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Festival: KEEP IT TRUE - 29.-30.04.2011

Location: Tauberfrankenhalle, Lauda-Königshofen


Zugegeben: Nachdem 2008 so ziemlich alle meine seinerzeit geliebten "Treu"-Bands gespielt haben, wurde es in den Folgejahren etwas schwieriger. Da wurde ein Besuch in Lauda-Königshofen eher zu einem "den Namen kenne ich, aber …"-Abenteuer. Ähnlich sollte es auch beim diesjährigen Keep It True XIV sein. Das Schöne daran ist … es macht rein gar nichts! Die Stimmung ist spitze, die Fans sind sich irgendwie alle einig und Veranstalter Oli hat einfach das Händchen für erstklassige Bands, so dass der mega-metal.de-Abgesandte auch dieses Jahr mit ein paar faustdicken Überraschungen nach Hause kehrte.

Freitag, 29. April

Die erste Überraschung für so manch Anwesenden sind ALPHA TIGER. Die jungen Wilden (allesamt Baujahr 1987-1989) aus Sachsen waren kurzfristig für die Thrasher von Vektor (haben abgesagt) ins Billing gerutscht und feiern als Festival-Opener auch gleich den Release ihres Debüts "Man Or Machine" mit. Und wie! Im Minutentakt füllt sich der Platz vor der Bühne. Die doppelläufigen Gitarren, der US Metal-angelehnte Sound und vor allem die glasklare Stimme von Sänger Stephan sorgen bei nicht wenigen Besuchern, die die Band noch nicht auf dem Schirm hatten, für ein "Gott sei Dank"-Gefühl. Als Belohnung für diese Aufmerksamkeit packt die Band zum Schluss das genial vorgetragene Queensryche-Cover "Queen Of The Reich" aus und heimst sich einige Anfeuerungsrufe ein. Alpha Tiger haben sich mit diesem Auftritt viele neue Freunde gemacht!

Alpha Tiger

Nach dieser klassischen Vorstellung muten die tieferen Gitarren und der vorherrschende Groove von HELLHOUND manchmal fast "modern" an. Nein, die US-Thrasher sind nicht modern. Ihre in den 80ern erschienen Demos haben im Underground Kultstatus, doch danach kam nie etwas. Nun gibt es sogar neues Material ("Circle Of Trust"), welches sich neben klassischen Bangern wie "Killing Spree" gut macht.

DAMIEN THORNE gehen danach etwas US-lastiger zu Werke, wenngleich ihr 85er Debüt "The Sign Of The Jackal" trotzdem klar im Speed/Thrash-Sektor verwurzelt ist. Bis auf die Tatsache, dass die Band einen ordentlichen Gig ableistet, kann ich nicht viel sagen. Musikalisch aber definitiv so gut, dass das bei mir hängen gebliebene "Damien's Procession (March Of The Undead)" mich zu einer "Debüt mal kaufen"-Notiz verleitet.

Was ich von BITCH halten soll, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Betsy Bitch hat in den 80ern mit Sicherheit für so manche schlaflose Nacht bei den männlichen Fans gesorgt, doch auch wenn sich Madame für ihr Alter ziemlich gut gehalten hat, fand ich ihr knappes Lederoutfit und die "oralen Spielereien" beim Rausschmeißer "Skullcrusher" etwas befremdlich. Zumindest darf man die wenige Bewegung vor der Bühne nicht überbewerten - der Applaus war nämlich amtlich.

Bitch

Welchen Stellenwert SLAUGHTER XSTROYES haben, merkt man schon beim Opener "Winterkill", beim dem sogar das Intro mitgesungen wird. Hier offenbart sich bei mir die eingangs angesprochene erste Überraschung. Anspruchsvoller Epic Metal, US Style in einer beeindruckenden Performance dargeboten. Allein wie so mancher Fan Sänger Steve Reimer Sr. wahrlich leidenschaftlich an den Lippen hängt, ist ein faszinierendes Schauspiel. Einfach stark.

Slaughter Xstroyes

Epik, die Zweite - und zwar die kauzige Variante. BROCAS HELM haben sich noch nie in irgendeine Richtung verbogen. Dafür war ihnen der große Erfolg immer vergönnt, die Liebe ihrer bis über beide Ohren treuen Fans dafür aber gewiss. Die kräftigen Sprechchöre sprechen für sich selbst. Einziger (und verdammt harter) Wermutstropfen ist zum Schluss die Info, dass es sich um den letzten Auftritt der Band gehandelt haben soll. Dann sind wir also zum letzten Mal "Into Battle" geritten und haben die irrsinnigen Doppeltappings bei "Cry Of The Banshee" wirklich zum letzten Mal live erlebt? Traurig, traurig.

Bei Cleveland's Finest BREAKER komme ich erst mal satte 15 Minuten zu spät und werde mit "10 Seconds In" begrüßt. Welch Ironie. Die US Boys sind auch eine dieser verkannten Bands, die mit ihrem 1987er Debüt "Get Tough" einen wahren Klassiker der US Metal History vorweisen können und trotzdem nie richtig eingeschlagen haben. Beim KIT funktionieren sie aber bestens, was bestimmt auch am Engagement von Sänger Greg Wagner liegt. Der tobt sich nicht nur einmal abseits der Bühne aus und nimmt nach getaner Arbeit erst mal ein Bad in der Menge. Ich bade derweil in meinen eigenen Tränen - bei einem Jahrhundertsong wie "Still Life" geht das halt nicht anders.

Breaker

Roxxcalibur machen es möglich. Letztes Jahr quasi als Savage Grace unterwegs, sind sie heute GRIFFIN. Nein, das soll jetzt keinesfalls abwertend klingen. Denn sich innerhalb eines Jahres dieses Programm draufzupacken und das dann auch noch authentisch und mit dem gebührenden Respekt rüberzubringen, das kann nicht jede Band. Viele andere Bands scheitern ja schon beim "einfach nur nachspielen". Und da stehen sie nun mit Original Sänger William Roderick McKay auf der Bühne und versüßen den Fans mit "Heavy Metal Attack", "Tame The Lion", "Hawk The Slayer" oder "Watching From The Sky" den Abend.

"A Tribute To Carl Albert" - so wurde der VICIOUS RUMORS-Gig angekündigt. Und genau das sollte er auch werden. Die Instrumental-Fraktion war im Original vertreten und das Mikro hielt Kevin Albert, Sohn des vor 16 Jahren viel zu früh verstorbenen Carl Albert. Mein Parkplatz-Nachbar sinngemäß: "Der Junge hat gut 70 Prozent der Power seines Vaters und schlägt damit so mach andere Gesangsgrößen. Kein Wunder beim dem Vater!" Recht hat der Mann. Nach dem Eröffnungsdoppel "Digital Dictator" und "Out Of The Shadows" sehe ich reihenweise Fans (die augenscheinlich Carl Albert noch live erlebt haben) sich kopfschüttelnd anschauen, als würde Carl selbst singen. "The Voice" widmet der Sohnemann dann auch seinem Herrn Papa und singt das gesamte Set wie ein junger Gott. Dass die aktuelle "Razorback Killers"-Besetzung im ersten Drittel auch noch zwei aktuelle Songs zum Besten gibt, erachte ich heute als beiläufig. Das kann ich mir auf dem Rock Hard Festival besser antun. Kevin Albert hat seinem Vater heute definitiv eine große Ehre erwiesen.

Vicious Rumors

Nach der ominösen Candlemass-Absage vom letzten Jahr ist es dieses Mal nur eine Person, die den geballten Unmut der KIT-Besucher einstreicht - John Cyriis. Doch kaum standen die MASTERS OF METAL und der anfänglich mit Alien-Brille (an wen dieser Seitenhieb wohl ging …) bestückte Rick Mythiasin (Steel Prophet) auf der Bühne, wurde mit "Agents Of Steel" klargemacht, dass diese Band nicht gewillt ist, sich von den Eskapaden ihres ex-Sängers ärgern zu lassen. Die Tracks der Alben "Skeptics Apocalypse" und "Unstoppable Force" sind einfach unsterblich im Speed Metal Bereich und Rick liefert eine echt geile Gesangsleistung ab. Er hat es einfach drauf. Sei es die beiden Stücke aus der Bruce Hall-Ära ("Know Your Master" und "Ten Fists Of Nations") oder das neue "Tomb Of Ra", welches man in dieser Besetzung bereits aufgenommen hat. Neben den ganzen Eigengewächsen sorgen das DIO-Huldigungs-Medley "Children Of The Sea"/"Last In Line"/"Stand Up And Shout" sowie in der Zugabe das Judas Priest-Cover "The Ripper" (Rick zusammen mit James Rivera im Duett!) für ordentlich Stimmung, so dass der erste Festivaltag doch mehr als amtlich zu Ende geht. Das finale "Bleed For The Godz" sorgt gegen 0.30 Uhr noch mal für richtig Action vor der Bühne.

Masters Of Metal

Samstag, 30. April

Den zweiten Festivaltag beginnen die Italiener SIGN OF THE JACKAL ohne mich. So schlecht dürften sie aber nicht gewesen sein. So sieht man kurz nach dem Gig einen gewissen Rock Hard-Chefredakteur mit seiner frisch erstandenen Vinyl-Ausgabe der Debüt-EP "The Beyond" durch die Halle spazieren.

Kommen wir also zu ENFORCER. Rein optisch und instrumental lieferten die Schweden genau das ab, was ich erwartet habe. Höllisch energiegeladenen, unverfälschten Heavy Metal mit Stage-Posing à la carte. Knackpunkt war eigentlich nur Sänger Olof Wikstrand, der nach dem Weggang von Adam Zaars zusätzlich die zweite Gitarre schwingt. Nicht wenige hofften, dass diese Doppelbelastung ihn entgegen der Vergangenheit nun mehr zum Singen "zwingen" würde. Doch so richtig hat er die Balance noch nicht gefunden. So cool die ganzen Posen auch sind, aber Olof war binnen weniger Songs so ausgepowert, dass er teilweise seine Töne suchen musste. Einen Ohrwurm-Refrain wie "Running In Menace" zu "improvisieren" hinterlässt zumindest bei mir einen leicht faden Beigeschmack. Für die Zukunft bitte ich da um Nachbesserung. Dann werden Enforcer-Gigs nämlich richtig, richtig geil!

Enforcer

Für mich kam die dickste Überraschung des Festivals in Form von SARACEN. Nach diesem Gig gebe ich jedem Recht, der das Quintett aus Middle England für ihr 1981er Album "Heroes, Saints And Fools" abgöttisch liebt. Und von eben diesem Album sind auch gleich fünf Songs vertreten, die mich wie gespannt auf die Bühne blicken lassen und mich einnehmen. So unheimlich gefühlvoll der Sound, so ultra-sympathisch die Band, so bärenstark der Gesang von Steve Bettney, so bombig die Stimmung. Da fehlen mir schlichtweg die Worte. Wer nicht dabei war, wird es wahrscheinlich nicht verstehen. Danke für diese Erfahrung!

Saracen

Speed, Thrash, Iron Maiden und nicht zu vergessen das "Heavy Metal" - yeah, METALUCIFER sind los! Speziell Sänger Gezolucifer. Den quirligen Japaner interessiert es nicht die Bohne, ob sein Mikro ein Kabel hat. Er tobt sich im Fotograben aus, beglückt seine Jünger in den ersten Reihen, die einfach provisorisch "Yeah!" brüllen, wenn er in seinen "Ansagen" irgendein unverständliches Japan-Englisch von sich gibt. Macht das was? Quatsch mit Soße! Die Menge will Heavy Metal und bekommt ihn - Drill, Bulldozer, Revolution, Samurai, Chainsaw … aaah!!

Metalucifer

Nach der Packung braucht auch der stärkste Mann mal eine Pause, unter der leider DEATH DEALER leiden müssen. Denn der nächste Act braucht meine volle Aufmerksamkeit. Die ehemalige Chastain-Sängerin ist mit ihrem SLEDGE LEATHER PROJECT zurück auf einer deutschen Bühne. Zu den eigenen Songs kann ich leider nichts sagen, dafür aber zu den von der KIT-Gemeinde herzlich aufgenommenen Chastain-Glanzstücken "Ruler Of The Wasteland", "For Those Who Dare" (genial!), "Angel Of Mercy" (jetzt finde ich die Hammerfall-Version auch nicht mehr so toll) und "Voice Of The Cult". Diese Songs haben allesamt über 20 Jahre auf dem Buckel undLeather singt sie, als hätte sie all die Jahre nie etwas anderes getan. Ich war ja wirklich gespannt, aber die Performance hat mich echt umgehauen. Ganz nebenbei hat sich Frau Leone auch etwas besser gehalten, als eine gewisse Betsy vom Vortag … ups.

Sledge Leather Project

Nun ist Zeit für reinrassigen, fiesen Thrash Metal. SACRIFICE standen schon lange auf der Buchungsliste von KIT-Chef Oliver Weinsheimer, doch (um es mal vorsichtig auszudrücken) man konnte sich nicht so recht einigen. Ob Sänger/Gitarrist Rob Urbinati deswegen etwas kommunikationsarm zu Werke ging … ach, Nebensächlichkeiten. Die kanadische Axt holzt sich ultrapräzise durch sein einstündiges Set, erinnert nicht nur einmal charmant an Genregrößen wie Slayer und Kreator und ist mit seinen Granaten aus den Endachtzigern ("Re-Animation", "Infernal Visions", "Burned At The Stake", "Soldiers Of Misfortune") und vom 2009er Comeback-Album "The Once I Condemn" genau das, was etwas früher am Tag Saracen auch schon waren - eine willkommene Abwechslung zum traditionellen Keep It True-Sound.

Den SATAN-Song "Trial By Fire" kennen die jüngeren Fans als Coverversion von Blind Guardian aus dem Jahre 1992 (ist das auch schon so lange her?!). Weitere Songs kennt der Schreiber dieser Zeilen leider auch nicht, ist das Album "Court In The Act" - in dessen Line Up die Band heute auftritt - ein nicht mehr so einfach zu erstehendes Glanzstück der späten NWOBHM. Wer es besitzt, hütet es auch. Sei's drum. Die Stimmung ist auf jeden Fall der Hammer und die Mitsingspielchen beim Schlusstrack "Pull The Trigger" sprengen fast das Dach ab.

Der in der Szene bekannte Bruder Cle erklärt uns daraufhin, dass die folgende Band in den Achtzigern Judas Priest gehörig den Allerwertesten versohlt hat. So so. Und James Rivera, der seit neuestem bei MALICE singt, gibt ehrlich zu, dass er heute reell nervös ist, weil er mit der Band nur vier Tage geprobt hat. Ich hätte die Band wohl zu ihren Lebzeiten miterleben müssen, um die Euphorie über diesen Auftritt zu verstehen. Der Funke will einfach nicht überspringen. Tut mir leid, meine Herren.

Aber der Headliner soll es richten. Alle Augen und Ohren liegen auf einer Person - Todd LaTorre. Der neue Sänger von CRIMSON GLORY tritt das schwierige Erbe an, welches der verstorbene Midnight (R.I.P.) auf den Alben "Crimson Glory" und "Transcendence" hinterlassen hat. Wenngleich Midnight einfach unerreicht ist/war und LaTorre alles, aber keine Kopie ist - der Mann verblüfft so ziemlich alle Anwesenden am heutigen Abend. Wo die einen bei "Mayday" oder "Red Sharks" nur noch ungläubig den Kopf schütteln, ringen die anderen um ihre Fassung bei unfassbar emotionalen Momenten wie "Painted Skies", "Lonely" und ganz besonders "Lost Reflection". Zudem wurde "Burning Bridges" dem ebenfalls kürzlich verstorbenen Matt LaPorte (Jon Oliva's Pain) gewidmet. Da störte es auch niemanden, dass die Band eigentlich mit einer halben Stunde Verspätung begann. Diesen denkwürdigen Gig wollte sich niemand entgehen lassen. Die Belohnung war grandios.

Crimson Glory

Setlist - Crimson Glory
Valhalla
Dragon Lady
Angels Of War
Azrael
Mayday
Queen Of The Masquerade
Lady Of Winter
Where Dragons Rule
Painted Skies
Masque Of The Red Death
In Dark Places
Burning Bridges
Red Sharks

Lost Reflection
Lonely
Eternal World


Und nun, verehrter Herr Weinsheimer - nächstes Jahr feiert das Keep It True einen 15. Geburtstag! Werden Sie uns dann abermals mit einem Billing beglücken, welches seinesgleichen sucht? Ich denke JA! Wir sehen uns in 2012!


Text & Fotos: Siegfried Wehkamp