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Festival: ROCK HARD - 21.-23.05.2010

Location: Amphitheater Gelsenkirchen


Man könnte meinen, das entspannteste Metal-Festival wäre im Kommerz angekommen. Der WDR-Rockpalast ist offiziell zugegen und filmt fleißig das Geschehen und Mambo Kurt macht den Umbaupausen-Clown vor dem Rage plus Orchester-Gig. Dagegen steht aber, dass eben jener Orchester-Auftritt als Headliner funktioniert und man es sich leisten kann, eine Band wie The Devil's Blood ebenfalls als Headliner zu präsentieren. Über allem thront aber der Wetter-Gott, der pünktlich zum Festival die Sonne und das Publikum entsprechend die Sau raus lässt. Die Welt ist eben doch in Ordnung … bis auf die Tatsache, dass sich der Tot von Ronnie James Dio wie ein roter Faden durch das Pfingstwochenende zieht.

Freitag, 21. Mai

Black Thrash funktioniert als Opener immer gut. Mit diesem Vorteil ballern KETZER sich mit leichter Teutonenschlagseite durch ihren Set, der vom Stageacting her das Prädikat "Die jungen Wilden" bekommt. Dafür ernten unsere Germanen sogar Sprechchöre und geben mit "The Fire To Conquer The World" ihren DIO-Tribut ab.

Im Vorfeld war ich gespannt auf NECROS CHRISTOS. Hörproben versprachen ein Oldschool Doom Death-Brett. Eigentlich war es das auch. Der schlurfende Sound ist so dermaßen Underground, da bleiben nur die härtesten Lunatics. Denn mit zunehmender Eintönigkeit und null Stageacting schwindet leider sogar meine Begeisterungsfähigkeit.

Ob KATATONIA bei sengender Hitze funktionieren? "Geht so, ne?!" grinst meine bessere Hälfte. Ein bisschen mehr ist es aber schon. Groovy, aber sphärisch, und in zweistimmigen Lagen absolut top, bringen die Schweden um Fronter Jonas Renske ihren (aus meiner Sicht) "alte Nightingale für Metaller meets Opeth ohne Prog"-Mix super rüber. Hey, ich sehe die heute zum ersten Mal. Und jede andere Band hätte mit der Mischung langweilig geklungen, aber die Katatonia-Art hat die dunkle Dynamik, die mich zum Bleiben und Staunen zwingt.

Katatonia

Irgendwo ist Schluss mit Toleranz. SABATON habe ich 2007 schon erfolgreich verpasst und auch dieses Jahr versenke ich den "Nightwish für Männer"-Sound in meinem Mittagessen.

Die schwedische Allstartruppe BLOODBATH gibt sich bühnenmäßig erst das vierte Mal (!) die Ehre. Das will der Death Metal-Fan sehen. Entsprechend voll ist das Amphitheater, als Mikael Akerfeldt und seine Mannen in den folgenden 75 Minuten ein … nun ja, musikalisches Blutbad anrichten. Es ist ein wahres Inferno, was hier in einem Best Of-Bandhistory-Set von der Bühne herunterprasselt. Kultiger Gegenpol ist Herr Akerfeldt selbst, der die coolsten Ansagen des Festivals inne hat. Er habe sich heute als "Metal-Dude" umgestylt … alles, was er brauchte, war eine schwarze Lederjacke. Und für den Text von "Mock The Cross" habe er Schelte bekommen, wie er denn solch blasphemische Zeilen schreiben könne … nee, is klar, Mikael! Kommt einfach mal irgendwann wieder nach Deutschland und dann haben wir wieder ordentlich todesmetallischen Spaß!

Bloodbath

Was folgte, war der ergreifendste Moment des Festival. Nein, nicht The Devil's Blood, sondern die Ansprache von Rock Hard-Chefredakteur Götz Kühnemund bezüglich des Todes von Ronnie James Dio. Selbst beim Schreiben dieser Zeilen ist es schwer, die Fassung zu bewahren, hinsichtlich dises Verlustes und der Schweigeminute im voll besetzten Amphitheater.

Dass Götz seine THE DEVIL'S BLOOD abgöttisch liebt, weiß eh jeder. Über deren Headliner-Position wurde heiß diskutiert, aber selbst Bloodbath sollen darauf bestanden haben, dass die Okkult-Rocker als Letzte spielen dürfen … nun ja. Rein objektiv muss man feststellen, dass im letzten Jahr an gleicher Stelle (Headliner: Opeth) deutlich mehr Andrang war und man schon bereits nach der Hälfte des The Devil's Blood-Sets zusehen konnte, wie sich so mancher in seine Koje verzog. Ich konnte mir das (in meinen Augen) belanglose, pseudo-okkulte Getue auch nicht länger geben und hatte nach einer Stunde echt die Schnauze voll.

Samstag, 22. Mai

Die Sonne knallt schon morgens, das heißt doppelt so viel trinken. Und das an "meinem" Thrash-Samstag. Das kann ja heiter werden.

Die eröffnenden ORDEN OGAN sind sich ihrer "Pussy-Rolle" im Billing bewusst - fortan fordert Fronter Seeb auf sein "Hallo Publikum" ein "Fuck you, pussy!". Wenn man aber eine coole Mischung aus Blind Guardian, Running Wild, Savatage, vereinzelten moderneren Beatdowns und sogar "Davidian"-Overtones ins Rund schmeißt, hat man eh gute Karten, um mit solchen Witzchen nicht baden zu gehen. Well done!

Orden Ogan

Von den Briten EVILE bekomme ich aufgrund von Hunger und noch mehr Durst leider nur ein paar Songs mit. Die Thrasher kommen offensichtlich gut an, geben Gas, machen Druck, bekommen ihre Circle Pits und stellen im Rausschmeißer "Enter The Grave" ihre "Kill 'Em All"-Roots sehr charmant zur Schau. Wieso habe ich noch keine CD von denen?!

Von BULLDOZER bekomme ich leider gar nichts mit. Zumindest blieb mir im Gedächtnis, dass die Italiener ihre heutige Gage komplett an Unicef spenden werden. Darauf das nächste Bier!

ARTILLERY - die Band spielt immer noch 90 Prozent aller Thrash-Newcomer an die Wand! (O-Ton: Rock Hard Festival Homepage). Musikalisch mag das auch stimmen. Auch wenn ich nur die 2009er CD "When Death Comes" kenne, allein diese Tracks blasen einen förmlich weg. Aber was sehe ich - Sänger Søren Nico Adamsen als unangefochtener Aktivposten neben einem derbe-zackigen Carsten Nielsen an den Drums. Dann wäre da noch Bassist Peter Thorslund, der zumindest cool wirkt und Spaß zu haben scheint. Doch die beiden Stützer-Brüder an den Äxten verbreiten trotz knackiger Riffs ein Gefühl von Langeweile, schlimmer als Saxon an einem schlechten Tag. Ja, diskutieren wir nicht über das Alter. Die Dänen existieren seit fast 30 Jahren. Wenn es körperlich also nicht so geht, könnte die Mimik ja auch Spaß vermitteln. Hab ich nicht gesehen … schade.

Darauf erst mal Prost in Vorbereitung auf die Thrash-historisch gesehen vielleicht wichtigste Stunde dieses Wochenendes. Leider mussten RAVEN darunter leiden. Ein dickes Sorry.

Diesen Moment habe ich seit fast 20 Jahre herbei gesehnt. Als die Südstaaten-Thrasher von EXHORDER das letzte Mal in unseren Breitengraden unterwegs waren, war ich leider zu jung. Und nun für einen einzigen Deutschland-Reunion-Gig, bekomme ich die livehaftige Macht zu spüren, die mich bis heute überzeugt, Exhorder wären die Einzigen gewesen, die Slayer vom Thron hätten stoßen können. Nun, sie sind auch etwas in die Jahre gekommen, zeigen sich aber im Vergleich zu Artillery wesentlich spielfreudiger. Die messerscharfen Riffs der Herren Ceravolo und LaBella fliegen einem nur so um die Ohren, Kyle Thomas ist immer noch ein Fronter mit Format und glänzender Stimme und ein gewisser Tommy Buckley macht das Fehlen von Drum-Vieh Chris Nail beeindruckend wett. Das Set: 6x "Slaughter In The Vatican" und 4x "The Law", darunter der DIO gewidmete Doppelpack, bestehend aus dem Instrumental "Incontinence" und dem unwiderstehlichen "(Cadence Of) The Dirge" (die Mutter aller Beatdowns!). Das Thrash-Universum war heute für eine Stunde im absoluten Gleichgewicht.

Exhorder

Völlig erschlagen und mit zwei LP-Cover bewaffnet, wohne ich dem ACCEPT-Set nur mit einem Ohr bei, als ich zur Exhorder-Autogrammstunde anstehe (man ist eben auch nur Fan). Darf die deutsche Metal-Institution mit einem neuen Fronter an alte Zeiten anknüpfen wollen, oder nicht?! Das, was ich mitbekam, war zumindest eine bockstarke Leistung von Neuzugang Mike Tornillo - Udo Dirkschneider hin oder her. Man sah auf der Bühne eine echte Einheit, eine Band, die heiß ist, es noch einmal allen zu zeigen und eben einen stimmlich auftrumpfenden Mike Tornillo. Über die Ultra-Best Of-Setlist muss ich wohl nichts mehr sagen. Accept hatten ihre Position im Billing redlich verdient.

Verdient - genau! Verdient haben KREATOR auch ihren Headliner-Gig. Hier im Ruhrpott ist einfach der beste Platz um "4976 Jahre Kreator" zu feiern. Mille's eigenwillige Ansagen erreichten heute ihren humoristischen Höhepunkt. Das Publikum strengte sich auch entsprechend an, "hier wird ja heute Abend auch gefilmt - WDR oder so'n Scheiß" - Mille, wir lieben Dich! Aber das Szene-Original ließ sich nicht lumpen und überraschte neben einem bärenstarken Sound (ein Blick zum Mischpult - 98,2 db bei den Zugaben) und den üblichen Verdächtigen seit "Violent Revolution" mit einem Medley aus den ersten fünf Titelsongs, "The Pestilence" als Opener (wann gab es das zum letzten Mal live?!) und dem Zugaben-Kick off "When The Sun Burns Red" (göttlich). Das unvermeidliche Doppel "Flag Of Hate"/"Tormentor" besiegelt einen wahren Thrash-Triumphzug.

Sonntag, 23. Mai

Muskelkater im Nacken, noch mehr Sonne und SACRED STEEL als Einheizer zum High Noon. Metal kann so schön sein. Germany's trueste Keulenschwinger haben laut Sänger Gerrit gestern wohl auch ordentlich gefeiert, machen aber gleich von Anfang an klar "Metal Is War" und noch wichtiger: "Heavy Metal To The End". Neben allen metallischen Reinheitsgeboten ist der Spaß aber das Wichtigste. So darf man sich auch mit langjähriger Erfahrung mal versingen - und? - Dann eben "Maniacs Of Speed" noch mal starten. Ein bisschen mehr Sonne? Machbar - und flugs singt Gerrit im Publikum und auf den Rängen sitzend. Welchen Song? "Carnage" schallt es von der Bühne. "Welches 'Carnage'!?" ist die berechtigte Frage. "Das Neue!" Das ist Kult! Und beim finalen "Wargods Of Metal" gewandet sich Gerrit in ein ganz besonderes DIO-Tribute-Shirt.
Dieses Shirt entwarf ein Fan für sich selbst, druckte aber auf Gerrit's Bitten hin in der Nacht zuvor mal eben noch eins. Ein Gespräch mit dem Herrn ergab, dass es ja nur sein ganz persönlicher DIO-Tribut ist, er aber nun schon an die 200 Anfragen für dieses Shirt bekommen hat. Mal sehen, was aus der Sache wird. Eine bescheidene Geste schlägt große Wellen. Horns up!

Sacred Steel

Nachdem KEEP OF KALESSIN für mich ausfallen, geht der Tag weiter mit einem kurzen Blick auf die Sacred Steel-Autogrammstunde. Hier wird jedem Fan zu den heiß geliebten Signaturen noch eine "Hundemarke" der Band in die Hand gedrückt. Die wissen halt, was sich gehört.

Nebenbei blicke ich mit Schaudern auf die Bühne, wo die Hairspray-Rocker von CRASHDIET einen musikalisch wirklich knackigen Gig hinlegen. Bei den Outfits bin ich mir aber nicht sicher, ob ich meine Sonnenbrille nun deswegen oder doch wegen der Sonne brauche. Die zumindest findet die Band wohl auch ziemlich hässlich und sucht ein paar Wolken zum Verstecken. Das hält leider nicht lange und die sengende Hitze nötigt mich zum Versäumen von ORPHANED LAND.

Schlimmer als die Sonne ist eigentlich nur, dass VIRGIN STEELE ihr Set zu früh beginnen. Ein Classic Metal Set sollte es werden, mit all den Perlen der 80er und 90er - so dachte ich. Trotzdem schleichen sich drei Post-"Atreus"-Songs ein. Dafür kein "We Rule The Night" kein "Life Among The Ruins" und auch kein "The Burning Of Rome"! Wo sind wir denn hier?! Nun gut, die Band spielt tight auf, Sänger David DeFeis hat sein Keyboard zu Hause gelassen und seine Stimme immer noch gut im Griff. Man spürte schon, dass die Band einen großen Anteil an dem hat, was sich heutzutage so heroischen, symphonischen Metal schimpft. Gerade das DIO und Peter Steele gewidmete "Noble Savage" sorgte in diesem Kontext nicht nur beim Schreiber dieser Zeilen für Tränen. Nichtsdestotrotz wäre bei der Setlist weitaus mehr drin gewesen. Fast enttäuschend.

Virgin Steele

Halbe Sachen machen NEVERMORE heute nicht, denn sie stellen uns nicht nur ihr neues Album "The Obsidian Conspiracy" mit vier Songs vor, sondern auch ihren neuen Mann an der zweiten Axt. Der junge Ungare Attila Vörös, der bereits in den Staaten mit Warrel Dane dessen Solo-Gigs spielte, ist nicht nur ein sympathischer Bursche, sondern hält auch lockerst mit Saitenhexer Jeff Loomis mit. Fazit: Hoffentlich können Nevermore den endlich halten! Der Gig selbst? Wie immer in Ohrgasmus. Ging nur zu schnell vorbei. "Enemies Of Reality" hindert die Crew am Abbauen und von den neuen Songs wird sich wohl "Emptiness Unobstructed" in die ewige Nevermore-Live-Bestenliste schieben. Schön war's!

Dass SONATA ARCTICA nach Nevermore spielen, verstand so mancher Metaller nicht. Die Finnen würden mehr in Deutschland verkaufen, heißt es. Die Quittung folgt in Gelsenkirchen, denn speziell vor der Bühne sind sichtbar weniger Zuschauer zu verzeichnen. Die hatten aber jedenfalls ihren Spaß. Zugegeben - mit starken Melodic-Happen wie "Full Moon" oder "Don't Say A Word" auch kein Problem.

Wie in der Einleitung schon erwähnt - ja, RAGE plus Lingua Mortis Orchester als Headliner funktioniert. Durch das fundierte Klassikwissen von Victor Smolski wurde dieser Bereich bei Rage unglaublich aufgewertet. Man muss sich schon zugestehen, dass die "Suite Lingua Mortis" oder "Empty Hollow" einfach dynamischer und packender sind, als die nun wirklich nicht schlechten Anfänge aus den 90ern. Die Melange aus Alt und Neu gibt dem Rock Hard Festival bei einsetzender Dunkelheit den wohl verdienten Abschluss, dem wirklich nochmal alle beiwohnen. Man bleibt sitzen und genießt, oder man gesellt sich vor die Bühne und mobilisiert nochmal die Stimmbänder bei "Alive But Dead" und "Higher Than The Sky". Unerwartet großartig!

So schnell wie es gekommen war, so schnell war es auch wieder vorbei - ein entspanntes Pfingstwochenende im Dienste des Heavy Metal. Über die Bandauswahl kann zwar jeder für sich diskutieren, letztendlich gab die friedliche Stimmung den Veranstaltern mal wieder Recht. Ich freue mich jetzt schon auf 2011!

In eigener Sache:
Mein ganz besonderer Dank gilt Rock Hard-Mitarbeiter Stefan Geide.
Als Autoschläfer brauche ich kein Campingticket. Durch eine unvorhergesehene OP war ich dann doch auf eine tägliche Dusche angewiesen (Sauberkeit schützt bekanntlich vor Infektionen), die man aber nur mit dem Campingticket nutzen kann. Eine telefonische Nachfrage vorab, ein kurzes Kennenlernen vor Ort und Stefan spendierte mir ein Campingbändchen. Ohne diese äußerst freundliche und völlig unbürokratische Hilfe, wäre das Rock Hard Festival für mich wahrscheinlich ins Wasser gefallen. Dafür einen großen mega-metal.de-Applaus!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp