auch der Spaß kommt nicht zu kurz, was ihr "Sauflied" und das Dschingis Khan-Cover "Moskau" eindrucksvoll beweist. Der Zuspruch vor der Bühne steigt auf jeden Fall.

Jetzt heißt es erstmal "Spaß beiseite" - der ernste Teil des Tages wird durch die Briten von CODE eingeleitet und das Publikum quittiert das mit halber Anwesenheit. Das Quintett wirkt zwar etwas statisch auf der Bühne, kommt musikalisch mit seinem Avantgarde Black Metal aber um einiges erwachsener rüber. Songs wie "In The Privacy Of My Own Bones" oder "Possession Is The Medicine" klingen unkonventionell, "Aeon In Cinders" schon wesentlich direkter. Alles zusammengehalten durch Sänger Kvohst, der perfekt zwischen Black Metal-Gekreische und klarem 80er-Gruftie-Tenor wechselt. Eine Mischung, die man sich erarbeiten muss und die leider nur wenige gesehen haben.

Code

SECRETS OF THE MOON dürften aktuell wohl Deutschlands Nr. 1 im freigeistigen Black Metal sein. Ganz schwer, richtig düster und ungemein kraftvoll präsentiert sich das Quartett einer dreiviertel vollen Halle und zieht seine Show unbeirrt durch. Die Band kommt so eigenständig rüber, dass ich die Versatzstücke von Emperor oder Enslaved fast gar nicht bemerke. "Lucifer Speaks" oder "I, Maldoror" sind wirklich beeindruckende Ungetüme. Nur eben schwer verdaulich - speziell für das zahlreich anwesende Partyvolk.

Was danach folgt, ist ein einziger Rausch. Wenn man Black Metal (im ganz weiten Sinne) mit depressivem Grunge und vernebeltem Seventies-Flair kreuzen kann, dann heißt die Antwort SÓLSTAFIR. Die Isländer haben nichts Besseres zu tun, als einfach den Titelsong der aktuellen CD "Köld" und dann "Pale Rider" zu spielen ... nein, zu zelebrieren, um danach abzuschließen mit einer sprachlos machenden Version von "Ritual Of Fire", die von den Herren in eine 20-minütige Jam-Session ausgedehnt wird. Ich befinde mich im besagten Rausch und mir fehlen die Worte ...

Sólstafir

Nach so viel intensiv-tiefgründiger Beschallung wird der Ruf nach Party wieder lauter. Und POWERWOLF antworten - in ihrer unnachahmlichen Art. Dass Graf Attila Dorn der Erste unter seinem Mantel keine lange Hose trägt ("... weil ich sie vergessen habe") würde jedem Fronter die Schamesröte ins Gesicht treiben. Monsieur Dorn aber exhibiert sich dagegen selbstsicher und will wohl andeuten, der "Saturday Satan" sei heute noch gefährlicher. Seine Sidekicks (mit Tom Diener als offiziellem Neuzugang an den Kesseln) geben wie immer alles und ernten dafür das Lob eines feierwütigen Publikums. Mit Powerwolf verhält sich das so langsam bei mir wie mit Slayer. Ich habe noch keinen schlechten Gig der Band gesehen. Ein Gruß an die Booker im Land - die Band braucht dringend eine Tour!

Powerwolf

Warum die mir völlig unbekannten GRAILKNIGHTS nach Powerwolf spielen, macht sich bereits seit dem Einlass bemerkbar. Irgendjemand ruft "Grailknights Battlechoir" und irgendwo antwortet eine Meute "Yes, Sire". Und das wird den ganzen Tag so gehen ... mit diesem Gedanken und dem Schrecken durch vorherige MySpace-Recherche gehe ich aber erstmal Essen. Und was sehe ich, als ich zurück in der Halle bin? Eine abfeiernde Meute vor und unsere Superhelden auf der Bühne. Die Kostüme sitzen so eng wie bei "Robin Hood - Helden in Strumpfhosen", ein paar Orks treiben hier und da ihr Unwesen und auf dem Drumriser steht Castle Grailskull (werte Kinder der 80er, ihr wisst was ich meine ...). Der Unterhaltungswert ist hoch, die Musik leider normaler, melodischer Death Metal mit Teutonenschlagseite. Dagegen war das tiefer gelegte Bonnie Tyler-Cover "Holding Out For A Hero" wirklich amüsant ... und so herrlich passend.

Grailknights

Kollege Marco wird mir bitte verzeihen, dass ich wohl nie einen Draht zu SUIDAKRA finden werde. Dabei ist die Show ja alles andere als schlecht. Die 50 Minuten, u.a. mit "Dead Man's Reel" (mit Wall Of death) und dem abschließenden "Shattering Swords" werden sehr professionell dargeboten. Überraschung des Sets ist aber ein Running Wild-Cover von "Marooned", welches schön auf Blast-angereicherte Suidakra-Art gezockt wird. Das Interessante daran ist, dass man es dadurch als Cover kaum erkannt hat. Ich frage nur immer noch, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist.

Durch einen etwas längeren Plausch mit den Powerwolf-Jungs geht fast der gesamte EQUILIBRIUM-Gig an mir vorbei. De facto scheint sich aber aktuell sämtliches Fußvolk im Konzertsaal zu befinden und die Band wird ihrem Co-Headliner-Status sehr gerecht. Woher ich das weiß ...

... weil ... nein, zuerst folgt ja noch die angekündigte Verlosung, die von Mit-Veranstalter Stephan Liehr und Lord Lightbringer der Grailknights gehostet wird. Unter den ersten 100 Besuchern werden starke Gewinne, wie u.a. Tickets für das Dong Open Air 2010, "Köld"-Alben von Sólstafir oder spezielle Grailknights-Fanpakete verlost. Value for money.

… jetzt aber ... weil sich nämlich ab diesem Zeitpunkt der Großteil der 700 Besucher auf den Heimweg macht und nur die ganz Verwegenen und extra für BORKNAGAR gekommenen zurückbleiben. Macht unterm Strich eine etwas mehr als halb volle Turbinenhalle, die eine Show der Extraklasse bekommt. Aktion im Publikum darf man nach zehn Stunden Metal nicht wirklich erwarten, der Applaus ist aber immer noch enorm. Kunststück - bei der Band und überragenden Songs wie dem genialen "Universal", "The Genuine Pulse", "Future Reminiscence", "The Ark" und und und. Die Band selbst ist agiler als in Wacken. Allen voran Sänger Vintersorg, der bei glänzender Stimme ist, kaum still steht und bei "The Black Token" fast so lustige Grimassen schneidet, wie ein Jeff Waters. Ein krönender Abschluss eines interessanten Metal-Tages.

Borknagar

Womit wir zurück beim "ausgeklügelten Schachzug" wären. Musikalisch hatte jeder heute seine Präferenzen, aber die Auswahl und Platzierung der Bands war so clever, dass es faktisch keinen wirklichen Durchhänger während des gesamten Tages gab. Hut ab, meine Herren. Eine gute Ausgangsposition für die zweite Runde im nächsten Jahr?!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp