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Konzert: NEVER SAY DIE - 08.11.2010 - Hamburg

Location: Große Freiheit 36
Bands: Parkway Drive, Comeback Kid, Bleeding Through, Emmure, War From A Harlots Mouth, Your Demise, We Came As Romans


Alle Jahre wieder zieht die "Ner Say Die"-Tour quer durch Europa, kann dabei stets mit einem hochkarätigen Billing aufwarten und vereint auch in der 2010er Auflage wieder einmal die angesagtesten Bands, überwiegend aus dem Hardcore-Bereich. Neben der einzigen deutschen Band des Billings - War From A Harlots Mouth - dürfte sich vor allem der Headliner Parkway Drive als Publikumsmagnet erweisen.
Sieben Bands an einem Abend sind wahrlich eine Menge. Wer allerdings dachte, der Abend wird auch dementsprechend lang, wird sich noch täuschen.

Gerade mal 20 Minuten nach dem Einlass und somit auch viel früher als geplant, geben WE CAME AS ROMANS aus Michigan/USA den Opener und können (nicht nur) mich von Beginn an gleich begeistern. Ich kannte die Band vorher überhaupt nicht und hätte hier und heute auch keine so melodische Band erwartet. Die explosive, manchmal sogar leicht poppige Mischung aus Metalcore, Post-Hardcore und vereinzelten elektronischen Akzenten - vorgetragen von zwei Sängern - zündet zu jeder Zeit und sorgt für die ersten Bewegungen in der erst zur Hälfte gefüllten Großen Freiheit. Ein überraschender und zugleich starker Opener, der zweifelsfrei mehr Spielzeit verdient hätte, als 18 Minuten (!).
Nach einem wüsten HipHop-Intro feuern dann die Briten von YOUR DEMISE ihren klassischen Hardcore ins Publikum. Der Laden ist nun auch fast komplett gefüllt und die ersten Circle- und Moshpits starten. Eigentlich erstaunlich, wieviele Leute heute genau diese Band abfeiern - immerhin ist das Quintett "nur" der zweite Opener. Mir persönlich sagt die Truppe zwar nun nicht so ganz zu, aber Titel wie "The Kids We Used To Be" (aus dem gleichnamigen Album) besitzen durchaus ihren gewissen Reiz und steigern zweifelsfrei das Aggressions- und Partylevel im Pit.

We Came As Romans Your Demise

WAR FROM A HARLOTS MOUTH ist heute ganz klar die Band, die musikalisch etwas aus dem Rahmen fällt. Mit dem derben Mathcore/Tech Death-Gemisch der Berliner kann scheinbar nicht jeder im Publikum etwas anfangen. So hat es der Fünfer anfangs auch etwas schwer, die gute Stimmung zu halten, doch Sänger/Shouter Nico Weber versteht es gekonnt, durch seine höchst sympathische Art, und enorme Energie auf der Bühne, diese aufs Publikum zu übertragen. Und wie bei einem War From A Harlots Mouth-Gig üblich, bahnt er sich dazu mehrfach den Weg von der Bühne über den Fotograben auf die Absperrung, um von dort aus halb crowdsurfend, halb singend, das Publikum an der Show teilhaben zu lassen. Ja, so sammelt man Pluspunkte. Und das Publikum dankt es beim abschließenden "If You Want To Blame Us For Something Wrong, Please Abuse This Song" mit der ersten dicken Wall Of Death des Abends. Ein wirklich überzeugender Arbeitssieg.
Bei EMMURE habe ich dann im Anschluss irgendwie das Gefühl, als würde die Truppe aus Connecticut/USA das Publikum etwas spalten - und damit meine ich jetzt keine Wall Of Death. Der eine Teil des Publikums geht bei dem höchst aggressiven, leicht Nu Metal-angehauchten Hardcore-Sound des Fünfers entsprechend ab, andererseits fliegen am heutigen Abend aber ausschließlich bei Emmure diverse Bierbecher auf die Bühne, die Fronter Frank Palmeri mit einem leicht genervten Gesichtsausdruck kommentiert. Egal, das derbe Beatdown-Gewitter geht unbeirrt seinen Weg.

War From A Harlots Mouth Emmure

Zum vierten Mal BLEEDING THROUGH in diesem Jahr, ist für mich dann doch etwas zuviel des Guten, obwohl die fünf Herren plus die Dame (am Keyboard) aus Kalifornien, wie gewohnt äußerst routiniert zu Werke gehen, und einen wirklich amtlichen Auftritt abliefern. Und da ich somit eigentlich jedes Mal die gleichen paar Sätze schreiben müsste, erspare ich mir das jetzt einfach mal und verweise lediglich auf den nach wie vor durchaus recht innovativen Metalcore-Sound der Truppe (mit leicht schwarzmetallischen Anleihen, nicht zuletzt auch dank des in diesem Genre eher ungewöhnlichen Keyboards) und die teils etwas nervigen Ansagen von Sänger Brendan Schieppati, bei dem heute gefühlt jedes dritte Wort "fuck(ing)" lautet. Aber das schmälert den starken Auftritt natürlich keineswegs.
Ihrer Co-Headliner-Rolle werden die Kanadier COMEBACK KID zweifelsfrei gerecht. Nach dem reichlich ungewöhnlichen Intro ("With A Little Help From My Friends" von Joe Cocker) prügelt man sich durch 40 Minuten Hardcore-Punk, der vor Energie nur so strotzt, der aber bei mir leider schon recht schnell zu leichten Ermüdungserscheinungen führt (aber das ist einzig und allein mein Problem). Mit Titeln wie "All In A Year" kann man natürlich auf ganzer Linie beim Publikum punkten, das mittlerweile stimmungsmäßig auf dem - bis hier hin - absolut Höhepunkt angekommen ist.

Bleeding Through Comeback Kid

Die PARKWAY DRIVE-Sprechchöre vor dem Auftritt der Australier lassen bereits erahnen, was hier gleich passieren wird (von den ohnehin in der Überzahl befindlichen Bandshirts im Publikum mal abgesehen). Der Ausnahmezustand setzt unmittelbar mit den ersten Takten ein und spätestens, als dann "Idols And Anchors" (sowas wie der Überhit der Band) gleich in den ersten zehn Minuten rausgehauen wird, geht im vorderen Teil der Großen Freiheit rein gar nichts mehr. Die Ordner vor der Bühne, sind mit der Menge der heransegelnden Crowdsurfer absolut überfordert, so dass wir Fotografen fluchtartig den Fotograben verlassen müssen. Dieses allgemeine Chaos nutzt ein Fan aus, dem es 3x (!) gelingt, auf die Bühne zu klettern und mit Anlauf über den Fotograben (!) ins Publikum zu springen - sehr zum Ärgernis der Technik-Crew am Rande der Bühne.
Die Australier reihen Hit an Hit, ich persönlich freue mich besonders über "Sleepwalker" und auch die bis hier hin eher magere Lichtshow hatte nun doch noch ein bisschen was zu bieten (u.a. Stroboskope hinter den Drums usw.). Zwischendurch wurde noch schnell die Bühnendeko im Handumdrehen ausgetauscht und so fand sich das Saitentrio plötzlich inmitten von Plastikpalmen wieder - vielleicht etwas unpassend. Gegen Ende fühle ich mich dann an ein Rammstein-Konzert erinnert, denn man lässt ein Schlauchboot ins Publikum gleiten, für das sich schnell ein passender "Fahrer" in der Menge findet, der im Folgenden mit diesem Gummigefährt minutenlang über den Köpfen der Besucher seine Runden in der Halle dreht, während die Australier abschließend natürlich noch "Carrion" und "Boneyards" in die Menge feuern.
Es bleibt nicht viel mehr zu sagen, als dass Parkway Drive heute einen nahezu perfekten Auftritt abgeliefert haben und auf ganzer Linie vollends überzeugen konnten. Einziges Manko ist sicherlich die Spielzeit von rund 45 Minuten.

Sieben Bands in fünf Stunden (inklusive sechs Umbaupausen) über die Bühne zu "jagen" ist fast schon grenzwertig, aber dafür ist der Eintrittspreis von 25 Euro an der Abendkasse mehr als fair und so geht ein wirklich großartiger Konzertabend dann auch viel früher als erwartet zu Ende.

Parkway Drive

Text & Fotos: Marco Zimmer