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Festival: SUMMERBLAST - 19.06.2010 - Trier

Location: Exhaus


Ich hatte mir fest vorgenommen - und bisher auch konsequent eingehalten - niemals für ein Festival 1000 km zu fahren. "Leider" habe ich diese Rechnung ohne das diesjähige Summerblast-Festival gemacht, das einmal mehr ein so starkes Billing aufgefahren hat, dass ich einfach nicht widerstehen konnte. Also heisst es am frühen Freitag Morgen auf nach Trier.

Nach einer endlos erscheinenden Autofahrt, dem Einchecken im Hotel und einer kleinen Sight Seeing-Tour durch die Trierer Altstadt, nehme ich die offizielle Warm Up-Party am Vorabend im Exhaus natürlich auch noch mit.

Die Location erweist sich als etwas grenzwertig. Ein winziger dunkler und feuchtwarmer Kellerraum, in dem kaum 50/60 Leute Platz haben. Glücklicherweise spielen nur heute Bands auf dieser Bühne und nicht am morgigen eigentlichen Festivaltag. Drei mehr oder minder lokale Bands - die im Vorfeld auf der Festivalhomepage ein entsprechendes Online-Voting gewonnen haben - eröffnen den heutigen Abend.
Als Headliner können dann FUCK YOUR SHADOW FROM BEHIND überzeugen, die mit ihrem Set und starken Songs wie u.a. "Tristesse" vollends zu begeistern wissen und mit ihrem deutschsprachigen Deathcore immer bekannter und grösser werden. Eine interessante Entwicklung einer wirklich klasse Band.

Die Schlange vor dem Exhaus am Samstag Mittag ist schon recht lang. Sehr verspätet beginnt der Einlass erst fünf Minuten vor Beginn der ersten Band. Pech für THE HAND OF GLORY, die natürlich pünktlich starten.
Das Exhaus erweist sich als ausgesprochen interessante Location: Im Innenhof eines großen U-förmigen Gebäudekomplexes steht die Open Air-Bühne, vor der rund 2000 Besucher Platz finden sollen. Die Indoor-Stage befindet sich in einem grossen Kellergewölbe des Gebäudes und soll angeblich 600 Personen aufnehmen können - schwer vorstellbar.
In genau diesem Keller startet mein Festivaltag mit den Mexikanern von HERE COMES THE KRAKEN. Es ist jetzt bereits schon knackevoll und schwülwarm - da "freut" man sich bereits auf später. Die Mexikaner haben jedenfalls ein leichtes Spiel. Nach einem exotischen Intro, und mit einer ersten Wall Of Death bei der wirklich starken Coverversion "Roots Bloody Roots" von Sepultura kann die Truppe auf ganzer Linie begeistern.

Auf der Open Air-Bühne eröffnen derweil CARNIFEX auf dem sich stetig füllenden Gelände. Mit Songs wie "Hell Chose Me" oder "The Diseased And The Poisoned" hat die Truppe aus Kalifornien natürlich einige amtliche Hits im Gepäck, und trotz der noch etwas frühen Uhrzeit steigt die Stimmung stetig.

Carnifex

Meine eigene Stimmung erfährt allerdings erst mal einen ordentlichen Dämpfer: Durch einen dummen Fehler in der Running Order verpasse ich den Auftritt von BLEED FROM WITHIN. Das ist äußerst ärgerlich, denn auf die Schotten hatte ich mich ganz besonders gefreut.

Da hilft nur eins: Bier holen und abreagieren. WAR FROM A HARLOTS MOUTH sind dafür bestens geeignet und auch ein paar Regentropfen sind jetzt nicht weiter wichtig. Die Deathcore-Frickel-Truppe aus Berlin setzt in Sachen Action heute erste Akzente: Sänger Nico springt mitten im Song über den Fotograben ins Publikum und agiert ohnehin viel direkt vom Absperrgitter aus. Beim starken "If You Want To Blame Us For Something Wrong, Please Abuse This Song!" steigt die bisher grösste Wall Of Death, doch so langsam nimmt auch der Regen zu.
Schön ist das nicht. Waren es am Vortag noch sonnige 22/23°C, so ist es heute arg frisch geworden. Viele Besucher zittert sich in (nassem) T-Shirt und kurzer Hose über das Gelände.

War From A Harlots Mouth

Bei DYING FETUS gibt es nichts mit "-core am Ende". Das ist reinster US Death-Metal, der es trotz der starken Bühnenpräsenz des Trios heute allerdings etwas schwer hat. Die Stimmung ist zwar durchweg ganz gut, war aber auch schonmal besser. Bei einem fast reinen Hardcore/Deathcore-Publikum hat es dieser Sound heute etwas schwer. Trotzdem kreisen hier und da ein paar lange Haare (die übrigens ganz klar in der Unterzahl sind).
Und plötzlich kommt sogar die Sonne zum Vorschein.

Dying Fetus

Jetzt erst mal schnell was essen. An der "Veggie Snack Bar" steht sogar Deadlock-Gitarrist Sebastian persönlich am veganen Dönerspieß - und es schmeckt erstaunlicherweise sogar ausgesprochen gut.

Wieder zurück zur Bühne. EVERGREEN TERRACE spielen bereits und ich bin heute zum ersten Mal wirklich beeindruckt. Das Quartett begeistert mit einer Mischung aus Metalcore - inklusive cleanen Vocals - Melodic Hardcore und einer Prise Hardcore Punk, und Sänger Andrew wirbelt ähnlich energisch über die Bühne, wie zuvor Nico von War From A Harlots Mouth. Die Security im Fotograben hat jetzt erstmals alle Hände voll zu tun. Permanent kommen Crowdsurfer angeflogen. Ein wirklich starker Auftritt und für mich die erste kleine Überraschung des Festivals.

Evergreen Terrace

Jetzt wird es richtig ungemütlich. Es beginnt mal wieder zu regnen und der Regen geht sogar in Hagel (!) über ... das habe ich auf einem Festival auch noch nicht erlebt. Ein Königreich für einen heißen Kaffee.

Völlig unbeeindruckt von den Temperaturen ist scheinbar BLEEDING THROUGH-Fronter Brandan - er kommt oben ohne und mit kurzer Hose auf die Bühne. Die Band aus Kalifornien startet einen kleinen Siegeszug in Sachen Stimmung, denn im vorderen Drittel vor der Bühne wird nicht nur bei "Declaration" nahezu alles zerlegt. Im Pit aufwärmen - auch eine Möglichkeit. Mit soviel Energie und Spielfreude hatte ich die Band gar nicht in Erinnerung. Ein nächster klarer Punktsieg.
Bleeding Through-Keyboarderin Marta erweist sich im weiteren Verlauf des Abends übrigens als beliebtes Fotomotiv, wo auch immer sie auf dem Festivalgelände auftaucht.

Bleeding Through

So kühl es draußen auch ist, so unerträglich feuchtwarm ist es im Keller bei der Indoorstage, die ich heute meide, wo es nur geht. Aber ANNOTATIONS OF AN AUTOPSY darf man sich natürlich nicht entgehen lassen. Ob man die Luft nun in Scheiben schneiden kann oder nicht, ist natürlich nebensächlich. Auch wenn unter diesen Bedingungen die Stimmung ein wenig zu leiden scheint. Oder ist die Stimmung allgemein etwas verhalten? Ich bin auch etwas skeptisch, denn irgendwie hatte ich von den Briten mehr bzw. etwas Anderes erwartet. Irgendwie springt bei mir der Funke nicht wirklich über.

Also wieder raus an die frische Luft zu SUFFOCATION, die einen ähnlich schweren Stand haben wie Dying Fetus. Auch wenn die Fünf Herren aus New York die volle Kelle (Brutal) Death Metal in die Menge blasen und Fronter Frank äußerst sympathisch daherkommt - bei Bleeding Through war definitiv mehr Stimmung. Es ist heute halt mehr eine Band zum "mal gesehen haben müssen" und weniger für die Party im Pit, was die großartige Leistung aber in keinster Weise schmälern soll.

Suffocation

Was im Folgenden bei THE DILLINGER ESCAPE PLAN passiert, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Die Band aus New Jersey schafft es gleich von Beginn an, mit einer unsagbaren Energie zu fesseln und zu hypnotisieren. So viel Aggression und technische Perfektion habe ich in dieser Form noch nie erlebt. Ich bin völlig fasziniert und elektrisiert. Beim Sprung von Sänger Greg ins Publikum reisst dann spontan das Mikrofonkabel ab und es geht erst mal rein instrumental weiter. Diese hochaggressive Math-/Grind-/Jazzcore-Mischung fesselt auf eine schier unglaubliche Art und Weise. Fronter Greg klettert im weiteren Verlauf die Bühentraverse hoch und hängt dann kopfüber (!) in mehreren Metern Höhe ... ein bisschen durchgeknallt muss man dafür auch irgendwie sein. Ich möchte nach dem viel zu kurzen Set auf die Knie fallen und mich dafür bedanken, dass ich an diesem Ereignis teilhaben durfte. Ich bin zutiefst beeindruckt.

The Dillinger Escape Plan

Nach diesem Ereignis hätte man sich vielleicht ein bisschen Sorgen um WALLS OF JERICHO machen können, aber die Truppe um Sängerin Candace sorgt für das nächste wirkliche Highlight des Tages. Die Stimmung ist auf einem absoluten Höhepunkt, Pits schießen wie Pilze aus dem Boden, überall wird gefeiert und Candace kommt zwischendurch aus dem Grinsen kaum noch heraus und bedankt sich zig Mal für diese geile Stimmung. Bei Songs wie "Feeding Frenzy" kann man aber auch nunmal nicht still stehen.

Walls Of Jericho

Ich riskiere nochmal eben den Gang hinunter in den Keller zu DEATH BEFORE DISHONOR. Da ich aber noch nie ein wirklicher Fan der Jungs aus Massachusetts war, schau ich mir das Treiben auch nur ein paar Minuten an - die Fans feiern "ihre" Band zumindest ordentlich ab.

Zurück vor der Open Air-Bühne können mich dann auch RAISED FIST nicht so wirklich begeistern. Nur eben schnell ein Foto gemacht und dann nochmal was essen und zum ersten Mal heute irgendwo hinsetzen. Nach acht Stunden schwindet so langsam meine Kondition.

Raised Fist

Zurück im Keller bei THE FACELESS, auf die ich mich ähnlich wie auf Annotations Of An Autopsy durchaus gefreut hatte, aber auch hier will das Vorgetragene nicht so wirklich zünden. Vielleicht ist das nach einem langen Festivaltag alles etwas zu verfrickelt und "anstrengend". Allzu viel los ist vor der Indoor-Stage auch nicht mehr.

Also wieder raus zum Headliner. Und CALIBAN werden dieser Position zweifelsfrei mehr als gerecht. Mit entsprechend typischer Show - viel Nebel und Stroboskope - zünden die Metalcoreler aus dem Ruhrpott einmal mehr das reinste Hitfeuerwerk ab. Nach dem großartigen Opener "Love Song" folgen im weiteren Verlauf natürlich u.a. "It's Our Burden To Bleed". Bei "No One Is Safe" bahnt sich die heute grösste Wall Of Death ihren Weg über das Gelände - absoluter Wahnsinn - und ich kann mich auch nicht daran erinnern, schonmal eine Wall Of Death im Dunkeln gesehen zu haben. Starke Sache! Auf das letzte Drittel von Caliban muss ich aber verzichten, denn auf der Indoor-Stage wartet die letzte Band des Tages.

Caliban

NECROPHAGIST besitzen einen gewissen Kultstatus, trotz gerade mal zwei regulärer Alben in stolzen 18 Jahren Bandgeschichte. Doch das Festivalgelände - inklusive des Kellers - leert sich langsam aber stetig, doch direkt vor der Bühne herrscht noch sowas wie ein Ausnahmezustand. Allzu oft bekommt man die Truppe um Fronter und Chefdenker Muhammed nämlich auch nicht zu sehen. Nach einer Weile technischen Death Metals ist das Festival dann auch für mich zu Ende.

Was bleibt rückblickend also zu sagen? Das Summerblast-Festival 2010 war auf jeden Fall absolut lohnenswert und es kann durchaus sein, dass dieses kleine und gemütliche Festival zukünftig seinen festen Platz in meinem Kalender finden wird. Besonders positiv ist neben dem klasse Billing auch die coole Location aufgefallen - mal abgesehen von der Indoor-Stage im Keller. Die Spielzeiten waren für meinen Geschmack allerdings etwas zu kurz. Die ersten elf Bands (von insgesamt 23) spielten jeweils nur 25 Minuten, teilweise sogar noch mit Überschneidungen.


Text & Fotos: Marco Zimmer