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Festival: ROCK HARD - 29.-31.05.2009

Location: Amphitheater Gelsenkirchen


Wirtschaftskrise? - Nicht im Heavy Metal. So scheint es jedenfalls, denn die siebte Ausgabe des Rock Hard Festival in Gelsenkirchen ist mit 7.000 HeadbangerInnen wieder ausverkauft. Das Wetter war auch genau so gut wie im letzten Jahr, weshalb ich den Sonnenschein auch im Verlauf des Berichts nicht mehr erwähnen werde/muss. Nur Gevatter Wind machte vieles staubiger und dabei einiges erträglicher. Auf geht's in das Metal-Wochenende an Pfingsten.

Freitag, 29. Mai

Nachmittags um drei stehen mit WITCHBURNER die richtigen Anheizer auf der Bühne und sorgen schon mal für Lockerung im Nackenbereich. Brüder im Geiste mit den Black-Thrashern von Desaster, gehen Witchburner aber mehr zum Thrash, was den Anwesenden ziemlich gefällt.

Auch wenn das Programmheft jeden strafen möchte, der die NWOBHM-Recken ANGEL WITCH für ein One-Hit-Wonder hält, so ist es zumindest bei mir genau der Fall. Der Song (und Set-Abschluss) "Angel Witch" ist und bleibt wohl der Überhit einer hier souverän aufspielenden Band.

Beim Spaziergang mit der Liebsten vernehme ich vom Amphitheater aus unheilige Klänge, die nicht nur präzise und brutal, sondern auch noch vehement und unheilsschwanger in meinen Lauschern verweilen. DESTRÖYER 666 mischen das Rund mächtig auf und ich schaffe es gerade noch, um eine paar Thrash/Black-Happen zu mir zu nehmen. Das mit vierfachen Backings geschmetterte "I Am The Wargod" (Hölle!) und das abschließende "Australian And Anti-Christ" nötigen mich zum baldigen Anchecken der Down Under-Banger um Fronter K.K. Warslut. Sehr geil!

Immer wieder interessant, wie man als Trio auf einer Bühne so viel Dampf machen kann. Aber PRONG brauchen sich auch vor nichts verstecken. "Beg To Differ" (mit mächtig Bewegung sogar auf den Rängen), das Pit-verursachende "Unconditional" und das einfach übermächtige "Snap Your Fingers, Snap Your Neck" gehört zum Besten, was in den 90ern an modernem Groove-Metal verbrochen wurde.

Modern war bei JAG PANZER dann eigentlich nur die Setlist. Denn mit zwei Mal "Ample Destruction" (am Schluss mit "License To Kill" und "Generally Hostile") und anderthalb Mal "Chain Of Command" (Titelsong als Eröffnung und "Viper" - nicht "Never Surrender") war es das auch schon. Ansonsten "Fourth Judgement" und aufwärts. Das ist zwar schade, stört aber trotzdem nicht wirklich, wenn eine Band so dermaßen geil aufspielt, wie diese Herren. Harry "The Tyrant" Conklin avanciert (schon im Vorfeld) zum besten Sänger des Festivals und sorgt für offene Kauleisten bei Metal-Ewigkeits-Perlen wie "King At Any Price" oder eben "Viper" (wo holt der Mann das alles her?!). Störend war nur die Spielzeit von einer Stunde - 75 Minuten waren veranschlagt und wurden nicht ausgenutzt. Für eine Band, die Kultstatus besitzt und ohnehin in unseren Breitengraden selten zu finden ist, ein absolutes No-Go.

Opeth als Headliner. Ob das funktioniert? Und wie! Aber um halb zehn abends ist es eigentlich noch zu hell. Die Leinwand als Backdrop zeigt uns permanent schöne Naturaufnahmen, so dass ich mich ein paar Mal an die "October Rust"-Tour von Type O Negative erinnert fühle. Die immer wiederkehrenden Akustik-Intermezzi in den Songs vermitteln dazu fast schon herbstliche Atmosphäre. Der Sound ist so klar wie die Nacht, Mikael Akerfeldt sympathisch wie eh und je und das Amphitheater würdigt die unbestrittene Klasse solcher Großtaten wie "Heir Apparent", "Ghosts Of Perdition" oder auch "Leper Affinity". Der Freitag geht quasi als grandioser Kino-Abend zu Ende - dank Opeth!

Heathen

Samstag, 30. Mai

Ur-Schwedentod zum Mittag - lecker. Und EVOCATIONservieren. Druckvoll mit mächtig Groove und den Knallersongs ihrer Scheiben "Tales From The Tomb" und "Dead Calm Chaos" sorgen sie als Samstags-Opener schon mal für Bewegung vor der Bühne. Und der Tag ist doch noch so lang ... erst mal was trinken gehen ...

Das stört aber auch nicht die nachfolgenden GRAND MAGUS, die jeder Traditionsbanger mit Vorliebe für Black Sabbath plus Dio allerspätestens seit ihrem aktuellen Album "Iron Will" liebt. Und mit diesem "Eisen Willen" (O-Ton Sänger/Gitarrist JB) kredenzt uns das Trio aus Schweden Bangerhymnen wie besagten Titelsong, "Blood Oath" oder "Like The Oar Strikes The Water". Und noch'n Bier ...

Alternative Rock auf dem Rock Hard Festival? Ich glaube fast, wenn es sich nicht um AUDREY HORNE gehandelt hätte, wäre dieses Experiment in die Hose gegangen. Zugegeben - es wird nicht merklich voller vor der Bühne, Fans haben die Norweger aber genug und der Rest bekundet mit wachsendem Applaus auch Respekt. Kein Wunder bei einem agilen Toschie am Mikro und Knallersongs wie "Last Call" (fast ein bisschen Stadion-Feeling) und dem überragenden "Threshold". Die live perfekt sitzenden mehrstimmigen Vocals sind da nur noch die Kirsche auf der Sahnehaube.

Nachdem Asphyx letztes Jahr schon für Death Metal-Hysterie sorgten, machen nun - angespornt durch ihr weltweit umjubeltes Debüt "... Of Frost And War" - HAIL OF BULLETS Gelsenkirchen dem Erdboden gleich. So fühlte es sich jedenfalls an. Es war die Hölle und es hat wahnsinnig Spaß gemacht. Selbst die Musiker grinsten sich zwischendurch eins und ballerten den ausrastenden Fans die Highlights ihres Debüt um die Ohren - mit "Berlin" und "Ordered Eastwards" als Gnadenstoß. Gewinner an diesem Tag war Sänger Martin van Drunen, dem man auch Bemerkungen wie "Ihr Deutschen habt euch ja auch gebessert" nicht krumm nimmt. Hast ja Recht, Martin.

DRAGONFORCE - sind das nicht die, die jedem Metaller mit ihrem Gefiedel und übertriebener Spaßmacherei auf den Sack gehen?! Aber auf Wunsch von ZP Theard stehen vor dem Rausschmeißer "Through Fire And Flames" fast alle (!) Anwesenden auf den Rängen auf und feiern noch mal kräftig mit. Die Stimmung ist saustark und so mancher Underground-Spürhund wünscht sich insgeheim mal bei seinen Lieblingskapellen solch eine Spielfreude und Bewegung auf der Bühne. Die englischen Multikultis drücken zwar mit vier Songs gewohnt aufs Gaspedal (die schnellste Band des Festivals?!), überraschen aber noch mit dem epischeren "Last Journey Home" und dem "Ultra Beatdown"-Limited Edition-Bonus "Strike Of The Ninja". Seht es, wie ihr wollt, werte Metaller - Dragonforce sollte/darf man nicht unterschätzen und sie haben heute wieder bewiesen warum.

Ich will nicht gehässig sein, aber FORBIDDEN mit ihrem etwas beleibteren Sänger Russ Anderson vor Jon Oliva's Pain auftreten zu lassen, hatte etwas vom "Duell der Mountain Kings" (böse, Sigi ...). Was soll's - vor der Bühne war es sowas von voll und ein Circle-Pit jagt den Nächsten (was am Sonntag nur noch eine Band toppen konnte). Was soll man auch machen, bei exzellenten Thrash-Granaten wie "Off The Edge" oder dem unwiderstehlichen "March Into Fire"? Richtig - Rübe abschrauben und sich freuen, dass die Band immer noch derbe viel Biss hat. Forbidden waren sehr stark!

Danach möge mir der Mountain King verzeihen, dass ich "Gutter Ballet" noch vom Wagen aus höre und erst kurz vor Ende des JON OLIVA'S Pain-Auftritts das Gelände wieder betrete. Jeder Mensch braucht mal eine Pause. Als ich dann aber die feiernden Massen im Rund sah, wie sie nach "Believe" Standing Ovations gaben, "Jesus Saves" huldigten und bei "Hall Of The Mountain King" noch mal kollektiv durchdrehten, war mir klar, dass ich auch definitiv nicht vermisst wurde ...

Die erste Ansage mit gefühlten 20 "Fucks" und allem was dazu gehört - yeah, CHILDREN OF BODOM are in the fuckin' house! Front-Giftzwerg Alexi scheint sich von seinem Schulterbruch erholt zu haben, denn er soliert weiterhin wie ein Weltmeister. Und seien wir mal ehrlich: So sehr die Bodom-Kinder manchmal belächelt werden, so sehr muss man feststellen, dass sie ein Unikat sind und ihre Art den Metal zu zelebrieren, von so mancher Nachwuchsband einfach nicht erreicht wird. Und das ist wiederum ein Grund - oder vielmehr eine Berechtigung - für die heutige Headliner-Position. Von "Needled 24/7" über "Blooddrunk" zu "In Your Face" und "Downfall" - der Auftritt war einfach klasse. Die Band ist tight und hat nebenbei noch Platz für Späßchen. Allen voran Tasten-Wizard Janne Wirman, der im Zugabenteil einfach mal Van Halen's "Jump" anspielt oder in gutem Deutsch von seinen gestrigen Erlebnissen berichtet: "Gestern war ich in Essen. Nix Essen - Saufen!" Na dann, Prost!

Sacred Reich

Sonntag, 31. Mai

Gestern haben doch Children Of Bodom gespielt, oder?! Wieso stehen die schon wieder auf der Bühne? Ach so, das sind TRACEDAWN und sie verzieren ihren Sound mit Versatzstücken aus finnischem Power Metal à la Sonata Arctica oder Stratovarius. Nach dem gestrigen Headliner muss sich das Sextett diesen Vergleich wohl mehr gefallen lassen als gewollt. Die Darbietung geht trotzdem voll in Ordnung, aber das finale "Without Walls" hilft heute auch nicht mehr gegen den Running Gag: "Enkel Of Bodom" - nicht böse sein, Jungs. Ihr ward gut.

Meine Überraschung des Tages folgt in Form von melodischem Power Metal. Unglaublich, aber wahr. FIREWIND rocken echt die Bühne. Schon nach dem zweiten Song hagelt es Sprechchöre, was mit Sicherheit nicht nur an Sänger Apollo's Glanzleistung bzw. sympathischer Ausstrahlung liegt. Gitarrist Gus G. zeigt eindrucksvoll, warum er kurzzeitig mal bei Arch Enemy helfen durfte und sein Pendant an der zweiten Klampfe bedient teilweise parallel die Keyboards. Einfach cool. Ein neues Stück namens "Losing Faith" gibt's auch und mit der Firewind-Rock-Version von Michael Sembello's Flashdance-Smasher "Maniac" geht die Party erst richtig ab.

Firewind

Danach Pause und viel zu spät wieder zurück sein. Denn BULLET sind schon durch und bei D.A.D. ist die Luzi schon voll im Gange. Leider reicht es nur für den Überhit "Sleeping My Day Away" und das folgende "Monster Philosophy". Schade, aber selbst Schuld. Die Stimmung war jedenfalls riesig, der Bühnenaufbau mal wieder grandios und der zweisaitige Linkshänder-Bass in Form einer Rakete (!) von Stig Pederson ist der Hingucker. Ebenso, dass Pederson einfach mal von den Verstärkern hüpft und dabei seinen Weg zwischen den Flammensäulen sucht. Irre. Verwirrend nur, dass Frontmann Jesper Binzer mich in manchen Posen und Gebärden an Volbeats Michael Poulsen erinnert ... sollte das nicht anders herum sein?!

Thrash, die Zweite. Und die Frage: Wann kommt sie denn endlich, die neue HEATHEN-Scheibe? Das bleibt unbeantwortet. Das neue "Dying Season" kennen eingefleischte Fans auch schon vom Keep It True X. Bleiben wir also bei sechs Sahne-Songs der ersten beiden Longplayer. Und die werden mit einer Wucht dargeboten, dass es mir fast die Schuhe auszieht. Die Gitarrenwand drückt in den ersten Reihen richtig schön fies, obwohl man die filigranen Riffs und Licks schön raushören kann. Genau wie Sänger David White-Godfrey, der seine Stimme seit 22 Jahren (die Geburt von "Breaking The Silence") immer noch im Griff hat. Beeindruckend - auch wie er es schafft, die gesamten 45 Minuten bei Singen sein Kaugummi im Mund zu behalten ...

Ehrlich? Keine Lust auf Rock. Also müssen UFO ohne mich ran. Erste Reaktionen nach dem Gig waren dann auch noch vernichtend. "Hat die Band eine Wette verloren?" aus der einen Ecke. "Wie kann man nur ohne 'Doctor, Doctor' die Bühne verlassen?!" aus der anderen. Irgendwas sagt mir, dass der Auftritt nicht wirklich gut war.

Forbidden legten gestern vor, SACRED REICH legen heute mit Schmackes nach - und zwar obendrauf. Mit den einsetzenden ersten Tönen strömen die Massen in den Raum vor der Bühne, wo es bis zum Schluss des 75-minütigen Triumphzuges rappelvoll bleibt. Liegt es an Sänger Phil Rind, der die coolsten Ansagen macht - Kostprobe: "Ihr könnt da oben ruhig sitzen bleiben, solange ihr hier Spaß habt" oder "Ich gehe in keinen Pit mehr, da breche ich mir ja die Hüfte" oder "Wer ist unter und wer über 30? Cool, ich bin heilfroh, dass ich meine Zwanziger überhaupt überlebt habe." Der Mann ist nicht zu schlagen und es macht einen Riesenspaß, dem Zusammenspiel zwischen Fans und Band zuzuschauen. Von "Independence", "Sacred Reich", dem Black Sabbath-Cover "War Pigs" (singt da etwa das ganze Amphitheater?!) bis hin zu "Surf Nicaragua" wird alles dankend aufgenommen und mit immer mehr Crowdsurfern quittiert. Selbst der dem Gig beiwohnende Rock Hard-Chefredakteur Götz Kühnemund unterstützte in brenzlichen Situationen die Security. Vorbildlich!

Und nun SAXON zum Abschluss. "Nicht schon wieder!" tönten einige Stimmen im Vorfeld. Aber das Saxon-Syndrom besagt: Vorher "bäh", mittendrin "yeah!". Soll heißen, dass die Briten wieder einmal Gelsenkirchen auf den Kopf gestellt haben. Der Adler schien hell von der Bühne, der Sound war brillant, die Band agil und einfach spitze, ergo das Publikum begeistert. Die Classic-Set-List hatte dann auch ausnahmslos richtige Klassiker intus plus vier Songs vom neuen Album ... "Warum? Weil ihr es gekauft habt!" (O-Ton Biff Byford). Der grauen Eminenz des Rock/Metal (neben DIO natürlich) kann man nichts übel nehmen. Nur eines, nämlich dass die Band die Frechheit besitzt, ohne "Crusader" das Feld zu räumen. Wo gibt's denn sowas. Da die Band nicht ganz pünktlich angefangen hat, lassen wir das mal als Erklärung stehen. Aber ohne "Crusader"?! ... ich weiß ja nicht.

Saxon

Im Endeffekt ist es dann aber doch egal, denn eines der entspannendsten und coolsten Festivals ist mal wieder viel zu schnell vorübergegangen. Tiefpunkte waren nicht wirklich auszumachen und da die Hütte ausverkauft war, ist die nächste Auflage ja wohl gesichert. Wir sehen uns an Pfingsten 2010!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp