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Festival: KEEP IT TRUE XIII - 23./24.04.2010

Location: Tauberfrankenhalle, Lauda-Königshofen


"It takes more than a vulcano to destroy Keep It True" - so hieß es auf dem T-Shirt von Veranstalter Oliver Weinsheimer, der durch den Vulkanausbruch auf Island den schwersten Job der Welt hatte. Mehr als die Hälfte der Bands sollte mit dem Flugzeug anreisen und die Woche vor dem Festival wurde zur Zitterpartie für die 13. Ausgabe. Dass im Falle eines Super-Gau binnen einer Woche (!) bereits fünf Bands Gewehr bei Fuß gestanden hätten, spricht für den unerschütterlich guten Ruf des KIT.
Nichtsdestotrotz waren einige Änderungen unvermeidlich. Siren brachen auseinander. Whiplash sagten ab, weil Tony Portaro wegen einer Scheidung besser zu Hause bleiben sollte. White Wizzard und Hades fielen krankheitsbedingt aus. Reine "Asche-Opfer" waren Striker und Thor. Und Candlemass sagten ab, weil sie Angst hatten, nicht pünktlich am Montag wieder zur Arbeit zu erscheinen … nicht wenige fanden dies affig, zumal Sänger Robert Lowe seit zwei Wochen in Deutschland weilte.
"Ersatz" (böses Wort) waren dann Roxxcalibur, Steelwing, Emerald, Morticia, Warrant und Omen.
Nebenbei sorgte eine sauteure Harakiri-Ersatzflugbuchung dafür, dass aus dem Watchtower-Gig kein Instrumental-Set wurde.

Und all diese Fakten konnten erst einen Tag vor dem Festival offiziell gemacht werden.
Bei Abfahrt gen Lauda-Königshofen hieß es für den mega-metal.de-Abgesandten also nur: Auf zur größten metallischen Wundertüte des Jahres!

Donnerstag, 22. April

Am Abend vor dem Festival gab es in der Sporthalle des nahe gelegenen Dittigheim noch eine Warm Up-Party mit Metal aus der Konserve eines fachkundigen DJ-Duos. Man kann es nicht voll nennen, aber trotzdem wohnen so einige dem Treiben bei. Die familiäre Atmosphäre unter Metallern sorgte auch dafür, dass sich (so weit ich mich erinnern kann …) u.a. die Mitglieder von Satan's Host, Obsession und Anacrusis unter das Volk mischten und sich mit Smalltalk und Bier angenehm die Zeit vertrieben.

Freitag, 23. April

Ein leichter Kater zum Festivalbeginn sollte für kommende Aktivitäten dringend vermieden werden … aber die Arbeit ruft. Metal - ich komme!!

Den Anfang machen die blutjungen Schweden von STEELWING, denen man speziell ihre Iron Maiden-Versessenheit nicht nur anhört, sondern auch ansieht. Traditionsbewusster Stoff kommt zum Aufwärmen immer gut. Die Darbietung der Songs ihres Debüt "Lord Of The Wasteland" kommt ganz ordentlich rüber. Zumindest so gut, dass man sich die Band im Vorprogramm von Blind Guardian ruhig noch mal ansehen sollte.

Dass ROXXCALIBUR in Anschluss mit den Songs ihres letzten Albums "NWOBHM For Muthas" nichts verkehrt machen, war klar. Zugegeben - das Mikro-Wechselspiel vom letzten Jahr kann man nicht toppen. Doch Sänger Alexx Stahl und seine Sidekicks sorgen wie erwartet für ordentlich Stimmung. Bei Klassikern wie "Seven Days Of Splendour", "Witchfinder General" oder "Let It Loose" ja auch kein Wunder.

Roxxcalibur

Die Polen von CRYSTAL VIPER überraschen mich eigentlich nur mit ihrer Coverversion von Agent Steel's "Agents Of Steel". Hauptsächlich durch den wahnsinnigen Gesang von Frontfrau Marta Gabriel. Das restliche Material im Fahrwasser des 80er US-Metal ist zwar echt schön anzuhören, sorgt bei mir aber nicht für Begeisterungsstürme. Zumal hätte man bei "The Wolf And The Witch" den Typen im Wolfskostüm nicht auf die Bühne lassen sollen. Zum Ende des Songs fielen nämlich die Bassdrum, eine Gitarre und der Gesang aus.

Die erste Überraschung erlebe ich mit den holländischen EMERALD. Allen voran ist es Sänger Bert Kivits, der mich trotz seines offensichtlichen Alters mit einer irren Stimme umhaut. "Things Get Tough When You Get Fifty Years Old" - witzelt er herum und schafft trotzdem immer wieder die nächste Hürde, auch wenn man es nicht erwartet. Die Band ist ob der superben Stimmung vor der Bühne sichtlich überrascht und bleibt sympathisch cool. Ich muss jetzt erst mal nachforschen, ob man das 85er Album "Iron On Iron" noch irgendwo bekommt, ohne ein Vermögen auszugeben. Die u.a. gespielten "Shadows Of Allmighty", "Hell Racer" und "D-Day" haben es wirklich in sich.

Emerald

Viele Fans hatten Angst, dass es OBSESSION nicht zum KIT schaffen würden. Als ich sie dann noch für ein paar Songs auf der Bühne sah, wusste ich auch warum. Verdammt - wieder eine Band, die ich mir vorher mal hätte reinziehen sollen. Die Mannen um Ausnahmesänger Mike Vescera (ex-Loudness/Yngwie Malmsteen) rannten mit ihrem "Old School Metal" (laut ihrer MySpace-Seite) beim KIT-Publikum offene Türen ein und wurden bis zu den letzten Tönen von "Bang 'Em Till They Bleed" ordentlich gefeiert. Sehr geil!

Obsession

Durch die Absage von Whiplash (sehr schade) wurden ANACRUSIS mit 15 Minuten mehr Spielzeit bedacht (gar nicht schade). Ganz ehrlich - die Band war in ihren aktiven Jahren (1987-1993) musikalisch ihrer Zeit so weit voraus, dass sie selbst im Jahr 2010 nicht altbacken klingt. Egal von welchem der vier Alben, alles wird frenetisch aufgenommen - "Present Tense", "Stop Me", das geniale New Model Army-Cover "I Love The World" oder, oder, oder. Im Vorfeld des Gigs hatte die Band ja fleißig geprobt und sogar ihre ersten beiden Alben komplett neu eingespielt (!). Und genau diese Erfahrung merkte man. Kenn Nardi (bestens bei Stimme und immer noch mit unnachahmlichen Screams) und seine Jungs waren heiß auf diesen Gig, zeigten sich überglücklich beim Performen und glaubt man dem Feedback, waren sie der heimliche Headliner (meiner auf jeden Fall!). Die T-Shirts waren jedenfalls am Samstag ausverkauft und die Autogrammstunde wurde zum Fanmagnet.

Anacrusis

Ich war ja nicht allein angereist und nun höre ich von allen Seiten: "Ich glaube, jeder spielt einen anderen Song. Kann das sein?" Nein, kann es nicht - das sind WATCHTOWER! Die Institution in Sachen Hart-Prog mit Sinn für grandiose Songs auf allerhöchstem Technik-Niveau. Mal abgesehen davon, dass das immer noch ausstehende dritte Album "Mathematics" als des Prog Metal's "Chinese Democracy" gehandelt wird, konzentriert man sich halt auf die beiden Klassiker "Energetic Disessambly" und "Control & Resistance" (plus das neue "The Size Of Matter"), deren Songs mit einer Präzision jenseits aller Vorstellungskraft gezockt werden. Und das Gott sei Dank mit Sänger Alan Tecchio, der barfuß auf der Bühne unterwegs ist. Dass ihm seine Kollegen Ron Jarzombek und Doug Keyser nicht auf die Füße gelatscht sind, scheint ein Wunder. Die beiden stehen ebenso wie ihre Mikroschwinger nie still und sorgen mit Drummer Rick Colaluca ganz beiläufig dafür, dass jeder anwesende (Hobby-)Musiker sich winselnd in sein Kämmerlein zurückzieht. Nebenbei werden noch Auszüge von Katie Perry's "I Kissed A Girl" und Rush's "Cygnus X-1" in das Set eingeflochten. So viel Können und so viele Faxen auf der Bühne. Watchtower sind so oder so einfach genial!

Nach so viel Trubel gönne ich mir eine Pause vor dem Headliner, was mir Die Hard-Fans nie verzeihen würden, weil doch jetzt SAVAGE GRACE anstehen. Die setzen sich heuer aus Roxxcalibur plus Sänger Chris Logue zusammen. Zumindest bekomme ich noch mit, wie sich Mr. Logue darüber freut, endlich mal Judas Priest's "Exciter" performen zu können. Und gut war es auch noch!

Die skurrile Absage von Candlemass brachte der Band in kurzer Zeit den Namen "Cancelmass" ein. Nun ist es an OMEN, den ersten Festivaltag würdig zu beenden. Und sie taten es. Mit einem Klassiker-Set lieferten sie der KIT-Gemeinde einen ordentlichen Schubs in die Koje. Kritikpunkt dürfte eigentlich nur die nicht ausgereizte Spielzeit sein, die auch noch mit teils zu langen Ansagen aufgebläht wurde. Da wären noch ein paar Songs drin gewesen. Trotzdem waren Omen unter diesen Umständen der beste Headliner-"Ersatz".

Samstag, 24. April

Guten Morgen, liebste Sonne. Das Frühstück zieht sich doch etwas hin - Pech für die österreichischen MORTICIAN.

Durch einige "musst du sehen!"-Beschallungen zieht es mich dann aber sofort zu HEART OF CYGNUS. Die Amis fahren einen interessanten Mix aus Progressive und US-Metal oder gar Seventies Rock Anleihen. Vielschichtiges Material wie "Awake, Sleeper" zeigt das überdeutlich. Nur tut sich bewegungsmäßig auf und vor der Bühne kaum was, obwohl der Applaus völlig in Ordnung geht. Könnte aber auch an mir liegen, da ich mir für "meine" erste Band am Samstag etwas mehr Dampf gewünscht hätte.

Da kommen mir RAM genau richtig. Das ist purer Headbanger-Stoff mit einem ordentlichen Bums und Pathos. So muss das sein. Und Fronter Oscar Carlquist leidet für jeden präzisen Scream, den er durch seinen Bart schießt. Eben Mucke für den wahren Metaller und bloß "no sunday bangers!" - diese Worte geleiten zu "Awaken The Chimaera" und im Geiste auch zu "Machine Invaders". Yeah!

Ram

ADX: 21 Jahre ist es her, dass ich sie zum ersten/einzigen Mal im Radio gehört habe - 17 Jahre ist es her, dass ich französisch in der Schule hatte. Sprachlich also gehandicapt und musikalisch voll auf dem Holzweg, treten mir die Franzmänner erst mal die Lauscher auf Hörkurs und ich erinnere mich an die Speed Metal-Verweise der damaligen Presse. Kurzum, die Herren (alle nicht mehr die Jüngsten, sorry) machen mächtig Wind auf der Bühne, bringen das auch noch tight rüber und zeigen mir mit den letzten paar Songs (Welche? Was weiß ich - 17 Jahre kein Französisch!) den erhobenen Finger des "nächstes Mal früher da sein". Mist!

ADX

Eine CD der Ungaren von KALAPÁCS wurde letztes Jahr an die ersten hundert KIT XIII-Ticketkäufer übergeben. Gemundet hat mir das Ergebnis nun nicht gerade, so dass ich mich zur wohl verdienten Mittagspause entschließe.
Frisch gestärkt, fällt mir bei WARRANT immer wieder ein, dass Unwissende bei dem Namen eher an amerikanischen "Cherry Pie" denken. Doch es gab eine Zeit vor Haarspray und heißen Weibern - nämlich in good old Germany, wo "unsere Warrant" vernünftigen Speed/Thrash zockten und das heute auch wieder mit Freude taten. Das Trio zeichnet sich erst mal durch zwei Linkshänder aus (Gitarre/Drums), was ich prinzipiell irgendwie immer cool finde. Songs wie "Scanvenger's Daughter", "Ready To Command" oder "The Enforcer" (mit Auftritt des Selbigen) braten auch heute noch richtig gut und nicht wenige fanden auch diese "Ersatz"-Band vorzüglichst gewählt.

Die einzigen Blastbeats ever auf dem KIT! Wie kann das sein?! Was war passiert? Es ist ja kein Geheimnis mehr - SATAN'S HOST erster Sänger war Harry "The Tyrant" Conklin und das dazu gehörige Album "Metal From Hell" genießt mit satanischem US Metal-Faktor Kultstatus. Danach drehte sich das Besetzungskarussell und weiter ging es in rohe Death/Black Metal Gefilde. Das will kein KIT-Fan sehen, sondern das Original und schon bin ich im Jahr 2010 und höre zum ersten Mal in natura, worum es seinerzeit überhaupt ging. Der unheimliche Unterton in der Musik gefällt richtig, Patrick Evil entlockt seiner Sarg-förmigen Gitarre knatternde Riffs und der Tyrant ist in Höchstform (ach nee)! Musikalisch natürlich mit Augenmerk auf die gute alte Zeit, gibt es mit "Black Hilted Knife" sogar einen neuen Song und die textlich veränderten Versionen von "House Of The Rising Sun" (hier "House Of The Burning Nuns") und Beatles' "Norwegian Wood" (hier "Norwegian Burn" - Harry, die Kirchenbrände in Norwegen waren nicht lustig!). Musikalisch amüsant, aber verzichtbar, was auch die KIT-Crew dachte, als die Band knappe 15 Minuten überzieht. "Metal From Hell" eben!

Satan's Host

Ich will ehrlich sein, wenn ich sage, dass ich für die TYGERS OF PAN TANG wohl nicht alt genug bin. Nichts gegen die NWOBHM-Legende. Aber sie müssen leider ohne mich feiern, was Augenzeugen zufolge auch bestens geklappt hat. Na, das ist doch was.

Nach den beiden Songs mit Sänger Dave Hill beim NWOBHM-Geburtstag vom letzten Jahr, war die Vorfreude auf den DEMON-Gig umso höher. Der 2.000 Mann/Frau starke Chor klingelt mir heute noch in den Ohren. Und wieder so eine Band, mit der ich mich nie befasst habe. Geht man aber von Reaktionen der vergangenen Jahre aus, musste es ein Hit-Feuerwerk werden. Und das war es auch! Sicherlich hat der eine oder andere Fan seinen speziellen Hit vermisst, aber zumindest ich habe objektiv betrachtet in den 75 Minuten nur Hits gehört - egal ob nun die erste Single "Liar" oder "neues" Material ("Standing On The Edge" - 2005). Und dass die Stimmung mit dem Abschluss-Doppel "Night Of The Demon" und "Don't Break The Circle" wie letztes Jahr kochte, war eh klar. Dieser Magie konnte man sich auch nicht nach fast zwei Tagen Festival entziehen. Gemäß der Zugabe war es wirklich "One Helluva Night". Respekt, meine Herren!

Aus dem Surprise Act wurde im Vorfeld ein riesiges Geheimnis gemacht. Nun aber betrat KIT-Boss Oliver Weinsheimer die Bühne, um alles aufzulösen. Doch so einfach war das nicht. Die erste Überraschung war dann auch sehr spontan (und alles andere als langfristig geplant), als Kate von den Belgiern ACID (die eigentlich nur für eine Autogrammstunde anwesend waren) mit einer Band aus hiesigen Musikern und Freunden des Hauses den Song "Max Overload" zockten. Für spontan war das okay. Nun der harte Teil. Oli war es ein persönliches Anliegen, abseits von kommerziellen Ausschlachtungen dem letztes Jahr verstorbenen CRIMSON GLORY-Sänger Midnight zu gedenken. Doch die drei geplanten Sänger sagten alle krankheitsbedingt ab. Was tun?! Improvisieren. Gefragt wurde Obsession's Mike Vescera, der sich für "Valhalla" und "Red Sharks" hergab, das Material aber 3-4 Stunden vor dem Auftritt zum ersten Mal hörte und entsprechend blass aussah. Nice try, aber schade. Doch was wäre das KIT ohne den Tyrant! Harry Conklin - ein Vollprofi reinsten Wassers - intonierte mit gleicher Vorbereitungszeit eine Version von "Lonely", die meterdicke Gänsehaut verursachte. Der Beifall war entsprechend. Danke und Respekt an Oli, der diese Aktion trotz der Umstände nicht absagte. Midnight wird es dir danken!

Nach dieser Andacht und einer halbstündigen Umbaupause war es dann schwer, mich noch auf FIFTH ANGEL einzustellen. Doch die erlebten acht Songs stimmten mich zufrieden, das KIT mit einem würdigen Abschluss gesehen zu haben. Auch wenn die Band nur zwei Alben in den 80ern herausbrachte und heute ihren allerersten (!) Auftritt spielt, war die Performance tight und spielerisch super. Und dass obwohl man mit dem dritten "Vertretungs-"Sänger (Peter Orullian von Heir Apparent) auftrat. Alle boten eine klasse Leistung und stimmungsmäßig fühlte ich mich nicht selten an Armored Saint vom letzten Jahr erinnert. Doch meine Kraft ließ nach und das Bett lockte. Aber mit Melodic-Sahnestücken wie "Cathedral" oder "Call Out The Warning" ist glückliches Einschlafen vorprogrammiert.

Fifth Angel

Das Wichtigste des diesjährigen Keep It True-Festival war aber, dass es stattgefunden hat. Dass unter diesen Umständen und bei dem Stress im Vorfeld alles so gut gelaufen ist, spricht doch mal wieder für den Zusammenhalt in der Metal-Gemeinde. Ich will nicht sagen, dass es mir völlig egal ist, wer nächstes Jahr spielt, aber weit davon entfernt ist es auch nicht. Denn das KIT ist es einfach wert hinzugehen! See ya in 2011!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp