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Festival: WALDROCK - 13.06.2009 - NL-Bergum

Ob man es glaubt oder nicht, aber das Waldrock-Festival im niederländischen Bergum scheint sich zu einer Konstanten im mega-metal.de-Kalendar zu entwickeln. Kurioserweise interessiert das den Veranstalter wenig, denn in der deutschen Presse findet man kaum Werbung, das Gelände ist auch nicht größer als im letzten Jahr und es gibt nachmittags um 14 Uhr noch Karten an der Kasse zu kaufen ... und das bei einem so unglaublich göttlichen Headliner wie Heaven & Hell.

Aber der Reihe nach. Das Festival hat bereits am gestrigen Freitag begonnen und mit solch illustren Namen wie Legion Of The Damned, Napalm Death und Headliner Dragonforce schon mal kräftig vorgegeben. Meine Wenigkeit reist erst am Samstag an und findet nach einigen Verständigungsproblemen endlich einen Parkplatz.

Die Sonne scheint fast so fies wie im letzten Jahr, so dass ich mich frage, ob der zutiefst atmosphärische Black Metal der aus dem Staate Washington stammenden WOLVES IN THE THRONE ROOM überhaupt funktioniert. Zumindest treten sie im bekannten (Zirkus-)Zelt auf. Der zusammengewürfelte Haufen sieht mal gar nicht nach Black Metal aus, kommt auf die Bühne, sagt keinen Ton und lässt die Musik für sich sprechen. Und wie sie spricht ... innerhalb von drei Songs (!) in 45 Minuten kämpfe ich ein paar Mal mit meiner Fassung, die Melodien sind so ergreifend, die Umsetzung unheimlich bis ins Mark. Wer diese Band noch nicht kennt, der hört seine Enslaved und Primordial nicht mit Recht. Dass ich so was mal sagen würde ...

(Am Rande: Die erste Reihe wird vehement von einer Armada Mädchen - ich muss es so sagen - blockiert, die optisch in kein (Metal-)Lager zu stecken sind und nichts Besseres zu tun haben, als permanent irgendwem hinter der Bühne zu zuwinken - die Auflösung dessen folgt.)

Wolves In The Throne Room

Eine halbe Stunde später ballern sich an gleicher Stelle THE BLACK DAHLIA MURDER wie gewohnt durch ihr einstündiges Set. Dieses Mal kredenzen sie der Pit-freudigen Meute den Song "Necropolis" vom im Herbst erscheinenden Album "Desolate". Hier zeigt der neue Gitarrist Ryan Knight, dass er den Sound der Band definitiv aufwerten wird. Ansonsten alles beim Alten - jede Menge Fratzengeballer auf höchstem Niveau. Einziger Kritikpunkt ist der Sound. Zu höhenlastig und echt laut. Das wird sich im Verlauf des Tages leider nicht ändern.

The Black Dahlia Murder

Danach spielen auf der Hauptbühne die wiedervereinten VOIVOD. Wieder vereint deswegen, weil Jason Newsted nicht mehr und Original-Basser Blacky wieder dabei ist. Dem verstorbenen Gitarristen Piggy (R.I.P.) wird von einem Mann namens Dan Mongrain gehuldigt, der nicht nur eine beachtliche Matte mit sich schleppt, sondern auch sehr respektvoll die irren Riffs und Licks zum Besten gibt. Sänger Snake scheint immer noch ein bisschen "weird" zu sein, ist aber sehr kommunikativ. Tracks wie "Voivod", "Tribal Convictions" oder das neue "Global Warning" tun ihr übriges zur guten Stimmung vor der Bühne.

Voivod

Vor der Zeltbühne stehen immer noch die angesprochenen höchstens 15-jährigen Mädels und jetzt die Auflösung: Das sind Groupies - mit Sicherheit. Die aus Sheffield stammenden BRING ME THE HORIZON sorgen auch bei pubertierenden holländischen Mädchen für erste Hormonschwankungen. Da wird so manches hohe C Tokio Hotel-mäßig gen Bühne geschmettert, während ein brutal-harter Metalcore/Death/Thrash-Mix zurückfliegt. Ob die Mädels das überhaupt interessiert?! Leider ist der Sound wie erwähnt alles andere als erste Sahne, so dass ich echt Mühe habe, die definitiv vorhandenen Feinheiten herauszuhören. Da wäre mehr drin gewesen.

Bring Me The Horizon

Auf der Hauptbühne kümmern sich TRIVIUM für die nächste Stunde um das Publikum. Vielleicht hätte jemand Frontmann Matt Heafy vorher aufklären sollen, dass es hier etwas gesitteter zugeht und das Publikum gerne mehr zuschaut, als völlig durchzudrehen. An der Band hat es aber nicht gelegen - die brät durch ihre Highlights mit spielerischer Klasse und viel Bewegung. Was mich zu zwei Fragen bringt: 1. Hat Drummer Travis Smith wirklich eine derb getriggerte Bass-Drum nötig? Und 2. Wieso braucht man bei drei Mann auf der Bühne fünf Mikros? Hmm ...

Trivium

Dann geht's erst mal zum Auto, um Speis und Trank zu sich zu nehmen. Zwei Euro für eine 0,2 l Cola ist sehr fragwürdig. Hintergrundmusik liefern EPICA von der Zeltbühne und ich wünsche mir inständig, nochmal Nightwish mit Tarja live zu erleben. Was ich nämlich hier gesanglich zum Essen höre, tut einfach nur weh.

Zu den nun aufwartenden KILLSWITCH ENGAGE hat Kollege Marco just vor ein paar Tagen sehr warme Worte gelassen, die ich nach diesem Auftritt auch gerne unterschreibe. Ein glänzend aufgelegter Howard Jones, das neue Stück "Starting Over" und ein gutes "Holy Diver" von "einem Herrn dessen Name sich auf Rio reimt" (O-Ton Adam Dutkiewicz). Adam ist auch die Ulknudel des Tages und irgendwie ist es sogar mal erfrischend, etwas "anderes" auf der Bühne zu sehen. Toller Auftritt.

Killswitch Engage

Im Vorbeigehen schließen PAPAP ROACH die Party für die jüngere Generation und man muss immer wieder feststellen, dass Songs wie "Getting Away With Murder" und natürlich "Last Resort" deutlich Spuren in der Szene hinterlassen haben.

"Good evening. We are MOTÖRHEAD and we play Rock'n Roll" - ja Lemmy, das wissen wir und es ist auch gut so. Der Meister ist wieder gut gelaunt. Er mischt seine Klassiker-Setlist heute mit mehreren neueren Songs und widmet "Going To Brazil" den Absturzopfern der jüngsten Flugzeugkatastrophe. Ein liebenswerter Mensch. Was soll man denn noch zu Motörhead sagen? Man bekommt, was man erwartet und das ist wunderbar. Punkt. Die älteren Semester freuen sich immer wieder und bei "Ace Of Spades" sichte ich den abrockenden Hail Of Bullets-Gitarristen Stephan Gebédi gut zwei Meter vor mir. Ja, zu Motörhead kommen sie alle.

Motörhead

Ich war skeptisch wegen des folgenden CARCASS-Gigs - nicht zuletzt durch den etwas halbherzigen W:O:A-Auftritt vom letzten Jahr. Aber es kam ganz anders. Der Sound war mächtig - fast der Beste auf dieser Bühne - das Backdrop lieferte sounddienliche Projektionen und allen voran ein viel aggressiverer Jeff Walker am Mikro und Bass. Wow! Auch dass man zwei "Symphonies Of Sickness"- Nummern und sogar "Keep On Rotting In A Free World" vom "Album, das alle hassen" (O-Ton Jeff Walker) integriert, lässt darauf schließen, dass die Band sich wieder richtig wohl fühlt. Ein kurzer "Gastauftritt" von Ur-Drummer Ken Owen mag für Unwissende peinlich wirken, aber dass der Mann nach seiner Hirnblutung 1999 überhaupt eigenständig eine Bühne betreten kann, ist beachtlich und ich kämpfe etwas mit Tränen der Rührung. God bless you, Ken!

Carcass

Ich glaube, ich erwähnte es schon einmal: DIO ist Gott. Und dieser HEAVEN & HELL-Auftritt wird mir wahrscheinlich für immer in Erinnerung bleiben, wie allen anderen Anwesenden auch. Knapp einen Monat vor seinem 67. Geburtstag (!) steigt der kleine große Mann des Heavy Metal ganz locker auf die Bühne und meistert sämtliche musikalischen Vorgaben mit einer Selbstverständlichkeit, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Es gibt keine Worte mehr, die die Klasse dieses Mannes beschreiben können - ihr wisst es doch sowieso. Die Setlist wird mit drei neuen Songs bestückt (u.a. dem neuen Alltime-Classic "Bible Black"), dazu ein interessantes Drumsolo von Vinnie Appice und einer fast 20-minütigen Version von "Heaven And Hell". Die hätte zwar ruhig etwas kürzer ausfallen dürfen, aber DIO braucht auch mal eine Pause und Riff-Gott Toni Iommi seinen großen Auftritt. Ach, ist doch egal. Diese Band - wie auch ihre einzelnen Akteure - hat schon längst Geschichte geschrieben und bringt diese immer noch ehrlich auf die Bühne. Hoffentlich habe ich das nicht zum letzten Mal erleben dürfen.

Heaven & Hell

Setlist - Heaven & Hell
E5150
Mob Rules
Children Of The Sea
I
Bible Black
Time Machine
Drumsolo
Fear
Falling Of The Edge Of The World
Follow The Tears
Die Young
Heaven And Hell

Neon Knights (mit Country Girl-Einleitung)


Und was lässt sich der Veranstalter für das nächste Jahr einfallen? Die Reduzierung von drei auf zwei Bühnen ist nicht uninteressant. Es macht das Ganze halt noch entspannter. Aber es bleibt nicht viel übrig, nach so starken Headlinern wie Within Temptation (2007), Slayer (2008) und ... Heaven & Hell, die allein schon ihr Eintrittsgeld wert waren. Waldrock 2010 - bitte überraschen sie uns!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp