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Festival: WACKEN OPEN AIR - 29.07. - 01.08.2009

Herzlichen Glückwunsch WACKEN!

20 Jahre - das muss man erst mal nachmachen. Und wie es sich für ein vernünftiges Jubiläum gehört, wird das auch gebührend gefeiert. Mit einer Hochsitz-Bar am Kran, Spültoiletten anstatt Dixies auf dem Festivalgelände, einem Mittelalterdorf, sowie einem Zelt für Wrestling-Events. Alles mal etwas neuer, wogegen der musikalische Aspekt eher auf Nummer Sicher geht. An allen Ecken und Kanten sieht und hört man langjährige Begleiter des W:O:A (Saxon, Motörhead, J.B.O., Amon Amarth) mit neuen Helden (Airbourne, Bullet For My Valentine, Coheed & Cambria) sich die Klinke in die Hand geben. Zusammen mit 77.000 Besuchern feiern sie das friedlichste und größte Metal-Festival der Welt!

Donnerstag, 29. Juli

Zum dritten Mal in Wacken dabei, aber heute zum ersten Mal solo. Ex-Onkel Stephan Weidner, der schlicht unter dem Namen DER W firmiert, lässt sich heute musikalisch von ein paar Damen (u.a. an der Geige) unterstützen. Da es natürlich keine Onkelz-Songs gibt, wird zumindest "Für immer" als Abschiedssong an die Onkelz angekündigt. Ja, der gute Stephan weiß, was die Masse will und die dreht am frühen Donnerstag Abend bereits mächtig auf. "Geschichtenhasser" oder "Pass gut auf Dich auf" (als Botschaft an alle Leute da draußen) sorgen für beste Partylaune und "Bitte töte mich" wird mit Skew Siskin-Sängerin Nina C. Alice im Duett zum Besten gegeben. Ein mehr als amtlicher Auftakt.

Der letzte RUNNING WILD-Auftritt hätte echt was Besonderes werden können. Wären da nicht zwei Dinge gewesen: Die ziemlich dümmlichen "Live-Hörspielchen", die mindestens zwei Songs den Platz gekostet haben und der einsetzende Regen, der mich Richtung Zelt treibt. Dadurch bekomme ich die starke Setlist nur mit den Ohren mit und darf meine Kritik auf die erste halbe Stunde stützen, die rein optisch wirklich halbherzig war. Die Backing-Mannschaft von Rock 'n Rolf kennt man kaum, das Stage-Acting ist lahm. Irgendwie glaube ich, das "zu Grabe tragen" wäre auch ohne Abschiedskonzert okay gewesen.

LACUNA COIL machen im Regen zwar nur halb so viel Spaß, aber den lasse ich mir dank regenfester Kleidung natürlich nicht nehmen. Und scheinbar sieht das das anwesende Publikum genauso, denn ob die großartige Stimmung bei strahlendem Sonnenschein besser gewesen wäre, weiß ich gar nicht mal. Ich weiß nur, dass die sympathischen Italiener um Frontfrau Cristina Scabbia mit wirklich starken Songs wie "Heaven's A Lie" oder "Our Truth" mächtig punkten können. Und natürlich mausert sich wieder einmal die Depeche Mode-Coverversion von "Enjoy The Silence" zum absoluten Hit des Sets und wird vom Publikum minutenlang weitergesungen.

Zwei Mal HEAVEN & HELL in zwei Monaten. Das hält mein Nervenkostüm kaum aus - so schön war es abermals. Die Setlist ist die Selbe wie auf dem Waldrock-Festival. Und Ronnie James Dio ist im Vergleich hier in Wacken sogar noch besser bei Stimme. Zudem lässt der klare, aber irre laute Sound speziell Geezer's überirdisches Bass-Spiel zum Hochgenuss werden. Aber was sind schon Einzelheiten. Der Auftritt war abermals ein denkenswerter Moment in der Metal-History. Die diesjährige "A Night To Remember" geht klassisch und ehrwürdig zu Ende. Oder um es mit Dio's Worten aus der letzten Live-CD zu sagen: "Magic"!

... und wer sich nicht zwingend 75 Minuten lang Heaven & Hell anschauen möchte, wird währenddessen vor der WET-Stage im Zelt von GRAND MAGUS bestens unterhalten. Durch den übermässigen Genuss alkoholhaltiger Getränke bekomme ich nur noch mit, dass Titel wie "The Shadow Knows" oder auch "Kingslayer" richtige kleine Hits zu sein scheinen. Im gut gefüllten Zelt hat das schwedische Trio heute jedenfalls ein leichtes Spiel.

Freitag, 30. Juli

Die verregnete Nacht zum Freitag zehrte schon mal kräftig an den Nerven. Ab dem Frühstück hatte Petrus dann doch ein Einsehen und lieferte stündlich sich besserndes Wetter. Recht so!

Trotzdem ist der Windir-Nachfolger VREID nun vielleicht nicht gerade das, was man zwingend zum Frühstück braucht. Ich schaue mir das Treiben vor und auf der Black Stage zwar eine Weile an, stelle dann aber fest, dass ich für "so eine" Musik noch nicht wach genug bin - abgesehen davon, dass diese Band musikalisches Neuland für mich ist.

Vreid (Foto: maz)

Nebenbei prügelt sich die britische Grindcore-Legende NAPALM DEATH durch eines ihrer energiegeladenen Sets. Und auch wenn ich nur die letzten zehn Minuten nicht nur mit Ohren, sondern auch endlich mit den Augen mitkriege, war es spitze. In den zehn Minuten sind immerhin fünf Songs vertreten - darunter "Scum", "The Kill" und natürlich "Nazi Punks Fuck Off".

Auf meinem Plan standen RETROSPECT zwar eigentlich nicht, aber das, was ich im Vorbeigehen hörte, macht mich dann doch etwas neugierig und so schaue ich mal eben an der Party Stage vorbei. Was der thailändische Vierer dort auf der Bühne veranstaltet, kann sich durchaus hören lassen. Sänger Nappa (der heißt wirklich so), singt und growlt sich durch ein paar wirklich ordentliche Metalcore/Screamo-Songs, die irgendwie ein gewisses exotisches Flair aufweisen können. Interessante Sache.

Retrospect (Foto: maz)

Black Metal zum Mittag auf der großen Black Stage (wie plakativ). Wären es nicht ENDSTILLE, könnte man es nicht ernst nehmen. Sänger Iblis wird offensichtlich durch den ebenfalls wild kreischenden Koldbrann-Fronter Mannevond vertreten (Iblis' offizieller Ausstieg wird eine Woche nach dem Auftritt bekanntgegeben). Und eine zweite Gitarre ist auch mit von der Partie. Das macht Dampf, das gibt Druck und es werden vermehrt Midtempo-Songs ins Set gebaut. Ich muss mich dringend wieder mit dieser Band befassen. Der Auftritt war wirklich stark.

Endstille (Foto: sw)

Aufs Gaspedal treten ist dann die Devise von WALLS OF JERICHO. Die folgenden 60 Minuten stehen ganz im Zeichen von US-Hardcore mit einem Schuss Metalcore jenseits aller Klischees. Sängerin Candace Kucsulain wird zwar mit ihren unzähligen "Fuck!'s" zu Beginn des Sets nie in die Größenordnung eines Alexi Laiho kommen, aber ob das zwingend erstrebenswert ist, sei eh dahingestellt. Circlepits, Wall Of Death - es gibt natürlich das volle Programm. Songs wie "A Little Piece Of Me", "A Trigger Full Of Promises" und natürlich "Revival Never Goes Out Of Style" scheinen wie gemacht für eine große Bühne vor großem Publikum. Ich bin wirklich beeindruckt.

Walls Of Jericho (Foto: maz)

Für den geneigten NEVERMORE-Fan dürften die zuvor zurecht gefeierten Walls Of Jericho doch zu modern sein. Wogegen die Seattle-Boys ihren traditionellen Sound auch recht modern spielen - so gut wie kaum eine andere Band. Nur heute leider wieder nur mit einer Gitarre und das ist so verdammt Schade. Jeff Loomis ist ein brillanter Saitenhexer, aber in den Nevermore-Sound gehören nun mal zwei von der Sorte. Dass wegen diesem Manko trotz der saustarken Setlist und einem grandios singenden Warrel Dane gerade die Jahrhundert-Ballade "The Heart Collector" am besten rüberkommt, spricht Bände. Jungs, ihr seid großartig, aber ihr braucht wieder einen zweiten Gitarristen auf der Bühne - bitte!

Im Zelt wird es derweil immer voller. CALLEJON knallen kurz darauf der Meute ihren deutschsprachigen Metalcore (bzw. "Zombiecore") um die Ohren, dass es nur so scheppert. "Infiziert" oder auch "Zombiefied" sind dabei nicht einfach nur zwei Songs der Band, sondern scheinbar auch das Motto vor der WET-Stage. Die herrlich schrägen "Zombie"-Einlagen von Sänger Bastian Sobtzick sorgen dabei zusätzlich für eine ordentliche Show.
Was der genaue Grund dafür ist, warum beim letzten (?) Song plötzlich der Saft abgedreht wird, entzieht sich meiner Kenntnis, denn zeitlich ist man immer noch im Rahmen. Die Band verlässt daraufhin die Bühne, aber Sänger Basti singt den Song trotzdem "ohne Strom" zu Ende und wird dabei lauthals vom Publikum unterstützt.

Callejon (Foto: maz)

Der Name der Party Stage scheint prädestiniert zu sein für DRAGONFORCE. Beim britischen Sextett fragt man sich immer wieder, ob die Band lieber nach "km" oder "bpm" bezahlt werden möchte. Sänger ZP Theart hat sein Stimmchen wohl zweimal geölt, Keyboarder Vadim's Outfit ist ein Garant für Augenkrebs und musikalisch ist es abermals der ganz normale Extreme Power Metal Wahnsinn. Der - wie bei vielen Party Stage-Bands - soundmäßig viel zu leise rüber kommt. Nun ja, der Wind weht günstig ... vielleicht hat der Mischer der Hauptbühnen einfach Angst um "seine Bands" ...

Dragonforce (Foto: sw)

Entweder mag mag sie, oder man mag sie nicht: BRING ME THE HORIZON. Jung und durchgestylt, aber soundmäßig so fett und in Sachen Stageacting so energiegeladen wie nur wenige andere Bands. Da wundert man sich dann auch gar nicht weiter, wenn bei halsbrecherischen Aktionen mitten im Set plötzlich ein Gitarrengurt reißt und das gute Saiteninstrument am Boden in mehrere Teile zerbricht.
Der Opener "Diamonds Aren't Forever" wird - ganz fanfreundlich - direkt von der Absperrung aus ins völlig überfüllte Zelt geballert. Erfreulicherweise scheint das "Emo-Girlie"-Publikum bei BMTH-Konzerten/-Auftritten immer weniger zu werden - musikalisch ist's halt einfach eine Spur zu brachial. Mir verlangt das Fotos machen und gleichzeitige Abfeiern ein Höchtsmaß an Konzentration und Disziplin ab, was bei Songs wie "The Comedown", "Pray For Plagues" und dem abschließenden Killer-Song "Chelsea Smile" schier unmöglich erscheint. Ich brauche jetzt erstmal eine Auszeit ...

Bring Me The Horizon (Foto: maz)

Vor zehn Jahren hätten sie bereits auftreten sollen - die genauen Gründe, warum das damals nicht geklappt hat, sind irgendwie verschollen. Mit der anstehenden Veröffentlichung ihres Albums "Unborn Again" sind WHIPLASH nun endlich auf der Wacken-Bühne. Die WET-Stage reicht auch völlig aus, denn die Old School Thrash-Fraktion freut sich über das gemütliche Beisammensein im Zelt und feiert Szene-Held Tony Portaro und seine Sidekicks gnadenlos ab. Für drei neue Songs schnappt sich Frank Blackfire (ex-Sodom/ex-Kreator) die zweite Klampfe. Jubel! Für "Spit On Your Grave", "Power Thrashing Death" (woah!) und "Stagedive" natürlich auch. Nur sind 40 Minuten viel zu wenig - kein "The Burning Of Atlanta" ... aaah! Also hoffen wir auf das Keep It True-Festival 2010 ...

Whiplash (Foto: sw)

Wenn der Altersdurchschnitt vor der Black Stage plötzlich rapide sinkt, mag das zwar sicherlich am bevorstehenden und längst überfälligen Wacken-Auftritt von BULLET FOR MY VALENTINE liegen - hat nun aber auch rein gar nichts mit deren musikalischen Qualitäten zu tun. Die Kids lieben diese Band halt und das auch zu Recht. Dabei ist es fast schon erschreckend, wenn man sich mal vor Augen hält, dass es für die Waliser ein Leichtes ist, die 60 Minuten nur mit Hits zu füllen. Und in diesem Falle spreche ich auch von "wirklichen" Hits! "4 Words", "Tears Don't Fall", "Hand Of Blood", "Eye Of The Storm", "Scream Aim Fire" - noch Fragen? Das war zweifelsohne ein Siegeszug am heutigen Tage, den es erst noch zu toppen gilt.

Bullet For My Valentine (Foto: maz)

Auf dem Weg zur WET-Stage schmunzele ich noch über Lemmy von Motörhead, weil er "Another Perfect Day" von 1983 wieder mit den Worten "da ward ihr noch nicht mal geboren" ansagt. Witzig, in Wacken passt diese Ansage irgendwie besser als bei Motörhead-only-Shows ...
Warum WET-Stage? Weil ich das Programmheft studiert habe (sollte man öfters tun) und mir eine Band namens INSIDIOUS DISEASE ins Gesicht springt. Die nächste Death Metal-Supertruppe, bestehend aus Sänger Marc Grewe (ex-Morgoth), den Gitarristen Jardar (ex-Old Man's Child) und Silenoz (Dimmu Borgir), Bassist Shane Embury (Napalm Death) und Drummer Tony Laureano (ex-Nile/Angelcorpse), der aber heute von Daray (ex-Vader, jetzt Dimmu Borgir) vertreten wird. Das ist auf dem Papier schon tödlich gut und auf der Bühne noch viel mehr. Marc Grewe ist immer noch eine coole Bühnensau und die Band Profi genug, um bei ihrem allerersten Auftritt, den brachial-riffigen Death Metal Mix von SloMo bis Blast exzellent rüberzubringen. Old School supreme! Neben den eigenen Songs überrascht gerade Morgoth's "Isolated" als Set-Opener. Insidious Disease - ein echter Überraschungssieger.

Insidious Disease (Foto: sw)

Co-Headliner am heutigen Freitag sind neben Motörhead IN FLAMES und die haben so richtig aufgefahren: LED-Leinwände, eine zusätzliche Traverse, die vor der Bühne hängt usw.
Über den Stellenwert, den sich In Flames mittlerweile erarbeitet haben, brauchen wir jetzt genauso wenig sprechen, wie darüber, dass die Truppe ein ähnliches Hit-Feuerwerk wie ein paar Stunden zuvor Bullet For My Valentine abfeuert. Und die Bezeichnung Feuerwerk darf man jetzt auch ruhig wörtlich nehmen, denn es schießen während des Sets überall Pyros und Flammen hervor. Alleine für die Show gibt's eine glatte Eins!
Aber auch ein bestens aufgelegter Anders Friden scheint sichtlich Spaß zu haben und alleine die Tatsache, dass das randvolle Gelände bei "Only For The Weak" von der Bühne bis zum Eingang (!) am springen ist, ist ein Anblick, den ich in meinem mittlerweile zehnten Wacken-Jahr so noch nicht erlebt habe. Gänsehaut pur, danke In Flames!

Der mächtige Freitags-Rausschmeißer heißt um zwei Uhr nachts AMON AMARTH. Wieder mal. Ich habe es überprüft: Ihre ersten beiden W:O:A-Gigs (1999 und 2002) waren um die Mittagszeit. Kann man gelten lassen. Aber 2004, 2006 und dieses Jahr wird die sich stetigen Erfolg erarbeitende Wikinger-Band wieder auf den letzten Platz gelegt. Ich weiß, dass Verkaufszahlen bei sowas eine Rolle spielen, aber Amon Amarth hätten wirklich mal mehr Spielzeit als nur eine läppische Stunde verdient. Zudem ist es auf der Black Stage urplötzlich so leise, dass Oropax zum Wegwerfartikel verkommen. Das hat alles einen ziemlich faden Beigeschmack. Und dabei waren Amon Amarth so wie immer - nämlich richtig, richtig geil!

Samstag, 01. August

Juchu! Die Sonne scheint immer mehr. Es verspricht also wieder ein perfekter Festivaltag zu werden.
Der beginnt mit EINHERJER aber irgendwie verhalten - mal abgesehen davon, dass die Nordmänner lauter (!) sind als Amon Amarth zehn Stunden zuvor. Leider nicht mit der Musik vertraut, tue ich mich schwer, der Band zu folgen, die sich definitiv auch in der Viking Metal-Tradition sieht. Manche Sachen kommen mir einfach zu verspielt rüber. Ein mir bekannter Szene-Fachmann verklickert mir noch obendrein, dass die Band im Vergleich zur Vergangenheit fast zu präzise spielt. So so.

Selbe Zeit - anderer Ort. SUIDAKRA, die kurzfristig ihren Platz mit Napalm Death tauschen mussten, versuchen bei steigenden Temparaturen dem Publikum vor der Party Stage einzuheizen, was mit ihrem Mix aus melodischem Death mit teils hohem Folkanteil durchaus zu gelingen scheint. "Dead Man's Reel" oder "Gates Of Nevermore" sorgen jedenfalls im Publikum für erste Tanzeinlagen und kreisende Haare.

Suidakra (Foto: maz)

RAGE ohne Orchester. Schön, dann wird es also amtlich heavy. Und nachdem "Higher Than The Sky" schon als Zweites abgefeuert wird, klärt Peavy auf, was ich schon wieder vergessen hatte. Rage feiern 25-jähriges Jubiläum und haben ein paar Freunde mitgebracht. Neben Destruction's Schmier (coole Version von "Down") und Sängerin Jen Majura bei "From The Cradle To The Grave" und "Lord Of The Flies" (wo sie ja auch auf CD zu hören war) ist für mich Hansi Kürsch (Blind Guardian) die größte Überraschung. Sein neuer Kurzhaarschnitt macht ihn zwar zum klassischen Vorschullehrer, aber "Set This World On Fire", "All I Want" und das von ihm selbst gewünschte "Invisible Horizons" sorgen für ordentlich Tumult vor der Bühne. Nix gegen Eric von Subway To Sally, der noch bei "Gib dich nie auf" die Bühne stürmt, aber der Song ist eher verzichtbar. Nach "Soundchaser" entschuldigt sich die Band lieb für das abrupte Ende bei den Fans, die wohl noch gerne "Don't Fear The Winter" gehört hätten. Eine Stunde war auch hier definitiv zu kurz - gut gefeiert wurde trotzdem.

Rage (Foto: sw)

Nevermore hatten das Problem gestern, TESTAMENT beim letztjährigen Rock Hard Festival - aber in Wacken ist die Welt wieder in Ordnung. Die Thrasher sind vollständig! Welch ein Hochgenuss! Wie geil es doch ist, Alex Skolnick und Eric Peterson bei "Over The Wall" Schulter an Schulter solieren zu sehen. Chuck Billy hat die Fans voll im Griff und die gehen bei der superben Setlist richtig steil. Mehr als der Hälfte lausche ich dann aber doch beim Flanieren, weil ich bei Skolnick's virtuosem "Practice What You Preach"-Solo vor Freude fast in Tränen ausgebrochen wäre. Vielleicht aber auch, weil der gute Mann mich irgendwie an den verblichenen Chuck Schuldiner (R.I.P.) erinnert ... bei Testament lag auf jeden Fall etwas Besonderes in der Luft.

Testament (Foto: sw)

Auch wenn man es ohnehin weiß, aber das Intro von HEAVEN SHALL BURN ("Der Himmel brennt" von Wolfgang Petry) ist immer wieder für einen Lacher gut. Zum Glück geht's danach gleich "seriös" und voll auf die Zwölf mit "Endzeit" weiter.
Erinnert sich noch jemand an den 2007er Heaven Shall Burn-Auftritt, damals noch auf der Party Stage? Mit dem fast schon legendären Circlepit einmal um den ganzen Mischerturm herum!? Man durfte gespannt sein, ob das heute getoppt werden kann, denn zugegeben, die Größe der Black Stage ist eine ganz andere Liga. Doch siehe da: Der Aufforderung von Sänger Marcus Bischoff Folge leistend, macht man sich bei "Voice Of The Voiceless" tatsächlich auf, einen Circlepit um den Mischerturm zu starten. Was für ein Bild! Zeit zum Erholen gibt es in der mittlerweile sengenden Hitze nicht. "The Weapon They Fear" sorgt ebenso für Schweißausbrüche, wie "Forlorn Skies" (bei dem das ganze Publikum am hüpfen ist) und natürlich "Black Tears". Das war wieder mal ganz großes Kino!

Heaven Shall Burn (Foto: maz)

Bei den norwegischen BORKNAGAR habe ich ein ähnliches Problem wie bei Einherjer. Obwohl ich hier ein paar Songs kenne, finde ich heute einfach nicht den rechten Zugang. Dabei ist die Darbietung alles andere als schlecht. Gerade Sänger Vintersorg ist glänzend bei Stimme und hat trotz seiner unscheinbaren Gestalt Ausstrahlung. "Oceans Rise" und speziell "Universal" klingen mit ihm richtig gut. Abseits davon sorgt Bassist Tyr mit seinem 8-Saiter (!) für Staunen. Als würde da eine dritte Gitarre spielen. Beeindruckend!

Hypocrisy-Mastermind Peter Tägtgren, dessen Zweitband PAIN sich immer mehr zur Hauptband mausert, kann sich über mangelnden Zuspruch vor der Partystage nicht beklagen - eher im Gegenteil - voll ist es hier geworden. Mit dem starken Opener "I'm Going In", dem schon etwas älteren "Dancing With The Dead" und dem stampfenden "Zombie Slam" kann der gute Mann aber auch auf großartige Songs zurückgreifen. Dass er ein ausgesprochen gutes Gespür für Songs und Melodien hat, ist ohnehin klar.

Pain (Foto: maz)

Ich hasse Bandüberschneidungen ... Pain zur Hälfte, IN EXTREMO zur Hälfte - das ist doch Mist! Zu "Ave Maria" erreiche ich die Black Stage. Mit Pyros, "Esta Noche", Mittelaltershow, "Mein rasend Herz" und Unmengen an Crowdsurfern (ja, das geht auch bei Mittelalterrock), machen die sieben Spielleute mal wieder deutlich, welchen Status sie besitzen. Da darf gefeiert, geschunkelt, gepogt und geheadbangt werden.

Ui, Michael Poulsen hat seinen Ausgehanzug an. Mit weißem Hemd und Weste fängt er binnen Minuten an zu schwitzen wie ein Elch und feuert mit seinen Mannen Hits am Fließband in die tobende Menge. VOLBEAT sind der Hauptbühne würdig und können bei ihrer Armada an Killersongs gar nix verkehrt machen, was ich auf musikalischer Ebene jederzeit befürworte. Jener Michael Poulsen überrascht mich dann noch mit der Aussage, er verstehe sein VIP-Bändchen nicht, denn die Fans wären definitiv die VIPs. Unmusikalisch ist es aber auch lustig, wie die Crowdsurferin mit Kilt, deren rosa Tanga (!) beim "Durchreichen" freigelegt und von der Kamera gnadenlos auf die Leinwände neben den Bühnen übertragen wird ...

Endlich wird es dunkel. Genau richtig für ENSLAVED. "Augen zu und durch" - sonst ein negativ belasteter Satz, ist bei den Norwegern ein Garant für die atmosphärischste Stunde dieses Festivals. Nicht nur, dass der Sound auf der Party Stage auf einmal wundersam gut ist. Nein, die Band versetzt sich und das Publikum mit traumwandlerischer Sicherheit in einen Trance-ähnlichen Zustand, der Frontmann Grutle 15 Minuten vor Schluss erkennen lässt, er habe ja noch gar kein Bier getrunken. Entertainer sind sie also auch. Die perfekte Mischung zum Abschluss also.

Enslaved (Foto: maz)

Mit MACHINE HEAD steht dann der heutige Co-Headliner auf der Bühne. Leider zerrten die letzten drei langen Tage und kurzen Nächte sehr an meiner Fitness, was mich dazu treibt, es mir irgendwo am Rand bei einem allerletzten Bier auf dem Rasen (bzw. was davon noch übrig ist) gemütlich zu machen. Ich nehme von der Band leider nicht mehr allzu viel wahr und konzentriere mich ohnehin mehr auf die Videoleinwand, als auf die eigentliche Bühne. "Aesthetics Of Hate", das großartige "Halo" und natürlich der Klassiker "Davidian" - Robert Flynn und seinen Mannen wissen mit jedem Song zu begeistern.

Machine Head (Foto: maz)

Während ich mich nun zur Ruhe begebe, dreht Kollege Sigi nebst Freundin - wie jedes Jahr - noch eine letzte Runde über das gesamte Areal.
Einfach noch mal ein bisschen Stöbern, zum Abschluß doch noch einen "Wacken-Nacken" mampfen (der seine fünf Euro fast wert war) und dabei ein bisschen SAXON auf der Video-Leinwand geniessen. Die sind live unschlagbar, da muss man nicht unbedingt vor der Bühne stehen. Die Setlist überrascht mit "Rock The Nations", "Forever Free" oder "Unleash The Beast" ... ach ja, die Fans durften wählen und Saxon würden den jeweils meistgewählten von jedem (!) Album auf die Bühne bringen. Auch eine tolle Idee. Biff und Co. meistern das selbstverständlich mit Bravur. Bei "Strong Arm Of The Law" darf dann W:O:A-Veranstalter (und Saxon-Manager) Thomas Jensen auch noch mit auf die Bühne.


Was soll man sagen?! 20 Jahre Wacken - es war eine gelungene Geburtstagsfeier, die - wie bereits erwähnt - einer privaten Jubiläumsfeier sehr nahe kommt. Nicht viele Überraschungen bei den geladenen Gästen, dafür aber ein interessantes Rahmenprogramm abseits der Musik. Wwacken - was und wer kommt 2010?

Foto: Ralph Larmann

Berichterstattenderweise unterwegs waren:

Siegfried Wehkamp - bei:
Running Wild, Heaven & Hell, Napalm Death, Endstille, Nevermore, Dragonforce, Whiplash, Insidious Disease, Amon Amarth, Einherjer, Rage, Testament, Borknagar, Volbeat, Enslaved, Saxon

Marco Zimmer - bei:
Der W, Lacuna Coil, Grand Magus, Vreid, Retrospect, Walls Of Jericho, Callejon, Bring Me The Horizon, Bullet For My Valentine, In Flames, Suidakra, Heaven Shall Burn, Pain, In Extremo, Machine Head